Um jeden Preis

Schnelle Wirkung, lebenslange Folgen

Mag. Dr.

Michael

Nagele

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Shutterstock © Shutterstock
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Muskeln wie ein Superheld. Aussehen wie Thor. Ein Körper wie Superman. Egal ob in Hollywood oder über Social Media: Das Erreichen eines vermeintlich perfekten männlichen Körpers wird mehr und mehr zum höchsten Lebensziel hochstilisiert und das Bild eines realistischen Körpers zunehmend verzerrt. 


Schnell müssen besonders jüngere Männer aber erkennen, dass das Essen von Hühnchen und Reis nicht ausreicht, um diese unrealistischen Ziele zu erreichen. Oft totgeschwiegen, oft abgestritten: Der Missbrauch von anabolen Steroiden ist in unserer Gesellschaft etabliert und normalisiert. Das führt oft dazu, dass sogar extreme Körper als vermeintlich „natürlich“ bezeichnet werden (siehe diverse Hollywood-Schauspieler oder Influencer).
Ein ganzes Spektrum an verschiedenen sogenannten PED (Performance Enhancing Drugs), v. a. Testosteron-ester und -rezeptoragonisten, wird i. d. R. über den illegalen Internethandel beschafft. Durch exogene Testosteronzufuhr erhöhen sich auch Spiegel und Wirkungen der Stoffwechselprodukte, was zu den typischen Nebenwirkungen führt.

Steroide © APOVERLAG
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Die Zusatzmedikationen, die unerwünschte Nebenwirkungen (UAW) abfedern oder behandeln sollen, werden oft in Apotheken zu erwerben versucht.Hier bietet sich die Gelegenheit für Apotheker:innen, mit den Betroffenen in Kontakt zu treten und sie über die Risiken des Missbrauchs dieser Substanzen aufzuklären. Es folgt eine (nicht vollständige) Liste häufig verwendeter Zusatzmedikamente sowie deren Verwendungszweck. 


Nr. 1: Antiestrogene: SERM


Selektive Estrogenrezeptor-Modulatoren (v. a. Tamoxifen, Clomifen)
Exogen zugeführtes Testosteron wird durch die Aromatase (CYP19) in Estrogene umgewandelt. Ein Anstieg dieser führt zu typischen Nebenwirkungen wie Wasser- und Fetteinlagerungen, Vergrößerung der männlichen Brustdrüsen (Gynäkomastie), Stimmungsschwankungen, zu einem erhöhtes Risiko für Thrombosen/Blutgerinnsel etc. Antiestrogene sind partielle Antagonisten, die Estrogenwirkungen aufheben sollen. Allen voran Tamoxifen und Clomifen sind hier von zentraler Bedeutung. 


In der Regel werden anabole Steroide in Zyklen (mit On- und Off-Zeiten) eingenommen. SERM kommen meistens im Zuge der Post-Cycle-Therapy (PCT) zum Einsatz, da sie außerdem die (Eigen-)Synthese von Testosteron fördern und die natürliche Hormonproduktion wiederherstellen sollen. Der Wirkmechanismus von SERM ist nicht vollständig geklärt. Sie scheinen nach Estrogenrezeptorbindung eine Rezeptor-Downregulierung hervorzurufen. Dies unterdrückt die negative Rückkopplung, was zur vermehrten Freisetzung von GnRH und in weiterer Folge zu einer vermehrten Sekretion von LH und FSH führt . Dies fördert die (Eigen-)Synthese von Testosteron. Tamoxifen und Clomifen sind als verbotene Substanzen in der Dopingliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) aufgeführt.


Nr. 2: Antiestrogene: Aromatasehemmer


v. a. Exemstan (irreversibel), aber auch Anastrozol/Letrozol (reversibel)
Aromatasehemmer wirken durch Enzymblockade, was die Umwandlung von Androgenen zu Estrogenen hemmt. Sie haben somit einen ähnlichen Effekt wie die SERM. Aromatasehemmer verringern ebenfalls estrogenale Nebenwirkungen und erhöhen die Produktion von LH und FSH (Testosteron ). Im Missbrauch werden sie v. a. als vermeintliche Wunderwaffe gegen die Gynäkomastie eingesetzt.  Besteht eine Gynäkomastie zu lange, kommt es zu fibrosierten Veränderungen, sodass eine medikamentöse Therapie keine Wirkung mehr zeigt und eine chirurgische Korrektur nötig ist. Aromatasehemmer befinden sich ebenfalls auf der Verbotsliste der WADA.

