Arzneimitteltherapiesicherheit

Arzneiformen und Applikationshilfen in der Geriatrie

Mag. Pharm.Dr

Falko

Schüllner

,

aHph

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Arzneimitteltherapiesicherheit in der Geriatrie hängt von vielen Faktoren ab und stellt ältere Menschen, deren Angehörige und Pflegepersonal vor einige Herausforderungen. Im Vordergrund steht die Verordnung der richtigen Medikamente. Ein patientenzentrierter Ansatz mit einem strukturierten Medikationsabgleich und einer regelmäßigen Überprüfung, insbesondere der Dosierung, können den Medikationsprozess (Medicines Reconciliation, Medication Review) optimieren.1,2

Bei Patient:innen mit Multimedikation ist damit auch ein gezieltes Absetzen jener Medikamente verknüpft, die nicht mehr erforderlich sind oder altersbezogen als nicht (mehr) ausreichend sicher eingestuft werden (Deprescribing).3 Zur Unterstützung stehen Listen mit eher zu vermeidenden oder zu bevorzugenden Wirkstoffen zur Verfügung (PRISCUS-, BEERS-, FORTA-Liste).4-6

Durch einen weitgehenden Ausschluss potenziell inadäquater Medikation im Alter können unerwünschte Arzneimittelwirkungen und das Risiko für eine Krankenhauseinweisung reduziert werden und auf besser verträgliche Alternativen umgestellt werden. Zur Einschätzung des Risikos für arzneimittelbezogene Probleme in der geriatrischen Selbstmedikation gibt es mittlerweile einige validierte Instrumente (z. B. MedMaIDE (Medication Management Instrument for Deficiencies in the Elderly)), welche physische, kognitive, sensorische oder umweltbedingte Barrieren in unterschiedlichem Ausmaß erfassen.7,8

In einer rezenten Studie an einer größeren Zahl geriatrischer Patient:innen wurde festgestellt, dass rund 20 % der Befragten von Schwierigkeiten beim Öffnen von Medikamentenpackungen berichten und ein hoher Prozentsatz Defizite in der Handhabung verschiedener Arznei- bzw. Darreichungsformen von Arzneimitteln kommuniziert hat.9 Die Resultate zeigen eindrücklich, dass in Verbindung mit altersbedingten Veränderungen der audio-visuellen, kognitiven, haptischen oder feinmotorischen Fertigkeiten oder bei Schluckstörungen die Fähigkeit zur dauerhaft richtigen Handhabung und Applikation von Medikamenten eine zentrale Rolle in der geriatrischen Selbstmedikation spielt. An dieser Schnittstelle nimmt die Apotheke gerade in der Beratung eine wichtige Rolle ein. So kann, im Anlassfall nach ärztlicher Rücksprache, ein Wechsel zu alternativen, leichter handhabbaren Applikationsformen mit geeigneten mechanischen Hilfsmitteln erfolgen. Unsachgemäße Anwendungsschritte und Applikationsfehler werden vermieden, Ziel ist eine korrekte Arzneimittelanwendung und die Förderung des Therapieerfolgs.11

Arzneiformen bei Schluckproblemen

Dysphagie ist bei geriatrischen Patient:innen eine Symptomatik mit hoher Prävalenz, neben altersbezogenen Formen können auch medikamenteninduzierte und krankheitsassoziierte Schluckbeschwerden (Alzheimer, Parkinson) bestehen.10-13

In der Beratung sollte darauf hingewiesen werden, dass neben einer möglichst aufrechten Körperposition ein moderates Vorneigen des Kopfes den Schluckvorgang wesentlich verbessern kann („Lean Forward“-Methode), wohingegen die „Pop-Bottle“-Technik mit leichtem Zurückneigen des Kopfes und gleichzeitigem leichten Druck auf eine mit Wasser gefüllte flexible PET-Flasche während des Schluckens ein größeres Risiko von Aspiration mit sich bringen kann.14

