Heiserkeit

Wenn die Stimme versagt

Mag. Pharm

Doris

Auinger

Artikel drucken
Shutterstock © Shutterstock
© Shutterstock

Bei einer Stimmstörung oder Dysphonie, wie die Heiserkeit mit dem medizinischen Fachbegriff auch genannt wird, ertönt eine raue, unreine bzw. belegte Stimme mit verändertem Klangbild. Als häufige Ursache gelten insbesondere während der Erkältungssaison viral bedingte Entzündungen im Rachenbereich. Weitere Auslöser, bewährte Therapiemöglichkeiten für die Selbstmedikation sowie Tipps für eine rasche Regeneration des angegriffenen Stimmtraktes sind Inhalt dieses Beitrags. 

Artikulation, Phonation, Atmung – ein stimmiges Trio

Physikalisch betrachtet besteht Stimmschall aus periodischen Druckveränderungen der Umgebungsluft um die Stimmschallquelle. Für die Entstehung und Weiterleitung des Stimmschalls interagieren drei grundlegende funktionelle Komponenten: Atmung, Phonation und Artikulation. 

Durch die Atmung wird der für die Stimmlippenvibration erforderliche subglottische Druck bereitgestellt und übt gleichsam die Funktion eines Kompressors aus, der sehr geringe Abstufungen des Luftdrucks in schneller zeitlicher Abfolge regulieren kann. Der Kehlkopf arbeitet als Oszillator, der den Luftstrom durch die Stimmritze (Glottis) in eine Folge von Luftimpulsen umwandelt. Unter stimmhafter Phonation wird die Entstehung von Stimmschall durch die schwingenden Stimmlippen im Kehlkopf verstanden, wobei ein Teil der strömungs- und strukturmechanischen Energie in akustische Energie umgewandelt wird. Dies geschieht hauptsächlich indem die schwingenden Stimmlippen die transglottische Strömung modulieren. 

Weitere schallerzeugende Phänomene sind Turbulenzen der supraglottischen Strömung sowie die Vibrationen der Stimmlippen und deren Interaktion mit der sie umgebenden Luft. Der Stimmschall tritt in die oberhalb der Stimmlippenebene lokalisierten luftgefüllten Raume ein, die als Ansatzräume oder Vokaltrakt bezeichnet werden. Diese Räume wirken als Resonator, der das Schallspektrum der Stimmquelle durch Resonanz-, Antiresonanz- und Dämpfungseigenschaften filtert. Der Prozess der Klangformung oder Artikulation in den luftgefüllten Ansatzräumen ist für die Formung von Vokalen und Konsonanten, die Prägung des individuellen Stimmtimbres sowie die Tragfähigkeit einer Stimme verantwortlich.

Organisch, funktionell, psychogen bedingt oder vox senium

Sprechklangveränderungen und damit einhergehende Einschränkungen der stimmlichen Leistungsfähigkeit können auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sein, wobei organische Stimmstörungen (z. B. akute bzw. chronische und nichtinfektiöse Laryngitiden), funktionelle Stimmstörungen (z. B. Über- oder Fehlbelastung), gut- und bösartige Tumore, neurogene Ursachen (z. B. Stimmlippen­parese), hormonelle Veränderungen, physiologische Altersstimme sowie psychogene Faktoren als Hauptauslöser gelten. 

Akute Laryngitis

Die akute Laryngitis stellt die häufigste Ursache von Heiserkeit dar und beruht meist auf einer viralen Infektion der oberen Atemwege mit weiteren typischen Symptomen wie Halsschmerzen, Rhinitis, Kopfschmerzen sowie leichtem Fieber. Unterschiedliche Auslöser wie beispielsweise RS-, Adeno-, Coxsackie-, ECHO- und Parainfluenza-Viren können als Verursacher infrage kommen. Stimmschonung, jedoch keine absolute Stimmruhe wird geraten, um Fehlkompensationen bis hin zur Aphonie vorzubeugen: nicht laut sprechen oder singen, Flüstern und forcierte Stimme vermeiden, notwendige Kommunikation kurz und entspannt halten. Eine routinemäßige antibiotische Therapie wird gemäß S2k-Leitlinien abgelehnt und ist nur in Ausnahme­fällen (z. B. bakterielle Superinfektion, Larynxtuber­kulose) indiziert. 

Chronische Laryngitis

Neben Nikotinabusus und anderen toxischen Inhalationen (z. B. reizende Gase, Stäube, chemische Aerosole), anhaltenden Infektionen der oberen Atemwege, mechanischen Reizungen (z. B. sehr starker Husten, intensive Belastung der Stimmbänder), Refluxkrankheit und eventuellen allergischen Faktoren können auch bestimmte Arzneimittel Heiserkeit begünstigen oder eine chronische Reizung des Kehlkopfs unter­halten. Die Zusammenhänge sind unterschiedlich gut belegt und reichen von indirekten Effekten (z. B. Husten, Mundtrockenheit) bis zu seltenen neurotoxischen oder gefäßbezogenen Wirkungen. Im Einzelfall sollten Nutzen und Risiken der Medikation ärztlich geprüft werden.

