ÖAZ Aktuell (Ausgabe 07/2007)

Serien 07/2007

SERIEN

Tara-News: Lucentis®
Neue Wirkstoffe: Lisdexamfetamin
Apotheke für Hund, Katz’ & Co
»Arzneimittel« Kultur
Steuer-Service für Apotheken

Bei resistenter chronisch
myeloischer Leukämie: Sprycel®

Mag. pharm. Dr. Alfred Klement

Die senile oder besser gesagt altersbedingte Makuladegeneration (AMD) tritt mit steigender Häufigkeit ab dem 50. Lebensjahr auf und schränkt die Sehleistung bis zur Blindheit ein (s. Abb.).

Die Makula im Zentrum der Sehleistung
Das fokussierte Sehen verdanken wir der Makula oder zentralen Netzhaut. Sie ­erlaubt uns zu lesen, Auto zu fahren, ­Gegenstände wie Münzen zu erkennen usw. Diese Fähigkeiten leiden unter der fortschreitenden AMD und führen letztlich zur Unmöglichkeit, den Alltag ohne Hilfe zu bewältigen.
Es gibt zwei Verlaufsformen der AMD, von denen die »feuchte« neovaskulare zwar nur in 10% der Fälle auftritt, dafür aber progredient verlauft und das zentrale Gesichtsfeld bis zur Unkenntlichkeit einschränkt. (Abb.)


Veränderung des Sehvermögens bei AMD

Die bisherigen Therapiemethoden der neovaskulär bedingten, exsudativen (feuchten) Makuladegeneration zielten auf die Gefäßneubildung ab, hatten aber gewichtige Nachteile: Siehe auch Visudyne®, ÖAZ Nr. 23, 1009 (2000) bzw. Macugen®, ÖAZ Nr. 18, 853 (2006)

Sie waren entweder nur für bestimmte Patienten geeignet, bzw.
sie führten technisch (Chirurgie, Laserphotokoagulation) zu iatrogen bedingtem Sehverlust,
oder sie konnten zwar das Fortschreiten der Degeneration brem­sen oder zum Stillstand bringen (Visudyne®‚ Macugen®), den Zustand aber nie bessern.

Umso mehr Hoffnung setzte die Fachwelt auf das Fragment eines monoklonalen Antikörpers, das den Wachstumsfaktor VEGF (Vacular Endothelial Growth Factor) hemmt.

»Ranibizumab« (Lucentis® – Inj. Lösung)
Seit März 2007 ist Lucentis® von Novartis im Handel erhältlich. Eine Durchstichflasche mit 0,3ml Lösung (1ml enthält 10mg »Ranibizumab«) kostet 1.907,30 Euro (AVP). Die Packung enthält auch 1 Filterkanüle, 1 Injektionskanüle und 1 Spritze.

Das Fragment des humanisierten rekombinanten monoklonalen Antikörpers ist ausschließlich gegen die Form A des Wachstumsfaktors gerichtet. Sie hat von den fünf Subtypen (A, B, C, D und E) für die Gefäßneubildung in der Aderhaut die größte Bedeutung. VEGF-A kommt in mehreren Isoformen vor, die sich hinsichtlich ihrer Aminosäurezahl unterscheiden. Sie alle bewirken über die Bindung an den entsprechenden Rezeptor sowohl eine erhöhte Gefäßdurchlässigkeit (Transsudation) als auch eine Gefäßsprossung. »Ranibizumab« neutralisiert mit hoher Affinität ­alle VEGF-A–Isoformen und verhindert dadurch ihre Anlagerung an die VEGF-Rezeptoren am Gefäßendothel. Der Vorgänger »Pegaptanib« (Macugen®) konnte hingegen nur eine A-Isoform hemmen.

Kurzprofil Lucentis®

»Ranibizumab« ist das Fragment eines humanisierten monoklonalen Antikörpers, der mittels rekombinanter DNA-Technologie in Escheria coli hergestellt wird.
Er richtet sich gegen den »Vasculare Endothelial Growth Factor-A« (VEGF-A), der bei altersbedingter Makuladegeneration Gefäßneubildung und Verlust des fokusierten Sehens verursacht.
Lucentis® wird in den Glaskörper des Auges injiziert und neutralisiert dort den Wachstumsfaktor. Es kommt nicht nur zur Verhinderung von weiteren Sehschärfeverlusten, sondern – bisher einzigartig – zu einem Zugewinn!
Die Manipulationsfolgen am Auge (innere Entzündungen, Netzhautschäden, erhöhter Augeninnendruck) lagen bei Spezialabteilungen unter 1% der Behandlungen. Derzeit ist eine Behandlung in Österreich nur an der Augenabteilung am Wiener AKH möglich.

