Vom 2. bis 5. September wurde Innsbruck zum internationalen Treffpunkt der Pharmaziegeschichte. Gäste aus Europa ebenso wie aus Indien, China, Japan oder den USA waren der Einladung nach Tirol gefolgt – in jene Region, in der vor genau einem Jahrhundert die Geschichte der heutigen „International Society for the History of Pharmacy“ (ISHP) ihren Anfang genommen hat.
Unter dem Leitthema „Arzneien und Medizin aus den Bergen“ spannte das wissenschaftliche Programm einen weiten Bogen von Heilpflanzen und historischen Arzneizubereitungen über Bergbau, Mineralien und Alchemie bis hin zu Veterinärpharmazie.
Besonders eng mit Tirol verbunden waren die Beiträge zu Paracelsus: Urs Leo Gantenbein ging den Wurzeln seiner pharmazeutischen Alchemie im Tiroler Bergbau nach, Rudolf Werner Soukup beleuchtete Paracelsismus und chemische Technologien der frühen Neuzeit. Katharina Seidl eröffnete anhand der Rezeptbücher von Philippine Welser einen weiteren Einblick in die Arzneiwelt des 16. Jahrhunderts und die „kosmetische Pharmazie“ der Renaissance.
Weitere Beiträge widmeten sich der Geschichte einzelner Arzneimittel und medizinischer Traditionen, von Ichthyol und Johanniskrautöl bis zur arabischen Medizin. Darüber hinaus nahmen die Vorträge Heiltraditionen und Arzneipflanzen aus unterschiedlichen Regionen der Welt in den Blick, von den Anden bis zum armenischen Hochland, zeichneten Wege des pharmazeutischen Wissensaustauschs nach und beleuchteten auch die Rolle von Pharmazeut:innen in der internationalen Politik.
Gerade diese thematische Breite machte deutlich, wie vielfältig Pharmaziegeschichte heute verstanden wird. Sie fragt nicht nur danach, wann ein Arzneimittel erstmals beschrieben oder hergestellt wurde, sondern auch danach, wie Wissen entstand, weitergegeben und verändert wurde. Dabei treffen naturwissenschaftliche, medizinische, kulturgeschichtliche und gesellschaftliche Perspektiven aufeinander. Der Kongress zeigte auch, wie eng die Geschichte der Pharmazie mit politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen verknüpft ist und wie sehr der Blick in die Vergangenheit helfen kann, heutige Entwicklungen des Berufsstandes und der Arzneimittelversorgung besser einzuordnen.
Dass das Jubiläum gerade in Tirol gefeiert wurde, hat einen besonderen historischen Grund: Am 18. August 1926 gründete der Innsbrucker Apotheker Ludwig Winkler gemeinsam mit Fritz Ferchl, Georg Urdang und Walther Zimmermann aus Deutschland sowie Otto Raubenheimer aus den USA in Hall in Tirol die „Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie“. Winkler wurde ihr erster Vorsitzender. Schon wenige Jahre später war das Netzwerk international ausgerichtet: 1929 waren über die junge Gesellschaft und ihre Publikationen bereits Pharmazeuten aus 17 Nationen miteinander verbunden.
Auch außerhalb der Vortragssäle wurde Pharmaziegeschichte greifbar: Zum Abschluss führte eine Exkursion nach Schwaz, u. a. in das dortige Silberbergwerk und damit an einen Ort, an dem sich Bergbau, Metallurgie, Alchemie und die Entwicklung der chemischen Pharmazie unmittelbar miteinander verbinden.
Ein Jahrhundert nach der Gründung wurde Tirol damit erneut zum Ausgangspunkt eines internationalen Dialogs über die Wurzeln der Pharmazie und darüber, welchen Beitrag ihre Geschichte zum Verständnis des Berufsstandes heute leisten kann.
kontakt & Info
Die Internationale Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (ISHP/IGGP) vereint nationale Gesellschaften zur Geschichte der Pharmazie und fördert Forschung, internationalen Austausch und die Bewahrung des pharmazeutischen Kulturerbes.
Informationen zur nationalen Österreichischen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie und zur Mitgliedschaft unter: