Ein auffälliges Blutbild – und plötzlich steht die Diagnose Leukämie im Raum. Die chronische myeloische Leukämie (CML) wird häufig zufällig entdeckt, etwa bei einer Routineuntersuchung. Für die Betroffenen ist die Nachricht zunächst ein Schock. Doch gerade bei der CML gibt es Anlass zu großer Zuversicht: Dank moderner, zielgerichteter Therapien ist die Erkrankung heute sehr gut behandelbar. Für die meisten Patient:innen ist eine nahezu normale Lebenserwartung möglich; die 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei über 85 %.
Unspezifische Beschwerden
Die CML ist eine seltene Erkrankung. Sie macht nur 8–10 % aller Leukämien aus. In Österreich gibt es ca. 100 bis 120 Neuerkrankungen pro Jahr. Das Erkrankungsalter liegt überwiegend im höheren Erwachsenenalter, median bei 65 bis 75 Jahren. Allerdings kann die CML grundsätzlich in allen Altersgruppen auftreten.
Die CML verläuft meist langsam, viele Patient:innen haben zu Beginn nur unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Leistungsknick oder ein Druckgefühl im Oberbauch. Klinisch verläuft die Erkrankung zunächst meist chronisch; unbehandelt kann sie über Jahre in eine akzelerierte Phase oder Blastenkrise mit fulminantem Verlauf, darunter Sepsis und Blutungen, übergehen.1
Erbgutveränderung: Das Philadelphia-Chromosom
Die CML ist durch eine Entartung der Blutstammzelle gekennzeichnet, die durch die BCR-ABL1-Genfusion beziehungsweise das Philadelphia-Chromosom definiert ist. Das Philadelphia-Chromosom bildet sich durch eine reziproke Translokation zwischen den Chromosomen 9 und 22. Bei dieser Translokation wird ein Stück von Chromosom 9, das das Onkogen ABL enthält, auf Chromosom 22 transloziert und mit dem BCR-Gen zum Fusionsgen BCR-ABL1 fusioniert. Das daraus resultierende Onkoprotein besitzt eine dauerhaft aktive Tyrosinkinasefunktion, die die unkontrollierte Proliferation myeloischer Vorstufen auslöst und leukämische Zellen vor dem normalen programmierten Zelltod schützt.2 Genau hier setzt die moderne Therapie an: Sie hemmt gezielt den krankheitsauslösenden Mechanismus. Das hat die Prognose der CML in den letzten Jahren grundlegend verändert.
Magic Bullet – Imatinib
Imatinib – das war die „Magic Bullet“ – die Zauberkugel, die bei praktisch allen CML-Patient:innen innerhalb von wenigen Wochen das Blutbild dramatisch verbesserte. Der Effekt war klinisch so eindrucksvoll, dass die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA den Tyrosinkinase-Hemmer 2001 innerhalb weniger Wochen zuließ. In Österreich wurden erste Erfahrungen mit Imatinib in Studien bereits ab 1998 gemacht. Heute wird das Medikament immer noch in der Erstlinientherapie eingesetzt.
Dasatinib, Nilotinib und Bosutinib als Tyrosinkinase-Inhibitoren der zweiten Generation sind ebenfalls etablierte Erstlinienoptionen. Ponatinib ist wegen seiner Wirksamkeit bei T315I-Mutation und Mehrfachresistenz unverzichtbar. Der allosterische STAMP (specifically targeting the ABL Myristoyl-Pocket)-Inhibitor Asciminib erweitert die Auswahl mit einem neuen Wirkkonzept.3 Asciminib bindet nicht an die ATP-Bindungsstelle, sondern an die Myristoyltasche von ABL1.4 Auf dem großen US-amerikanischen Krebskongress ASCO 2026 wurden erstmals die 144-Wochen-Daten der randomisierten Phase-III-Studie ASC4FIRST präsentiert. Sie bestätigen für Asciminib anhaltend höhere Remissionsraten bei günstigem Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil im direkten Vergleich zu den vier prüfärztlich ausgewählten Tyrosinkinase-Inhibitoren Imatinib, Nilotinib, Dasatinib oder Bosutinib bei neudia-gnostizierter CML in der chronischen Phase.5
Therapie nach Maß
Nicht jeder Tyrosinkinase-Inhibitor ist für jede/n Erkrankte/n gleichermaßen geeignet. Bei der Auswahl des Arzneimittels ist vor allem das individuelle Sicherheitsprofil zu berücksichtigen. Bei pulmonalen Erkrankungen sollte Dasatinib wegen Pleuraergüssen und pulmonaler arterieller Hypertonie möglichst vermieden und zur Vorsicht jährlich ein Lungenröntgen durchgeführt werden. Nilotinib ist bei Diabetes, Pankreatitis sowie hohem kardiovaskulärem oder arteriell-okklusivem Risiko ungünstig. Bosutinib verursacht besonders zu Beginn häufig Diarrhoe und kann die Leberwerte erhöhen. Das langjährig erprobte Imatinib kann zu Ödemen, Muskelkrämpfen und gastrointestinalen Beschwerden führen, Kreatinin soll engmaschig kontrolliert werden. Asciminib kann unter anderem Zytopenien, Hypertonie, erhöhte Pankreasenzyme und kardiovaskuläre Ereignisse verursachen. Ponatinib ist gefäßtoxisch und erfordert aufgrund arterieller Verschlussereignisse und Hypertonie eine besonders strenge Nutzen-Risiko-Abwägung.
an der Tara
Die CML lässt sich heute bei vielen Betroffenen langfristig kontrollieren.
