Wenn der Darm sensibel ist

Reizdarmsyndrom

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Schätzungsweise  über 10 % der Bevölkerung  sind betroffen. © Shutterstock
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Definitionsgemäß handelt es sich beim RDS um darm-bezogene chronische oder rezidivierende Beschwerden in Kombination mit einer Veränderung der Stuhlkonsistenz bzw. -frequenz. Voraussetzung für die Diagnose sind der gezielte Ausschluss anderer Krankheitsbilder und eine krankheitsbedingte Einschränkung der Lebensqualität. Was die Art und Schwere der Symptome betrifft, gibt es individuell sehr große Unterschiede. Auftreten kann das RDS in allen Altersklassen, zeitlich begrenzt oder auch lebenslang. Obwohl bereits seit 2010 eine S3-Leitlinie vorliegt, lässt die Forschung zu diesem Thema nach wie vor viele Fragen offen.

Mannigfaltiges Krankheitsbild

Das RDS ist nicht mit der Entwicklung anderer gastrointestinaler Erkrankungen assoziiert und führt zu keiner gesteigerten Mortalität. Zu den typischen Symptomen zählen Unterbauchschmerzen, Krämpfe und Stuhlunregelmäßigkeiten. Eine Darmentleerung führt in der Regel zur Besserung der Schmerzen.

Aufgrund des Symptombildes können die Betroffenen in die drei Subgruppen „Diarrhoeprädominanz“, „Obstipationsprädominanz“ und „abwechselndes, gemischtes Stuhlverhalten“ eingeteilt werden. Treten zusätzliche Beschwerden im Oberbauch auf, könnte auch eine Kombination aus Reizdarm und Reizmagen vorliegen.

Weiters berichten die Betroffenen häufig über Blähungen und Völlegefühl nach den Mahlzeiten, Schleimbeimengung im Stuhl und das Gefühl einer unvollständigen Darmentleerung. Während die

meisten eine milde Form haben, die durch symptomlindernde Maßnahmen gut in den Griff zu bekommen ist, haben viele auch mit schwereren Verläufen und einer damit einhergehenden Beeinträchtigung der Lebensqualität zu kämpfen.

Infektionen, Gene und Psyche

Der vermutete Zusammenhang zwischen einem ungesunden Lebensstil und dem Auftreten des RDS konnte von der Wissenschaft nicht bestätigt werden. Belegt wurde hingegen eine genetische Prädisposition. Auch körperliche und psychosoziale Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen.

Festgestellt wurden u. a. eine veränderte Kolontransitzeit, eine gesteigerte Darmmotilität sowie eine Hypersensitivität der Darmnerven, die auf eine erhöhte Dichte spezifischer Nervenzellen in der Darmschleimhaut zurückzuführen sein könnte. Entzündliche Prozesse in der Mukosa und eine gesteigerte Darmpermeabilität wurden ebenfalls registriert, darüber hinaus besteht ein deutlich erhöhtes Risiko durch gastrointestinale Infekte. Die Ursachen des bei Betroffenen veränderten Mikrobioms sind noch unklar.

Psychische Störungen haben Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf. Dass das RDS häufig bei Personen auftritt, die unter Stress, emotionaler Labilität oder Schlafstörungen leiden, könnte mit der bei Betroffenen erhöhten Sympathikus-Aktivität zusammenhängen. Eine gegenseitige Beeinflussung zwischen Gehirn und Gastrointestinaltrakt über die sog. „Darm-Hirn-Achse“ ist wissenschaftlich bereits belegt; das Kausalitätsverhältnis beim RDS konnte jedoch bisher nicht aufgeklärt werden.

Von anderen Erkrankungen abgrenzen

Die Komplexität des Krankheitsbildes erschwert die Diagnosestellung. Empfohlen wird das Einbeziehen der Rom-IV-Kriterien als Hilfestellung (siehe Kasten). Die Leitlinie schreibt außerdem eine gründliche Basisdiagnostik vor. Andere Erkrankungen und organische Ursachen mit ähnlichem Beschwerdebild müssen gezielt ausgeschlossen werden. Mittels Stuhluntersuchung können intestinale Entzündungsmarker (z. B. Calprotectin) bestimmt und Infektionen nachgewiesen, durch einen Bauch-Ultraschall Erkrankungen der Leber, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse erkannt werden. Auch ein Blutbild sowie eine Magen- und/oder Darmspiegelung zählen zu den üblichen diagnostischen Maßnahmen.

