Die atopische Dermatitis (AD), auch Neurodermitis genannt, zählt zu den häufigsten Hauterkrankungen. Eine gestörte Hautbarriere führt zu erhöhtem transepidermalem Wasserverlust und Trockenheit, erleichtert das Eindringen von Allergenen, Bakterien und anderen möglichen Schadstoffen und führt oft zu starkem Juckreiz. Bei Fragen zur Hautpflege und zur Auswahl geeigneter Produkte ist die Apotheke eine wichtige Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige.1,2
Basispflege = Basistherapie
Bei atopischer Dermatitis ist Hautpflege zugleich Therapie. Sie soll der Haut Lipide und Feuchtigkeit zuführen, ihre Geschmeidigkeit erhöhen und Reizungen lindern. Als Dauertherapie muss sie regelmäßig angewendet werden, um einer Verschlechterung der Symptome entgegenzuwirken. Eine gute Adhärenz ist für den Therapieerfolg entscheidend, weshalb die Wichtigkeit der Basispflege in der Beratung deutlich vermittelt werden soll. Welches Pflegeprodukt nun geeignet ist, richtet sich nach dem aktuellen Hautzustand und den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen.1,2
Auswahl nach Akuität
Als Grundsatz gilt: Je feuchter die Haut, desto feuchter die Pflege!
Den akuten Schub, gekennzeichnet durch hochgradige Inflammation und nässende Ekzeme, gilt es möglichst feucht zu behandeln. Möglicherweise können vorerst nur Bäder oder feuchte Umschläge zur Anwendung kommen, bis Lotionen oder andere Externa toleriert werden. Gerbstoffhaltige Zubereitungen, etwa Schwarztee-Umschläge, können von manchen Betroffenen als lindernd empfunden werden. Bei großflächig betroffenen Körperregionen kann es erforderlich sein, kleinere Umschläge nacheinander aufzulegen, um Unterkühlung vorzubeugen (besonders bei Kindern).
Im subakuten Schub, bei Entzündungen ohne Exsudation, können bereits hydrophile Lotionen oder Cremes verwendet werden. Falls toleriert, können auch fett-feuchte Verbände zum Einsatz kommen. Diese bestehen aus:
1 einer messerdicken Schicht der Basiscreme
2 einer feuchten Kompresse (kann in Wasser, physiologischer Kochsalzlösung oder auch Schwarztee getränkt sein)
3 einem trockenen Verband zur Fixierung
Je nach Wohlbefinden können sie 20 Minuten bis zwei Stunden auf der Haut bleiben. Als Verbände eignen sich Mullbinden oder Schlauchverbände.
Achtung: Die Anwendung darf nicht bei Fieber oder Superinfektionen erfolgen.
Fett-trockene Verbände können eine Alternative sein, falls fett-feuchte Verbände nicht gemocht werden.
Im chronischen Stadium, ohne akute Entzündungen und mit nur geringer Rötung, steht die Therapie von Trockenheit und Schuppung im Vordergrund. Hier können in Abhängigkeit vom individuellen Hautgefühl fettreichere Formulierungen verwendet werden. In der S3-Leitlinie Atopische Dermatitis wird betont, dass bei Anwendung reiner Öle wie Kokosnuss- oder Olivenöl statt Emulsionen die Haut weiter austrocknet.
Auswahl nach Lokalisation
Oft entspricht es dem Empfinden der Betroffenen, im Gesicht oder in intertriginösen Arealen (z. B. Axillae) eher hydrophile und an den Extremitäten lipophile Dermatika zu verwenden.
Auswahl nach Lebensalter
Bei Säuglingen und Kleinkindern ist die Haut leichter irritierbar und Wirkstoffe werden eher resorbiert. Dementsprechend sind reizende Stoffe oder mögliche Kontaktallergene ganz besonders zu vermeiden.
Bei Jugendlichen ist die Akzeptanz des Produktes sehr wichtig für die Adhärenz. Von Vorteil sind schnell einziehende Formulierungen, die im Gesicht nicht komedogen wirken.
Auswahl nach Jahreszeit
Während im Winter fettreichere Produkte geeigneter sein können, sind im Sommer Lotionen oder Cremes sinnvoller, weil Juckreiz durch Okklusion verstärkt werden kann.
