Tropische Infektionskrankheiten galten über Jahrzehnte als Erkrankungen, die nahezu ausschließlich in den Tropen und Subtropen vorkommen und in Europa überwiegend als importierte Reiseerkrankungen diagnostiziert wurden.1 Dieses epidemiologische Bild hat sich in den vergangenen Jahren jedoch deutlich gewandelt. Durch klimatische Umbrüche, Globalisierung, den internationalen Reiseverkehr sowie die Ausbreitung infrage kommender Vektoren werden bestimmte Erreger inzwischen auch lokal in Europa übertragen.
Für pharmazeutisches Fachpersonal gewinnt daher die Kenntnis dieser Erkrankungen zunehmend an Bedeutung. Insbesondere bei Patient:innen mit unklaren Fiebersyndromen, neurologischen Symptomen oder atypischen Hautmanifestationen sollte man nicht mehr ausschließlich an klassische europäische Infektionskrankheiten denken. Die veränderte Erregerlandschaft macht auch vor dem Gesundheitswesen nicht halt. Neben der frühzeitigen Diagnosestellung werden Surveillance-Systeme, Vektorkontrolle und interdisziplinäre Zusammenarbeit immer wichtiger.
Ursachen für das Auftreten
Die Ausbreitung ehemals tropischer Infektionskrankheiten ist multifaktoriell bedingt.1 Eine zentrale Rolle spielt der Klimawandel. Steigende Durchschnittstemperaturen sowie längere Vegetationsperioden ermöglichen es zahlreichen Vektoren, dauerhaft in Regionen zu überleben, die bislang klimatisch ungeeignet waren. Gleichzeitig verkürzt sich bei höheren Temperaturen die Entwicklungszeit vieler Krankheitserreger in ihren Vektoren, wodurch die Übertragungseffizienz zunimmt.
Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Globalisierung. Der internationale Waren- und Reiseverkehr ermöglicht sowohl die Einschleppung infizierter Menschen als auch die Verbreitung invasiver Vektorarten. Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) hat sich beispielsweise über den internationalen Handel mit Altreifen und Zierpflanzen mittlerweile in etlichen europäischen Ländern etabliert.
Ebenso können infizierte Reisende als Reservoir dienen und lokale Übertragungsketten initiieren. Durch Urbanisierung, Landnutzung und den vermehrten Kontakt zwischen Menschen und Wildtieren entstehen neue Schnittstellen zwischen Reservoir-Wirten, Vektoren und der menschlichen Bevölkerung. Dies fördert das Auftreten zoonotischer Infektionskrankheiten und erleichtert deren Etablierung in bislang nicht betroffenen Regionen.
Gesundheitliche Folgen
Für Europa ist künftig mit einer weiteren Zunahme vektorübertragener Erkrankungen zu rechnen.2 Bereits heute werden autochthone Infektionen mit Dengue-Fieber, Chikungunya-Fieber oder West-Nil-Fieber regelmäßig aus verschiedenen europäischen Ländern berichtet (siehe Tabelle). Epidemiologische Modelle gehen davon aus, dass sich Lebensräume für Vektoren infolge steigender Temperaturen weiter nach Norden ausdehnen.
Für die medizinische Versorgung bedeutet dies, dass Diagnostik und klinische Aufmerksamkeit angepasst werden müssen. Erkrankungen, die früher ausschließlich nach Fernreisen vermutet wurden, können künftig auch bei Patient:innen ohne Reiseanamnese auftreten. Gleichzeitig steigt die Bedeutung einer frühzeitigen Labordiagnostik durch mikrobiologische und infektiologische Fachabteilungen. Neben den direkten Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit entstehen auch Belastungen für Blutspendedienste und Transplantationsmedizin. Einige Erreger können über Blutprodukte übertragen werden, weshalb in Endemiegebieten künftig Screeningmaßnahmen erforderlich werden (z. B. West-Nil-Virus).
Dengue-Fieber
Das Dengue-Fieber wird durch das Dengue-Virus aus der Familie der Flaviviridae verursacht.3,4 Es existieren vier antigenisch unterschiedliche Serotypen (DENV-1 bis DENV-4), deren Infektion keine vollständige Kreuzimmunität vermittelt. Eine Zweitinfektion mit einem anderen Serotyp kann über den Mechanismus der antikörperabhängigen Verstärkung (Antibody-Dependent Enhancement, ADE) zu schwereren Krankheitsverläufen führen.
Übertragen wird das Virus hauptsächlich durch weibliche Stechmücken der Gattung Aedes, insbesondere Aedes aegypti (Gelbfiebermücke) und zunehmend auch Aedes albopictus. Nach der Blutmahlzeit gelangen die Viren in den menschlichen Organismus, infizieren zunächst dendritische Zellen der Haut und breiten sich anschließend über das lymphatische System und den Blutkreislauf aus. Die Virusvermehrung aktiviert das Immunsystem und stimuliert die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine. Bei schweren Verläufen kommt es infolgedessen zu einer gesteigerten Gefäßpermeabilität mit Plasmaaustritt, Hämokonzentration und im Extremfall zum Dengue-Schock-Syndrom. In Europa wurden in den vergangenen Jahren wiederholt autochthone Dengue-Ausbrüche in Frankreich, Italien und Spanien registriert.
