Im Jahr 2020 litten weltweit rund 619 Millionen Menschen an Kreuzschmerzen (Low Back Pain, LBP). Die WHO schätzt, dass diese Zahl bis 2050 auf etwa 843 Millionen steigen wird. LBP kann Menschen aller Altersgruppen betreffen, wobei die Prävalenz bis ins mittlere Erwachsenenalter zunimmt und zwischen 50 und 55 Jahren ihren Höhepunkt erreicht. Rund 85 % der Bevölkerung haben im Laufe ihres Lebens mindestens einmal Schmerzen im unteren Rücken.
Definition und Symptomatik
LBP bezeichnet Schmerzen unterhalb des Rippenbogens und oberhalb der Gesäßfalten, die sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. Am häufigsten treten akute, lokal begrenzte Lumbalgien auf, die meist harmlos und selbstlimitierend sind. Ein typisches Beispiel ist der Hexenschuss (Lumbago), der nach alltäglichen Bewegungen wie Heben, Bücken oder Drehen auftritt und oft von schmerzhaften Muskelverspannungen begleitet wird.
Eine Ausstrahlung in die Beine deutet auf eine Nervenwurzelreizung hin. Radikuläre Schmerzen sind in der Regel ziehend, brennend oder elektrisierend und gehen oft mit Kribbeln, Taubheitsgefühl oder Muskelschwäche einher.
Je nach Dauer spricht man von akut (< 6 Wochen), subakut (6–12 Wochen) und chronisch (> 12 Wochen). Vor allem chronische Schmerzen können die Lebensqualität und das psychische Wohlbefinden beeinträchtigen, etwa durch Schlafstörungen, gedrückte Stimmung oder berufliche und soziale Einschränkungen.
Spezifisch vs. nicht-spezifisch
Spezifische Kreuzschmerzen haben eine klar identifizierbare Ursache, wie etwa Frakturen, Tumore, Entzündungen oder strukturelle Wirbelsäulenveränderungen. Auch eine Ausstrahlung von anderen Organen (z. B. Niere) ist möglich.Nicht-spezifische Kreuzschmerzen entstehen ohne erkennbare strukturelle Ursache und machen rund 90 % der Fälle aus. Zu den Risikofaktoren zählen physische, genetische, psychosoziale und lebensstilbedingte Einflüsse.
Diagnostik und Anamnese
Ziel der Diagnostik ist es, Notfälle sowie spezifische und extravertebrale Auslöser zu identifizieren. Bei akutem oder subakutem LBP ohne Warnhinweise genügen Anamnese und körperliche Untersuchung. Bildgebung oder Laboruntersuchungen sind meist nicht erforderlich. Degenerative Veränderungen der Wirbelsäule sind ohnehin kein verlässlicher Hinweis auf die Ursache und übermäßige Diagnostik kann hohe Kosten verursachen und die Chronifizierung fördern. Liegen Warnhinweise für spezifische Kreuzschmerzen (siehe Kasten 1, S. 30) vor, werden gezielt weitere Schritte eingeleitet.
Bei nicht-spezifischem LBP sollten psychosoziale und arbeitsplatzbezogene Risikofaktoren berücksichtigt werden. Persistieren die Schmerzen über vier bis sechs Wochen, sollten diese standardisiert erfasst werden, z. B. mittels STarT Back Tool oder Örebro-Fragebogen.
Ein multidisziplinäres Assessment wird bei Beschwerden über zwölf Wochen empfohlen, bei Risikofaktoren für eine Chronifizierung bereits nach sechs Wochen.
Behandlung und Management
Die Therapie richtet sich nach Art, Schwere und Verlauf der Schmerzen. Bei spezifischem LBP steht die Behandlung der Ursache im Vordergrund, bei nicht-spezifischem LBP kommt eine Kombination individuell abgestimmter Maßnahmen zum Einsatz. Ziel ist die Vermeidung einer Chronifizierung.
Akute Beschwerden erfordern meist nur Beratung und eine symptomatische Akutmedikation, gegebenenfalls ergänzt durch nicht-medikamentöse Maßnahmen. Patient:innen sollen über die Häufigkeit und Selbstlimitierung aufgeklärt und zu möglichst normaler körperlicher Aktivität motiviert werden. Im subakuten Stadium liegt der Fokus auf der Optimierung der symptomatischen Therapie.
