ÖAZ Aktuell (Ausgabe 08/2009)

ÖAZtara 08/2009

ÖAZtara

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Die Seekrankheit
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„Zuerst hat man Angst, dass man stirbt, dann dass man nicht stirbt.“

Die Seekrankheit


Die Seekrankheit ist nach wie vor ein Tabuthema. Dies ist umso erstaunlicher, da selbst bei der Marine 20% der Besatzung seekrank werden.

Die Seekrankheit betrifft mindestens 20% der Menschen. Auf Seenotkreuzern werden bei rauer See und bei Sturm sogar bis zu 80% seekrank, obwohl diese Retter die Seefahrt gewöhnt sind. Gefährdete Personen betreten gar nicht erst ein Schiff, da das leichte Schaukeln im Hafen schon nicht vertragen wird.

Dr. med. univ. Dagmara Mayer,
Dr. med. univ. Margaritha Litschauer-Poursadrollah,
und Univ.-Prof. Dr. Reinhart Jarisch

Seekrankheit ist ein Risikofaktor der Seefahrt: Zwei der letzten Yachtunfälle mit Todesfolge – einmal in der Adria, einmal an der Marokkanischen Atlantikküste – hatten Seekrankheit eines Großteils der Besatzung als Ursache. Darüber hin­aus gibt es keine Erkrankung, die so schnell zu Selbstmordgedanken führt wie die Seekrankheit.
Wolfgang Hausner, österreichischer Paradesegler, zitiert im Vorwort des Buches: »Histamin Intoleranz, Histamin und Seekrankheit«: „Zuerst hat man Angst, dass man stirbt, dann dass man nicht stirbt.“ Frauen sind empfindlicher als Männer, Asiaten empfindlicher als Kaukasier. Jüngere Erwachsene sind empfindlicher als ältere. Gähnen ist oft ein Frühwarnzeichen für aufkommende Seekrankheit.

Ursachen
Für das Auftreten der Seekrankheit wird üblicherweise vor allem das Auge verantwortlich gemacht. Es besteht kein Zweifel, dass optische Eindrücke mitverantwortlich sind. Allerdings werden auch Blinde seekrank, das heißt das Auge ist nicht alleine verantwortlich.
Für das Auftreten der Seekrankheit gibt es zwei ähnliche Theorien. Beiden ist im Wesentlichen zu Eigen, dass Übelkeit auftritt, wenn das erwartete Ereignis mit dem tatsächlichen eingetretenen Ereignis nicht übereinstimmt und es somit zu einer Diskrepanz der Informationen an das Gleichgewichtszentrum im Kleinhirn kommt. Auslöser sind somit widersprüchliche Informationen des vestibulären, visuellen und somatosensorischen Systems. Deshalb wird der Steuermann auf einem Boot selten seekrank. Auslöser der Seekrankheit ist primär das Kleinhirn. Bei übermäßigen Bewegungen wird Histamin im Innenohr freigesetzt. Im Tierversuch unterbindet die Blockade der Histidindecarboxylase den Abbau von Histidin zu Histamin. Ist das Enzym blockiert, werden Versuchstiere nicht seekrank.

Medikamente gegen Seekrankheit

Scopolamin TTS – Pflaster (nicht im Handel)
Cinnarizin – Pericephaltabletten 75 mg
Dimenhydrinate – Travel Gum 20 mg,Vertirosan 50 mg Dragees
Doxepin – Sinequan 25 mg Kps
Doxylamin – Wick Hustensaftkonzentrat
Phenytoin – Epilan D Gerot Tbl
Meclozine (nicht im Handel)
Hydroxyzin 10 mg – Atarax
Dexamethason
Terfenadin (nicht im Handel)
Flunarizin – (Ca-Antagonist)
Promethazin (nicht im Handel)
Fluoromethylhistidin (Inhibitor der Histaminsynthese) (nicht im Handel)

Vitamin C als Therapie?
In der Literatur finden sich Hinweise auf eine inverse Relation zwischen Histamin und Vitamin C. Um diesen Therapieansatz zu untermauern stellten wir folgende Hypothese auf: Wenn es eine inverse Relation zwischen Histamin und Vitamin C gibt, dann muss bei einer Erkrankung mit dauerhaft hohem Histaminspiegel, nämlich der Mastozytose, der Vitamin C-Spiegel erniedrigt sein. Dies war in einer Studie, bei der der Vitamin C-Spiegel bei Mastocytosepatienten im Vergleich zu Normalpersonen untersucht wurde, tatsächlich der Fall. Darüber­ hinaus klagen viele Patienten mit Mastozytose – einem Krankheitsbild mit vermehrten Mastozyten, die Histamin und Tryptase enthalten – über Übelkeit, die durch Vitamin C-Gaben verschwindet.