Chikungunyafieber
Das Chikungunya-Virus gehört zur Familie der Togaviridae und wird wie Dengue überwiegend durch Aedes-Stechmücken übertragen.5,6 Charakteristisch ist eine hohe Viruslast während der akuten Infektion, wodurch sich Mücken bei der Blutaufnahme leicht infizieren. Nach der Übertragung repliziert das Virus zunächst in Fibroblasten, Muskelzellen und Makrophagen. Anschließend erfolgt eine systemische Ausbreitung mit ausgeprägter Immunaktivierung. Besonders charakteristisch ist die Beteiligung von Gelenken und periartikulären Geweben. Entzündliche Prozesse können zu persistierenden Arthralgien und chronischen Arthritiden mit monatelangem bis jahrelangem Verlauf führen.
Mehrere autochthone Ausbrüche wurden bereits in Italien und Südfrankreich dokumentiert. Wissenschafter:innen gehen davon aus, dass die weitere Ausbreitung maßgeblich an die Verbreitung der Asiatischen Tigermücke gekoppelt ist.
West-Nil-Fieber
Das West-Nil-Virus ist ein Flavivirus mit einem komplexen Übertragungszyklus zwischen Wildvögeln und Stechmücken der Gattung Culex.7,8 Menschen und Pferde stellen sogenannte Fehlwirte dar, da ihre Virämie in der Regel nicht ausreicht, um den natürlichen Übertragungszyklus aufrechtzuerhalten.
Nach der Infektion repliziert das Virus zunächst in lokalen Immunzellen und regionalen Lymphknoten. Bei einem Teil der Betroffenen entwickelt sich eine Virämie, die meist asymptomatisch bleibt. In seltenen Fällen überwindet das Virus die Blut-Hirn-Schranke, wodurch es zu neuroinvasiven Erkrankungen wie Meningitis, Enzephalitis oder schlaffen Paresen kommen kann. Ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung neurologischer Manifestationen besteht vor allem bei älteren und immunsupprimierten Patient:innen.
In den vergangenen Jahren wurden für das West-Nil-Fieber in mehreren europäischen Ländern, darunter Deutschland, Österreich, Italien und Ungarn, autochthone Infektionen nachgewiesen. Die Erkrankung gilt als Musterbeispiel dafür, wie der Klimawandel die Epidemiologie vektorübertragener Erkrankungen beeinflusst.
Leishmaniose
Die Leishmaniose wird durch Protozoen der Gattung Leishmania ausgelöst und über den Stich infizierter Sandmücken übertragen.9,10 Während die Erkrankung traditionell im Mittelmeerraum, Afrika und Teilen Asiens verbreitet war, erweitern sich die Lebensräume der Sandmücken sukzessive nach Norden.
Die Parasiten werden nach der Übertragung von Makrophagen phagozytiert. Anstatt eliminiert zu werden, differenzieren sie sich intrazellulär zu Amastigoten und vermehren sich im Inneren der Phagolysosomen. Durch die Zerstörung infizierter Makrophagen werden weitere Zellen infiziert, wodurch chronische Entzündungsprozesse entstehen. Je nach Leishmania-Spezies und Immunstatus des Wirts entwickeln sich kutane, mukokutane oder viszerale Krankheitsformen.
Die potenziell lebensbedrohliche viszerale Leishmaniose betrifft vorrangig Milz, Leber und Knochenmark und kann unbehandelt tödlich verlaufen. Hunde stellen in Europa ein bedeutendes Reservoir dar und sind wesentlich an der Aufrechterhaltung des Infektionszyklus beteiligt. Die fortschreitende Ausbreitung von Sandmücken erhöht das Risiko einer weiteren Etablierung der Erkrankung in bislang nicht endemischen Regionen Europas.
Ausblick
Die epidemiologische Verteilung vieler Infektionskrankheiten ändert sich derzeit grundlegend. Erkrankungen, die früher nahezu ausschließlich als tropische Reiseerkrankungen betrachtet wurden, treten nun gehäuft auch innerhalb Europas auf. Klimawandel, Globalisierung, verschobene ökologische Gleichgewichte und die Ausbreitung kompetenter Vektoren schaffen günstige Voraussetzungen für die Etablierung neuer Übertragungszyklen.
Für pharmazeutisches Fachpersonal bedeutet dies unweigerlich eine Erweiterung infektiologischer und epidemiologischer Kenntnisse. Dengue-Fieber, Chikungunya-Fieber, West-Nil-Fieber und Leishmaniose verdeutlichen exemplarisch, wie eng Umweltveränderungen und Infektionsgeschehen miteinander verknüpft sind und welche Herausforderungen sich daraus für Diagnostik, Surveillance und öffentliche Gesundheit ergeben.
Quellen
- Semenza JC, Suk JE: Vector-borne diseases and climate change: a European perspective. FEMS Microbiol Lett 2018; 365(2): fnx244
- Semenza JC, Paz S: Climate change and infectious disease in Europe: Impact, projection and adaptation. Lancet Reg Health Eur 2021; 9: 100230
- World Health Organization (WHO): Dengue and severe dengue. Zuletzt abgerufen: 26.07.2026
- European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC): Dengue. Zuletzt abgerufen: 26.07.2026
- World Health Organization (WHO): Chikungunya Virus. Zuletzt abgerufen: 26.07.2026 Weitere Literatur auf Anfrage
- European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC): Chikungunya virus disease. Zuletzt abgerufen: 26.07.2026
- World Health Organization (WHO): West Nile virus. Zuletzt abgerufen: 26.07.2026
- European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC): West Nile virus infection. Zuletzt abgerufen: 26.07.2026
- World Health Organization (WHO): Leishmaniasis. Zuletzt abgerufen: 26.07.2026
- European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC): Leishmaniasis. Zuletzt abgerufen: 26.07.2026
- AGES: AGES Radar for Infectious Diseases. Zuletzt abgerufen: 26.07.2026