Da Dysphagie-Patient:innen oft kleine Volumina viskoser Flüssigkeiten ohne relevantes Aspirationsrisiko noch gut tolerieren können, sollte die Apotheke bei festen oralen Arzneimitteln (Tabletten, Kapseln, Dragees) zunächst eine Umstellung auf flüssige Darreichungsformen empfehlen. So sind einige in der Geriatrie eingesetzte Wirkstoffe auch als (Trocken-)Saft, in Tropfenform, als Brause- und Trinktabletten sowie Granulate zur Herstellung von trinkbaren Zubereitungen im Handel. Zusätzlich wird dadurch meist auch eine individuelle, gewichtsbezogene Dosiseinstellung ermöglicht. Beim peroralen Einsatz von Flüssigkeiten, die nur für eine parenterale Applikation zugelassen sind, müssen neben rechtlichen Aspekten (Off-Label-Use) biopharmazeutische Gesichtspunkte (pH-Wert/Säurestabilität des Wirkstoffs, Osmolarität, Bioverfügbarkeit, Schleimhautverträglichkeit) berücksichtigt werden.11

Eine weitere Option ist die magistrale Anfertigung von viskosen Suspensionen schwer wasserlöslicher Wirkstoffe unter Verwendung gebrauchsfertiger Suspensionsgrundlagen bzw. auf Basis der NRF-Stammzubereitung „Grundlage für Suspensionen zum Einnehmen NRF 5.23“. Die Gleichförmigkeit des Wirkstoffgehalts wird durch den Hersteller meist wirkstoffbezogen einzeln evaluiert und wird in einer fortlaufenden Auflistung veröffentlicht.15

Bei öligen Flüssigkeiten in Weichkapseln ist zu evaluieren, ob der lipophile Inhalt in eine ölige Trägerlösung eingearbeitet werden kann. Bei Schluckproblemen können auch intraorale Darreichungsformen wie Buccal-/Sublingual- und Kautabletten sowie Schmelztabletten mit entsprechend kurzer Zerfallszeit eingesetzt werden, wobei hier die Resorption über die Mundschleimhaut ein limitierender Faktor sein kann. Bei Arzneistoffen mit einer guten oromucosalen Resorption und einer geringen gastrointestinalen Verfügbarkeit ist es daher wichtig, den wirkstoffbeladenen Speichel vor dem Schlucken eine gewisse Zeit im Mund zu bewegen. Eine weitere Einnahmeoption für Dysphagiepatient:innen stellen noch die rektale und transkutane Applikation sowie eine subkutane (Selbst-)Injektion dar. Letztlich ist auch die Teilbarkeit, Mörserbarkeit und Sondengabe eine Möglichkeit (Off-Label-Use), die Applikation zu erleichtern, sofern dies von der Galenik und Stabilität und des Kontaminationsrisikos her vertretbar ist.16

Applikationshilfen bei Dysphagie

Applikationshilfen können die Einnahme von Medikamenten in der Geriatrie wesentlich erleichtern, sollten jedoch im konkreten Einzelfall vor dem ersten Einsatz immer sorgfältig geprüft und mit Patient:innen, Angehörigen sowie dem/der behandelnden Ärzt:in bzw. Pflegekräften besprochen werden. Zur Unterstützung des Schluckvorgangs eignen sich in erster Linie spezielle Pillenschluckbecher, welche im Aufbau und in ihrem Wirkprinzip unterschiedlich sein können. Sie sind oft vorteilhaft für bettlägerige Patient:innen: Beispielsweise ermöglicht ein Einschubfach im Deckelbereich gezieltes Vorrutschen, einen raschen Transit in den Rachenraum. Beim klassischen Pillenschluckbecher befinden sich im oberen Ansaugbereich mehrere parallel in Strömungsrichtung ausgerichtete Lamellen, die beim Trinken einen Sog auslösen und das Arzneimittel rasch bis zum Zungengrund spülen, wo reflektorisch der Schluckakt ausgelöst wird. 

