Ein weiteres Inkretin bei
Typ 2-Diabetes: Januvia®

Mag. pharm. Dr. Alfred Klement
Alle oralen Antidiabetika gegen Diabetes
mellitus Typ 2 senken zwar den Blutzuckerspiegel mehr oder
weniger stark, aber um den Preis von substanzspezifischen Nachteilen.
Dazu kommt bei Insulin eine aufwändige Applikationsweise, die subkutan in Abstimmung
mit dem aktuellen Blutzuckerspiegel erfolgen muss, was vielen
Patienten schwer fällt. Das Phänomen der zunehmenden
Insulinresistenz bei gleichzeitig abnehmender pankreatischer
b-Zellenfunktion ist ein weiteres ungelöstes Problem. In
diesem Umfeld bieten sich nun die kürzlich eingeführten »Inkretin-aktiven« Substanzen
an. Sie benutzen einen physiologischen Wirkmechanismus, der glukoseabhängig – und
damit selbstlimitierend – den Blutzuckerspiegel senkt (siehe
Byetta®, ÖAZ Nr. 12; Seite 551–552; Jhg. 2007).

Glukoseprofil innerhalb von 24 Stunden nach zwei Wochen Therapie
Inkretinmimetika und
Inkretinabbau-Hemmer
In Byetta® sorgt das Inkretinmimetikum »Exenatide« als
teilweises Analogon des physiologischen Darmhormons GLP-1 (Glukagon-Like-Peptid-1)
durch seine verlängerte Halbwertszeit für eine anhaltende
Blutzuckersenkung. Beim zweiten Vertreter dieser neuen Gruppe
von Antidiabetika steht die Hemmung des Enzyms, das die beiden
Inkretine GLP-1 und GIP (Glucose-dependent-insulotropic-Polypetid)
innerhalb weniger Minuten abbaut, im Mittelpunkt. Dieses Enzym
ist die Dipeptidyl-peptidase-4 (DPP-4), ein im Körper ubiquitär
vorhandenes Peptid, das die Inkretine GLP-1 und GIP abbaut. Daneben
spaltet es auch noch Peptide der Glukagon-Familie, Neuropeptide
und Chemokine.
Zwei Dipeptidyl-Peptidase-4-Hemmer haben Marktreife erlangt,
nämlich »Sitagliptin« und »Vildagliptin«.
Zum Unterschied vom Inkretinmimetikum »Exenatide« sind
beide oral anwendbar. Die Zulassung von »Vildagliptin« steht
noch bevor.
»Sitagliptin« (Januvia®-Filmtabletten)
Im Rahmen eines zentralen Zulassungsverfahrens erhielt MSD die
EU-weite Vertriebserlaubnis für Januvia®. 28 Filmtabletten
a´ 100 mg haben derzeit mit einem AVP von 91,85
Euro »No-box«-Status.
Chemie und Wirkweise
»Sitagliptin« enthält ein Chiralitätszentrum
und kommt als (R)-Enantiomeres zum Einsatz. Die Arzneiform wurde
als schnell freisetzend konzipiert.
Die Inkretinhormone GLP-1 und
GIP werden pulsatil über den
Tag hinweg vom Darm in die Blutbahn abgegeben. Sie sind Teil
eines endogenen Systems zur Erhaltung der Glukohomöostase.
Nach einer Mahlzeit setzen Darmzellen die beiden Inkretine
vermehrt frei und regen damit die b-Zellen des Pankreas in Anwesenheit
von Glukose zur verstärkten Insulinabgabe an. Gleichzeitig
wird die Glukagonfreisetzung in den a-Zellen des Pankreas durch
GLP-1 gebremst und die hepatische Glukoneogenese gehemmt.
Beide Effekte normalisieren nahrungsbedingte erhöhte Blutglukosespiegel.
Bekanntlich reagieren Typ 2-Diabetiker auf orale Glukosezufuhr
mit einem geringeren Inkretinhormon-Respons. Da an der postprandialen
Insulinantwort von Gesunden die Inkretine zu rund 50 bis 70%
beteiligt sind, führt dieses Defizit bei Diabetiker
zur insuffizienten Insulinantwort. Die Aktivität beider
Inkretine wird durch das abbauende Enzym DPP-4 begrenzt.
»Sitagliptin« ist ein potenter und hoch selektiver
Inhibitor von DPP-4, der den enzymatischen Abbau von GLP-1
und GIP verhindert. Laut Phase I- bis III-Studien zu »Sitagliptin« konnte
bei 1¥ täglche Gabe die zirkulierenden GLP-1-Spiegel
um das zwei- bis dreifache angehoben werden. Als Ergebnis verbesserte
sich die glykämische Kontrolle nüchtern und postprandial.
Kurzprofil Januvia®
»Sitagliptin« hemmt das Enzym Dipeptidyl-peptidase,
das für den Abbau der Inkretinhormone GlP und GLP-1 verantwortlich
ist. Beide Inkretine sind für die Glukosehomöostase
wichtig, und beide sind bei Typ 2-Diabetes nur vermindert vorhanden.
Unter dem Einfluss von »Sitagliptin« erhöhten
sich der Inkretinhormonspiegel und die Insulinfreisetzung. Als
Folge fällt der postprandiale Glukoseanstieg geringer aus,
und die Nüchterglukosewerte sinken ebenso wie der HbA1c-Wert.
Dazu genügt eine tägliche orale Einzeldosis von 100
mg Januvia®, unabhängig von den Mahlzeiten.
Gewichtsneutralität
und fehlendes Hyperglykämierisiko
zählen zu den Positiva, gastrale Nebenwirkungen und ein
erhöhtes Infektionsrisiko zu den Negativa. Die Langzeitverträglichkeit
bleibt derzeit noch offen.
Pharmakokinetik und Dosierung
Nach oraler Gabe wird »Sitagliptin« rasch resorbiert,
wobei innerhalb von 1 bis 4 Std. die maximalen Plasmaspiegel
erreicht werden. Hohe Bioverfügbarkeit (87%), lange Halbwertszeit
(12,4 Std.)und niedrige Plasmaproteinbindung (37%) versprechen
ein einfaches Handling der Substanz. Da 79% der Dosis unverändert über
die Niere eliminiert wird, spielen Wechselwirkungen ebenfalls
nur eine geringe Rolle. Januvia® ist wegen der hohen renalen
Ausscheidungsquote bei mäßiger bis schwerer Niereninsuffizienz
nicht indiziert.

