Müdigkeit zählt zu den häufigsten Symptomen überhaupt – ärztliche Hilfe wird dabei zumeist erst dann in Anspruch genommen, wenn die Störung nicht hinreichend erklärt werden kann oder die Beeinträchtigung inakzeptabel erscheint, etwa durch übermäßige körperliche oder geistige Anstrengung sowie Schlafmangel.
(K)ein Frühlingsgefühl
Anhaltende Schläfrigkeit, Energiemangel, Konzentrationsschwäche, Unlust und Blutdruckschwankungen sowie damit einhergehende beeinträchtigte Lebensqualität sollten ärztlich abgeklärt und pathophysiologische Ursachen erörtert werden. Neben Anpassungsschwierigkeiten des Organismus an veränderte Licht- und Wärmeverhältnisse im Frühjahr kommen dabei eine Reihe pathophysiologischer Ursachen in Betracht.
Eine differenzierte Abgrenzung betrifft folgende Bereiche:
• Lebensumstände:
Bewegungsmangel, Übergewicht, Mangel an Mikronährstoffen, Wachstumsphasen bei Kindern und Jugendlichen, Überarbeitung
• Neurologische Erkrankungen: Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Demenz, Migräne
• Akute und chronische Erkrankungen: Influenza, Pfeiffersches Drüsenfieber, Chronisches Fatigue-Syndrom, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Diabetes mellitus Typ I und II
• Arzneistoffe/Genussmittel: Benzodiazepine, Antidepressiva, Neuroleptika, Antihistaminika, Z-Substanzen, Antihypertensiva, Migränemedikamente
• Psychische Erkrankungen: Angststörungen, Burn-out-Syndrom, Depression
Eine Frage der Balance: Melatonin vs. Serotonin
Auch wenn das Phänomen „Frühjahrsmüdigkeit“ nicht abschließend geklärt ist, spielen vor allem Regulation und Balance der Neurohormone Melatonin und Serotonin eine entscheidende Rolle für die genannten Beschwerden.
Melatonin wird ausschließlich bei Dunkelheit in den Pinealozyten der Zirbeldrüse aus Tryptophan über das Zwischenprodukt Serotonin synthetisiert. Die Konzentration des schlaffördernden, chronobiologisch wirksamen Botenstoffs ist nach dem Winter noch hoch und muss erst langsam abgebaut werden.
Einfallendes Licht, das in den Sommermonaten mit bis zu 100.000 Lux vom Himmel strahlt, wird mittels spezieller Fotorezeptoren der Retina über den retinohypothalamischen Trakt zum endogenen Schrittmacher und danach über eine Kette von Neuronen zur Zirbeldrüse geleitet. Dort erfolgt die Supprimierung der Melatonin-Synthese und die Anregung der Serotonin-Produktion. Während der dunklen Jahreszeit erreicht uns jedoch nur ein Bruchteil an Lichteinheiten, was eine im Frühjahr allmählich zunehmende Serotoninbildung begünstigt; Serotonin wird umgangssprachlich oft als „Glückshormon“ bezeichnet.
Gleichzeitig wahrgenommener Stress verändert den Tryptophan-Stoffwechsel, was die 5-HTP-Produktion verringern und zu Stimmungsschwankungen sowie Schlafproblemen führen kann. Stress aktiviert die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse und bewirkt die Ausschüttung von Cortisol, welches den Tryptophanabbau via Aktivität des Enzyms Indolamin-2,3-Dioxygenase zusätzlich erhöht. Gesamt steht somit weniger Tryptophan für die Produktion von 5-HTP, Serotonin und Melatonin zur Verfügung.
Mit Pflanzenkraft gegen die Erschöpfung
Adaptogene Heilpflanzen wie Rosenwurz, Echter Ginseng und Taigawurzel werden zur Unterstützung der Stressbewältigung und bei Erschöpfung eingesetzt und können – bei kurzer Einnahmedauer – subjektive Symptome lindern; die Evidenzlage ist jedoch begrenzt.
Für die Wirkung der in der europäischen Heilkunde seit langem gegen Erschöpfung und als Aphrodisiakum eingesetzten Rosenwurz dürften vor allem die enthaltenen Phenylethanoide, Zimtalkoholderivate, Benzylalkoholderivate, Flavonoide, Monoterpene sowie das ätherische Öl verantwortlich sein. Die empfohlene Tagesdosierung von standardisierten Rhodiola rosea-Extrakten liegt bei 400 bis 600 mg und sollte vorzugsweise in der ersten Tageshälfte eingenommen werden, um Schlafstörungen zu vermeiden.
Die arzneilich verwendete getrocknete (zerkleinerte) Wurzel des zur Familie der Araliaceae gehörenden Echten Ginseng weist als wesentliche Inhaltsstoffe ein komplexes Gemisch aus Triterpensaponinen (Ginsenoside) auf. Zu weiteren charakteristischen Bestandteilen zählen ätherisches Öl mit den für den typischen Geruch verantwortlichen Sesquiterpenkohlenwasserstoffen Eremophilen und Elemen, Polysaccharide (Panaxane A-U) sowie lipophile Polyacetylene.
Die auch unter dem Namen Sibirischer Ginseng bekannte Taigawurzel enthält Lignane, monomere Phenylpropane und Derivate wie Coniferin, Cumarine, Triterpensaponine, Sterole wie β-Sitosterol und Polysaccharide. Eine traditionelle Anwendung wird bei Symptomen der Asthenie wie Erschöpfung beschrieben, wobei der Einnahme-Zeitraum von zwei Monaten nicht überschritten werden sollte. #
Gut versorgt mit Mikronährstoffen?
