Es gebe Wohnungslose, die nicht in den angebotenen Schlafplätzen übernachten wollen, sei es aus schlechten Erfahrungen in Wohnheimen oder aus welchen Gründen auch immer, erläuterte Schreiber am Donnerstag. Aber auch wenn eine Passantin oder ein Passant eine obdachlose Person in der Kälte anspricht und diese vermittelt, dass sie keine Hilfe will: Das Kältetelefon könne immer alarmiert werden, sagte der ÖRK-Chefarzt. Die Caritas kenne das Klientel und habe teils mehr Aussicht auf Erfolg, die Betroffenen in eine Schlafstelle zu bringen als Polizei oder Rettungsdienst. Aber auch die Blaulichtorganisationen stehen zur Verfügung, vor allem in Gemeinden, wo es kein Kältetelefon oder ähnliche Notfallnummern gibt.
Tod durch Unterkühlung, nicht durch Erfrierungen
Bei derartigen Fällen wie am Wochenende in der Bundeshauptstadt handle es sich meist um Tod durch Unterkühlung (medizinisch: Hypothermie), erläuterte Schreiber. Ein Tod durch Erfrierungen oder Erfrieren komme eher nur im hochalpinen Bereich vor. "Auch Lawinenverunfallte sterben in der Regel nicht an Unterkühlung, sondern ersticken", erläuterte der Mediziner. Normal ist eine Körperkerntemperatur von über 35 Grad. Darunter handle es sich um eine Unterkühlung mit verschiedenen Schweregraden.
Für eine Unterkühlung brauche es "gar nicht so sehr diese kalten Temperaturen". Die meisten Patientinnen und Patienten, die deshalb behandelt werden müssten, sind laut dem Mediziner alte Menschen, die nicht oder zu sparsam heizen, in Haus oder Wohnung stürzen, nicht mehr aufkommen und länger liegen bleiben, bis es jemand bemerkt. Darüber hinaus seien auch vor allem wohnungslose Personen betroffen, die bei kalten Temperaturen im Freien zu liegen kommen und nicht mehr aufstehen können oder die Kälte aufgrund einer Alkoholisierung nicht spüren. Bei Wind oder einem Sturz in kaltes Wasser erfolgt die Abkühlung rascher.
Nach Spitalsbehandlung meist keine bleibenden Schäden
Fitte, nüchterne Personen suchen bei ersten Anzeichen einer Unterkühlung - wie "Muskelaktivität im Sinne von Kältezittern" oder dem Gefühl von kalten Extremitäten oder Händen - das Warme auf, erläuterte Schreiber. Bleibt die betroffene Person aber liegen, kann sie apathisch bis bewusstlos werden, Atemfrequenz und Blutdruck werden geringer und es kann bis zum Herzstillstand und Tod kommen. Es gibt jedoch "selten tief hypotherme Patienten, die sich mit Kreislaufstillstand präsentieren", sagte der ÖRK-Chefarzt.
Wenn eine unterkühlte Person nicht mehr "geordnet ansprechbar ist, dann wird man das selbst nicht lösen können", erläuterte Schreiber in Bezug auf nötige Erste-Hilfe-Maßnahmen. Es müsse der Rettungsnotruf verständigt und ein weiteres Abkühlen verhindert werden, aber nur durch Zudecken allein werde sich die Person nicht erwärmen. Bei einer Behandlung im Krankenhaus ist die Prognose gut, eine Unterkühlung ohne neurologische Defizite zu überleben, versicherte der Universitätsprofessor.
Bewegung des Patienten kann zu Verschlechterung führen
Im Spital erfolgt die Therapie mit einer Art dünner Luftmatratze, aus der warme Luft auf die Haut geblasen wird, berichtete der Mediziner. Es gebe auch die Möglichkeit, auf 38 Grad erwärmte Infusionen zu verabreichen. Außerdem werde bei einer starken Unterkühlung versucht, den Patienten möglichst wenig zu bewegen. Das kann nämlich zur Verschlechterung des Gesundheitszustandes führen.
APA