Stress gehört zu den häufigsten Belastungen im Alltag. Gerade in der heutigen Zeit sind wir nahezu ständig damit konfrontiert. Ob durch berufliche Anforderungen, familiäre Verpflichtungen oder gesellschaftliche Erwartungen: Stress ist allgegenwärtig. Besonders in der Apotheke kann es in stressigen Phasen hektisch werden: Patientenströme, hohe Krankheitszahlen und ein erhöhtes Arbeitsaufkommen führen schnell zu einem Gefühl der Überlastung. Auch der allgemeine Druck, alle Aufgaben rechtzeitig zu erledigen und dabei keine Kompromisse bei der Qualität einzugehen, kann zu einem intensiven Stressgefühl führen. Doch Stress ist nicht nur ein berufliches Phänomen, auch im privaten Bereich, etwa durch familiäre Ereignisse oder gesellschaftliche Erwartungen, kann er uns belasten. Die Fähigkeit, mit Stress umzugehen, hat dabei einen großen Einfluss auf unsere physische und psychische Gesundheit. Chronischer Stress ist mittlerweile zu einer der Hauptursachen für zahlreiche gesundheitliche Beschwerden geworden, von Schlafstörungen über Magen-Darm-Probleme bis hin zu erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Fähigkeit, Stress zu bewältigen, ist daher eine wichtige Voraussetzung für die Erhaltung unserer physischen und psychischen Gesundheit.
Herz-Kreislauf-System
• Tachykardie
• Gesteigertes Schlagvolumen
• Blutdruckanstieg
• Vasodilatation in Koronar- & Skelettmuskelgefäßen
• Vasokonstriktion in Haut &
Eingeweiden
Atmung
• Bronchodilatation
• Verstärkte Ventilation
• Verbesserter Gasaustausch
Metabolismus
• Glykogenolyse in Leber &
Muskulatur
• Lipolyse
• Anstieg von Glukose &
freien Fettsäuren im Blut
Immunsystem
• Kurzfristige Proinflammation (Alarmaktivierung)
Weitere Effekte
• Pupillenerweiterung
• Reduzierte Speichelproduktion
• Hemmung der Darmmotilität
• Vermehrtes Schwitzen
• Piloerektion („Gänsehaut“)
Physiologie der Stressreaktion
Um zu verstehen, warum wir in stressigen Situationen oft so intensiv reagieren, lohnt es sich, einen Blick auf die physiologische Grundlage zu werfen. Unser Körper reagiert auf Stressoren durch eine Reihe von Veränderungen im Nervensystem und Hormonhaushalt. Die Stressreaktion ist eine komplexe körperliche und psychische Anpassungsantwort auf Reize, die die Homöostase bedrohen. Sie dient evolutionsbiologisch dem Überleben und stellt eine rasche Bereitstellung von Energie und Aufmerksamkeit sicher. Ursprünglich konzipiert für Fight-or-Flight-Situationen, umfasst die Stressantwort jedoch ein weit größeres Spektrum physiologischer Reaktionen, einschließlich Erstarrung („freeze“) und, insbesondere bei Frauen, der „tend-and-befriend“-Reaktion, die durch Fürsorgeverhalten und den Aufbau sozialer Bindungen geprägt ist.
Akute Stressreaktion: Die schnelle Antwort des Körpers
Wird ein Stressor wahrgenommen, erfolgt zuerst im Gehirn die emotionale Bewertung im limbischen System. Wird die Situation als bedrohlich eingestuft, sendet die Amygdala Signale an den Hypothalamus, der als zentrales Steuerorgan des vegetativen Nervensystems fungiert. Der Hypothalamus aktiviert über den Sympathikus das Nebennierenmark, dort werden innerhalb von Sekunden Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt. Diese Katecholamine vermitteln die klassische „fight-or-flight“-Reaktion.
Cortisol: Das chronische Stresshormon
Parallel zur sympathischen Aktivierung wird die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) aktiviert. Sie ist entscheidend bei länger andauernder Belastung. Dabei schüttet der Hypothalamus CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) aus. Darauf reagiert die Hypophyse mit Ausschüttung von ACTH (adrenocorticotropem Hormon) und stimuliert dabei die Nebennierenrinde, Cortisol zu produzieren. Cortisol hat eine Halbwertszeit von mehreren Stunden, weshalb die HPA-Achse eine Schlüsselrolle bei chronischem Stress spielt.
