ÖAZ Aktuell (Ausgabe 14/2007)

Hauptartikel 14/2007

HAUPTARTIKEL

Ein Buchenwald als Öko-Labor: CO2 von Mikroorganismen

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Ein Buchenwald als Öko-Labor

CO2 von Mikroorganismen

Mikroorganismen setzen jedes Jahr etwa 60 Gigatonnen Kohlenstoff durch den Abbau von organischem Material frei. Sie sind damit eine der Hauptquellen von CO2 für unsere Atmosphäre. Ein Forschungsprojekt am Department für Chemische Ökologie und Ökosystemforschung untersucht die dahinter liegenden Prozesse und deren Verursacher. Freiland- und Laborversuche sollen klären, wie sich der ­Anstieg der Stickstoffkonzentration in Böden auswirkt.


Mit speziellen Messkammern wird der Ausstoß von
Kohlendioxid, Stickoxiden und Methan gemessen.

Eigentlich ist es als Nullsummenspiel geplant: Pflanzen binden durch Photosynthese Kohlendioxid (CO2) aus der Luft, Mikroorganismen setzen diesen Kohlenstoff in gleichem Maße durch den Abbau von organischem Material wieder frei. Was in der Theorie funktioniert, sieht in der Praxis freilich anders aus. Die Konzentration des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre steigt und steigt. Schuld ist wie so oft der Störfaktor Mensch. Für einen guten Teil des CO2-Anstiegs ist die Verbrennung von fossilen Energieträgern verantwortlich.


Ein Buchenwald bei Klausenleopoldsdorf
(NÖ) wird zum Freiluftlabor umfunktioniert.

Anteil an Stickstoff im Boden gestiegen
Denn durch Verbrennung entstehen auch Stickoxide. Diese und intensive landwirtschaftliche Düngung haben zu einem ­Anstieg der Stickstoffkonzentration in terrestrischen Ökosystemen beigetragen. Ein Nebeneffekt, der meist übersehen wird, meint Ao. Univ.-Prof. Dr. Andreas Richter vom Department für Chemische Ökologie und Ökosystemforschung: „Stickstoff ist neben Phosphor einer der wichtigsten Nährstoffe, die Mikroorganismen zum Abbau von Kohlenstoff benötigen.“ Vom Verhältnis dieser Nährstoffe zu Kohlenstoff hängt es letztlich ab, wie viel Kohlenstoff abgebaut und somit in Form von CO2 freigesetzt oder in Böden gespeichert wird.

Ao. Univ.-Prof. Dr.
Andreas Richter, Biologe

»Vieles ist nach wie vor unklar«
„Vieles über die Kontrolle dieser Abbauprozesse im Boden ist nach wie vor unklar“, sagt Prof. Richter, „warum zum Beispiel manche Böden Kohlenstoff senken, andere wiederum Quellen sein können.
Unter der Leitung des Ökologen wollen WissenschafterInnen der Universität Wien, der Austrian Research Centers Seibersdorf (Dr. Angela Sessitsch, Dr. Evelyn Hackl) und des Bundesamtes für Wald (Dr. Sophie Zechmeister) den ausschlaggebenden Faktoren auf den Grund gehen.

Nährstoffe beeinflussen Artenzusammensetzung
„Wie bei Pflanzen ändert sich die Artenzusammensetzung der mikrobiellen Gemeinschaft, wenn sich die Nährstoffverhältnisse im Boden verändern“, ergänzt Projektmitarbeiterin Mag. Christina Kaiser. „Und ­dadurch, dass bestimmte Arten bestimmte Funktionen ausüben, können sich somit die Abbauprozesse verändern.“ Nicht immer hat jedoch dabei eine steigende Stickstoffkonzentration auch einen beschleunigten Abbauprozess zur Folge. Düngeexperimente haben mitunter schon den gegenteiligen Effekt ergeben. Über das Warum ist sich die Wissenschaft uneins.

Buchenwald als Labor
Sowohl Freiland als auch Laborversuche sollen klären, in welcher Art und Weise sich eine Änderung der Nährstoffverhältnisse auf Diversität und Physiologie der Bodenorganismen auswirkt. In einem ­Buchenwald bei Klausenleopoldsdorf (Niederösterreich) werden dafür gewissermaßen Effekte der vom Menschen bedingten Umweltveränderungen vorweggenommen. Durch spezielle Versuchsanordnungen simulieren Prof. Richter und seine KollegInnen einen erhöhten Stickstoff- sowie einen verringerten Kohlenstoffeintrag in Böden. Gemessen wird mit diesen Experimenten, wie sich ­dadurch der Ausstoß von Kohlendioxid oder Methan verändert.

DNA-Analyse entlarvt beteiligte Organismen
Zum Einsatz kommen sollen überdies neue molekularbiologische Analysetechniken. »Stable Isotope Probing« heißt ein Verfahren, bei dem das stabile Kohlenstoff-Isotop C13 als Markersubstanz eingesetzt wird. Mittels Analysen von C13 in mikrobieller DNA erhoffen die ForscherInnen, jene ­Organismen zu identifizieren, welche maßgeblich an den Abbauprozessen in heimischen Böden beteiligt sind.

Besseres Verständnis durch ­differenziertes Modell
„Ein Ziel ist es“, erläutert Prof. Richter, „unterschiedliche funktionelle Gruppen innerhalb der mikrobiellen Gemeinschaften auszumachen.“ Derzeit werden ­Mikroorganismen für Berechnungen meist alle in einen Topf geworfen. Was für den Ökologen einfach zu unpräzise ist: „Wir haben zehntausende Arten im Boden, die viele und zum Teil ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen.“ Die Wiener WissenschafterInnen planen deshalb ein differenzierteres ­Modell. Es soll am Ende sowohl die Nährstoffverfügbarkeit im System als auch die unterschiedlichen Funktionen der einzelnen mikrobiellen Gruppen in sich vereinen.
Das vom FWF geförderte Projekt »Ressourcenlimitierung mikrobieller Abbauprozesse in Böden« läuft bis Frühjahr 2009.

Info: Department für Chemische Ökologie und Ökosystemforschung der Fakultät für Lebenswissenschaften.

http://www.ecosystem-research.net;
http//www.arcs.ac.at, http://bfw.ac.at

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