Die oft vermutete Hypothese, ältere Menschen bräuchten deutlich weniger Schlaf, ist nicht uneingeschränkt haltbar. In einer großangelegten Studie zeigte sich, dass etwa 30 % der älteren Erwachsenen die von der National Sleep Foundation (NSF) empfohlenen ≥ 7 Stunden Schlaf/24 h erreichten.1
Für die Praxis heißt das: Wenn ältere Patient:innen deutlich weniger schlafen und unter Tagesmüdigkeit, Konzentrationsproblemen oder Stimmungsschwankungen leiden, sollte dies nicht als normale Alterserscheinung abgetan werden. Es ist nicht primär das Alter, sondern die mit dem Alter häufig zunehmende Multimorbidität, Medikamente, soziale Veränderungen und Umweltfaktoren, die Schlafprobleme begünstigen.2 Insofern ist der Schlafbedarf zwar ähnlich, die Fähigkeit, ihn zu erreichen, oft vermindert.
Quantitative Veränderungen
Die Gesamtschlafdauer (Total Sleep Time, TST) nimmt im Erwachsenenalter typischerweise ab und stabilisiert sich dann später.3 Ältere Menschen schlafen außerdem im Schnitt kürzer, haben aber nicht unbedingt weniger Schlafbedarf – vielmehr verändert sich die Fähigkeit, tief und zusammenhängend zu schlafen.4 Die Einschlaflatenz (Zeit, bis man einschläft) steigt leicht an und das Aufwachen nach Schlafbeginn („Wake After Sleep Onset“, WASO), d. h. die Fragmentierung des Schlafes, nimmt zu.5
Qualitative Veränderungen der Schlafphasen
Der Anteil an Tiefschlaf (Stufe N3 Slow-Wave-Sleep) bzw. „Slow-Wave-Sleep“ nimmt mit dem Alter deutlich ab. Auch die Slow-Wave-Aktivität (z. B. EEG-Amplitude, Dichte der Slow Waves) nimmt ab und zeigt besonders im präfrontalen Bereich große Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Erwachsenen. Studien zeigen, dass der Anteil der tiefen Non-REM-Schlafphasen (Stufen 3/4 bzw. SWS) bei jungen Erwachsenen deutlich höher ist als bei älteren Menschen. So sank bei gesunden Männern der mittlere Anteil von etwa 18,9 % (Alter 16–25) auf etwa 3,4 % (Alter 36–50) im Verlauf der Adultphase. Danach – vom mittleren Leben ins hohe Alter – war kein signifikanter weiterer Rückgang der SWS-Zeit mehr nachgewiesen.4 Nicht nur der Anteil der SWS sinkt, sondern auch die Qualität bzw. das EEG-Merkmal der Slow Waves ändert sich: Ältere Personen zeigen eine geringere Dichte (Anzahl der Slow Waves pro Minute), geringere Amplitude und längere Dauer der Slow Waves (also langsamere Anstiegs-/Abfall-Phasen) insbesondere im präfrontalen Bereich.6
Schlafcharakteristika im Alter
• Weniger Tiefschlaf und mehr Leichtschlaf, d. h. weniger Erholungseffekt
• Schlaf wird fragmentierter: mehr Aufwachmomente, kürzere ununterbrochene Schlafphasen
• Schlafbeginn und Aufwachen verschieben sich nach früher, REM-Schlaf nimmt leicht ab.
• Zirkadiane Rhythmen flachen ab und verschieben sich.
• Häufigere Tagesschläfchen oder fragmentiertes Schlaf-Wach-Muster
Der Anteil der Leichtschlafphasen (Stufe N1/N2) und die Schlaffragmentierung nehmen relativ zu, wodurch der Schlaf insgesamt leichter wird.3 Die Anzahl der Aufwachereignisse, Übergänge zwischen Schlafphasen und die Zeit, die man nach dem Einschlafen wach im Bett liegt, steigen mit dem Alter.4 Der Anteil an REM-Schlaf nimmt mit dem Alter ebenfalls ab, allerdings meist weniger stark als der Tiefschlaf.
Zirkadianer Rhythmus
Mit dem Alter verschiebt sich das Schlaf-Wach-Muster nach früher: Ältere Menschen gehen oft früher ins Bett und wachen früher auf.5 Zirkadiane Rhythmen (z. B. Körpertemperatur, Melatonin-Sekretion) verändern sich – ihre Amplitude nimmt ab und deren Phasen verschieben sich.7 Die sinkende Melatoninproduktion im Alter kann die Stabilisierung des Schlaf-Wach-Rhythmus erschweren.2
Funktionale und klinische Implikationen
Die beschriebenen Alterungsprozesse im Schlaf sind nicht nur normale Veränderungen – sie haben Bedeutung für kognitive Funktion, Gedächtnis und Gesundheitsrisiken.4
Da die Slow Waves im Tiefschlaf mit Prozessen wie hormoneller Ausschüttung (z. B. Wachstumshormon) und Gedächtniskonsolidierung in Verbindung gebracht werden, könnte die Reduktion von SWS/SWA mit altersbedingten Veränderungen in kognitiver Funktion, Hormonen und Schlafqualität einhergehen.