Metabolismus
• Steigerung der Glukoneogenese in der Leber
• Hemmung der Glukoseaufnahme in peripheren Geweben
• Förderung von Proteolyse (Muskelabbau) und Lipolyse (Fettabbau)
Immun- & Entzündungsmodulation
• Suppression der T- und B-Zell-Aktivität
• Verminderte Zytokinfreisetzung (z. B. IL-2, TNF-α)
• Ausgeprägte entzündungshemmende Wirkung
Kardiovaskulär
• Erhöht die Gefäßempfindlichkeit gegenüber Katecholaminen →
verstärkte Vasokonstriktion und Blutdrucksteigerung
Zentrales Nervensystem (ZNS)
• Steigerung von Wachheit und Reduktion der Schlafqualität via
Beeinflussung des zirkadianen Rhythmus
• Erhöhte Vigilanz, Nervosität und Angstbereitschaft
• Einfluss auf Gedächtnisprozesse, besonders im Hippocampus
Stress als Trigger für Krankheiten
Chronischer Stress führt zu einer dauerhaften Aktivierung von Sympathikus und HPA-Achse. Die kontinuierliche Ausschüttung von Cortisol und Katecholaminen stört den hormonellen und metabolischen Regelkreis und führt zu Insulinresistenz, erhöhten Blutzuckerwerten, gesteigerter Lipolyse und einer anhaltenden Vasokonstriktion. Das erhöht das Risiko für Hypertonie, kardiovaskuläre Erkrankungen und Stoffwechselstörungen wie Typ-2-Diabetes. Auch Schlafstörungen, innere Unruhe und ein reduziertes Stressverarbeitungspotenzial sind direkte Folgen der erhöhten Belastung des Nervensystems.
Besonders das Immunsystem reagiert empfindlich auf Dauerstress. Während akuter Stress kurzfristig eine proinflammatorische Alarmreaktion auslösen kann, führt die langfristige Cortisolexposition zu einer deutlichen Immunsuppression. T- und B-Zell-Aktivität nimmt ab, die Zytokinproduktion wird gehemmt, und
die Schleimhautimmunität wird geschwächt. Dadurch steigt die Anfälligkeit für Infektionen und auch die Wundheilung verläuft verzögert.
Darüber hinaus wirkt chronischer Stress direkt auf zentrale Hirnstrukturen wie den Hippocampus und die Amygdala. Dies kann Gedächtnisprozesse beeinträchtigen, die emotionale Reizbarkeit erhöhen und das Risiko für psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Erschöpfungssyndrome verstärken. Somit zählt chronischer Stress zu den wichtigsten Risikofaktoren moderner Volkskrankheiten.
Ursachen und Symptome
Stress entsteht, wenn Belastungen schneller oder intensiver wachsen, als wir sie verarbeiten können. Häufige Ursachen sind beruflicher Druck, hohe Arbeitslast, soziale Konflikte, finanzielle Belastungen, familiäre Verpflichtungen, Perfektionismus sowie Schlafmangel oder gesundheitliche Probleme. Auch Dauererreichbarkeit, digitale Überlastung und mangelnde Regenerationsphasen wirken als moderne Stressoren.
Die Symptome von akutem Stress treten meist rasch auf und umfassen erhöhte Herzfrequenz, Muskelanspannung, Schwitzen, innere Unruhe, schnelle Atmung, Zittern und ein Gefühl von Überforderung. Gleichzeitig können Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit und ein „Gedankenkreisen“ auftreten.
Bei chronischem Stress verschieben sich die Symptome oft ins Unspezifische und entwickeln sich schleichend. Typisch sind anhaltende Müdigkeit trotz ausreichendem Schlaf, Schlafstörungen, verminderte Stressresistenz, emotionale Erschöpfung, Gereiztheit, Angstgefühle, Kopf- und Rückenschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Konzentrationsstörungen sowie eine erhöhte Infektanfälligkeit. Auch Beschwerden wie Bluthochdruck, Hautprobleme oder Magenbeschwerden können Ausdruck eines langfristig überlasteten Stresssystems sein. Werden diese Warnsignale ignoriert, kann sich langfristig ein Erschöpfungssyndrom bis hin zum Burn-out entwickeln.
