Immunseneszenz

Warum das alternde Immunsystem andere Strategien braucht

Mag. Pharm.

Malena

Brenek

,

Bsc

Artikel drucken
iStock © iStock
© iStock

Unter Immunseneszenz versteht man die physiologische, altersbedingte Veränderung des Immunsystems. Sie betrifft sowohl die angeborene als auch die adaptive Immunabwehr und führt dazu, dass die Immunantwort im höheren Lebensalter weniger effektiv ausfällt. Während junge Menschen flexibel und rasch auf neue Krankheitserreger reagieren können, nimmt diese Fähigkeit mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab.

Veränderungen der Immunabwehr

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Rückbildung des Thymus (siehe Abbildung). Bereits ab der Pubertät wird das funktionelle Gewebe des Thymus zunehmend durch Fettgewebe ersetzt. Dadurch werden im Laufe des Lebens immer weniger neue, sogenannte naive T-Lymphozyten gebildet. Diese sind jedoch entscheidend, um bisher unbekannte Krankheitserreger zu erkennen und eine wirksame Immunantwort einzuleiten. Gleichzeitig sammeln sich B- und T-Gedächtniszellen sowie hochdifferenzierte Effektorzellen an, die auf bereits bekannte Erreger spezialisiert sind. Das Immunsystem verfügt dadurch zwar über ein „Gedächtnis“ für frühere Infektionen, reagiert auf neue Erreger jedoch deutlich weniger flexibel.

ApoVerlag © ApoVerlag
© ApoVerlag

Zu dieser Entwicklung trägt auch die lebenslange Auseinandersetzung mit Krankheitserregern bei. Insbesondere persistierende Virusinfektionen, beispielsweise mit dem Cytomegalievirus (CMV), beschäftigen das Immunsystem dauerhaft und fördern die Anreicherung von Gedächtniszellen.

Auch die angeborene Immunabwehr verändert sich mit zunehmendem Alter. Makrophagen, neutrophile Granulozyten und dendritische Zellen erkennen Krankheitserreger weniger effizient und reagieren langsamer auf Infektionen. Die Anzahl der NK-Zellen kann im Alter zunehmen, gleichzeitig verändern sich Zusammensetzung und Funktion – z. B. kann die zytotoxische Aktivität einzelner NK-Zellen abnehmen. Darüber hinaus verändert sich die Kommunikation zwischen den Immunzellen. Im Alter kommt es zu Veränderungen bei der Bildung und Wirkung verschiedener Zytokine, die unter anderem die Aktivierung, Vermehrung und Differenzierung von Immunzellen steuern. Das Muster dieser Veränderungen ist komplex und unterscheidet sich je nach Zelltyp und Immunantwort. Auch B-Lymphozyten verändern sich im Alter. Sie bilden Antikörper langsamer und diese binden häufig weniger effektiv an ihre Zielstrukturen. Dies trägt unter anderem dazu bei, dass Impfungen bei älteren Menschen häufig eine geringere und kürzer anhaltende Schutzwirkung entfalten.

Insgesamt entsteht dadurch ein widersprüchliches Bild – einerseits reagiert das Immunsystem schwächer auf neue Infektionen und Impfstoffe, andererseits befindet es sich gleichzeitig in einem Zustand chronischer, niedriggradiger Entzündung. Dieses Phänomen wird als Inflammaging bezeichnet und gilt heute als eines der wesentlichen Kennzeichen des alternden Immunsystems.

InflammAGING – chronische Entzündung im Alter

Ein charakteristisches Merkmal des alternden Immunsystems ist das sogenannte Inflammaging. Darunter versteht man eine chronische, niedriggradige Entzündungsaktivität im gesamten Körper, die auch ohne akute Infektion oder eine andere erkennbare Entzündungsursache besteht. Typisch sind dauerhaft erhöhte Konzentrationen entzündungsfördernder Botenstoffe wie Interleukin-6 und Tumornekrosefaktor-α sowie von Entzündungsmarkern wie dem C-reaktiven Protein.

Die Entstehung dieses Prozesses ist multifaktoriell. Als Ursache diskutiert werden unter anderem die lebenslange Auseinandersetzung des Immunsystems mit Krankheitserregern, oxidativer Stress, Zellschäden, Veränderungen des Darmmikrobioms sowie die Anreicherung alternder Zellen, die kontinuierlich entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzen. Dadurch befindet sich das Immunsystem dauerhaft in einem leicht aktivierten Zustand, der langfristig zur Entstehung chronischer Erkrankungen beitragen kann.

Inflammaging gilt heute als wichtiger Mitverursacher zahlreicher altersassoziierter Erkrankungen. Dazu zählen unter anderem Arteriosklerose und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes mellitus, Osteoporose, Sarkopenie, Frailty sowie neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer. Darüber hinaus wird diskutiert, dass chronische Entzündungsprozesse auch die Entstehung bestimmter Tumorerkrankungen begünstigen könnten.
Für die Praxis ist außerdem wichtig zu wissen, dass Infektionen bei älteren Menschen häufig atypisch verlaufen. Fieber bleibt oft aus oder ist nur gering ausgeprägt. Stattdessen dominieren unspezifische Beschwerden wie allgemeine Schwäche, Appetitlosigkeit, Verwirrtheit, Delir, funktioneller Abbau oder Stürze. Dadurch werden Infektionen häufig erst spät erkannt, wodurch das Risiko für schwere Verläufe und Komplikationen steigt.

