Das Hautmikrobiom im Blick

Moderne Pflegekonzepte für gesunde Haut

Mag. pharm.

Tina

Graßer

,

BSc.

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Die menschliche Haut ist von Milliarden von Mikroorganismen besiedelt, die eine wichtige Schutzfunktion erfüllen. Die Gesamtheit dieser Mikroorganismen, das Hautmikrobiom, trägt wesentlich zur Aufrechterhaltung der Hautgesundheit bei. Kommt es zu einem Ungleichgewicht dieses mikrobiellen Systems, kann dies zu Hautproblemen wie Trockenheit, Juckreiz, Schuppen oder Entzündungen führen. Moderne dermakosmetische Pflegekonzepte zielen daher zunehmend darauf ab, das Hautmikrobiom zu stabilisieren und die Vielfalt der Hautflora zu unterstützen.


Das Hautmikrobiom als funktionelle Barriere


Neben der epidermalen Lipidbarriere, die primär einen physikalischen Schutz darstellt, wird das Hautmikrobiom funktionell als zusätzliche biologische Barriere diskutiert, da es wesentlich zur Abwehr pathogener Mikroorganismen beiträgt. Die kutanen Bakterien, Pilze und Viren stehen dabei in enger Wechselwirkung mit dem Immunsystem und der epidermalen Barrierefunktion. Ein vielfältiges und stabiles Mikrobiom unterstützt die Integrität der Haut, indem es vor exogenen Noxen schützt, immunologische Prozesse moduliert und zur Stabilisierung der Hautbarriere beiträgt. 


Warum mikrobielle Vielfalt so wichtig ist


Studien zeigen, dass eine gesunde, klinisch unauffällige Haut mit einer hohen mikrobiellen Diversität assoziiert ist, während empfindliche, trockene oder entzündliche Hautzustände häufig eine reduzierte mikrobielle Diversität und eine veränderte mikrobielle Zusammensetzung aufweisen.1,2 Auch der leicht saure pH-Wert der Haut von etwa 4,8–5,5 spielt eine zentrale Rolle: Der sogenannte Säureschutzmantel stabilisiert die mikrobielle Balance, hemmt das Wachstum potenziell pathogener Keime und unterstützt pH-abhängige Enzymprozesse der Barrierefunktion.


Wenn das Gleichgewicht kippt: Ursachen einer Dysbiose


Das mikrobielle Gleichgewicht der Haut kann durch zahlreiche exogene und endogene Faktoren beeinflusst werden. Zu den exogenen Einflüssen zählen unter anderem Antibiotikatherapien, antiseptische Reinigungsprodukte, aggressive Tenside sowie intensivierte Hygienepraktiken, die nicht nur pathogene, sondern auch nützliche und wertvolle Mikroorganismen reduzieren können. Auch Umweltfaktoren wie UV-Strahlung, Luftverschmutzung oder klimatische Veränderungen wirken sich potenziell negativ auf die Zusammensetzung und Diversität des Hautmikrobioms aus. Diese äußeren Einflüsse treffen zunächst auf das Hautmikrobiom, das als metabolisch aktives System Umweltreize modulieren kann, bevor sie die Epithelzellen erreichen.


Auch endogene Faktoren spielen eine entscheidende Rolle: Hierzu zählen Lebensstilfaktoren wie Schlafmangel, chronischer Stress, Alkohol- und Nikotinkonsum sowie eine unausgewogene Ernährung, die die mikrobielle Balance beeinträchtigen können. Die individuelle genetische Prädisposition stellt ebenfalls einen relevanten Einflussfaktor dar. Darüber hinaus beeinflussen hormonelle Veränderungen, beispielsweise während der Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause, die Zusammensetzung des Mikrobioms signifikant. 


Bei Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Adipositas, Asthma, Allergien oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wird häufig eine reduzierte mikrobielle Diversität beschrieben.3
Besonders kritisch ist auch der Einsatz von Antibiotika zu bewerten. Durch deren Einsatz schwindet die Vielfalt des Mikrobioms. Zahlreiche Bakterienspezies auf der Haut und im Darm regenerieren sich nach einer Antibiose nur langsam oder unvollständig, wodurch funktionell relevante Bestandteile der mikrobiellen Immunabwehr verloren gehen können.4


Kommt es infolge dieser Einflüsse zu einer Dysbiose, kann die Barrierefunktion der Haut beeinträchtigt werden, wodurch das Risiko für bestimmte dermatologische Erkrankungen erhöht sein kann.
Darüber hinaus können über die sogenannte Darm-Haut-Achse Veränderungen des intestinalen Mikrobioms Auswirkungen auf die Hautgesundheit haben, da Darm und Haut immunologisch eng miteinander verbunden sind. Entzündliche Dermatosen wie Neurodermitis oder Psoriasis können durch eine veränderte systemische Immunantwort verstärkt werden, auch Rosazea wird häufig mit mikrobiellen Dysbalancen in Zusammenhang gebracht.5