Besonders in der Apotheke kann durch Aufmerksamkeit für Adhärenz, Nebenwirkungen und Interaktionen ein wichtiger Beitrag zur Therapiesicherheit geleistet werden. Unterstützend in der Beratung kann folgende Checkliste sein:
• Aktuelle CML-Therapie und Dosierung erfragen
• Wird das Arzneimittel korrekt angewendet?
• Gibt es Nebenwirkungen oder Probleme mit der Einnahme?
• Welche weiteren Arzneimittel, pflanzlichen Präparate oder Nahrungsergänzungsmittel werden verwendet?
• Bestehen mögliche Interaktionen, insbesondere mit CYP3A4-relevanten Präparaten, Johanniskraut oder Grapefruitprodukten?
• Sind regelmäßige Kontrolltermine bekannt und eingehalten?
Therapiefreie Remission: Kontrolliertes Absetzen
Ein Ziel der modernen CML-Therapie ist nicht nur die Krankheitskontrolle, sondern bei geeigneten Patient:innen auch eine möglichst tiefe Remission. In ausgewählten Fällen kann unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle sogar ein Versuch ohne fortgesetzte Therapie erwogen werden. Das ist jedoch nur möglich, wenn über längere Zeit ein sehr gutes und stabiles Ansprechen vorliegt. Etwa 40 bis 50 % der Patient:innen bleiben nach dem Absetzen langfristig ohne Therapie. Für die Mehrheit der Betroffenen bleibt die Behandlung aber eine langfristige Dauertherapie.
Beratung in der Apotheke
Die Tyrosinkinase-Inhibitoren haben die Prognose der CML deutlich verbessert. So wird die Erkrankung für viele Betroffene zu einem langfristig kontrollierbaren chronischen Blutkrebs. Doch Tyrosinkinase-Inhibitoren werden vorwiegend über CYP3A4 abgebaut und interagieren daher mit vielen Substanzen. In der Apotheke sollte die Interaktionsprüfung daher ein zentraler Teil der Beratung sein.
CYP-Enzyme im Blick
Die gleichzeitige Gabe von Tyrosinkinase-Hemmern mit starken CYP3A4-Hemmern wie Makroliden oder Azolantimykotika kann die Wirkstoffspiegel erhöhen, während Enzyminduktoren wie Johanniskraut die Konzentration senken und die Wirksamkeit gefährden können. Auch Grapefruitprodukte können die Blutspiegel beeinflussen. Zusätzlich ist je nach Wirkstoff die gleichzeitige Einnahme von Arzneimitteln mit QT-Verlängerung, Antikoagulanzien und bestimmten Analgetikan oder antientzündlichen Medikamenten sorgfältig zu überprüfen.6
Bei Dasatinib und Bosutinib z. B. kann eine pH-Wert-Erhöhung die Resorption reduzieren, weshalb die Einnahme von Protonenpumpenhemmern kritisch zu hinterfragen ist.
Konkret nachfragen
Das Spektrum unerwünschter Wirkungen von Tyrosinkinase-Inhibitoren ist breit. Viele Beschwerden setzen zwar nicht dramatisch ein, können die Lebensqualität jedoch deutlich beeinträchtigen – und damit langfristig die Therapietreue gefährden. Apotheker:innen können durch gezielte Fragen dazu beitragen, Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen: Sind seit Therapiebeginn neue Beschwerden aufgetreten? Setzt die Übelkeit unmittelbar nach der Einnahme ein? Wie stark belastet die Müdigkeit im Alltag? Bestehen Durchfall oder Ödeme? Auf Grundlage dieser Informationen lassen sich geeignete Maßnahmen einleiten (siehe Kasten).
Bei einer onkologischen Dauertherapie sollte zudem nicht nur der aktuelle Medikationsplan geprüft werden. Auch saisonal oder gelegentlich angewendete Präparate sowie Arzneimittel der Selbstmedikation sollten gezielt erfragt werden.
Adhärenzprobleme sind bei einer Dauertherapie ebenfalls keine Seltenheit. Mögliche Ursachen sind Nebenwirkungen, komplexe Einnahmevorgaben, berufliche oder private Belastungen sowie Unsicherheiten im Umgang mit dem Arzneimittel. Bereits wiederholt ausgelassene Dosen können das molekulare Ansprechen gefährden. Um Adhärenz-Probleme frühzeitig zu erkennen, empfiehlt es sich gleichfalls, an der Tara konkret nach den Einnahmezeiten und der praktischen Umsetzung im Alltag zu fragen.
Dabei gilt eine zentrale Botschaft: Patient:innen dürfen ihre Medikation nicht eigenmächtig verändern. Dosisanpassungen und Absetzversuche gehören stets in die Hände der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes. Als niedrigschwellige Anlaufstelle kann die Apotheke Unsicherheiten auffangen, die Adhärenz stärken und so wesentlich zum Erhalt der Therapie beitragen.
Quellen
- www.leben-mit-blutkrankheiten.de/blutkrankheiten/cml/symptome
- Deininger MW, et al. Chronic Myeloid Leukemia, Version 2.2021, NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology. J Natl Compr Canc Netw. 2020 Oct 1;18(10):1385-1415. doi: 10.6004/jnccn.2020.0047.
- DGHO (Hrsg.) Onkopedia Leitlinie CML. Stand November 2025.
- Hochhaus A, et al.: Asciminib in newly diagnosed chronic myeloid leukemia. N Engl J Med. 2024 Sep 12;391(10):885-898.
- Cortes JE, et al. ASCO 2026. Poster 6583.
- DLH, www.leukaemie-hilfe.de/fileadmin/user_upload/dlh-info-blaetter/dlh_infoblatt_TKI_2018.pdf, abgerufen am 5.8. 2026