Psychogene Dysphonie

Psychogene Stimmstörungen werden durch psychische Faktoren verursacht und äußern sich durch kompletten Stimmausfall (Aphonie) oder eine stark eingeschränkte Stimme. Oftmals handelt es sich um eine akute, nicht bewusst steuerbare Manifestation, der ein einschneidendes, psychisch belastendes Ereignis vorangegangen ist. Auch Angststörungen oder Depressionen zählen zu möglichen Auslösern einer psychogenen Dysphonie. Eine psychotherapeutische Verhaltenstherapie in Kombination mit einer Stimmtherapie gilt als hilfreiche Behandlungsmöglichkeit, auch wenn weiterhin unterschiedliche Ansichten zum therapeutischen Vorgehen bei dieser Stimmstörung bestehen.  

Sonderfall Stimmbruch

In der Pubertät kommt es durch den Einfluss von Androgen zu einem starken Wachstumsschub des Kehlkopfes: Bei jungen Männern verlängern sich die Stimmlippen um 1 cm, bei Mädchen hingegen nur um 3 bis 4 mm. Dadurch sinkt die Grundfrequenz bei Jungen um eine Oktave, bei den Mädchen um eine Terz. Nicht selten verläuft das Wachstum unkoordiniert und die Stimme wird besonders sensibel und teilweise heiser. Zusätzliche psychosoziale Belastungssituationen beim Erwachsenwerden können in einer Mutationsstimmstörung („verlängerter Stimmbruch“) resultieren, was die Stimme zwischen Kopf- und Bruststimme hin und her kippen lässt, bis der Stimmwechsel geschafft ist.

Wieder gut bei Stimme sein

Eine Linderung der Beschwerden sowie Unterstützung der Regeneration der angegriffenen Larynx-Schleimhäute kann durch unterschiedliche therapeutische Maßnahmen erreicht werden. 
Insbesondere befeuchtende Substanzen in Form von Lutschpastillen, Rachensprays oder Inhalationslösungen begünstigen die Hydratation des irritierten Stimmtraktes. 

Hyaluronsäure
Das Glykosaminoglykan mit hohem Molekulargewicht verfügt über eine außergewöhnliche Wasserbindungskapazität und übernimmt im Organismus eine wesentliche Rolle zum Schutz vor Wasserverlust, zur Sicherstellung der Gewebeelastizität, Wundheilung sowie Zellregeneration und eignet sich somit gut zur Therapie der Heiserkeit. 
Salz 
Auf die Rachenschleimhaut applizierte physiologische Kochsalzlösung vermag durch Stärkung der natürlichen Atemwegsepithelbarriere die Infektanfälligkeit der irritierten Larynx-Areals zu reduzieren.

Dexpanthenol
Dexpanthenol wird im Körper in das wasserlösliche Vitamin B5 (Pantothensäure) umgewandelt und unterstützt die Bildung sowie Epithelisierung neuer Haut- und Schleimhautzellen, wodurch kleine, oberflächliche Wunden, Verletzungen sowie Entzündungen rascher heilen können.

Chronische Laryngitis
Mögliche Zusammenhänge 
im Überblick

ACE-Hemmer
Beeinträchtigung der Stimme über den als Nebenwirkung auftretenden Husten.

Analgetika
Bei Überdosierung oder langem Gebrauch in Kombination mit starker Stimmbeanspruchung theoretisch Einblutungen in die Stimmlippen möglich (selten).

Anti-Angiogenese-Faktoren
Verminderung der Gefäße im Bereich der Stimmlippen (spezialisierte Onkologie, seltener Mechanismus).

H1-Antihistaminika, β-Adrenozeptoren-Blocker, trizyklische Antidepressiva
Mundtrockenheit als möglicher begünstigender Faktor.

Antitussiva und Opiate
Mundtrockenheit, vermindertes Abhusten von Schleim.

Benzodiazepine
Relaxation der stimmgebenden Muskulatur.

Glucocorticoide
inhalativ Reizung der Stimmlippenschleimhaut, systemisch Abbau der stimmgebenden Muskulatur bei Langzeittherapie.

Hormonelle Kontrazeptiva
In Einzelfällen Absenkung der Stimmlage beschrieben (relevant vor allem für Sprechberufe).

Lithiumcarbonat
Neurologische Störung der Sprechfunktion 
(Dysarthrie/Dysarthrophonie) in Einzelfällen.

Lokalanästhetika
Störung der neuromuskulären Kontrolle im Bereich des Kehlkopfs.

Ototoxische Arzneimittel (z. B. Furosemid, Aminoglykoside)
Störung der audiophonetischen Rück­kopplung (selten).