Beispielsweise war in einer Studie bei älteren Erwachsenen eine reduzierte Slow-Wave-Aktivität mit schlechteren Ergebnissen bei räumlichen Navigationsaufgaben gekoppelt.8 Auch wurde gezeigt, dass mit zunehmendem Alter und abnehmender Schlafqualität, bezogen auf den SWS-Anteil, zunehmende kognitive Verschlechterung und sogar erhöhtes Risiko für Demenz verbunden sind.9
Ursachen von Schlafstörungen im Alter
Im Alter kommen häufig mehrere Ursachen zusammen, die eine gute Schlafqualität beeinträchtigen können. Eine umfassende Anamnese und Verständnis für mögliche Zusammenhänge erleichtern die Beratung und mögliche Interaktions- bzw. Nebenwirkungsanalyse.
Körperliche Ursachen
Chronische Erkrankungen
Chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen, Schmerzen bei Arthrose oder rheumatischen Erkrankungen, gastrointestinale oder urologische Beschwerden können potenziell schlafstörend wirken.
Medikamente und Substanzen
Viele ältere Menschen nehmen regelmäßig Medikamente, die den Schlaf beeinflussen können – z. B. Diuretika führen nachts zu häufigeren Toilettenbesuchen, Beta-Blocker können das Einschlafen erschweren, Steroide haben stimulierende Effekte. Alkohol oder Koffein am Abend sind ebenfalls problematisch. Auch Polypharmazie ist als Risikofaktor gut belegt.
Primäre Schlafstörungen
• Obstruktive Schlafapnoe: Ist bei Älteren oft unterdiagnostiziert. Sie führt tagsüber zu Schläfrigkeit und zu nocturnen Mikroaufwachphasen.10
• Restless-Legs-Syndrom (RLS)/periodische Beinbewegungen: RLS ist häufig mit nächtlichem Unruhegefühl und häufigem Erwachen verbunden.11
• REM-Schlafverhaltensstörung (RBD: Schlafstörung, bei der die normale Muskellähmung während des REM-Schlafs fehlt) und andere Parasomnien werden mit zunehmendem Alter relevanter, insbesondere bei neurodegenerativen Erkrankungen.12
Psychische Ursachen
Depression, Angst, Trauer und Lebensumstände
Ältere Menschen erleben häufiger Ereignisse wie Verlust von Partner:innen, Freund:innen, Rückzug aus dem Berufsleben, Einsamkeit oder Umzug in Pflegeeinrichtungen. Diese psychosozialen Stressoren erhöhen das Risiko für Schlafstörungen.12 Bewegungsmangel und geringe Tageslichtexposition sind insbesondere in Pflegeeinrichtungen ein Risikofaktor.14 Zudem kann eine Depression sich insbesondere in Form von frühmorgendlichem Erwachen und Schlaflosigkeit äußern.10
Neurokognitive Erkrankungen
Bei Alzheimer-Krankheit (AD) oder Lewy-Body-Demenz (LBD) finden sich häufig deutliche Schlaf-Wach-Störungen, fragmentierter Schlaf, vermehrte Nickerchen am Tag sowie Umkehr des Schlafrhythmus.10
Wechselwirkungen: Ursache ↔ Folge
Schlafprobleme bei älteren Menschen sind kaum monokausal, sondern meist multifaktoriell. Zum Beispiel kann eine chronische Schmerzkrankheit (körperlich) die Einschlafzeit verlängern, eine Depression (psychisch) die Schlafmaintenance stören, Medikamente (z. B. Diuretika) können zu nächtlichem Erwachen führen, und sekundär entwickelt der/die Betroffene eine schlechte Schlafhygiene mit langen Wachzeiten im Bett, was die Situation verfestigt. Die Literatur nennt dieses Modell oft „3-P“: prädisponierende, präzipitierende und perpetuierende Faktoren.13
Diagnostik
Für die pharmazeutische Beratung ist es sinnvoll, grundlegende diagnostische Aspekte zu kennen, um Patient:innen ggf. zur ärztlichen Abklärung zu motivieren oder Arzneimittel- und Schlafhygieneinterventionen evidenzbasiert einzuordnen. Pharmazeut:innen können insbesondere bei der Medikationsanalyse und Aufklärung eine wichtige Rolle spielen.
Es sollten Parameter wie Schlafdauer, Einschlaf- und Durchschlafzeit, Aufwachzeiten, Nickerchen, Tagesmüdigkeit, lautes/leises Schnarchen, Atemaussetzer, Bewegungsdrang in den Beinen, Medikamente und Substanzeinnahmen (z. B. Alkohol, Koffein) ebenso abgefragt werden wie Schlafgewohnheiten (Bett-Nutzung, Schlafhygiene, Licht-/Lärm-Verhältnisse) und Tagesaktivität. Auch Komorbiditäten und Medikamenteneinnahme sind relevant, denn aktuelle Therapien könnten mögliche Schlaf-/Wach-Störungen als Neben- oder Wechselwirkung aufweisen.