Dysbiose und Hautkrankheiten

Eine Dysbiose des Hautmikrobioms wird mit verschiedenen dermatologischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Bei Acne vulgaris wird eine veränderte relative Dominanz von Cutibacterium acnes-Stämmen beschrieben und es konnten Zusammenhänge zwischen erhöhter Besiedelung mit Staphylococcus aureus und atopischer Dermatitis beobachtet werden. Dies stellt ein relevantes Public-Health-Problem dar: Rund 15 % der Kinder in westlichen Ländern haben zumindest einmal in ihrem Leben ein atopisches Ekzem, also Neurodermitis. Die Haut weist eine verminderte mikrobielle Diversität und eine vermehrte Besiedelung mit Staphylococcus aureus auf.6


Gezielt pflegen

Die Hautpflege der nächsten Generation richtet den Fokus zunehmend auf die Unterstützung des Hautmikrobioms. Dabei geht es nicht mehr ausschließlich um die Versorgung der Haut mit Feuchtigkeit, sondern gezielt um die Förderung des Wachstums nützlicher Mikroorganismen. Diese Bakterien sind spezialisiert und optimal an die begrenzten Nährstoffe auf der Haut angepasst.

für ein gesundes Hautmikrobiom
Praktische Strategien

• Ballaststoffreiche, ausgewogene Ernährung mit moderatem Zuckerkonsum 
• Verzicht auf Nikotin sowie moderater Alkoholkonsum
• Orale Prä- und Probiotika evidenzbasiert einnehmen:  Eine reduzierte Diversität von Lactobazillen und Bifidobakterien sowie eine gestörte Darmbarriere werden mit entzündlichen Hautzuständen assoziiert. 
• Milde, pH-neutrale Reinigung: Vermeidung stark entfettender Tenside und übermäßiger Reinigung zur Erhaltung des Säureschutzmantels
• Barriereunterstützende Formulierungen mit Ceramiden, Lipiden oder Glycerin
• Reduktion potenziell irritierender Inhaltsstoffe wie beispielsweise Duftstoffe oder Alkohol → bevorzugt minimalistische Pflegekonzepte
• Gezielter, indikationsbezogener Einsatz antimikrobieller Wirkstoffe wie Antibiotika oder Antimykotika, z. B. bei Akne oder Rosazea, Langzeitanwendung kritisch prüfen
• Konsequenter Lichtschutz


Die Zusammensetzung des Hautmikrobioms variiert deutlich zwischen den einzelnen Hautregionen. Feuchte und warme Areale wie die Achselhöhlen weisen eine hohe Keimdichte auf und werden von anderen Bakterienspezies dominiert als talgreiche Regionen wie Stirn oder oberer Rücken. In trockenen Hautarealen, beispielsweise am Unterarm, finden sich andere mikrobielle Gemeinschaften in insgesamt deutlich geringerer Dichte.


Je nach Hautregion und Feuchtigkeitsgehalt ist die Haut mit mehreren Hunderten bis Hunderttausenden Bakterien pro Quadratzentimeter besiedelt. In feuchten Arealen können bis zu 10⁶–10⁷ KBE (koloniebildende Einheiten)/cm² gemessen werden, in seborrhoischen Regionen etwa 10⁵ KBE/cm², während trockene Hautzonen nur 10²–10³ KBE/cm² aufweisen.1


In der Dermakosmetik wird der Begriff Probiotika nicht einheitlich verwendet. Während darunter definitionsgemäß lebensfähige Mikroorganismen zu verstehen sind, die einen gesundheitlichen Nutzen entfalten, kommen in topischen Formulierungen überwiegend inaktivierte Mikroorganismen, Lysate oder definierte mikrobielle Bestandteile zum Einsatz. Diese können nach topischer Applikation barriestabilisierende, beruhigende oder mikrobiommodulierende Effekte zeigen, wenngleich die Evidenzlage, abhängig vom jeweiligen Produkt und Inhaltsstoff, unterschiedlich robust ist.


Eine zentrale Rolle spielen in diesem Zusammenhang Präbiotika. Dabei handelt es sich um selektiv verwertbare Substrate, die das Wachstum bestimmter, als günstig eingestufter Hautmikroorganismen fördern sollen. Ziel ist es, die mikrobielle Diversität zu unterstützen und ein stabiles Gleichgewicht des Hautmikrobioms aufrechtzuerhalten. Auch hier ist jedoch eine differenzierte Betrachtung erforderlich, da Effekte stark von Formulierung, Konzentration und individueller Hautphysiologie abhängen.