Pharmakokinetik und Dosierung
Nach der intravitrealen Injektion ist mit einer Eliminationshalbwertszeit aus dem Glaskörper von etwa 9 Tagen zu rechnen. Man hat kalkuliert, dass die Konzentration von »Ranibizumab« im Serum etwa 90.000 mal niedriger liegt als im Glaskörper!

Dosierung: Drei Tage vor und drei Tage nach der Injektion soll der Patient zur Infektprophylaxe antimikrobielle Augentropfen anwenden. Die Injektion in den Glaskörper wird unter aseptischen Bedingungen durchgeführt. Sie erfolgt in den ersten drei Monaten alle 4 Wochen, danach wird das Ergebnis monatlich kontrolliert und bei einem Sehverlust von > 3 Buchstaben neuerlich mit den Injektionen begonnen.
Indikation: zur Behandlung der neovaskulären (feuchten) altersabhängigen Makuladegeneration (AMD).

Die Besonderheit von Lucentis® liegt in der Verbesserung der Sehschärfe, denn alle bisherigen Behandlungsverfahren, einschließlich von Visudyne® und Macugen® konnten bestenfalls den Sehschärfeverlust stoppen! In einer zweijährigen Vergleichsstudie wurde die Behandlung von »Ranibizumab« (0,3mg/0,5mg) mit »Verteporfin« geprüft (ANCHOR–Study; David M. Brown).

Die entsprechenden Ergebnisse nach den ersten 12 Monaten sind in der Tabelle wiedergegeben.

Veränderung
der Sehschärfe
in Buchstaben
V i s u d y n e ®
(photodynamisch)
Lucentis®
0,5mg
Verlust <15
Buchstaben
64% 96%
Gewinn ≥ 15
Buchstaben
6% 40%
Durchschn. Veränderung
der Sehschärfe
-9,5% (16,4) +11,3%(14,6)
12-Monatsdaten aus der ANCHOR-Studie

Die Grafik gibt die mittlere Änderung der Sehschärfe in den ersten 12 Monate an und zeigt, dass sich die Werte der »Ranibizumab«-Gruppen zu jedem Zeitpunkt signifikant von der Visudyne®-Gruppe (»Verteporfin«) unterschieden.

Auffällig ist der rasche Gewinn an Sehschärfe innerhalb der ersten drei Behandlungsmonate, der dann in eine Plateauphase übergeht.
Diesen positiven Resultaten stehen jene rund 5% »Non-Responder« gegenüber, die nicht auf Lucentis® ansprachen und deren Sehschärfe sich sogar stärker verschlechterten als bei Nichtbehandlung. Man versucht derzeit, Kriterien für ihre vorzeitige Erkennung zu finden.

Sicherheit
Schwere unerwünschte Ereignisse standen mit der Applikationsweise im Zusammenhang: Entzündungen der Augeninnenräume, Beschädigung der Netzhaut, Linsentrübung und erhöhter Augeninnendruck. Die Applikation soll daher nur von spezialisierten Augenabteilungen durchgeführt werden und eine einwöchige Nachbeobachtung zur raschen Erkennung von Entzündungszeichen mit einschließen.

Verwendete Grundlagen
Austria-Codex Fachinformation Lucentis®
Europäischer Beurteilungsbericht (EPAR) zu Lucentis®
(http://www. emea.eu.int )
David M. Brown »Ranibizumab versus Verteporfin for neovascular age-related macula degeneration« (ANCHOR) N Engl J Med. 2006; 355: 1432 – 44
Novartis Produktmonographie zu ­Lucentis®

Vorgestellte Präparate 2007:
Avaglim® Rosiglitazon + Glimepirid
Baraclude® Entecavir
Champix® Vareniclin
Exjade® Deferasirox
Solaraze® Diclofenac
Sprycel® Dasatinib

Kassenzugehörigkeiten Stand 1.3.2007:
No-Box Red-Box Yellow-Box Green-Box
Aktueller geänderter Kassenstatus: farblose Zeile

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