Laut der World Health Organization leben weltweit rund 1,7 Milliarden Menschen mit muskuloskelettalen Erkrankungen; Rückenschmerzen stellen global die häufigste Ursache für die Anzahl der durch gesundheitliche Einschränkung verlorenen Lebensjahre („Years Lived with Disability“) dar.1
Auch in Österreich sind chronische Rücken- und Gelenkschmerzen weit verbreitet. Der Österreichische Gesundheitsbericht des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz weist Erkrankungen des Bewegungsapparates als eine der häufigsten Ursachen für Krankenstandstage und Frühpensionierungen aus.2 Damit kommt präventiven Strategien nicht nur aus individueller, sondern auch aus gesundheitsökonomischer Perspektive erhebliche Bedeutung zu.
Bewegung als leitliniengestützte Basistherapie
Körperliche Aktivität gilt heute als eine der bestuntersuchten und effektivsten nichtmedikamentösen Maßnahmen bei chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates. Die European Alliance of Associations for Rheumatology (EULAR) empfiehlt in ihren evidenzbasierten Leitlinien regelmäßige körperliche Aktivität als integralen Bestandteil der Standardversorgung bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen und Arthrose.3 Dabei werden Ausdauertraining, Krafttraining und Beweglichkeitsübungen ausdrücklich befürwortet, angepasst an Krankheitsaktivität und individuelle Belastbarkeit.
Auch internationale Arthrose-Leitlinien des American College of Rheumatology (ACR) sprechen eine starke Empfehlung für Bewegung und Training aus.4 Bewegung verbessert die muskuläre Stabilisierung, reduziert entzündliche Mediatoren und aktiviert zentrale schmerzhemmende Mechanismen.
Die Österreichische Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation unterstreicht in ihren fachlichen Empfehlungen, dass regelmäßige körperliche Aktivität nicht nur die Funktionalität verbessert, sondern auch die Krankheitsprogression günstig beeinflussen kann.5 Damit ist Bewegung nicht bloß ergänzende Maßnahme, sondern therapeutisches Fundament.
Haltung, Belastungsmuster und Aktivierung
Neben Bewegungsmangel spielen monotone Belastungen und statische Haltungsformen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung muskuloskelettaler Beschwerden. Langes Sitzen, repetitive Bewegungsabläufe oder einseitige Beanspruchung begünstigen muskuläre Dysbalancen und Überlastungssyndrome.
Systematische Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration zeigen, dass ergonomische Interventionen am Arbeitsplatz – insbesondere in Kombination mit Schulungsmaßnahmen – zur Reduktion arbeitsbedingter muskuloskelettaler Beschwerden beitragen können.6 Leitlinien zum nicht-spezifischen Kreuzschmerz empfehlen ausdrücklich, Patient:innen zur Aufrechterhaltung normaler Alltagsaktivität zu motivieren und längere Schonung zu vermeiden, da Inaktivität das Chronifizierungsrisiko erhöht.7 Prävention bedeutet somit nicht statische „Perfektion“ der Haltung, sondern Variabilität, Bewegung und funktionelle Aktivierung im Alltag.
Ernährung als modulierender Faktor
Chronische Schmerzen stehen häufig in Zusammenhang mit metabolischen und entzündlichen Prozessen. Die Leitlinie des American College of Rheumatology empfiehlt bei Arthrose eine Gewichtsreduktion bei übergewichtigen Patient:innen als starke evidenzbasierte Maßnahme.4 Neben der mechanischen Entlastung der Gelenke beeinflusst die Reduktion von viszeralem Fettgewebe auch entzündliche Signalwege.
Die Österreichische Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation weist darauf hin, dass eine ausgewogene Ernährung mit ausreichender Versorgung an Vitamin D, Protein und Omega-3-Fettsäuren unterstützend wirken kann.5 Eine mediterran orientierte, pflanzenbetonte Ernährung wird mit niedrigeren Entzündungsparametern assoziiert. Zwar ersetzt Ernährung keine krankheitsmodifizierende Pharmakotherapie, sie ist jedoch ein relevanter Bestandteil eines multimodalen Präventionskonzeptes.
Rationaler Schmerzmittelgebrauch
Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) sind bei akuten Beschwerden oft unverzichtbar. Gleichzeitig weisen Sicherheitsbewertungen der European Medicines Agency auf potenzielle gastrointestinale, renale und kardiovaskuläre Risiken bei längerfristiger Anwendung hin.8 Leitlinien empfehlen daher die niedrigste wirksame Dosis für den kürzest möglichen Zeitraum.7
Ein präventiver Ansatz in der Schmerztherapie bedeutet, medikamentöse Strategien mit Aktivierung, Bewegung und edukativen Maßnahmen zu kombinieren. Eine ausschließlich pharmakologische Behandlung ohne begleitende Lebensstilinterventionen adressiert zwar Symptome, beeinflusst jedoch nicht die zugrunde liegenden Risikofaktoren für Chronifizierung.