Aufgrund ihrer rheologischen Eigenschaften eignen sich auch wirkstofffreie, orale Gele in Quetschtuben zur Unterstützung des Schluckvorgangs, weil sie feste Darreichungsformen in Form eines Bolus umschließen und den Schluckakt so beschleunigen können. In gleicher Weise können künstlicher Speichelersatzprodukte oder aromatisierte Sprays unterstützend eingesetzt werden, um ein gleitfähigeres Milieu im Mund-Rachen-Raum zu schaffen.12 Es gibt z. B. eine Schluckhilfe, bei der hochviskose, aromatisierte Überzugsmaterialien auf Basis von Gelatine, Maltitol und pflanzlichem Fett in einer Art In-situ-Coating beim Durchschieben über einen Napf einer Blisterkarte aufgetragen werden.17 In einem Review aus dem Jahr 2024 wurde allerdings darauf hingewiesen, dass weitere Studien erforderlich sind, um den generellen Einfluss von Filmbildung auf die Pharmakokinetik weiter zu untersuchen.18

Dosierhilfen in der Ophthalmologie

Das gezielte Eintropfen in den Bindehautsack bei der Anwendung von Augentropfen ist gerade für geriatrische Patient:innen aufgrund sensorisch-motorischer Einschränkungen oft schwierig. Speziell Patient:innen mit rheumatoider Arthritis fehlt oft die erforderliche Kraft, um Augentropf-Behältnisse richtig über dem geöffneten Auge zu positionieren und einen Tropfen punktgenau zu applizieren. In der pharmazeutischen Beratung ist zunächst ein Präparatewechsel auf Behältnisse zu prüfen, die im Rahmen des manuellen Kraftaufwands und der ergonomischen Voraussetzungen für Patient:innen noch möglich sind. Auch Erwärmen der Augentropfen-Behältnisse auf Körpertemperatur und damit verbunden eine leichtere Applikation aufgrund der herabgesetzten Viskosität und des reduzierten Kraftaufwands kann hilfreich sein. Darüber hinaus kann die Umstellung der konventionellen konjunktivalen auf eine kanthale Applikationstechnik vorgeschlagen werden. Hierbei umfasst die flach liegende Person mit beiden Händen das Behältnis und tropft in den inneren Winkel des geschlossenen Auges.16 Dies hat zur Folge, dass die Lösung beim Öffnen des Augenlids automatisch in den Bindehautsack läuft.19 Weiterführend gibt es auch mechanische Hilfsmittel wie die klassische Augentropfbrille. Neu entwickelte Tropfhilfen erleichtern die Applikation eindrückbarer Augentropf-Behältnisse, indem diese in den Aufsatz eingesetzt werden und bei zurückgeneigtem Kopf eine positionsgenaue Applikation ermöglichen. Bei trockenen Augen ist zu bedenken, dass benetzende Augensprays oder Lidsprays leichter appliziert werden können als artifizielle Tränenflüssigkeit aus konventionellen Augentropf-Fläschchen. Dabei handelt es sich meist um konservierte oder konservierungsmittelfreie Hyaluronsäure-haltige Augensprays, eingebettet in Phospholipid-Liposomen, die über die äußere Lidhaut lokale Effekte vermitteln und in die Lipidschicht des Tränenfilms aufgenommen werden.16

Weitere Dosierhilfen in der Geriatrie

Im Übrigen stellen Sprays auch in der Otologie und bei kutaner Anwendung anstelle schwer ausdrückbarer Tuben eine effektive Alternative dar. Darüber hinaus existieren zahlreiche weitere Applikationshilfen, die in der Geriatrie Verwendung finden. Es gibt Injektionsautomaten, die mit Federkraft die subkutane Anwendung verschiedener kleinvolumiger Spritzen unterstützen. Dosierspritzen mit konischem Adapter ermöglichen eine hygienische, leichtere Entnahme aus verschieden großen Flaschen, wohingegen kleinere Dosierspritzen mit Skalierungen bis 0,01 ml eine gute Dosierbarkeit bei Tropfpräparaten ermöglichen können. Die Apotheke sollte dabei behilflich sein, falls eine Umrechnung der Tropfenzahl in das korrelierende Volumen erforderlich wird, und ggf. ärztliche Rücksprache halten. Auch ein Gebrauchsfertigmachen kann in Abstimmung mit Patient:innen eine wesentliche Unterstützung bedeuten. Gerade für das Öffnen von Originalitäts- und Erstöffnungssicherungen (Aufreiß-, Abdreh-, Abbrechsysteme, Aufreißlaschen/Siegel an Augentropfenfläschchen, Druck-Drehverschlüsse) und das Zusammenbauen der Komponenten verschiedener Anwendungssysteme wie Inhalatoren sind ältere Menschen meist sehr dankbar.16 

Fazit

Apotheken können durch ihr Fachwissen und ihre Beratungsleistung zu Arzneiformen und Applikationshilfen einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit in der Geriatrie und zur Minimierung von Anwendungsfehlern im Medikationsprozess leisten.