Persistieren die Schmerzen über sechs bzw. zwölf Wochen, wird eine interdisziplinäre Behandlung eingeleitet. Diese umfasst eine intensivierte ärztliche Betreuung, multimodale Schmerztherapie sowie Rehabilitation (im Bedarfsfall). Bei Langzeitmedikation sind Nutzen, Dosierung sowie Neben- und Wechselwirkungen regelmäßig zu überprüfen. Bei psychosozialen Belastungen oder bestehenden psychischen Komorbiditäten ist eine psychologische oder psychotherapeutische Versorgung anzuraten.
Nach Entlassung aus dem multimodalen Programm stehen die Umsetzung der Therapieempfehlungen, die berufliche Wiedereingliederung sowie die weiterführende therapeutische Betreuung im Fokus, um die Patient:innen zu befähigen, eigenständig Strategien im Umgang mit den Beschwerden zu entwickeln und ihre Teilhabe am Arbeits- und Sozialleben zu sichern.
Hinweise auf spezifische Ursachen bei Kreuzschmerzen
Einige Auffälligkeiten können darauf hinweisen, dass mehr hinter den Beschwerden steckt. Die folgende Übersicht nennt typische Merkmale, die weiter abgeklärt werden sollten.
Frakturen / Osteoporose
• schweres Trauma
• Bagatelltrauma bei älteren/
osteoporosegefährdeten Personen
• systemische Steroidtherapie
Infektionen
• Allgemeinsymptome (Fieber, Schüttelfrost, Appetitlosigkeit)
• durchgemachte bakterielle Infektionen
• Immunsuppression, schwere Grunderkrankungen
• i. v.-Drogenkonsum
• rezente Wirbelsäuleninfiltration
Radikulopathien/Neuropathien
• ausstrahlende Schmerzen, Taubheitsgefühl,Kribbeln, Muskelschwäche
• plötzliche Blasen-/Mastdarmstörungen
• Sensibilitätsstörung der Beine
Tumoren/Metastasen
• Tumorerkrankung in der Vorgeschichte
• Allgemeinsymptome: Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, Ermüdbarkeit
• Schmerz verstärkt in Rückenlage
Axiale Spondyloarthritis
• Schmerzdauer > 12 Wochen, Beginn < 45 Jahre
• schleichender Verlauf, zunehmende Wirbelsäulensteife
• nächtlicher Schmerz, Morgensteifigkeit
• Besserung durch Bewegung
• begleitende entzündliche Erkrankung (z. B. Arthritis, Psoriasis, CED)
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Eine zentrale Rolle spielt die Bewegungstherapie, vor allem im subakuten und chronischen Stadium. Ziel ist die Förderung von Aktivität und Funktionsfähigkeit. Von Bettruhe wird ausdrücklich abgeraten. Akupunktur und Wärmeanwendungen können bei akuten und chronischen Beschwerden, Massage und Ergotherapie bei chronischen Verläufen ergänzend zu aktivierenden Therapien angewendet werden. Progressive Muskelrelaxation kann akute und subakute Beschwerden lindern und einer Chronifizierung entgegenwirken. Verfahren wie Interferenzstrom-, Laser- oder Magnetfeldtherapie, Kinesiotaping, Kälteanwendungen, PENS, TENS oder routinemäßige Hilfsmittel werden laut Leitlinie nicht empfohlen.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Behandlung ist symptomorientiert und dient vor allem im Akutstadium einer raschen Rückkehr zu den Alltagsaktivitäten. Bei chronischem LBP kommt sie vor allem dann zum Einsatz, wenn Schmerzen die aktivierende Therapie behindern, wobei die Wirksamkeit insgesamt eingeschränkt ist. Medikamente sollten stets in der geringsten wirksamen Dosierung, zeitlich begrenzt und unter regelmäßiger Reevaluation des Nutzen-Risiko-Verhältnisses angewandt werden.