Aus Berichten von Patienten wissen wir, dass griechische Fischer den Touristen, die sie von einer Insel auf die andere bringen, bei unruhiger See Zitronenscheiben zum Kauen geben. Ein österreichischer Arzt informierte uns, dass die Bewohner der Samoainseln (Pazifischer Ozean) vor einer Seereise ein bis zwei Mangos zu sich nehmen. Mangos enthalten gewichtsbezogen fast gleich viel Vitamin C (37 mg/100 g) wie Zitronen (43 mg/100 g), schmecken aber besser. Vorstudien mit Teilnehmern von Segeltörns und Teilnehmern einer Umrundung von Kap Hoorn auf der Alexander von Humboldt zeigten im doppelblind Versuch ein besseres aber statistisch nicht signifikantes Ergebnis für Vitamin C. Daher führten wir zusammen mit der Deutschen Marine, mittels einer Rettungsinsel in einem Schwimmbecken mit Wellenanlage, eine Seekrankheitsstudie mit Vitamin C durch. Die Studie ergab, dass Vitamin C-Kautabletten (Cevitol®) für Männer unter 30 und Frauen als wirksam empfohlen werden können. Wichtig ist, die Tabletten im Mund zu lutschen, damit die Resorption über die Mundschleimhaut erfolgen kann. Dies ist im Gegensatz zu den üblichen Medikamenten gegen Seekrankheit auch noch bei aufkommenden Zeichen einer Seekrankheit wirksam. Die bisher üblichen Medikamente gegen Seekrankheit haben eine antihistaminische Wirkung. Dimenhydrinat, Cinnarizin und Scopolamin sind laut Literatur die am häufigsten untersuchten Medikamente zur Unterdrückung der Seekrankheit. Alternativ empfohlene und eingesetzte Medikamente zeigen eine Placebo-Rate von maximal 30%. Die Seekrankheit ist nach wie vor ein Tabuthema. Dies ist umso erstaunlicher, da selbst bei der Marine 20% der Besatzung seekrank werden. Unser Modell zur Erforschung einer Therapie gegen Seekrankheit scheint für die Marine ein realistisches Ausleseverfahren für potenzielle Marineangehörige zu sein.

In Summe brachte die Marinestudie folgende Erkenntnisse

Histamin steigt bei starken Bewegungen des Körpers an und scheint daher auch in der Humanmedizin der wichtigste Auslöser der Seekrankheit zu sein.
Gewöhnung an starke Bewegungen tritt schon nach einem Tag Vorexposition auf.
Vitamin C (als Kautabletten!) hilft vor allem empfindlichen Personen (Frauen und Männer unter 30 Jahre).
Seekrankheit tritt bei 20% der Menschen auf, ist daher nicht selten und sollte daher bei der Reisevorbereitung berücksichtigt werden.

Wie immer ist Vorsicht und Vorausplanung das Geheimnis für Erfolg und in diesem Fall für einen schönen Urlaub.

Weitere therapeutische Maßnahmen
Da Histamin der wichtigste Auslöser der Seekrankheit ist, empfiehlt sich das Einhalten einer histaminfreien Diät.
Da das Gleichgewichtsorgan im Kopf lokalisiert ist, sind Kopfbewegungen zu vermeiden. Dies geschieht am besten durch Stehen mittschiffs, am Kreuzungspunkt der Längs- und Querachse. Dabei können die Bewegungen des Schiffs im Stehen mit den Beinen kompensiert werden. Von Drehstuhlexperimenten wissen wir, dass Drehen allein noch keine Übelkeit erzeugt. Erst wenn man dabei den Kopf senkt und wieder aufrichtet, tritt schnell Übelkeit auf. Dies unterstreicht die Bedeutung der propriozeptiven Rezeptoren im Bereich der Halswirbelsäule. Übersetzt heißt das, dass man nicht den Kopf bewegen soll, sondern den ganzen Oberkörper. Kopf, Hals und Oberkörper bleiben dabei eine steife Einheit. Besonders gefürchtet ist daher das Arbeiten am Navigationstisch, bei dem Kopfbewegungen unvermeidlich sind.

Gähnen ist oft ein Frühwarnzeichen für aufkommende Seekrankheit und sollte sofortige Therapiemaßnahmen einleiten.
Das heißt ein bis zwei Vitamin C-Kautabletten sind dann notwendig und helfen auch zu diesem späten Zeitpunkt.
Die bisher üblichen Mittel gegen Seekrankheit müssen Stunden vorher eingenommen werden.
Sollte das alles nicht ausreichen, dann hilft nur mehr schlafen. Im Schlaf sinkt der Histaminspiegel gegen Null. Nach ein bis mehreren Stunden Schlaf ist man wieder fit.
Nicht zuletzt ist die Planung eines Segeltörns wichtig. Die Fahrt am ersten Tag sollte kurz sein (etwa 5sm, Seemeilen), damit der Gewöhnungseffekt eintreten kann. In der Marinestudie war der zweite Tag hochsignifikant besser (p<0,01).

Literatur bei den Verfassern.

Anschrift der Verfasser: Dr. med. univ. Dagmara Mayer*; Dr. med. univ. Margaritha Litschauer-Poursadrollah*, Univ.-Prof. Dr. Reinhart Jarisch*; ­­­­­­­­­
*FAZ- Floridsdorfer Allergiezentrum,
1210 Wien, Franz Jonasplatz 8, jarisch@faz.at

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