ÖAZ Aktuell (Ausgabe 14/2007)

Information 14/2007

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Neues von den »alten Büchern« der Kammerbibliothek

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Aus der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer

Neues von den »alten Büchern« der Kammerbibliothek

Prof. Mag. pharm.
Dr. Otto Nowotny

Das Verständnis des Österreichischen Apotheker-Verlages für alte Bücher ermöglichte der Kammerbibliothek, drei aufgrund ihres Alters und offenbar auch ihres Gebrauchs sehr mitgenommene Bücher
restaurieren zu lassen. Diesmal handelte es sich um drei Bücher aus dem frühen 19. Jahrhundert, die uns Auskunft über die Theorien, über Erkenntnisse und Arbeitsmethoden der Chemie – besonders auch über pharmazeutische Chemie – geben.

Das älteste dieser Büchern, die den beiden Restauratorinnen zur Behebung des äußerst desolaten Zustandes übergeben wurden, war das »Handbuch der pharmazeutischen Praxis und Erklärungen der chemischen Zubereitungen mit vorzüglicher Rücksicht auf die neue preussische Pharmacopoe«. Als Verfasser dieses Buches wird Justus Wilhelm Christian Fischer genannt. Die Kammerbibliothek besitzt von diesem Handbuch die »Dritte und verbesserte Auflage«, Berlin und Leipzig 1814, 515 Seiten.

Wer war Justus Fischer?
Aus den knappen Angaben im Bio- und Bibliographikon des Dr. Fritz Ferchl und den ebenfalls sehr wenigen Zeilen über Justus Fischer in der »Deutschen Apotheker-Biographie« erfährt man kaum etwas, wesentlich mehr findet man in den Vorworten der drei Auflagen des Handbuches.

Justus Fischer wurde am 30. Jänner 1775 in Chemnitz geboren. Er erlernte in Berlin den Apothekerberuf, doch er fand die damalige Ausbildung als ungenügend. Zur Verbesserung seiner Kenntnisse der pharmazeutischen Wissenschaften, besonders der Chemie, wurde er 1801 in Berlin Assistent im Laboratorium des berühmten Apothekers und Wissenschafters Helmholtz. Fischer arbeitet besonders auf dem Gebiet der anorganischen Chemie.

Der Inhalt seines Buches ist eigentlich enttäuschend, denn es werden nur die auch in der Preussischen Pharmacopoe vom Jahre 1799 enthaltenen anorganischen chemischen Verbindungen behandelt; diese Pharmacopoe entsprach aber nicht dem damaligen Wissen, und damit waren auch manche Angaben über Herstellung und Zusammensetzung in Fischers Buch teilweise überholt. Dass trotzdem drei Auflagen seines »Handbuches« erschienen waren, beruht darauf, dass der Text des Buches in Deutsch und nicht in Latein verfasst war. Auch waren die Auflagen solcher Bücher gering, oft weniger als 100 Stück. Leben konnte ein Autor derartiger Bücher davon nicht. Fischer kam aus einer eher armen Familie und konnte von dem, was er verdiente, kaum existieren.

Er wusste auch, dass fast keine Aussicht bestand, einmal­eine Apotheke zu besitzen und in dieser chemische Forschungen zu betreiben. Er litt unter schweren Depressionen. Am Höhepunkt der Depressionen und in seiner finanziellen Not kam ihm ein reicher Engländer zu Hilfe, indem er bei Fischer Chemieunterricht nahm. Auf Anraten des Engländers begann Fischer einen Handel mit Mineralien. Im Glauben, damit viel Geld verdienen zu können, begab er sich 1804 nach Russland, nach St. Petersburg, und bemerkte zu spät, dass es in Russland bereits genügend Mineralienhändler gab. Fischer versank in schwere Depressionen und beging Selbstmord.

»Unorganisch« und »organisch«
Die anderen beiden restaurierten Bücher bilden ein zweibändiges Werk. Der Titel des ersten Bandes lautet »Repertorium der neuen Entdeckungen in der anorganischen Chemie«. Gedruckt wurde das Buch 1830 in Leipzig, und es umfasst 768 Seiten. Der zweite Band hat den Titel »Organische Chemie« und besteht aus 562 Seiten und einer Kupfertafel. Der Verfasser beider Bände, Gustav Theodor Fechner, besaß das Doktorat der Philosophie und war Dozent für Physik und Naturphilosophie an der Universität Leipzig. Eigentlich war Fechner nicht der Verfasser, sondern nur Übersetzer, und er ergänzte teilweise Textstellen des Lehrbuches für theoretische und praktische Chemie des berühmten französischen Professors an der Universität Paris, Louis Jacques Thenard. Thenard stand mit den bedeutendsten Forschern und chemischen Entdeckern Europas in Verbindung. Er kannte die neuesten Theorien und eben erst gefundene chemische Elemente und Verbindungen und war wohl einer der ersten Chemiker, die ein Lehrbuch über Chemie in zwei Teile teilte – in die unorganische und die organische Chemie.

Die Bezeichnung »organische Chemie« für einen Teil der Chemie ist eine Benennung, die erst 1828 durch die Entdeckungen Fried­rich Wöhlers möglich wurde und die auch die Naturphilosophen sehr bewegte: die Herstellung von bisher nur in der Natur gefundenen Substanzen durch eine chemische Synthese.

Das Studium dieser alten Bücher ist auch für uns Pharmazeuten der Gegenwart sehr anregend und lesenswert, denn aus dem Wissen, aus den Erkenntnissen, die vor 200 Jahren unsere Ahnen gelehrt wurden, entstehen die Grundpfeiler unseres heutigen und wohl auch unseres zukünftigen Wissens.

Die Leitung der Kammerbibliothek dankt dem Österreichischen Apotheker-Verlag für die Ermöglichung der Restaurierung dieser drei wertvollen Bücher und hofft, dass sich auch weiterhin Institutionen finden, die die Rettung unserer wertvollen alten Bücher vor dem gänzlichen Verfall ermöglichen.

Prof. Mag. pharm. Dr. Otto Nowotny
Leiter der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer

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