Medikamente zur Unterstützung der Stressbewältigung
Zur Behandlung ausgeprägter Stresssymptome stehen auch medikamentöse Optionen zur Verfügung. Zwar wirken Benzodiazepine rasch anxiolytisch und sedierend, ihr Einsatz ist jedoch aufgrund des hohen Abhängigkeitspotenzials und der Gefahr der Toleranzentwicklung streng zu beurteilen. Ihr Nutzen-Risiko-Verhältnis muss sorgfältig abgewogen werden, insbesondere im Rahmen der Selbstmedikation sind sie nicht geeignet. Viele Patient:innen bevorzugen daher sanftere Alternativen, insbesondere pflanzliche Präparate oder Nahrungsergänzungsmittel, die eine gute Verträglichkeit aufweisen.
Zu den bewährten Phytopharmaka zählen Lavendel, Baldrian, Passionsblume, Hopfen, Melisse und Johanniskraut. Lavendelöl zeigt in Studien anxiolytische Effekte und wird bei innerer Unruhe und stressassoziierten Schlafstörungen eingesetzt. Baldrian, Hopfen und Melisse wirken beruhigend und finden vor allem bei nervöser Unruhe und Einschlafstörungen in Kombinationspräparaten breite Anwendung. Passionsblume besitzt anxiolytische Eigenschaften und eignet sich ebenfalls zur Unterstützung bei Anspannung und Schlafproblemen. Johanniskraut kann bei leichten depressiven Verstimmungen sinnvoll sein, erfordert jedoch eine genaue Beratung aufgrund seiner CYP-Interaktionen.
Besonders hervorzuheben sind Adaptogene wie Rhodiola rosea, Ashwagandha und Ginseng. Sie erhöhen die Stressresistenz, unterstützen die Regulation der Cortisolantwort und verbessern bei stressbedingter Erschöpfung die Leistungsfähigkeit. Rhodiola rosea zeigt in klinischen Studien positive Effekte auf Erschöpfungssyndrome, Konzentrationsfähigkeit und psychische Belastbarkeit. Ergänzend können L-Theanin, Magnesium und B-Vitamine hilfreich sein. L-Theanin fördert die Entspannung, ohne schläfrig zu machen. Magnesium stabilisiert das Nervensystem und reduziert muskuläre Anspannungen und B-Vitamine sind essenziell für die Synthese zentraler Neurotransmitter und gleichen stressbedingten Mehrbedarf aus.
Nicht-medikamentöse Tipps zur Stressbewältigung
Zur Unterstützung der Selbstmedikation spielen auch einfache Lebensstilmaßnahmen eine wichtige Rolle. Kurze Meditationsübungen können beruhigen und die Stressreaktion aktiv dämpfen. Ebenso wichtig ist regelmäßige Bewegung. Ausdauersportarten wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren senken nachweislich den Cortisolspiegel, fördern die Ausschüttung stimmungsaufhellender Endorphine und verbessern die Schlafqualität. Eine ausgewogene Ernährung unterstützt das Nervensystem und verbessert die Gesundheit. Nährstoffreiche Lebensmittel, ausreichend Flüssigkeit sowie regelmäßige Mahlzeiten wirken stabilisierend, während übermäßiger Zucker- oder Koffeinkonsum Stresssymptome verstärken kann. Nicht zuletzt trägt soziale Unterstützung maßgeblich zur Stressreduktion bei: Gespräche, gemeinsamer Austausch oder kurze Pausen mit Kolleg:innen helfen, emotionalen Druck abzubauen, und fördern das psychische Wohlbefinden.
Quellen
• Yaribeygi H, et al.: The impact of stress on body function: A review. EXCLI J 2017; 16: 1057–1072
• Chrousos GP: Stress and disorders of the stress system. Nat Rev Endocrinol 2009; 5(7): 374–381
• Cannon WB: Bodily changes in pain, hunger, fear and rage. New York: Appleton; 1915
• Taylor SE, et al.: Biobehavioral responses to stress in females: Tend-and-befriend, not fight-or-flight. Psychol Rev 2000; 107(3): 411–429
• Ulrich-Lai YM & Herman JP: Neural regulation of endocrine and autonomic stress responses. Nat Rev Neurosci 2009; 10(6): 397–409
Weitere Literatur auf Anfrage