Vincristin
Neurotoxische Wirkung, in Einzelfällen Stimmlippenparese.

Pflanzliche Tonangeber

Eibisch
Beim zur Familie der Malvengewächse zählenden Echten Eibisch werden die geschälte bzw. ungeschälte getrocknete, zerkleinerte oder auch ganze Wurzel sowie die ganzen oder geschnittenen getrockneten Laubblätter als pharmazeutische Drogen verwendet. Die reizlindernden Wirkungen der Wurzel sind vor allem auf die Schleimpolysaccharide Rhamnogalacturolane und α-Glucane zurückzuführen. Neben den bekannten antitussiven Effekten verfügt die Wurzel auch über immunmodulierende sowie wundheilungsfördernde Eigenschaften, welche dem irritierten Stimmtrakt zugutekommen. 

Isländisch Moos
Die in Mittel- und Hochgebirgen Nord-, Mittel- und Osteuropas beheimatete Flechte Isländisch Moos erweist sich aufgrund der mehr als 50 % enthaltenen wasserlöslichen Polysaccharide mit den Hauptkomponenten Lichenan und Isolichenan als geeignete Droge bei Heiserkeit und Reizhusten. Zusätzliche immunmodulierende, antibakterielle, antivirale sowie antiphlogistische Effekte unterstützen die Genesung des angegriffenen Rachens.

Sängerkraut
Die bei schmerzhaften Zuständen des Rachenraums, Stimmverlust, Reizhusten und Heiserkeit indizierte Weg-Rauke verfügt über synergistisch wirkende ­antimikrobielle, entzündungshemmende, antitussive sowie analgetische Eigenschaften. Glucosinolate, Schleimstoffe, Zuckeralkohole und Flavonoide zählen zu den wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffen des gelb blühenden Vertreters der Brassicaceae.
Weitere Schleimstoffdrogen wie Malve und Spitzwegerich werden, z. B. in Form von Rachenspülungen oder Erkältungstee-Mischungen, ebenfalls erfolgreich bei Heiserkeit angewendet. 

Tipps zur Stimmbandhygiene

• Vermeidung von Zigarettenrauch (aktiv und passiv)

• Vermeidung von Husten, Räuspern, anstrengendem Stimmgebrauch und Flüstern

• Unterstützung der Nasenatmung 

• Verzicht auf scharfe, stark gewürzte Nahrungsmittel und Alkohol

• Befeuchtung der Raumluft, regelmäßiges Lüften 

• Ausreichendes Trinken von Wasser und geeigneten Kräutertees 

• Inhalieren von Kochsalzlösung

• Generelle Stärkung des Immunsystems (bei Bedarf mit Vitamin C, D3, Zink für die Schleimhäute) sowie durch eine ausge­wogene Ernährung

Medikamentöse und komplementäre Optionen bei Dysphonie

Die Behandlung von Dysphonien richtet sich nach der Ursache; Kern sind Stimmtherapie und gege­benenfalls phonochirurgische Maßnahmen. Zur Stimmtherapie gehören Anleitungen zu Körper­haltung, Tonusregulation, Entspannungstechniken, Gähnübungen, laryngeale Massagen sowie Beratung bei Stress, Ängsten und Depressionen. Medikamentöse Optionen kommen nur bei klarer Indi­kation infrage: Botulinumtoxin bei bestimmten dystonen Stimmstörungen, Glukokortikoide bei ausgeprägten entzündlichen oder ödematösen Prozessen, Hyaluronidase in speziellen phonochirurgischen Kontexten, Neurotransmitter-modulierende Substanzen, Piracetam oder Propranolol in Einzelfällen bei neurogen oder tremorassoziierten Stimmstörungen und Protonenpumpenhemmer nur bei gesichertem Reflux. Andere medikamentöse Ansätze haben keine allgemeine Bedeutung in der Dysphonie-Therapie.

  1. Krueger C: Exposure to maternal voice in preterm infants: a review. Adv Neonatal Care 2010; 10(1):13-8. doi: 10.1097/ANC.0b013e3181cc3c69
  2. S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie von Störungen der Stimmfunktion (Dysphonien) (2023), AWMF-Reg.Nr. 049-008. 
  3. Blaschek W: Wichtl-Teedrogen und Phytopharmaka (2016), 6. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart
  4. Simonin JL, et al.: Surface hydration protects cystic fibrosis airways from infection by restoring junctional networks. Cells 2022;11(9):1587. doi: 10.3390/cells11091587
  5. Mohsenikia M, et al.: Althaea officinalis improves wound healing in rats: a stereological study. Drug Discov Ther 2020; 14(5):239−242. doi: 10.5582/ddt.2020.03056  
  6. Calcinoni O, et al.: Sisymbrium „Singers’ Plant“ efficacy in reducing perceived vocal tract disability. J Otolaryngol ENT Res 2017; 8:438–441. doi: 10.15406/joentr.2017.08.00243

Das könnte Sie auch interessieren