Kardioselektive Betablocker wie Metoprolol und Bisoprolol sind heute selbstverständliche Säulen der Herz-Kreislauf-Therapie. Bis zu ihrer Einführung war es jedoch ein bemerkenswerter wissenschaftlicher Weg. Schon 1948 formulierte Raymond Ahlquist seine bahnbrechende Theorie zur Existenz von α- und β-Adrenorezeptoren und zeigte, dass diese unterschiedlich auf Katecholamine reagierten. Der klinische Durchbruch erfolgte ein Jahrzehnt später: Der spätere Nobelpreisträger Sir James Black entwickelte Propranolol, den ersten klinisch erfolgreichen unselektiven Betablocker. Die Substanz wurde zum Prototyp der Substanzklasse und ist bis heute in Verwendung. Außerdem erfand Black den ersten Betablocker mit β1-Präferenz, Practolol, der jedoch wegen schwerer okulo-mukokutaner Nebenwirkungen verworfen wurde.
1967 folgte der nächste Meilenstein: Alonzo Lands und seine Mitarbeiter präzisierten die Unterteilung in β1- und β2-Rezeptoren und beschrieben ihre Organverteilung. In der Folge wurde verstärkt nach Betablockern mit β1-Präferenz geforscht, sogenannten „kardioselektiven“ Substanzen. Bei Hässle/Astra in Schweden synthetisierte man Metoprolol, das 1970 patentiert werden konnte.
In Österreich kam Metoprolol 1977 als Tartrat auf den Markt, Metoprololsuccinat gibt es seit 1990.
Wirkmechanismus und Besonderheiten
β-Adrenozeptor-Antagonisten („Betablocker“) hemmen kompetitiv β-Adrenozeptoren und damit die Wirkung der Katecholamine in ihren Zielorganen. Innerhalb der Substanzklasse unterscheidet man die Wirkstoffe nach β1-Selektivität (auch als Kardioselektivität bezeichnet, da der β1-Rezeptor am Herzen dominiert), nach ihrer Lipophilie (was unter anderem die Gewebs- und ZNS-Gängigkeit, unerwünschte Wirkungen und Metabolisierung beeinflusst), nach zusätzlichen vasodilatierenden Effekten (z. B. bei Nebivolol) und ihrer intrinsischen sympathomimetischen Aktivität (d. h. einer partiellen agonistischen Aktivität am Rezeptor). Am Herzen wirken sie negativ inotrop, chronotrop, dromotrop und bathmotrop, beeinflussen also Frequenz, Leitungsgeschwindigkeit, Kontraktilität und Erregbarkeit. Zusätzlich senken sie die Reninausschüttung und bremsen dadurch das RAAS, was u. a. zum blutdrucksenkenden Effekt beiträgt.
Metoprolol bindet bevorzugt an β1-Rezeptoren und gilt daher als kardioselektiver Betablocker – wie etwa auch Bisoprolol, Atenolol und Nebivolol. Diese Selektivität ist relativ, da sie bei höheren Dosierungen abnimmt. Metoprolol besitzt keine intrinsische sympathomimetische Aktivität (ISA); dies gilt therapeutisch als Vorteil, da die Daten zur Reduktion der Mortalität bei KHK und Herzinsuffizienz nur von Substanzen ohne ISA vorliegen. Zusätzliche vasodilatierende Effekte hat Metoprolol nicht. Aufgrund seiner mäßigen Lipophilie ist es moderat, aber klinisch relevant ZNS-gängig.
Pharmakokinetische Aspekte
Die Substanz wird nach oraler Verabreichung nahezu vollständig resorbiert und erreicht aufgrund eines ausgeprägten First-Pass-Effekts in der Leber eine systemische Bioverfügbarkeit von nur etwa 50 %. Der Wirkstoff wird hauptsächlich über CYP 2D6 metabolisiert, entsprechende Interaktionen sind daher zu beachten. CYP-2D6-Polymorphismen können die Wirkung relevant beeinflussen: Poor Metabolizer können deutlich erhöhte Wirkspiegel aufweisen, bei Ultra-Rapid-Metabolizern könnte die Wirkung vermindert sein.
Indikationen: Von Herz bis Kopf
Metoprolol steht als i. v. Form für die Notfallmedizin und die Klinikbehandlung zur Verfügung. Hauptindikation sind tachykarde Herzrhythmusstörungen, die eine rasche Frequenzkontrolle erfordern. Die Akuttherapie des Myokardinfarkts ist eine Indikation laut Fachinformation, sie wird bei ausgewählten Patient:innen eingesetzt.
Oral wird Metoprolol als Tartrat und Succinat eingesetzt. Beide Formen sind zur Behandlung tachykarder Herzrhythmusstörungen indiziert, insbesondere supraventrikulärer Tachykardien. Ein weiteres Einsatzgebiet ist die chronisch stabile Angina pectoris, bei der Metoprolol die Häufigkeit und Schwere der Anfälle vermindert (die vasospastische Prinzmetal-Angina ist hingegen Kontraindikation, hier könnte der Wirkstoff die Symptomatik verschlechtern). Wie auch Propranolol und Bisoprolol ist Metoprolol eine wirksame Substanz in der Migräneprophylaxe und verfügt dabei über ein hohes Evidenzniveau.
