Chronische Hepatitis B nun besser behandelbar:
Sebivo®

Mag. pharm. Dr. Alfred Klement
Unter den 6 bekannten Virushepatitiden
(A bis F) nimmt die Hepatitis B eine Sonderstellung ein. Es
existiert zwar schon seit
Jahren eine Schutzimpfung gegen HBV, dennoch treten pro Jahr
europaweit immer noch 1 Million Infektionsfälle auf, von
denen (siehe Grafik):
80.000
bis 100.000 chronifizieren (Hepatitis B Virus-Träger),
19.000
eine Zirrhose entwickeln und
rund
5.000 als »Leberkrebs« enden.

Laut WHO beträgt die durchschnittliche Inzidenz von Hepatitis
B-Infektionen in der Bevölkerung 115 Fälle pro 100.000
Einwohner. Zum Vergleich:
in
Westeuropa beträgt die Inzidenz 29,
in
Osteuropa und im östlichen Mittelmeerraum 523!
Der Trägerstatus bleibt dauerhaft, denn durch die Integration
der viralen DNA in das Genom des Hepatozyten persistiert das
Hepatitis B-Virus in der befallenen Zelle. Es kann therapeutisch
nicht mehr eradiziert, sondern nur in seiner Replikation
unterdrückt werden (siehe dazu ÖAZ Nr.
3/2007, Seite 111: Baraclude®). Man kennt zwei
immunulogische Verlaufsformen der chronischen Hepatitis B:
Bei
der klinisch asymptomatischen Form reagiert der Körper
weitgehend tolerant auf das Virus, seine Reproduktionsrate
bleibt niedrig und die Leberzellen weitgehend intakt. Man erkennt
den Zustand nur am HbsAg-Trägerstatus.
Bei
der chronisch-aktiven Hepatitis hingegen vermehrt sich das Virus
massiv, schädigt die Hepatozyten dementsprechend
und erhöht das Zirrhoserisiko um 30 bis 40%.
Im Mittelpunkt der Behandlung
der chronischen Hepatitis B steht deswegen die dauerhafte Unterdrückung
der Virusreplikation zur Verhinderung – oder sogar Rückbildung – von
Leberzellentzündung und Fibrosierung.
| Parameter |
HbeAg positiv |
HbeAg negativ |
| |
Sebivo® |
»Lamivudin« |
Sebivo® |
»Lamivudin« |
Therapeutischer
Respons |
58,7% |
45,4% |
70,7% |
56,7 %
|
Hepatitis B Virus
DNA nicht
dedektierbar |
50,2% |
36,1% |
77,5% |
50,0%
|
| ALT normalisiert |
63,9% |
56,5% |
70,9% |
58,0% |
| HbeAg-Verlust |
32,6% |
27,4% |
---- |
---- |
ALT = Alaninaminotransferase
(Leberenzym)
Stand der Behandlungsergebnisse in der GLOBE-Studie per 23. 6. 2006 (N = 1367
ITT-Patienten) |