Hautreinigung bei atopischer Dermatitis
Die Reinigung hat bei Neurodermitis-Patient:innen einen besonderen Stellenwert, da die Haut sensibler gegenüber Schweiß und Schmutz ist und eher zu unerwünschter bakterieller Kolonisation neigt. In einem systematischen Review konnte tägliches Duschen oder Baden nicht mit einer Verschlechterung der Symptomatik assoziiert werden, weshalb nicht aufgrund der Erkrankung davon abgeraten werden soll.
Die Haut wird durch die Reinigung außerdem auf die Pflege vorbereitet. Sie sollte nur trockengetupft und noch im feuchten Zustand eingecremt werden, da einerseits das Pflegeprodukt Feuchtigkeit spendet und andererseits seine okklusiven Bestandteile die noch vorhandene Feuchtigkeit in der Haut einschließen („Soak and seal“-Methode).1–7
Empfehlungen
für Bad & Dusche
• Schonende Durchführung
• Wassertemperatur: lauwarm, nicht heiß
• Dauer: kurz (ca. 5 min)
• Keine alkalischen Seifen
• Soak and seal: möglichst schnell danach eincremen
Reinigungsprodukte
Tenside interagieren mit Schmutz und Fett wie auch mit Hautlipiden und -proteinen und können daher Trockenheit, Spannungsgefühl und Juckreiz auslösen. Die Beschaffenheit ihrer Kopfgruppe beeinflusst die Interaktion mit Hautproteinen, die wiederum mit Irritation korreliert. Anionische Tenside (z. B. Sodiumlaurylsulfat) wirken tendenziell stärker reizend als amphotere (z. B. Cocamidopropylbetain). Nichtionische Tenside (z. B. Alkylpolyglucosid) gelten als milder. Gibt es zusätzlich verminderte Interaktion mit Hautlipiden, wird das irritative Potenzial noch weiter gesenkt.
Die Verträglichkeit hängt aber auch von der Gesamtformulierung ab. Co-Tenside, Gegenionen sowie Ethoxylierung können Tenside abmildern und pflegende Stoffe können die Haut schonen.
Auch der pH-Wert des Produktes hat Einfluss darauf. Ein hoher pH-Wert begünstigt Austrocknung und schädigt die Hautbarriere, weshalb niedrigere pH-Werte (ca. 5 bis 6) bevorzugt werden sollen.
Seifen sind chemisch gesehen die Alkalisalze von Fettsäuren, zählen daher zu den anionischen Tensiden, sind basisch und sollten wegen ihrer aggressiven Wirkung vermieden werden. Die heute meist gebräuchlichen Produkte enthalten synthetische Tenside, deren pH-Wert tiefer liegt.
Ein zusätzlicher und häufig unterschätzter Irritationsfaktor ist das Reiben der Haut zur Erzielung des gewünschten Reinigungseffekts. Insbesondere zum Entfernen von Make-up sollte ein ausreichend wirksamer Reiniger verwendet werden, um die Haut möglichst wenig mechanisch zu beanspruchen. Die Reinigung mit den Fingern ist sanfter als mit einem Wattepad. Auch No-Rinse-Produkte sollten bei Neurodermitis anschließend mit Wasser abgespült werden.
Duschgele, -cremes, -öle oder Bademilch können sich in ihrer Zusammensetzung, dem Anteil an pflegenden Inhaltsstoffen und ihrer Konsistenz deutlich unterscheiden. Duschgele reinigen oft stärker und pflegen weniger, Duschcremes sind potenziell pflegender und rückfettender. Badeöle können mit einer kurzen Inhaltsstoffliste punkten, der Pflegeeffekt beruht auf dem Hinterlassen einer Ölschicht beim Ein- und Aussteigen aus der Badewanne. Diese ersetzt aber keinesfalls das Eincremen danach. Eine Bademilch pflegt als Emulsion während der gesamten Badedauer, hat im Gegensatz zum Öl aber möglicherweise mehr Inhaltsstoffe wie Emulgatoren. Alle Produkte können irritierende oder allergene Stoffe enthalten. Was schlussendlich verwendet wird, hängt von den aktuellen individuellen Bedürfnissen der Betroffenen und deren Hautzustand ab.
Inhaltsstoffe genauer betrachtet
Die Produkte für Neurodermitis-Patient:innen sollen nicht irritierend wirken und keine starken Allergene enthalten. Beispiele dafür sind Duftstoffe (z. B. Geraniol, Limonene, Linalool), Konservierungsmittel, Emulgatoren oder auch natürliche Extrakte. Eine ausführliche Beschreibung zu Kontaktallergenen in Kosmetika findet sich in der ÖAZ 04/26 („Kontaktallergene in Kosmetika“, S. 44 ff.).