B-Vitamine
Die Vitamine des B-Komplexes spielen eng zusammen und aktivieren in den Mitochondrien unterschiedliche Enzymsysteme. Ein besonderes Augenmerk ist auf Thiamin (Vitamin B1), Cobalamin (Vitamin B12) und Folsäure zu richten.
Vitamin B1 ist für die Einschleusung von Kohlenhydraten in den Citratzyklus und die Bildung von Succinyl-Coenzym A erforderlich. Anzeichen einer Unterversorgung des über eine geringe Speicherkapazität verfügenden Thiamins äußern sich in Form von Erschöpfung und Müdigkeit und sind vorwiegend bei Risikogruppen relevant.
Cobalamin ist eng in den Stoffwechsel der Folsäure involviert und wie diese am Abbau von Homocystein beteiligt. Ein Mangel an Vitamin B12 ist aufgrund diverser Mechanismen einer verminderten Resorption bei
älteren Menschen und Personen mit Resorptionsstörungen vergleichsweise häufig zu beobachten und von Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit sowie Stimmungsschwankungen gekennzeichnet.
Tipps gegen Frühjahrsmüdigkeit
• Verzicht auf Alkohol und stark zuckerhaltige Speisen
• Regelmäßiges körperliches Training, idealerweise an der frischen Luft und bei Tageslicht (z. B. Laufen, zügiges Spazierengehen, Wandern)
• Ausreichende Zufuhr von Flüssigkeit (Wasser, ungesüßter Kräutertee)
• Konsum von pflanzenbetonter Nahrung mit Gemüse, Salaten, Hülsenfrüchten und Kräutern
• Bei kurzen Schläfchen während des Tages sollte eine Dauer von 30 Minuten nicht überschritten werden.
• Signale von permanenter Überforderung und Stress ernst nehmen
Vitamin D
Neben einer Vielzahl an Wirkungen ist das fettlösliche Vitamin an der Regulierung der Serotoninsynthese im Gehirn beteiligt, schützt unsere Nervenzellen und sorgt somit für eine stabile Psyche sowie den Erhalt kognitiver Funktionen im fortgeschrittenen Alter. Insbesondere nach den Wintermonaten sind bei vielen Menschen erniedrigte Serumspiegel des Sonnenvitamins zu verzeichnen, was sich mit Symptomen wie Müdigkeit und Infektanfälligkeit bemerkbar machen kann.
5-HTP
Die natürlich vorkommende Aminosäure 5-Hydroxytryptophan ist in nennenswerter Konzentration in den Samen von Griffonia simplicifolia enthalten und wird bei verschiedenen Beschwerden untersucht, bei denen ein gestörter Serotoninstoffwechsel diskutiert wird (z. B. depressive Verstimmung, Schlafstörungen). Bei typischen Erschöpfungssymptomen wird die Ergänzung von 5-HTP als mögliche unterstützende Maßnahme diskutiert; aufgrund begrenzter Datenlage und möglicher Interaktionen sollte eine Anwendung nur nach ärztlicher Rücksprache erfolgen.
Vitamin C
Vitamin C ist als Cofaktor an verschiedenen Reaktionen der Neurotransmitter-Synthese beteiligt; neben dem Katecholaminstoffwechsel wird auch ein Einfluss auf Serotoninwege diskutiert. Bei Stress besteht deutlich erhöhter Bedarf des Antioxidans, da die Freisetzung der Katecholamine sowie Synthese und Ausschüttung von Cortisol eng an Vitamin C geknüpft sind.
Coenzym Q10
Bei chronischer Müdigkeit, starker Stressbelastung und anhaltender Erschöpfung ist eine Supplementierung des direkt in die ATP-Produktion in den Mitochondrien involvierten Coenzyms Q10 ratsam. Das antioxidativ wirksame Vitaminoid bringt den intrazellulären Energiefluss in Gang, schützt die Bausteine der Zell- und Mitochondrienmembran vor Zerstörung durch freie Sauerstoffradikale und wirkt bei Konzentrationsstörungen unterstützend.
Diagnose Depression
Da Symptome wie Müdigkeit und Lustlosigkeit sowohl bei Frühjahrsmüdigkeit als auch bei Depressionen auftreten können, ist für die Diagnose das Erkennen von Risikofaktoren sowie das Andauern der Anzeichen über einen längeren Zeitraum (≥ 4 Wochen) wesentlich. Merkmale, welche auf eine sog. Major Depression hinweisen könnten, wie Niedergeschlagenheit, Schwermütigkeit, Hoffnungslosigkeit, Verlust von Interesse und Freude an Tätigkeiten, müssen fachärztlich mittels Screening aktiv erfragt werden.
Weiters gelten folgende Faktoren als Risiko für die Entwicklung einer depressiven Störung:
• Frühere depressive Episoden
• Bipolare oder depressive Störungen in der Familiengeschichte
• Suizidversuche in der eigenen Vor- oder der Familiengeschichte
• Somatische und psychische Erkrankungen
• Vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Verzweiflung
• Wahnideen
• Substanzmissbrauch bzw. Substanzabhängigkeit
• Aktuell belastende Lebensereignisse
• Mangel an sozialer Unterstützung