Warum steigt die Infektanfälligkeit im Alter?

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für Atemwegsinfektionen, Harnwegsinfektionen, Herpes zoster oder Pneumonien deutlich an. Gleichzeitig verlaufen Infektionen häufiger schwer und gehen öfter mit Komplikationen oder Hospitalisierungen einher. Ursache hierfür ist nicht allein die Immunseneszenz. Auch altersbedingte Veränderungen der Haut- und Schleimhautbarrieren, chronische Erkrankungen, Mangelernährung sowie eine verminderte Mobilität tragen dazu bei, dass Krankheitserreger leichter in den Körper eindringen und weniger effektiv bekämpft werden können. Weitere Risikofaktoren sind Multimorbidität, Pflegebedürftigkeit oder der Aufenthalt in Pflegeeinrichtungen, wo die Exposition gegenüber Krankheitserregern häufig erhöht ist. Zusätzlich können Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder chronische Niereninsuffizienz die Immunabwehr weiter schwächen. Auch bestimmte Arzneimittel, insbesondere systemische Glucocorticoide, Immunsuppressiva oder onkologische Therapien, erhöhen das Infektionsrisiko.

Ernährung und Immunsystem – häufige Mängel im Alter

Neben einer ausgewogenen Ernährung beeinflussen auch Bewegung, Schlaf und das Darmmikrobiom die Immunfunktion. Regelmäßige körperliche Aktivität kann chronische Entzündungsprozesse reduzieren, dem Muskelabbau entgegenwirken und Mobilität erhalten. Ausreichender Schlaf sowie ein guter Umgang mit Stress unterstützen ebenfalls eine funktionierende Immunantwort. Eine ballaststoffreiche Ernährung fördert zudem ein gesundes Darmmikrobiom, das eine wichtige Rolle bei der Immunregulation spielt. 

Immunantwort:
Impfungen 
im Alter –
Schutz bleibt wichtig

Obwohl die Immunantwort im höheren Lebensalter häufig abgeschwächt ist, gehören Impfungen zu den wirksamsten präventiven Maßnahmen für ältere Menschen. 

Verantwortlich für die verminderte Impfantwort sind unter anderem die geringere Bildung naiver T- und B-Lymphozyten sowie eine weniger effiziente Antikörperbildung. Dadurch fallen sowohl die Stärke als auch die Dauer des Impfschutzes häufig geringer aus als bei jüngeren Erwachsenen. Doch auch wenn Impfungen Infektionen nicht immer vollständig verhindern können, reduzieren sie nachweislich das Risiko schwerer Krankheitsverläufe, Hospitalisierungen und der Mortalität.

Für ältere Menschen sind insbesondere folgende Impfungen von Bedeutung:
• Influenza 
• COVID-19 
• Pneumokokken 
• Herpes zoster 
• Pertussis 

Um trotz Immunseneszenz eine möglichst gute Immunantwort zu erreichen, kommen bei älteren Menschen zunehmend adjuvantierte oder Hochdosis-Impfstoffe zum Einsatz. Adjuvantien verstärken die Aktivierung des Immunsystems und können dadurch einen besseren Impfschutz erzielen.

Was die Apotheke aktiv beitragen kann

Die Apotheke ist für viele ältere Menschen eine niederschwellige und regelmäßig aufgesuchte Anlaufstelle und nimmt daher eine zentrale Rolle in der Prävention ein. Neben der Beratung zu Impfungen können Apotheker:innen dazu beitragen, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen und evidenzbasierte Empfehlungen zu geben.
Im Beratungsalltag sollten insbesondere der Impfstatus regelmäßig überprüft, Warnzeichen schwerer Infektionen erkannt sowie Ernährung, Bewegung und Schlaf thematisiert werden. Ebenso gilt es, Arzneimittel mit immunsuppressiver Wirkung zu identifizieren, Polypharmazie kritisch zu hinterfragen und Mangelernährung oder Frailty frühzeitig anzusprechen. Nicht zuletzt kann die Apotheke dazu beitragen, unrealistische Erwartungen an Nahrungsergänzungsmittel einzuordnen und Patient:innen zu evidenzbasierten Maßnahmen zu beraten.
Gerade im höheren Lebensalter gilt: Eine wirksame Unterstützung des Immunsystems beruht auf dem Zusammenspiel aus Impfungen, ausgewogener Ernährung, regelmäßiger Bewegung, ausreichend Schlaf und einer individuell angepassten medizinischen Betreuung.

Quellen

  1. Nikolich-Žugich, J: The twilight of immunity: emerging concepts in aging of the immune system. Nat Immunol 2018; 19: 10–19 
  2. Akbar AN, et al.: Senescence of T Lymphocytes: Implications for Enhancing Human Immunity. Trends Immunol 2016; 37(12): 866–876
  3. Crooke SN, et al.: Immunosenescence and human vaccine immune responses. Immunity Ageing 2019; 16: 25 
  4. Franceschi C, et al.: Inflammaging: a new immune–metabolic viewpoint for age-related diseases. Nat Rev Endocrinol 2018; 14(10): 576–590
  5. High KP, et al.: Clinical practice guideline for the evaluation of fever and infection in older adult residents of long-term care facilities: 2008 update by the Infectious Diseases Society of America. Clin Infect Dis 2009; 48(2): 149–171

Das könnte Sie auch interessieren