Die Rolle der Apotheken in der Prävention
Vor dem Hintergrund der hohen Prävalenz muskuloskelettaler Beschwerden kommt Apotheken eine zunehmend zentrale Rolle zu. Sie sind häufig erste Anlaufstelle bei akuten Rückenschmerzen, Gelenkbeschwerden oder unspezifischen muskuloskelettalen Symptomen. Neben der Abgabe von Analgetika besteht hier eine wesentliche präventive Chance.
Pharmazeutisches Fachpersonal kann über die korrekte Anwendung, Dosierung und zeitliche Begrenzung von NSAR informieren und auf potenzielle Wechselwirkungen hinweisen. Gleichzeitig bietet sich die Möglichkeit, Patient:innen auf die Bedeutung von Bewegung, ergonomischer Anpassung des Arbeitsplatzes, Gewichtsmanagement und ausgewogener Ernährung hinzuweisen.
Drei einfache Übungen für den Alltag
1. Mobilisation der Brustwirbelsäule („Aufrichten im Sitzen“)
Im aufrechten Sitz beide Hände an den Hinterkopf legen, Ellbogen leicht nach außen. Beim Einatmen die Brust sanft anheben und die Ellbogen öffnen, beim Ausatmen wieder neutral zurückkehren.
Wirkung: Fördert eine aufrechte Haltung, verbessert die Beweglichkeit der Brustwirbelsäule und entlastet Nacken sowie Lendenbereich.
Dosierung: 8–10 Wiederholungen, mehrmals täglich (z. B. bei Bildschirmarbeit).9
2. Aktivierung der Rumpfmuskulatur („Bauchspannung im Alltag“)
Im Stehen oder Sitzen Bauchnabel sanft nach innen ziehen, ohne die Luft anzuhalten. Spannung 5–10 Sekunden halten, dabei ruhig weiteratmen.
Wirkung: Stärkt die tiefe Rumpfmuskulatur und unterstützt die Stabilität der Wirbelsäule – zentral zur Prävention von Rückenschmerzen.
Dosierung: 5–8 Wiederholungen, mehrmals täglich (z. B. beim Warten oder Gehen).10
3. Hüftbeuger-Dehnung gegen Sitzbelastung
Einen Schritt nach vorne stellen (Ausfallschritt), hinteres Knie leicht beugen. Becken sanft nach vorne schieben, bis eine Dehnung in der Leiste der hinteren Seite spürbar ist. Oberkörper aufrecht halten.
Wirkung: Verkürzte Hüftbeuger durch langes Sitzen werden gedehnt, was die Beckenstellung verbessert und den unteren Rücken entlastet.
Dosierung: 20–30 Sekunden pro Seite, 2–3 Durchgänge täglich.11
Quellen
- World Health Organization. Musculoskeletal conditions. Fact Sheet. 2023.
- Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Österreichischer Gesundheitsbericht. Wien.
- European League Against Rheumatism. Rausch Osthoff A-K et al. 2018 EULAR recommendations for physical activity. Ann Rheum Dis. 2018;77:1251–1260.
- American College of Rheumatology. Kolasinski SL et al. 2019 ACR Guideline for the Management of Osteoarthritis. Arthritis Care Res. 2020;72:149–162.
- Österreichische Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation. Empfehlungen zu Bewegung und Lebensstil bei rheumatischen Erkrankungen. https://www.rheumatologie.at/storage/app/media/pdf/OeGR-LL%20Rehabilitation%202012%20final.pdf
- Cochrane Collaboration. Workplace interventions for preventing work-related musculoskeletal disorders. Cochrane Database Syst Rev.
- Leitlinien zum Management des nicht-spezifischen Kreuzschmerzes (AWMF/NVL-Programm; internationale Empfehlungen).
- European Medicines Agency. NSAIDs – Safety communications and risk assessments.
- Yang SR, Kim K, Park SJ, Kim K. The effect of thoracic spine mobilization and stabilization exercise on the muscular strength and flexibility of the trunk of chronic low back pain patients. J Phys Ther Sci. 2015;27(12):3851–3854. doi:10.1589/jpts.27.3851. PMCID: PMC4713806.
- Hatefi M, Babakhani F, Ashrafizadeh M. The effect of static stretching exercises on hip range of motion, pain, and disability in patients with non-specific low back pain. J Exp Orthop. 2021;8:55. doi:10.1186/s40634-021-00371-w
- Juan J, Leff G, Kevorken K, Jeanfavre M. Hip Flexor Muscle Activation During Common Rehabilitation and Strength Exercises. J Clin Med. 2024;13(21):6617. doi:10.3390/jcm13216617