Metoprolol ist auch zur Therapie des Bluthochdrucks indiziert. Wie andere Betablocker ist es nicht Mittel der ersten Wahl bei isolierter Hypertonie – hier werden ACE-Hemmer, ARB, Calciumkanalblocker oder Thiazide bevorzugt. Leitliniengerecht kann es jedoch eingesetzt werden, wenn Begleiterkrankungen wie Tachyarrhythmien, KHK oder eine Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion vorliegen.
Eine etablierte Indikation ist die Sekundärprävention nach Herzinfarkt: Metoprolol senkt nachweislich die Gesamt- und kardiovaskuläre Sterblichkeit. Dazu tragen verschiedene Mechanismen bei – etwa die Reduktion des myokardialen Sauerstoffverbrauchs, Schutz vor malignen Arrhythmien, reduzierte sympathische Aktivierung, Blutdrucksenkung und verbesserte linksventrikuläre Funktion.
Trotz seiner negativ inotropen (= kontraktionskraftvermindernden) Wirkung verbessert Metoprolol die langfristige Prognose einer stabilen, symptomatischen Herzinsuffizienz – es ist indiziert bei NYHA-Stadium II–IV und eingeschränkter linksventrikulärer Ejektionsfraktion < 40 %. Als Zusatz zur üblichen Standardtherapie reduziert es hier die Sterblichkeit, den plötzlichen Herztod und die Hospitalisierungsrate. Der Effekt wird vor allem auf die Reduktion der neurohumoralen Überaktivierung zurückgeführt. Wichtig: Die Evidenz für die Herzinsuffizienztherapie ist nur für Metoprololsuccinat robust, nicht aber für das Tartrat. Bei der Herzinsuffizienz ist ein vorsichtiges Einschleichen der Therapie und ein langsames Auftitrieren unter Kontrolle von Herzfrequenz, Blutdruck und Symptomen besonders wichtig.
Aktuelle Studien zum langfristigen Nutzen von Betablockern nach Herzinfarkt zeigen eine zunehmend differenzierte Evidenzlage. Insbesondere bei Patient:innen mit erhaltener oder nur leicht reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion wird der Nutzen einer langfristigen Betablockertherapie vermehrt individualisiert betrachtet.
Praktische Aspekte
Der Austausch von Metoprololtartrat gegen Metoprololsuccinat ist nicht ohne weiteres möglich. Metoprololtartrat wird in der unretardierten Form eingesetzt, hat eine kurze Halbwertszeit, erfordert meist eine mehrmalige tägliche Gabe und zeigt stärkere Konzentrationsschwankungen. Metoprololsuccinat wird dagegen überwiegend als Retardtablette verwendet, die den Wirkstoff über 20–24 Stunden gleichmäßig aus Pellets freisetzt (häufig als ZOK – Zero Order Kinetik – bezeichnet). Dies bietet eine gleichmäßigere β1-Blockade mit stabileren Plasmaspiegeln und dadurch oft bessere Verträglichkeit. Aufgrund der Datenlage ist nur retardiertes Metoprololsuccinat zur Anwendung bei Herzinsuffizienz indiziert. Die Retardtabletten dürfen zwar geteilt oder suspendiert, jedoch nicht zermörsert oder gekaut werden (Fachinformation beachten).
Unter Langzeittherapie kann es zur Hochregulation von Betarezeptoren und gesteigerter β-adrenerger Empfindlichkeit kommen. Ein abruptes Absetzen kann daher einen raschen Blutdruckanstieg, Tachykardie oder Angina-pectoris-Anfälle auslösen, bei vulnerablen Patient:innen sogar das Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse. Die Therapie sollte daher grundsätzlich unter ärztlicher Kontrolle langsam ausgeschlichen werden.
Wichtige Kontrollen unter Metoprolol betreffen unter anderem Herzfrequenz und -rhythmus, den Blutdruck, die Atemfunktion, Blutzucker sowie zentrale Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schlafstörungen oder depressive Symptome. Bei Herzinsuffizienz ist zusätzlich die Symptomstabilität entscheidend.
Quellen
- Oliver E, et al.: Beta-blockers: Historical perspective and mechanisms of action. Rev Esp Cardiol (Engl Ed) 2019; 72(10): 853–862
- BASG: Arzneispezialitätenregister
- Austria Codex Fachinformation
- Geisslinger G, et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen (2020); 11. Auflage, WVG, Stuttgart
- S1-Leitlinie: Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne (2025)., AWMF-Reg.Nr. 030-057
- S3-Leitlinie: Nationale Versorgungsleitlinie: Hypertonie (2023). AWMF-Reg.Nr. nvl-009
- Zuin M, et al.: β-Blockers after myocardial infarction with preserved or mildly reduced left ventricular ejection fraction: Fragility of contemporary evidence. Am Heart J Plus 2026; 67: 100810
- S3-Leitlinie: Nationale Versorgungs-Leitlinie: Chronische Herzinsuffizienz (2023). AWMF-Reg.Nr. nvl-006