Barriereaufbau und mikrobieller Schutz 


Neben mikrobiellen Wirkstoffen spielen auch klassische barriereunterstützende Inhaltsstoffe eine wichtige Rolle für die Stabilisierung des Hautmikrobioms.

Das Hautmikrobiom
auf einen Blick

• Das schützt das Mikrobiom
Milde Reinigung, duftstoffarme und alkoholarme Produkte, ballaststoffreiche Ernährung, Lichtschutz
• Was das Hautmikrobiom leistet
Das Hautmikrobiom wirkt als biologische Barriere, schützt vor Pathogenen, interagiert mit dem Immunsystem und stabilisiert den Säureschutzmantel.
• Ursachen für eine Dysbiose
Antibiotika, aggressive Tenside, Stress, UV-Strahlung reduzieren die mikrobielle Diversität → es kommt zu Trockenheit, Juckreiz, Akne, Neurodermitis, Rosazea.
• Wirkstoffe zur Mikrobiom-Stärkung 
Eingesetzt werden Pro-/Präbiotika (Lysate), Ceramide und Niacinamid, um Balance und Barriere zu stärken.


Ceramide 
Das Milchsäurebakterium Streptococcus thermophilus kann bei topischer Anwendung die Ceramidsynthese fördern. Ceramide sind essenzielle Bestandteile der epidermalen Lipidmatrix und tragen zur Wiederherstellung und Stabilisierung der Hautbarriere bei. Sie unterstützen die Aufrechterhaltung der Hautfeuchtigkeit, da sie Wasser in der Haut binden. Ein gutes Lipidmilieu ist für ein stabiles mikrobielles Gleichgewicht von Bedeutung, da es bestimmten Mikroorganismen als Kohlenstoffquelle dient. Bestimmte Ceramid-Sphingolipide, darunter Sphingomyeline, besitzen darüber hinaus antibakterielle Eigenschaften gegenüber Cutibacterium acnes und können so zur Verbesserung des Hautbildes beitragen.6

Niacinamid
Auch Niacinamid besitzt barriereunterstützende und entzündungshemmende Eigenschaften. Es verbessert die Lipidzusammensetzung der Haut, stärkt die Barrierefunktion und schafft Bedingungen, die ein ausgewogenes Hautmikrobiom fördern können.

Wie Hautbakterien Krankheitserreger in Schach halten


Bestimmte physiologische Hautkeime können potenzielle Krankheitserreger direkt oder indirekt über gebildete Stoffwechselprodukte hemmen. Diese natürlichen Abwehrmechanismen stellen eine vielversprechende Alternative oder Ergänzung zu Antibiotika dar, insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Resistenzentwicklungen. So konnte gezeigt werden, dass die lokale Anwendung antimikrobiell wirksamer Hautbakterien die Besiedelung mit Staphylococcus aureus bei Neurodermitis-Patient:innen reduziert. Dies weist auf ein mögliches therapeutisches Potenzial mikrobiombasierter Strategien hin.7
Einige Probiotika zeigen antimikrobielle Effekte und werden als adjuvante Strategie bei bestimmten Hauterkrankungen untersucht. Die Wirkung ist stammspezifisch und reicht von Hemmung pathogener Keime bis zur Stabilisierung der Hautbarriere. In der Infobox finden sich verschiedene Bakterienstämme, die einen positiven Einfluss auf Hauterkrankungen haben können.8

Quellen
1   Byrd A, Belkaid Y, Segre J: The human skin microbiome. Nat Rev Microbiol 2018;16:143–155. DOI: 10.1038/nrmicro.2017.157
2   Bosch TCG: Mikrobiom als natürlicher Schutzfaktor: Perspektiven aus der 
Grundlagenforschung Hautarzt 2021; 72(7): 563-569. DOI: 10.1007/s00105-021-04831-3
3   Finlay B, et al.: The hygiene hypothesis during a pandemic: consequences for 
the human microbiome. Proc Natl Acad Sci USA 2021; 118(6): e2010217118. DOI: 10.1073/pnas.2010217118
4   Blaser MJ: Antibiotika overkill. So entstehen die modernen Seuchen (2017);Herder, Freiburg
5   Nam, J-H, et al.: Rosacea and its association with enteral microbiota in Korean females. Exp Dermatol 2018; 27(1): 37–42 

Weitere Literatur auf Anfrage

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