Diagnose: Rom-IV-Kriterien

• Symptombeginn mindestens sechs Monate vor der Diagnose

• Beschwerden an mindestens einem Tag der Woche in den letzten drei Monaten

• wiederkehrende abdominelle Schmerzen mit Zutreffen von mindestens zwei der folgenden Kriterien:

  • Zusammenhang mit der Defäkation
  • Veränderung der Stuhlfrequen
  • Veränderung der Stuhlkonsistenz/-form


Ausgeschlossen werden müssen eine Lactose- und Fructoseintoleranz sowie Zöliakie, wobei diese auch in Kombination mit einem RDS auftreten können. Ein zusätzlich zu den unspezifischen Beschwerden auftretender deutlicher Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, Fieber oder Blässe deuten auf das Vorliegen einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn) hin. RDS-ähnliche Symptome können auch durch eine Divertikulitis hervorgerufen werden. Besonders bei rasch auftretenden bzw. zunehmenden Beschwerden sollte auch an Gallensteine gedacht werden. Darmkrebs als mögliche Ursache gilt bei Personen unter 50 Jahren als sehr selten, sollte aber dennoch mittels Dickdarmspiegelung ausgeschlossen werden.

Individuelle Behandlungsmethoden

Eine Heilung ist nach heutigem Stand der Wissenschaft nicht möglich. Empfohlen wird ein ganzheitliches Therapiekonzept mit Fokus auf eine individuelle Verbesserung der Lebensqualität. Die Betroffenen sollten auch über das Zusammenspiel zwischen psychisch-emotionalen und körperlichen Faktoren informiert werden.

Allgemeine Ernährungsempfehlungen bei RDS gibt es nicht. In manchen Fällen kann die Einnahme von kleineren Mahlzeiten über den Tag verteilt die Beschwerden bessern, während in anderen Fällen strikte Essenszeiten und -pausen Linderung verschaffen. Ebenso können bestimmte Lebensmittel die Symptome bei manchen Personen verstärken, während sie von anderen problemlos gegessen werden können. Eine professionelle Ernährungsberatung sowie das Führen eines Ernährungstagebuches helfen dabei, herauszufinden, was den Betroffenen guttut. Laut Leitlinien sollte auch eine Low-FODMAP-Diät (Fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole) in Erwägung gezogen werden. Diese führt in vielen Fällen zu einer Besserung der Beschwerden und kann auch über einen längeren Zeitraum eingehalten werden.

Was die Einnahme von Probiotika betrifft, ist eine allgemeine Aussage schwierig, da sich viele Einzel- und Multispezies-Produkte im Handel befinden.

Insgesamt zeigen die Studien, dass Probiotika die Symptome und die Lebensqualität beim RDS durchaus verbessern können. Empfohlen wird außerdem die Zufuhr von Ballaststoffen. Diese können aufgrund ihrer quellenden und motilitätsanregenden Wirkung sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung zum Einsatz kommen und dienen den Darmbakterien als Nahrungsquelle, wodurch sie zu einer Verbesserung des Mikrobioms beitragen können.

Therapie nach Beschwerdebild

In der Arzneimitteltherapie liegt der Fokus auf einer zeitlich begrenzten und symptomorientierten Anwendung. Bei Nicht-Ansprechen auf ein Medikament wird empfohlen, dieses nach spätestens drei Monaten abzusetzen.

Bei abdominellen Schmerzen haben sich Spasmolytika als wirksam erwiesen. Auf pflanzlicher Basis können Präparate mit Pfefferminzöl zur Besserung von Bauchschmerzen und Blähungen beitragen. Schmerzlindernde Effekte wurden auch für Zubereitungen aus Angelikawurzel, Kamille, Kümmel, Mariendistel, Melisse und Süßholz gezeigt. Von peripheren Analgetika (NSAR, Paracetamol, Metamizol) und Opioiden wird abgeraten.