Dosierung: 100 mg »Sitagliptin« einmal täglich,
wobei die Dosis von »Metformin« oder dem Glitazon
beibehalten und Januvia® zusätzlich verabreicht werden
soll. Januvia® kann mit/ohne Nahrung eingenommen werden.
Eine vergessene Einnahme kann zu einem späteren Zeitpunkt
nachgeholt werden, allerdings sollte daraus keine doppelte Dosis
am gleichen Tag resultieren.
Indikation: zur Verbesserung der Blutzuckerkontrolle bei Typ
2-Diabetiker in Kombination mit »Metformin« oder
einem Glitazon, wenn Diät und körperliche
Bewegung nicht ausreichen.
Im klinischen Studienprogramm senkte Januvia® sowohl
in der Monotherapie als auch in Kombination mit »Metformin« bzw.
Glitazone den HbA1c-Wert signifikant und klinisch relevant. Außerdem
konnte an Hand von Surrogatmarkern eine signifikante Besserung
festgestellt werden. Wie in der Abbildung dargestellt, verbesserte
die Kombination von Januvia® und »Metformin« das
24 Std. Glukoseprofil
gegenüber »Metformin« und Placebo.
Sicherheit
Unter Januvia® wurden Hypoglykämien nur auf Placeboniveau
beobachtet, und in keiner Studie erhöhte sich das Körpergewicht
im Vergleich zum Studienbeginn. In einer 52wöchigenVergleichsstudie
zwischen »Metformin« + Januvia® mit »Metformin« +
Glipizid nahm die Januvia®-Gruppe sogar ø 1,5 kg ab,
während die Glipizid-Gruppe ø 1,1 kg an Gewicht zunahm.
Januvia® zeichnet sich durch außergewöhnlich gute
Verträglichkeit aus. Die Abbruchrate unter Januvia® betrug
in 9 Studien bei mehr als 2.700 Patienten nur 0,8%, unter anderen
Therapien hingegen 1,5%. Über die langfristige Verträglichkeit,
besonders in immunologischer Hinsicht, sind derzeit noch keine
Aussagen möglich.
Verwendete Grundlagen
Austria-Codex Fachinformation Januvia®
B. Gallwitz »Drugs of Today: Sitagliptin – Profile
of a nove, DPP-4 inhibitor for the treatment of type 2 diabetes« Vol
43 (1): 13–25 (2007)
Europäischer Beurteilungsbericht (EPAR) zu Januvia® (http://www.emea.eu.int)
Vorgestellte Präparate
2007:
Avaglim® Rosiglitazon
+ Glimepirid
Baraclude® Entecavir
Byetta® Exenatide
Champix® Vareniclin
Competact® Pioglitazon+Metformin
Exjade® Deferasirox
Grazax® Phleum
Pratense-Extrakt
Lucentis® Ranibizumab
Orencia® Abatacept
Prezista® Darunavir
Solaraze® Diclofenac
Sprycel® Dasatinib
Sutent® Sunitinib
Kassenzugehörigkeiten Stand 1.7.2007:
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