Sucralfat wurde in den 1960er-Jahren bei dem japanischen Pharmaunternehmen Chugai entwickelt – zu einer Zeit, in der es weder H2-Blocker noch Protonenpumpenhemmer gab und die ätiologische Rolle von Helicobacter pylori in der Ulkusentstehung noch unbekannt war. Die Forschung konzentrierte sich auf die Entwicklung polymerer Aluminiumverbindungen, die sich selektiv an ulzerierte Schleimhaut anlagern und dort einen schützenden Film bilden konnten. Mit dem basischen Aluminium-Saccharosesulfat-Komplex Sucralfat gelang es, dieses Wirkprinzip pharmakologisch umzusetzen. Die Substanz wurde in Japan 1968 in den Handel gebracht und etablierte sich rasch als mechanisch wirksames Ulkustherapeutikum. In Österreich ist Sucralfat seit Anfang der 1980er-Jahre verfügbar. Aktuell sind Tabletten zu 1 g und orale Suspensionen (1 g/5 ml) erhältlich. Für die Behandlung von Refluxsymptomen existiert außerdem ein rezeptfreies Präparat, das ausschließlich für die Kurzzeitbehandlung von Sodbrennen und saurem Aufstoßen zugelassen ist.1
Wirkmechanismus
Sucralfat ist ein schwerlöslicher Komplex aus dem basischen Aluminiumsalz des Saccharose-Octosulfats und Aluminiumhydroxid. Nach oraler oder gastraler Verabreichung erfolgt im sauren pH (1–3) die Aktivierung des Wirkstoffs. Der Komplex polymerisiert zu einem zähflüssigen polyanionischen Gel, das bevorzugt an die positiv geladenen Gewebsproteine geschädigter Schleimhaut von Speiseröhre, Magen und Zwölffingerdarm bindet, des Weiteren an die Glykoproteine des Magenschleims. Dadurch entsteht eine stabile Schutzschicht, die die Läsionen gegen Magensäure, Pepsin und Gallensäuren abschirmt und gleichzeitig Pepsin und Gallensäuren adsorbieren kann. Die Wirkdauer beträgt etwa 6 Stunden, danach löst sich die Bindung wieder. Zusätzlich stimuliert Sucralfat körpereigene Reparaturmechanismen: Es fördert die Prostaglandinsynthese, unterstützt die Schleim- und Bikarbonatsekretion, verbessert die lokale Mukosadurchblutung und beschleunigt die Geweberegeneration.2,3,4
Indikationen
Das rezeptfreie Sucralfat-Präparat ist für die Behandlung von Refluxsymptomen wie Sodbrennen und saurem Aufstoßen indiziert. Hier werden 4 x täglich 5 ml eingenommen, und zwar nach den Mahlzeiten und vor dem Schlafengehen, da die Schutzschicht in dieser Indikation vor allem postprandial wirken soll. Ohne ärztliche Rücksprache oder bei ausbleibender Besserung sollte die Behandlung auf maximal 2 Wochen begrenzt sein.⁴
Rezeptpflichtige Sucralfat-Präparate sind zugelassen zur Behandlung des Ulcus ventriculi und Ulcus duodeni, um die Beschwerden zu lindern und die Abheilung zu beschleunigen. Hier erfolgt die Einnahme eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten und vor dem Schlafengehen (4 x täglich 1 g, bei Ulcus duodeni auch 2 x 2 g möglich). Die Behandlungsdauer liegt zwischen vier und zwölf Wochen. Für die Rezidivprophylaxe werden 2 x 1 g empfohlen, sie kann laut Fachinformation auf 6–12 Monate ausgedehnt werden.4
In den aktuellen Leitlinien zur Ulkusbehandlung spielt Sucralfat keine Rolle mehr. Die modernen Therapieschemata setzen konsequent auf Protonenpumpenhemmer, welche Ulzera schneller und zuverlässiger zur Abheilung bringen und zudem eine geringere Einnahmefrequenz erfordern. Auch in der Stressulkusprophylaxe bei kritisch Kranken ist Sucralfat unterlegen: PPI sind hier wirksamer als Sucralfat und H₂-Blocker und erhöhen – anders als früher befürchtet – das Risiko nosokomialer Pneumonien nicht weiter.5
In der aktuellen Leitlinie zur gastroösophagealen Refluxkrankheit ist Sucralfat ebenfalls nicht empfohlen. Erwähnt wird es hier lediglich im Rahmen von Refluxbeschwerden in der Schwangerschaft, eingebettet in die übliche Step-up-Strategie: Allgemeinmaßnahmen vor Antazidum, Alginat, Sucralfat, H2-Rezeptorantagonist und PPI.6
Laut embryotox.de sind teratogene oder fetotoxische Effekte von Sucralfat nicht beschrieben; systemische Wirkungen des Aluminiumanteils bei indikationsgerechter, kurzzeitiger Anwendung sind unwahrscheinlich.7
Nebenwirkungen
Sucralfat gilt insgesamt als gut verträglich. Gelegentlich wird eine Obstipation beobachtet, selten sind Übelkeit und Mundtrockenheit, sehr selten Juckreiz oder Exantheme. Extrem selten sind Bezoarbildungen (Verklumpungen im Magen-Darm-Trakt) bei schwerkranken Intensivpatient:innen mit eingeschränkter Magenmotilität.