Quellen

  1. ASQS – Arbeitsgruppe Arzneimitteltherapiesicherheit: Empfehlungen zur Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) für Akutversorgungseinrichtungen und stationäre Langzeitpflege. 2025
  2. NICE: Medicines optimisation: the safe and effective use of medicines to enable the best possible outcomes. NICE Guideline NG5 2015
  3. S3-Leitlinie: Hausärztliche Leitlinie Multimedikation. Empfehlungen zum Umgang mit Multimedikation bei Erwachsenen und geriatrischen Patienten (2021). AWMF-Reg.Nr. 053–043
  4. Universität Witten/Herdecke: PRISCUS-Liste potentiell inadäquater Medikamente (PIM); Version 2.0, 2023
  5. Schwabe O, et al.: Die Beers Liste: Ein Instrument zur Optimierung der Arzneimitteltherapie geriatrischer Patienten. MMP 2007   
  6. Pazan F et al.: Die FORTA-Liste. 2021
  7. Elliott RA et Marriott JL: Standardised assessment of patients' capacity to manage medications: a systematic review of published instruments. BMC Geriatr 2009; 9: 27
  8. Baby B et al.: Tools to measure barriers to medication management capacity in older adults: a scoping review. BMC Geriatr 2024; 24: 285
  9. Luegering A et al.: Self-reported problems in medication self-management in older polymedicated patients in general practice. Front Public Health 2026; 14: 1834501
  10. Schoß M: Wenn das Schlucken zur Qual wird. ÖAZ 2025
  11. Kircher W: Was sich für Senioren eignet. Pharm Ztg 2019
  12. Drumond N et Stegemann S: Better Medicines for Older Patients: Considerations between Patient Characteristics and Solid Oral Dosage Form Designs to Improve Swallowing Experience. Pharmaceutics 2020; 13(1): 32
  13. Harnett A et al.: Adult Patients with Difficulty Swallowing Oral Dosage Forms: A Systematic Review of the Quantitative Literature. Pharmacy (Basel) 2023; 11(5): 167
  14. Schiele JT et al.: Two Techniques to Make Swallowing Pills Easier. Ann Fam Med 2014; 12(6): 550–552
  15. Dijkers E et al.: Always the Right Dose? Content Uniformity in Over 100 Different Formulations Tested. Int J Pharm Compd 2020; 24(5): 408–412
  16. Kircher W: Arzneiformen richtig anwenden. Sachgerechte Anwendung und Aufbewahrung der Arzneimittel. Deutscher Apothekerverlag 2025
  17. Hennig Arzneimittel: Medcoat Packungsbeilage
  18. Atkin J et al.: Modified medication use in dysphagia: the effect of thickener on drug bioavailability—a systematic review. Eur Geriatr Med 2024; 15
  19. Loewenstein A et al.: Application of eye drops to the medial canthus. Graefes Arch Clin Exp Ophthalmol 1994; 232(11): 680–682

Abbildungsverzeichnis 

  1. Schnabelbecher Pillenschlucker – Quelle: Schnabelbecher „Pillenschlucker“
  2. Pill Taker’s Cup – Quelle: GMS Pill Taker Cup - Group Medical Supply
  3. Medcoat Schluckhilfe - Quelle: MEDCOAT Schluckhilfe
  4. Autoject Injektor – Quelle: Autoject® 2 | Owen Mumford
  5. Eyot Augentropfhilfe - Quelle: Eyot® Augentropfenhilfe: Applikationshilfen - Eintropfhilfen

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