In Studien waren Pflegeprodukte mit feuchtigkeitsspendenden Zusätzen wirksamer als Produkte ohne diese. Moisturizer können beispielsweise Glycerin, Urea oder Propylenglykol sein.
Bei Säuglingen soll auf Urea aufgrund möglicher Hautreizungen verzichtet werden, bei Kleinkindern können niedrigere Konzentrationen als bei Erwachsenen eingesetzt werden. Auch im akuten Schub wird Urea meist nicht vertragen.
Propylenglykol kann ebenfalls bei Kleinkindern Hautreizungen verursachen.
Zu den weiteren Inhaltsstoffen in Pflegeprodukten zur Behandlung der AD zählen unter anderem Licochalcon A, Saponine, Riboflavine aus proteinfreien Junghaferextrakten, bakterielle Lysate, Tannin, Ammoniumbituminosulfonat, Flavonoide oder ungesättigte Fettsäuren. Für einzelne Produkte gibt es Hinweise auf Verbesserung der Symptome.
Speziell bei Kindern unter zwei Jahren sollen Produkte mit eiweißhaltigen Allergenen oder Haptenen wie Lanolin aufgrund möglicher IgE-vermittelter Sensibilisierung oder Auslösen einer Kontaktallergie vermieden werden. Dementsprechend sollen auch Badeöle keine allergenen Eiweiße enthalten (bei raffinierten Ölen sind diese in der Regel nicht mehr vorhanden). Erdnuss- und Kokosnussöl können das Sensibilisierungsrisiko steigern.1,2,8
Topische wirkstoffhaltige Therapie
Für die wirkstoffhaltige Behandlung der AD werden topische Glucocorticosteroide oder topische Calcineurininhibitoren eingesetzt. Letztere sind für risikobehaftete Körperregionen, wie Gesicht, Anogenitalbereich oder intertriginöse Bereiche, vorgesehen.
Die Therapie kann einerseits reaktiv erfolgen, wobei die Wirkstoffe auf sichtbar geschädigte Hautstellen aufgetragen und nach Abklingen wieder abgesetzt werden. Andererseits kann eine proaktive, also eine Langzeittherapie durchgeführt werden, bei der die antiinflammatorischen Wirkstoffe über den akuten Schub hinaus, meist zweimal wöchentlich, zusätzlich zur Basistherapie aufgetragen werden.
Bei Notwendigkeit können nach ärztlicher Abklärung auch antiseptische, antimikrobielle, antimykotische oder antipruriginöse Wirkstoffe eingesetzt werden.
Topische Antihistaminika sollen nicht gegen Juckreiz bei AD eingesetzt werden.1
Resümee: schonend reinigen, individuell pflegen
Eine konsequente Basistherapie ist in allen Stadien der atopischen Dermatitis essenziell. Gute Verträglichkeit und Akzeptanz sind dabei Voraussetzungen für eine langfristige Adhärenz und tragen so zu einer stabileren Hautbarriere und verbesserten Lebensqualität bei.
Quellen
- S3-Leitlinie: Atopische Dermatitis (AD) [Neurodermitis; atopisches Ekzem] (2026), AWMF-Reg.Nr. 013-027
- Ahrens F, et. al.: GPA Sonderheft Neurodermitis. Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin e.V.
- Ananthapadmanabhan KP, et al.: Cleansing without compromise: the impact of cleansers on the skin barrier and the technology of mild cleansing. Dermatologic Therapy 2004;17, 16–25
- Ananthapadmanabhan K, et al.: Recent advances in mild and moisturizing cleansers. JDDonline - Journal of Drugs in Dermatology. (2019).
- Draelos ZD: The science behind skin care: Cleansers. Journal of Cosmetic Dermatology 2018;17, 8–14
- Corazza M, et al.: Surfactants, skin cleansing protagonists. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology 2010; 24, 1–6
- Marcelino J, Giménez-Arnau AM: Impact of cosmetics and cleansers in atopic dermatitis—how to advise patients. Curr Treat Options Allergy 2024;11, 62–76
- Scientific Committee on Consumer Safety. OPINION on Fragrance allergens in cosmetic products. European Union (2012).