Natürlicher Verlauf einer chronischen Hepatitis B über
einen Zeitraum von 30 bis 50 Jahren
Kurzprofil Sebivo®
»Telbivudin« ist
ein oral anwendbares Nukleosidanalogon, welches selektiv und
potent die Hepatitis B Virus-Vermehrung stoppt.
Sebivo® kommt bei der chronischen Hepatitis B mit kompensierter
Lebererkrankung und Zeichen der Virusvermehrung mit einer Standarddosis
1 Filmtablette täglich mit/ohne Nahrung zum Einsatz.
Sebivo® zeigt dabei größere antivirale Effektivität
als »Lamivudin« bzw. »Adefovir«. Die
Versagerquote und Mutationshäufigkeit unter Sebivo® war
bisher niedriger als unter Vergleichpräparaten.
Das Wechselwirkungsrisiko ist marginal und die Nebenwirkungen
sind tolerierbar. Die Therapiedauer und Anwendbarkeit von Sebivo® bei
bestehender Resistenz gegen »Lamivudin« und »Adefovir« ist
derzeit noch unklar.
Behandlungsmöglichkeiten
Derzeit sind in Europa 4 Medikamente gegen chronische Hepatitis
B zugelassen:
Der
rekombinante Immunmodulator alfa-Interferon ist nur parenteral
verfügbar und zeigt ein vielfältiges Nebenwirkungsspektrum.
Die Hbe-Serokonversionsrate liegt bei etwa 25%.
»Adefovir« (Hepsera®-Tabl.), »Lamivudin« (Zeffix®-Filmtabl.)
und »Entecavir« (Baraclude®-Filmtabl.) sind Nukleosid-/Nukleotid-Analoga.
Unter »Adefovir« (cave
Nephrotoxizität!)
und »Lamivudin« tritt bald eine Resistenz auf, »Entecavir« kann
wiederum die Nierenleistung verschlechtern.
Die unbefriedigende Langzeitbehandlung
der chronischen Hepatitis B macht verständlich, warum so großes
Interesse an neuen Behandlungsoptionen besteht.
»Telbivudin« (Sebivo®-Filmtabletten)
Sebivo® 600 mg-Filmtabletten kamen im Juni 2007 auf den Markt,
kosten in der Monatspackung zu 28 Stück 736,80 Euro (AVP)
und befinden sich derzeit in der »Red-box«.
Chemie und Wirkungsweise
»Telbivudin« – ein Nukleosidanalogon – besitzt
drei Chiralitätszentren, wird aber in enantiomerenreiner
Form als unverändertes L-Enantiomer des natürlich vorkommenden
Nukleosids D-Thymidin eingesetzt.
Die Aktivierung von »Telbivudin« zum wirksamen nukleosidischen
Triphosphat erfolgt durch zelluläre Nukleosid-Kinasen. »Telbivudin-triphosphat« hemmt
spezifisch und kompetitiv die HBV-DNA-Polymerase und induziert
während der Replikation einen Kettenabbruch. Zum Unterschied
von »Lamivudin« hemmt »Telbivudin« bevorzugt
die PLUS-Strangsynthese durch die DNA-Polymerase und nicht die
MINUS-Strangsynthese (reverse Transkription), wie die bisherigen
Nukleosidanaloga. Die klinischen Konsequenzen sind derzeit noch
nicht geklärt.
Pharmakokinetik und Dosierung
Die Kinetik von »Telbivudin« wird durch ein Cmax
von 3 Std., geringe Proteinbindung (3 bis 5%) und eine hepatozelluläre
Halbwertszeit von 14 Std. charakterisiert, während die Bioverfügbarkeit
nur geschätzt werden kann (42%). Mangels Metabolisierung
von »Telbivudin« sind Wechselwirkungen nicht zu erwarten,
aber wegen der renalen Ausscheidung spielen der Nierenstatus
und Medikamente, die ihn beeinflussen, eine Rolle (Aminoglykoside,
Schleifendiuretika). Nahrungsmittel haben auf die Kinetik von »Telbivudin« übrigens
keinen Einfluss.
Dosierung: Eine Filmtablette zu 600 mg täglich mit/ohne
Nahrung. Die Behandlungsdauer richtet sich nach dem virologischen
Befund und soll bis zur Serokonversion von HbeAg oder HbsAg bzw.
bis zum Verlust der Wirkung weiter geführt werden.
Indikation: chronische Hepatitis B mit kompensierter Lebererkrankung
und nachweislicher Virusreplikation, erhöhten Leber-Enzymwerten
(GPT) und aktiven Entzündungs- und/oder Fibrosezeichen.
Die große
doppelblinde, randomisierte, klinische Zulassungsstudie GLOBE
verglich Sebivo® 600 mg mit »Lamivudin« 100
mg, jeweils 1x täglich, über einen Zeitraum von 2 Jahren.
Zentrales Ergebnis: stärkere antivirale Wirksamkeit von
Sebivo® bei einer signifikant geringeren Resistenzrate und
einem mit »Lamivudin« vergleichbaren Sicherheitsprofil.
Erste Auswertungen der Langzeitergebnisse weisen darauf hin,
dass unter Sebivo® bei HbeAg-positiven und
-negativen Patienten höhere Responderraten hinsichtlich
aller Schlüsselparameter erzielt wurden (siehe Tabelle auf
S. 743).
Sicherheit
Unter den häufigeren Nebenwirkungen fanden sich in der GLOBE-Study
14%
respiratorische Infekte in den oberen Atemwegen,
12%
Müdigkeit und Krankheitsgefühl und
10%
Beschwerden im Gastrointestinaltrakts.
Nur 15% der Patienten
in der Schlüsselstudie waren Kaukasier.
Da sie im Vergleich zu Asiaten von den Nebenwirkungen deutlich
stärker betroffen waren, wird derzeit die Sachlage im Rahmen
einer eigenen Studie detailliert überprüft.
Verwendete Grundlagen
Austria-Codex
Fachinformation Sebivo®
A
Ruiz-Sancho et al. »Telbivudin: a new option for
the treatment of Chronic Hepatitis B« Expert Opin
Biol Ther 7 (5) : 751–761 (2007)
Europäischer
Beurteilungsbericht (EPAR) zu Sebivo® (http://www.emea.eu.int)
Vorgestellte Präparate 2007:
Avaglim® Rosiglitazon
+ Glimepirid
Baraclude® Entecavir
Byetta® Exenatide
Champix® Vareniclin
Competact® Pioglitazon+Metformin
Elaprase® Idursulfase
Exjade® Deferasirox
Grazax® Phleum
Pratense-Extrakt
Januvia® Sitagliptin
Lucentis® Ranibizumab
Orencia® Abatacept
Prezista® Darunavir
Solaraze® Diclofenac
Sprycel® Dasatinib
Sutent® Sunitinib
Kassenzugehörigkeiten Stand 1.8.2007:
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