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Nr. 3: 5α-Reduktasehemmer 

Dutasterid und Finasterid
Die 5α-Reduktase katalysiert die Umwandlung des Testosterons in das 5α-DHT (Dihydrotestosteron), welches in vielen Organen stärker wirkt als das Testosteron selbst. Das Enzym Reduktase kommt in zwei Isoformen vor. In der freien Haut und den Talgdrüsenzellen dominiert Typ 1, in der Prostata und den haarbildenden Zellen der Haarfollikel der Typ 2. Eine Hemmung des Enzyms Reduktase kann eine antiandrogene Wirkung in diesen Organen bewirken. Organe wie die Muskulatur, bei denen die androgene Wirkung durch Testosteron selbst zustande kommt, werden durch 5α-Reduktasehemmer nicht beeinflusst. Im Missbrauch kommt vor allem Dutasterid zum Einsatz, welches im Gegensatz zu Finasterid beide Isoformen gleichermaßen blockiert. Nebenwirkungen des Testosterons, wie Hautprobleme (Akne, fettige Haut, Haarausfall) und Prostata-Beschwerden (Wachstum, PSA-Anstieg), sollen dadurch abgefangen werden. Dass Dutasterid selbst zu Nebenwirkungen wie Libidoverlust, erektiler Dysfunktion und Ejakulationsstörungen, Gynäkomastie (!), Depressionen etc. führen kann, sollte in das beratende Gespräch miteinfließen. 


Nr. 4: Schilddrüsenhormone 

Liothyronin, Levothyroxin
Schilddrüsenhormone werden v. a. in der Diät eingesetzt, um den Körperfettanteil trotz hoher Nahrungszufuhr möglichst gering zu halten. Die Präparate beschleunigen den Stoffwechsel von Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten und bewirken dadurch einen entsprechend höheren Kalorienverbrauch. Um die Wirkungen vermeintlich zu maximieren, werden Kombipräparate aus Liothyronin (T3) und Levothyroxin (T4) gegenüber den klassischen Monopräparaten bevorzugt. Zu den Nebenwirkungen der Schilddrüsenhormone zählen Herzrhythmusstörungen, Tachykardien, pektanginöse Zustände, Tremor, Kopfschmerzen, innere Unruhe und Schlaflosigkeit. In der Fachliteratur finden sich Berichte von plötzlichem Herztod bei Patienten mit langjährigem Levothyroxin-Abusus.


Nr. 5: Diuretika 

Furosemid, Spironolacton und Kombipräparate
Diuretika werden v. a. von Bodybuildern im Wettkampf missbraucht, um möglichst dehydriert aufzutreten. Durch das Eliminieren von „überschüssigem Wasser“ erscheinen Muskeln größer und definierter. Außerdem können sie dazu genutzt werden, um das Körpergewicht schnell zu senken. Dies ist v. a. bei Sportarten mit Gewichtsklassen (olympisches Gewichtheben, Boxen) von Bedeutung. Diuretika sind sehr gefährliche Arzneimittel und haben schon mehrfach zu akuten Todesfällen geführt. Der Missbrauch des stark wirksamen Schleifendiuretikums Furosemid führt zu gefährlichen Entgleisungen des Elektrolythaushaltes (Hypovolämie, Hyponatriämie, Hypokaliämie, Hypomagnesiämie). Das kaliumsparende Diuretikum Spironolacton (Aldosteron-Inhibitor) ist nicht minder gefährlich (Hyperkaliämie, metabolische Azidose) und ebenfalls potenziell letal. In diesem Zusammenhang interessant zu erwähnen ist, dass längerfristiger Missbrauch von Spironolacton Nebenwirkungen wie Gynäkomastie und Potenzstörungen hervorrufen kann. Diese resultieren aus der unselektiven Wirkung von Spironolacton auf verschiedene Steroidrezeptoren (Aldosteron = Mineralcorticoid).


Nr. 6: hCG 

Humanes Choriongonadotropin
Für Apotheker:innen ist es sicher seltsam, in dieser Liste das Schwangerschaftshormon hCG (Humanes Choriongonadotropin) zu finden. Im Arbeitsalltag geläufig ist es einerseits als jenes Hormon, das durch (alle) Schwangerschaftstests nachgewiesen wird, und andererseits als Wirkstoff, der die Fertilität von Frauen mit Kinderwunsch erhöht (fördert Ovulation, bewirkt Follikelreifung). Der Wirkstoff hCG wird (bzw. wurde) sogar aus dem Urin schwangerer Frauen gewonnen. Strukturell besitzt die Substanz eine identische α-Untereinheit wie LH und FSH. Klinisch kann es als LH-Analogon eingesetzt werden. Das erklärt auch seine Wirkung auf den männlichen Körper, nämlich die Stimulation der (körpereigenen) Testosteronproduktion sowie der Spermatogenese. 
Anders als durch die Zufuhr des Hormons Testosteron selbst stört hCG die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse nicht. Es wird ggf. im Zuge der PCT eingesetzt, um die Testosteron-Eigenproduktion wieder in Gang zu setzen. Substanzen wie hCG und rekombinantes LH stehen für Männer auf der WADA-Verbotsliste, für Frauen nicht. 

Fazit
„Um jeden Preis!“ – die Devise vieler, die sich für den Missbrauch von PED entscheiden. Schopenhauer mahnte bereits: „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Die Prioritäten von heute – ein massiver Körper oder sportliche Dominanz – können sich morgen bereits ändern. Die Schäden durch den Abusus hingegen sind oft irreversibel. Man opfert eine lebenslange körperliche Integrität für einen flüchtigen Moment der Bestätigung.

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