Therapieoptionen und Hinweise für die Praxis
Die Behandlung von Schlafstörungen im Alter setzt idealerweise bei nicht-medikamentösen Maßnahmen an. Kombinierte Verhaltenstherapie mit kurzzeitiger Pharmakotherapie zeigte in Studien nachhaltigere Effekte als isolierte Pharmakotherapie.14
Nicht-medikamentöse (verhaltenstherapeutische) Ansätze
Schlafhygiene und Verhaltensanpassung
• Regelmäßige Schlaf- und Aufwachzeiten sowie Einschränkung von Tagesschläfchen, insbesondere am Nachmittag
• Bett nur zum Schlafen nutzen – nicht zum Lesen oder Fernsehen
• Koffein bzw. Alkohol am Abend vermeiden –
ältere Menschen haben häufig verlängerte Halbwertszeiten von Stimulanzien.
• Tageslicht- und Bewegung: Besonders tagsüber aktiv sein, möglichst bei Tageslichtexposition. Dies stabilisiert den zirkadianen Rhythmus.
• Umgebung optimieren: ruhiges, dunkles, gut temperiertes Schlafzimmer; ggf. Hilfsmittel gegen Geräusch oder Licht
Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT-I)
Zur Behandlung von chronischer Insomnie gilt die CBT-I als Goldstandard – auch im Alter.
Sie beinhaltet u. a. Schlafrestriktion, Stimulus-Kontrolltechniken, kognitive Umstrukturierung und Verhaltenstherapie, Entspannungstechniken.15 Pharmazeut:innen können Patient:innen auf die Zugänglichkeit hinweisen (z. B. über Schlaflabore, spezialisierte Psycholog:innen, Online-Programme) und die Bedeutung erklären.
Behandlung primärer Schlafstörungen
Bei obstruktiver Schlafapnoe (OSA) ist eine Überweisung zur Schlafdiagnostik und ggf. Therapie mit CPAP sinnvoll (Continuous Positive Airway Pressure: Standardtherapie bei moderater bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe, hält die oberen Atemwege während des Schlafs offen).15 Bei RLS/PLMD (periodische Bewegungsstörung der Extremitäten) wird meist der Eisenstatus erhoben und Eisen substituiert oder bei Bedarf Dopaminagonisten oder Gabapentin gegeben. Bei zirkadianen Rhythmusstörungen kann neben Lichttherapie Melatonin sinnvoll sein.
Pharmakologische Therapie im Alter
Schlafmittel sollten möglichst kurzzeitig, niedrig dosiert und solche mit guter Verträglichkeit verwendet werden. Benzodiazepine oder Z-Substanzen (z. B. Zolpidem) haben bei älteren Patient:innen erhöhte Risiken für Stürze, Delir etc. Medikamente mit langer Halbwertszeit oder aktiven Metaboliten sollten vermieden werden und auf Interaktionen mit der übrigen Medikation ist zu achten – ebenso wie auf reduzierte Organkapazitäten der Leber und Niere.
Pharmazeutische Beratungspunkte
• Aufklärung über Risiken und Nutzen einer medikamentösen Therapie
• Beratung zu Begleitmaßnahmen: Schlafhygiene, Verhaltensänderung, Lichttherapie
• Überwachung von Nebenwirkungen: z. B. Tagesmüdigkeit, Sturzgefahr, kognitive Einbußen
• Evaluierung, ob zugrundeliegende Ursachen (Schmerzen, Apnoe, Medikamente) adressiert werden
• Hinweis auf nicht-pharmakologische Alternativen: Entspannungstechniken, Bewegung
Konsequenzen unbehandelter Schlafstörungen
Unbehandelte Schlafstörungen im Alter sind nicht nur unangenehm, sie haben erhebliche gesundheit-
liche Auswirkungen. Das Risiko für kognitive Einbußen und Demenz steigt.1 Außerdem kommt es zu einem erhöhten Sturz- und Frakturrisiko: z. B. Schlafdauer < 7 h oder Effizienz < 65 % war in einer Studie bei älteren Frauen mit erhöhtem Sturzrisiko assoziiert.2 Die Morbidität und Mortalität nehmen ebenfalls zu: Schlechter Schlaf wurde mit höheren Sterblichkeitsraten in Verbindung gebracht.2 Ebenso wird die Lebensqualität und Tagesfunktion beeinträchtigt und es kann zu Konzentrationsproblemen, Tagesmüdigkeit und Stimmungseinbußen kommen.10
Quellen
1 Gordon NP, et al.: Prevalence of sleep-related problems and risks in a community-dwelling older
adult population: a cross-sectional survey-based study. BMC Public Health 2022; 22: 2045
2 Neikrug AB, et al.: Sleep disorders in the older adult - a mini-review. Gerontology 2010; 56(2): 181-189
3 Lavoie CJ, et al.: Sleep and aging. Sleep Science Practice 2018; 2: 3
4 Mander BA, et al.: Sleep and Human Aging. Neuron 2017; 94(1): 19-36
5 Taillard J, et al.: Sleep in normal aging, homeostatic and circadian regulation and vulnerability to sleep deprivation. Brain Sci 2021; 11(8): 1003
Weitere Literatur auf Anfrage