Nicht-opioide Analgetika wie orale NSAR können kurzzeitig eingesetzt werden. Bei erhöhtem gastrointestinalem Risiko ist eine PPI-Prophylaxe angezeigt, bei Unverträglichkeit kommen COX-2-Hemmer oder Metamizol infrage. Paracetamol ist nicht empfohlen, da die Evidenzlage keine klinisch relevante Überlegenheit gegenüber Placebo belegt. Opioide können bei fehlendem Ansprechen auf Nicht-Opioide zeitlich begrenzt verordnet werden. Nach spätestens drei Monaten soll der Nutzen überprüft werden. Orale retardierte Präparate sind grundsätzlich zu bevorzugen, und eine Aufklärung der Betroffenen hinsichtlich Suchtpotenzial und Nebenwirkungen ist essenziell.
Zentrale Muskelrelaxantien sind aufgrund begrenzter Wirksamkeit und möglicher Nebenwirkungen nicht empfohlen. Auch Antidepressiva und Antiepileptika sind nicht indiziert und kommen nur
in Ausnahmefällen als Off-Label-Use im Rahmen eines Gesamtkonzepts infrage. Konkret können Antidepressiva bei gleichzeitig bestehender Depression oder Schlafstörungen erwogen werden, Antiepileptika bei nachweisbarer neuropathischer Schmerzkomponente, die bis zu ein Drittel der Patient:innen betrifft. Aus der Literatur lässt sich derzeit jedoch auch hier kein sicherer Wirksamkeitsnachweis ableiten.
für die Chronifizierung nicht-spezifischer Kreuzschmerzen
Verschiedene Einflüsse aus unterschiedlichen Bereichen können dazu führen, dass Rückenschmerzen nicht abklingen und sich verfestigen.
Psychosozial:
• Depressivität, Distress
• schmerzbezogene Kognitionen (Schon-/Vermeidungsverhalten, Katastrophisieren,Hilfs-/Hoffnungslosigkeit)
• Somatisierungsneigung
Arbeitsplatzbezogen:
• körperliche Schwerarbeit,ungünstige/monotone Haltung, Vibration
• geringe Qualifikation, geringe soziale Unterstützung
• Unzufriedenheit, Konflikte
• Angst vor erneuter Schädigung
Weitere Risikofaktoren:
• Überbewertung somatischer/radiologischer Befunde
• frühzeitige oder übermäßige Bildgebung
• lange Krankschreibung ohne aktive Therapie
• geringe Aktivität, längere Bettruhe
• Rauchen, Alkohol, Übergewicht, geringe Fitness
Phytotherapie und topische Anwendungen
Weidenrinde ist von der EMA als „well-established use“ zur kurzzeitigen Linderung von LBP zugelassen. Eine tägliche orale Dosis von 240 mg kann die Schmerzintensität chronischer Kreuzschmerzen reduzieren, wobei NSAR-ähnliche Nebenwirkungen auftreten können.
Capsaicin-haltige Pflaster und Cremes sind ebenfalls im Selbstmanagement zur kurzzeitigen Linderung akuter und chronischer Muskelschmerzen zugelassen („well-established use“).
Für topische NSAR und beinwellhaltige Cremes ist die Evidenz begrenzt und heterogen, ein Nutzen nicht eindeutig belegt. Im Rahmen des Selbstmanagements und unter Beachtung möglicher Nebenwirkungen (v. a. unerwünschte Hautreaktionen bei NSAR) ist ein ergänzender Therapieversuch jedoch möglich.
Invasive Verfahren
Systemische Injektionen von Analgetika, Lokalanästhetika oder Glukokortikoiden zeigen keinen gesicherten Nutzen und bergen relevante Risiken. Gleiches gilt für perkutane und operative Verfahren: Ihr Einsatz wird weder bei akuten noch bei chronischen nicht-spezifischen Kreuzschmerzen empfohlen.
Quellen
• World Health Organization: Low back pain. Fact sheet, 19. Juni 2023, World Health Organization. Aufgerufen am 15.01.2026
• Hoy D, et al.: The global epidemic of low back pain. Lancet Rheumatol 2023; 5(6): e305
• S3-Leitlinie: Nicht-spezifischer Kreuzschmerz (2017), AWMF Reg.Nr. nvl-007
• Chiu AP, et al.: Lumbar intervertebral disc degeneration in low back pain. Minerva Anestesiol 2024; 90(4): 330–338
• Stevans JM, et al.: Risk factors associated with transition from acute to chronic low back pain in US patients seeking primary care. JAMA Netw Open 2021; 4(2): e2037371