Aus der Bibliothek der Österreichischen
Apothekerkammer
Neues von den »alten Büchern« der
Kammerbibliothek

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Prof. Mag. pharm.
Dr. Otto Nowotny |
Das Verständnis des Österreichischen
Apotheker-Verlages für alte Bücher ermöglichte
der Kammerbibliothek, drei aufgrund ihres Alters und offenbar
auch ihres Gebrauchs sehr mitgenommene Bücher
restaurieren zu lassen. Diesmal handelte es sich um drei Bücher
aus dem frühen 19. Jahrhundert, die uns Auskunft über
die Theorien, über Erkenntnisse und Arbeitsmethoden der
Chemie – besonders auch über pharmazeutische Chemie – geben.
Das älteste dieser Büchern, die den beiden Restauratorinnen
zur Behebung des äußerst desolaten Zustandes übergeben
wurden, war das »Handbuch der pharmazeutischen Praxis und
Erklärungen der chemischen Zubereitungen mit vorzüglicher
Rücksicht auf die neue preussische Pharmacopoe«. Als
Verfasser dieses Buches wird Justus Wilhelm Christian Fischer
genannt. Die Kammerbibliothek besitzt von diesem Handbuch die »Dritte
und verbesserte Auflage«, Berlin und Leipzig 1814, 515
Seiten.
Wer war Justus Fischer?
Aus den knappen Angaben im Bio- und Bibliographikon des Dr. Fritz
Ferchl und den ebenfalls sehr wenigen Zeilen über Justus
Fischer in der »Deutschen Apotheker-Biographie« erfährt
man kaum etwas, wesentlich mehr findet man in den Vorworten
der drei Auflagen des Handbuches.
Justus Fischer wurde am 30. Jänner 1775 in Chemnitz geboren.
Er erlernte in Berlin den Apothekerberuf, doch er fand die damalige
Ausbildung als ungenügend. Zur Verbesserung seiner Kenntnisse
der pharmazeutischen Wissenschaften, besonders der Chemie, wurde
er 1801 in Berlin
Assistent im Laboratorium des berühmten Apothekers und Wissenschafters
Helmholtz. Fischer arbeitet besonders auf dem Gebiet der anorganischen
Chemie.
Der Inhalt seines Buches ist eigentlich enttäuschend, denn
es werden nur die auch in der Preussischen Pharmacopoe vom Jahre
1799 enthaltenen anorganischen chemischen Verbindungen behandelt;
diese Pharmacopoe entsprach aber nicht dem damaligen Wissen,
und damit waren auch manche Angaben über Herstellung und
Zusammensetzung in Fischers Buch teilweise überholt. Dass
trotzdem drei Auflagen seines »Handbuches« erschienen
waren, beruht darauf, dass der Text des Buches in Deutsch und
nicht in Latein verfasst war. Auch waren die Auflagen solcher
Bücher gering, oft weniger als 100 Stück. Leben konnte
ein Autor derartiger Bücher davon nicht. Fischer kam aus
einer eher armen Familie und konnte von dem, was er verdiente,
kaum existieren.
Er wusste auch, dass fast keine Aussicht bestand,
einmaleine Apotheke zu besitzen und in dieser chemische
Forschungen zu betreiben. Er litt unter schweren Depressionen.
Am Höhepunkt der Depressionen und in seiner finanziellen
Not kam ihm ein reicher Engländer zu Hilfe, indem er bei
Fischer Chemieunterricht nahm. Auf Anraten des Engländers
begann Fischer einen Handel mit Mineralien. Im Glauben, damit
viel Geld verdienen zu können, begab er sich 1804 nach Russland,
nach St. Petersburg, und bemerkte zu spät, dass es in Russland
bereits genügend Mineralienhändler gab. Fischer versank
in schwere Depressionen und beging Selbstmord.
»Unorganisch« und »organisch«
Die anderen beiden restaurierten Bücher bilden ein zweibändiges
Werk. Der Titel des ersten Bandes lautet »Repertorium der
neuen Entdeckungen in der anorganischen Chemie«. Gedruckt
wurde das Buch 1830 in Leipzig, und es umfasst 768 Seiten. Der
zweite Band hat den Titel »Organische Chemie« und
besteht aus 562 Seiten und einer Kupfertafel. Der Verfasser beider
Bände, Gustav Theodor Fechner, besaß das Doktorat
der Philosophie und war Dozent für Physik und Naturphilosophie
an der Universität Leipzig. Eigentlich war Fechner nicht
der Verfasser, sondern nur Übersetzer, und er ergänzte
teilweise Textstellen des Lehrbuches für theoretische und
praktische Chemie des berühmten französischen Professors
an der Universität Paris, Louis Jacques Thenard. Thenard
stand mit den bedeutendsten Forschern und chemischen Entdeckern
Europas in Verbindung. Er kannte die neuesten Theorien und eben
erst gefundene chemische Elemente und Verbindungen und war wohl
einer der ersten Chemiker, die ein Lehrbuch über Chemie
in zwei Teile teilte – in die unorganische und die organische
Chemie.
Die Bezeichnung »organische Chemie« für
einen Teil der Chemie ist eine Benennung, die erst 1828 durch
die Entdeckungen Friedrich Wöhlers möglich wurde
und die auch die Naturphilosophen sehr bewegte: die Herstellung
von bisher nur in der Natur gefundenen Substanzen durch eine
chemische Synthese.
Das Studium dieser alten Bücher ist auch für uns Pharmazeuten
der Gegenwart sehr anregend und lesenswert, denn aus dem Wissen,
aus den Erkenntnissen, die vor
200 Jahren unsere Ahnen gelehrt wurden, entstehen die Grundpfeiler
unseres heutigen und wohl auch unseres zukünftigen
Wissens.
Die Leitung der Kammerbibliothek dankt dem Österreichischen
Apotheker-Verlag für die Ermöglichung der Restaurierung
dieser drei wertvollen Bücher und hofft, dass sich auch
weiterhin Institutionen finden, die die Rettung unserer wertvollen
alten Bücher vor dem gänzlichen Verfall ermöglichen.
Prof. Mag. pharm. Dr. Otto Nowotny
Leiter der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer
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