Sowohl der Saccharose- als auch der Aluminiumanteil von Sucralfat werden nur in sehr geringem Ausmaß resorbiert. Dennoch kann es bei schwerer Niereninsuffizienz – insbesondere bei Urämie oder Dialyse – zu erhöhten Aluminiumspiegeln kommen, weshalb Sucralfat in dieser Patientengruppe vermieden werden sollte. Die Fachinformation empfiehlt bei längerer Anwendung die Kontrolle der Aluminium-Serumspiegel (Grenzwert 30 µg/l) und rät von hochdosierten oder langfristigen Therapien bei Alzheimer-Patient:innen ab.4
Sucralfat bei Kindern
Sucralfathaltige Präparate sind bei Kindern unter 14 Jahren nicht zugelassen, dennoch existiert eine begrenzte klinische Datenlage ohne größere Sicherheitsbedenken (etwa zu Stressulkusprophylaxe, Reflux und Mukositis). Ein aktueller Review beschreibt Sucralfat zudem als sichere und wirksame Zusatzoption für postoperative Schmerzen im Oropharynx nach Tonsillektomien bei Kindern. Es konnte frühe postoperative Beschwerden verbessern, die funktionelle Erholung unterstützen und den Bedarf an systemischen Analgetika reduzieren. Größere Studien auf diesem Gebiet werden jedoch gefordert.8
Auch beim lebensbedrohlichen Verschlucken von Knopfbatterien hat Sucralfat einen Stellenwert. Es ist, wie Honig, eine unmittelbare Erstmaßnahme, um die Laugenverätzungen der Schleimhaut zu begrenzen. Die unverzüglich einzuleitende endoskopische Enfernung der Batterie im Spital darf dadurch jedoch keinesfalls verzögert werden.9
Wechselwirkungen
Bei Sucralfat lohnt sich ein genauer Blick auf mögliche Interaktionen. Der Wirkstoff kann die Resorption zahlreicher anderer Arzneimittel beeinträchtigen, weshalb ein Einnahmeabstand von zwei bis vier Stunden erforderlich ist – etwa bei Chinolonen, Tetracyclinen, Phenytoin, Digoxin, einigen antiretroviralen Wirkstoffen, L-Thyroxin, Bisphosphonaten, Sulpirid, Amitriptylin u. a.). Umgekehrt kann die Wirkung von Sucralfat durch Antazida abgeschwächt werden, da diese den pH-Wert im Magen anheben und damit die für Sucralfat notwendige saure Aktivierung beeinträchtigen.4
Off-Label-Anwendungen
Aufgrund seiner filmbildenden und wundheilungsfördernden Eigenschaften wird Sucralfat bei diversen mukokutanen Erkrankungen angewendet. Experimentell unterstützt es regenerative Prozesse der Haut und Schleimhaut, unter anderem durch eine erhöhte Bildung von Prostaglandinen, Fibroblast Growth Factor und Epidermal Growth Factor sowie durch die Hemmung von Interferon-γ und Interleukin-2.10 Dies führte zur topischen Anwendung bei unterschiedlichen epithelialen Läsionen – etwa bei entzündlicher Dermatitis, Windeldermatitis, Strahlendermatitis, Strahlenproktitis, Ulcera und Verbrennungen.
Aktuelle Leitlinien unterstützen die Anwendung von Sucralfat zur Therapie von oraler Mukositis unter Chemotherapie nicht mehr, für deren Prophylaxe gibt es aufgrund der uneindeutigen Datenlage keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz. Auch zur Prophylaxe der radiogenen Diarrhoe, der Strahlendermatitis oder zur Anwendung von Sucralfat-Klysmen bei radiogener Proktitis gibt es keine Empfehlung (die klinische Handhabung kann jedoch individuell abweichen, abhängig von der ärztlichen Einschätzung).10
Sucralfat hat zudem einen Stellenwert als nebenwirkungsarme Lokaltherapie von habituellen Aphthen und aphthoiden Läsionen der Mund- und Rachenschleimhaut. Die Anwendung erfolgt hier 3 x täglich als Mundspülung.11
Quellen
- BASG Arzneispezialitätenregister
- Karow T: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 30. Auflage 2022
- Patel P, John S: Sucralfate. [Updated 2024 Feb 28]. Publishing; 2026
- Austria Codex Fachinformation
- Aktualisierte S2k Leitlinie Helicobacter pylori und gastroduodenale Ulkuskrankheit. AWMF Reg. Nr. 021-001, 2022
- S2k Leitlinie Gastroösophageale Refluxkrankheit und eosinophile Ösophagitis, AWMF Reg. Nr. 021-013, 2023
- Embryotox: Sucralfat. Zuletzt abgerufen am 9.9.2026
- Almughamisi RH et al.: Efficacy and Safety of Topical Sucralfate for Post-Tonsillectomy Pain in Children: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. J. Otolaryngology Head Neck Surg. 2026;55
- S2k Leitlinie:Interdisziplinäre Versorgung von Kindern nach Fremdkörperaspiration und Fremdkörperingestion. AWMF Reg. Nr. 001-031, 2024
- S3 Leitlinie: Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen, AWMF Reg. Nr. 032-054OL, 2026
- S2k Leitlinie: Diagnostik und Therapieoptionen von Aphthen und aphthoiden Läsionen der Mund- und Rachenschleimhaut, AWMF Reg. Nr. 007-101