Im Falle von chronischer Verstopfung wird Bewegung empfohlen. Zudem können milde Abführmittel wie etwa Macrogol angewendet werden. Lactulose ist laut Leitlinien weniger empfehlenswert, da diese häufig zu Blähungen führt. Auch von der regelmäßigen Einnahme von Anthraglykosid-haltigen Phytopharmaka (Aloe, Faulbaumrinde, Sennesblätter etc.) und den synthetischen Laxantien Bisacodyl und Natriumpicosulfat wird eher abgeraten, da diese bei Dauergebrauch über eine vermehrte Kaliumausscheidung die Verstopfung weiter verstärken können. Bei Therapieresistenz kann auch der 5-HT4-Agonist Prucaloprid mit guter Evidenz eingesetzt werden.

Bei RDS-Erkrankten mit Durchfall empfiehlt die Leitlinie Loperamid, wobei auf das Risiko für einen Darmverschluss bei regelmäßiger Einnahme hingewiesen wird. Der Gallensäurebinder Colestyramin wird bei Diarrhoeneigung ebenfalls empfohlen, da bei Patientinnen und Patienten dieser Subgruppe oft nicht-resorbierte Gallensäuren im Dickdarm Beschwerden verursachen. Ähnlich positive Ergebnisse wurden auch für den Ionenaustauscher Colesevelam erzielt. Bei Blähungen gibt es keine evidenzbasierten Therapieempfehlungen. Die Einnahme von Probiotika, pflanzlichen Präparaten mit Fenchel, Anis und Kümmel sowie des synthetischen „Entschäumers“ Simeticon kann bei gutem Nebenwirkungs-profil zu einer Linderung beitragen.

Körper und Seele berücksichtigen

Bei chronischen therapieresistenten Bauchschmerzen und bei psychischen Komorbiditäten sollten auch psychotherapeutische Verfahren (z. B. kognitive Verhaltenstherapie) angeboten werden, da es für diese vielversprechende Studienergebnisse gibt. Komplementäre Methoden wie Hypnose, Akupunktur, Yoga, Entspannungs- und Achtsamkeitstraining können ins Therapiekonzept inte-griert werden. Beim Vorliegen von Angststörungen, Depressionen etc. kann eine adäquate Medikation auch zu einer Verbesserung der RDS-Symptomatik führen. Untersucht wurde u. a. das trizyklische Anti-depressivum Amitriptylin, das jedoch in erster Linie für Betroffene mit Diar-rhoe-Neigung geeignet ist, da es den gastrointestinalen Transit verlangsamt. Bei Neigung zu Verstopfung kann auch auf SSRI oder den SNRI Duloxetin zurückgegriffen werden, wobei die Datenlage bei RDS eher dürftig ist.

Da viele medikamentöse und alternative Therapiemöglichkeiten keiner ärztlichen Verschreibung bedürfen, spielen Apotheken als Erstanlaufstelle eine große Rolle. In der Beratung ist es wichtig, aktiv zuzuhören. Wird von Krankheitszeichen wie Gewichtsabnahme, Blut im Stuhl, chronische Diar-rhoe, starke rechtsseitige Bauchschmerzen, ungeklärtes Fieber etc. berichtet, sind die Grenzen der Selbstmedikation erreicht, und ein Arztbesuch sollte dringend angeraten werden. 

Text: Mag. pharm. Magdalena Muralter

Quellen:

•   P. Layer et. al. Update S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom (AWMF-Registriernummer: 021/016), Juni 2021

•   Ford A.C. et al. Irritable bowel syndrome, Lancet 396, 1675–1688 (2020)

•   Defrees D.N. et. al. Irritable Bowel Syndrome: Epidemiology, Pathophysiology, Diagnosis, and Treatment. Prim. Care 44, 655–671 (2017)

•   Adriani, A. et al. Irritable bowel syndrome: the clinical approach. Panminerva Med. 60, 213–222 (2018)

Weitere Literatur auf Anfrage

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