Natürlich wollen alle hier die großen Tiere sehen“, sagt Makungu Lesley Nkosi, „aber um die Savanne wirklich zu verstehen, sollte man auch einen Blick auf ihre kleinen Bewohner werfen – vor allem auf die Pflanzen.“ Es ist noch früh am Morgen im Sabi-Sabi-Reservat unweit des berühmten Kruger-Nationalparks. Der einheimische Guide hat sich heute mit seiner Kollegin Erin Anderson nicht mit dem Safariwagen aufgemacht, sondern zu Fuß.
Eine Buschwanderung ins Revier von Löwen und Leoparden ist eine gänzlich andere Erfahrung als eine Pirschfahrt im Geländewagen. Nur in ausgewählten Regionen des Kruger-Nationalparks und einiger angrenzender Schutzgebiete wie Sabi Sabi sind Wander-Safaris im Big-Five-Terrain erlaubt; begleiten müssen sie geschulte Guides, die vorsichtshalber eine Waffe bei sich tragen.
Das Erbe der Sangoma
Bei diesen Wanderungen ist es Nkosi ein besonderes Anliegen, seine Gäste in die Welt der Savannenpflanzen einzuweisen. „Meine Großmutter war eine Sangoma“, erzählt er. So nennt man die traditionellen Heilerinnen im südlichen Afrika. „Sie hat mir viel über die Wirkung der Pflanzen in der Savanne beigebracht.“ Die ethnische Gruppe der Shangaan, die im Umkreis des Kruger-Nationalparks lebt und zu der auch Nkosis Familie gehört, bezeichnet Menschen, die sich besonders mit der Heilkraft von Pflanzen und Wurzeln beschäftigen, als N’anga.
„Für sie ist der Busch wie eine Apotheke“, erklärt der Guide. „Für fast jede Krankheit kennen sie eine Pflanze, die Abhilfe schafft.“ Der Fiebertee-Busch oder Zitronenstrauch etwa gilt als bemerkenswerter Alleskönner: Er soll bei Erkältungen und Atemwegserkrankungen ebenso helfen wie bei Hautausschlägen und Magen-Darm-Beschwerden. Zudem weisen seine ätherischen Blätter Insekten ab, wenn man sie auf der Haut zerreibt. Der Tamboti-Baum findet in der traditionellen Medizin ebenfalls vielseitige Verwendung – allerdings nur in winzigen Dosen. Unachtsam verwendet, wird sein Wirkstoff zum Gift. „Jede Pflanze kann eine gute und eine schlechte Reaktion auslösen“, erklärt Nkosi.
Auch die Früchte, Blätter und Rinde des Amarula- und des Schakalbeeren-Baums sowie des Weißbeerenstrauchs haben jeweils eine eigene Heilwirkung, die die Heiler:innen nutzen. Nkosi weist auf die blauen Blüten der Aufrechten Tagblume hin, die bei Entzündungen und zur Herstellung von Augentropfen verwendet wird. Die Zweige des Zauber-Guarri oder Zahnbürstenbaums lassen sich praktisch zur Zahnpflege nutzen, wenn man ohne Ausrüstung im Busch unterwegs ist.
Mit beiden Füßen im trockenen Savannengras und der Tierwelt auf Augenhöhe erlebt man den afrikanischen Busch aus einer gänzlich anderen Perspektive – und lernt das enorme Wissen der Einheimischen über die Heilkraft der Savanne kennen.
Fynbos: Reichtum am Kap
Auch im Westen Südafrikas, nur eine Autostunde von Kapstadt entfernt, führen Wanderwege ins geheimnisvolle Reich der Pflanzen. Im Mont-Rochelle-Naturreservat oberhalb des Weinorts Franschhoek erfüllt der Duft von Wildkräutern die klare Bergluft. Verschiedene Protea- und Erika-Arten streuen Orange, Purpur und Violett ins Buschland des Berg-Fynbos.
„Wir Südafrikaner:innen sind stolz auf unsere Vielfalt an Blumen“, sagt Guide Galant Damons, „es lohnt sich, sie genauso wie die Tierwelt zu erkunden.“ Das Mont-Rochelle-Reservat ist Teil des UNESCO-geschützten Cape-Winelands-Biosphärenreservats. Mit seinen bis fast 2.000 Meter aufragenden Bergketten schützt es einen bedeutenden Anteil des Kap-Florenreichs – des kleinsten der sechs kontinentalen Florenreiche der Welt. Es umfasst nur 0,5 % der Fläche Afrikas, beheimatet aber fast 20 % aller Pflanzenarten des Kontinents.
Damons erklärt die medizinische Verwendung der Buchusträucher, die schon vor Jahrtausenden den ersten Bewohner:innen am Kap bekannt war. Viele Pflanzenarten des Fynbos, des immergrünen Bioms der Kapregion, nutzten die einst hier lebenden Khoisan als Heilmittel. Der auch in Europa beliebte Rooibostee etwa, der ursprünglich vom Westkap stammt, ist im Gegensatz zu vielen herkömmlichen Teesorten koffeinfrei und gilt als besonders magenfreundlich und entzündungshemmend. Ähnliche Wirkung schreibt man dem Honigbusch-Tee zu.
Die Rebe als Heilmittel
Eine Pflanze darf bei einer botanischen Safari am Kap nicht fehlen, auch wenn sie ursprünglich nicht von hier stammt: Vitis vinifera, die Edle Weinrebe. Französische Hugenotten führten den Weinbau schon im 17. Jahrhundert im Tal von Franschhoek ein und legten den Grundstein für einige der ältesten Weingüter am Kap.
Und ja, viele Südafrikaner:innen schwören darauf, dass auch ihre weltberühmten Weine als Heilmittel gegen allerlei Leiden taugen – wenn man es damit nicht übertreibt.