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Berühmte Chemiker
auf Briefmarken
Berühmte Chemiker auf Briefmarken
Philatelie. Die UNESCO
hat das Jahr 2005 zum »Weltjahr der Physik« ausgerufen.
Es befasst sich anlässlich seines 50. Todestages und der 100. Wiederkehr
des »Wunderjahres 1905«, in dem Albert Einstein nicht nur
die Spezielle Relativitätstheorie entwickelte, sondern auch die
Existenz von Atomen bewies, mit dem genialen Forscher, Weltbürger
und Pazifisten. Mit der Entdeckung des Tuberkelbazillus vor 100 Jahren
durch Robert Koch rückt auch die medizinische Welt einen ihrer
Großen erneut ins Blickfeld. Zu beider Ehren sind auch in zahlreichen
Ländern Sonderbriefmarken zu erwarten oder gar bereits erschienen.
Dr. Otto Föcking
Da die ÖAZ sich in den vergangenen Jahren schon mehrfach
und ausführlich mit Physikern und Ärzten auf Briefmarken befasste,
darunter auch zahlreiche österreichische Nobelpreisträger,
sei dieses Mal das Briefmarkenalbum auf uns Pharmazeuten bekannte Chemiker
durchgesehen und aufgrund der vielseitigen, aber landweise sehr unterschiedlichen
Ausbeute jene Wissenschafter ausgewählt, deren Namen weiterhin
einen Begriff in der Welt des Apothekers und Chemikers darstellen. Wenn
unsere junge Nachwuchskollegin soeben im organisch–präparativen
Praktikum zur Grignardierung aus einem Nitril eine Apparatur mit Bunsenbrenner,
Rundkolben mit Anschütz–Aufsatz und Liebig-Kühler aufgebaut
hat, sind wir bereits vier unserer chemischen Wegbereiter begegnet.
Gehen wir also auf die Suche!
Das Periodensystem
Dimitrij Iwanowitsch Mendelejew (1834 bis 1907) als jüngster Sohn
einer kinderreichen, später verarmten Familie hatte das Glück,
durch Initiative seiner ehrgeizigen, mongolischstämmigen Mutter
in Moskau und St. Petersburg Chemie studieren zu können. Nach dem
Examen ging er u.a. nach Frankreich und Deutschland und spürte
nach der eindrucksvollen Diskussion auf dem 1. Internationalen Chemikerkongress
über die Atomgewichte – 1860 in Karlsruhe – den Drang,
die bis dahin bekannten chemischen Elemente nach ihren Atomgewichten
zu ordnen, indem er die Elemente mit gleichen Wertigkeiten in senkrechten
Reihen anordnete und dabei auch die untereinander ähnlichen Eigenschaften
berücksichtigte. Er erkannte auch die unterschiedliche Länge
der Perioden und ließ Lücken für noch unbekannte Elemente
frei, deren Eigenschaften er aber gezielt voraussagte. So entstand das
Periodensystem der Elemente nach Mendelejew. Seine Voraussagen wurden
zwar von der Fachwelt zunächst als russischer Mystizismus abgetan,
als aber drei von Mendelejew prophezeite Eka–Elemente entdeckt
wurden, wurde er über Nacht zum »berühmtesten Chemiker
der Welt«. Merkwürdigerweise erhielten alle drei richtig
vorausgesagten Elemente nationalistisch anmutende Namen, die sowohl
die Nationalität des Entdeckers als auch das Land der Entdeckung
verewigten: Gallium, Scandium und Germanicum.
Der deutsche Chemiker Julius Lothar Meyer aus Varel/Oldenburg (1830
bis 1895) hatte sehr ähnliche Überlegungen und Anordnungen
angestellt, aber keine Prognosen gewagt und kam mit seiner Veröffentlichung
im Jahr 1870 erst ein Jahr später als sein russischer Kollege.
Beide zusammen wurden aber 1882 mit der begehrten Davy-Medaille ausgezeichnet
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Große Marke und Block:
UdSSR: 100. Jahrestag der Entdeckung des Periodensystems
Handschriftlicher Tabellenentwurf zur Anordnung der Elemente
nach ihren Atomgewichten. Die Erläuterungen sind in kyrillischer
Schrift, die Formelbezeichnungen lateinisch. |
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Dimitrij Mendelejew 1834 bis 1907
Der Forscher beim Grübeln über die Reihenfolge von
Gallium und Indium
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Lomonossow – das Universalgenie
Im Gegensatz zu den Erkenntnissen Mendelejews, die ins Deutsche übersetzt
und damit weitgehend und zeitnah in Europa bekannt wurden, blieb die
Kenntnis über die Vielfalt der Forschungen und Gedanken seines
Landsmannes, des Universalgelehrten Michail Lomonossow (1711 bis 1765),
auf Russland begrenzt. Er hatte – auch in Deutschland –
Philosophie, Mathematik, Chemie und Mineralogie studiert und war ab
1745 Professor der Chemie in St. Petersburg. Er erkannte als Anhänger
korpuskularmechanistischer Vorstellungen in der Bewegung von Teilchen
die Ursache der Wärme, galt als Mitentdecker des Stickstoffs, analysierte
mit einem selbst entwickelten Refraktometer chemische Substanzen und
stellte bei den sibirischen Temperaturen seiner Heimat erstmals den
Gefrierpunkt von Quecksilber fest. Mit seinen vielen Arbeiten auf dem
Gebiet der Philosophie, Sprachwissenschaft, Meteorologie, Kartografie
und Dichtkunst gilt er als russisches Universalgenie seines Jahrhunderts.
Sein Name ist uns geläufig nach der von ihm 1755 gegründeten
bedeutsamen Universität in Moskau, die heute seinen Namen trägt:
Lomonossow-Universität.
UdSSR:
250. Geburtstag Lomonossows 1961 |
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| Lomonossow-Denkmal vor Lomonossow-Universität
in Moskau |
Porträt (oben Geburtsort Denisowka,unten
Leningrader Akademieder Wissenschaften) |
»Pasteurisiert«
Nach fünfzig Jahren ihres Bestehens war die französische Republik
anscheinend die allegorischen Säerinnen auf ihren täglichen
Freimarken leid und präsentierte erstmals ein Kopfbild einer Persönlichkeit.
Ab 1923 zierte nahezu 10 Jahre das Antlitz des Chemikers und Bakteriologen
Louis Pasteur die Dauerserie – ein Zeichen, welche Wertschätzung
man in Frankreich diesem großen und erfolgreichen Gelehrten zollte.
Er gilt mit Recht als einer der größten Naturwissenschafter
der Geschichte.
Nicht umsonst hat sein Name mit dem Verbum »pasteurisieren«
für die Durchführung eines von ihm entwickelten Verfahrens
zum Haltbarmachen von Lebensmitteln, durch schonendes Erhitzen auf 65
bis 80° C zum Abtöten unerwünschter Mikroorganismen, Eingang
in den allgemeinen Wortschatz gefunden. Er lebt ferner in der wissenschaftlichen
Welt durch das für ihn aus öffentlichen Mitteln in Paris errichtete
Institut Pasteur als eines der berühmtesten Zentren biologischer
Forschung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten fort.
Der 1822 im burgundischen Dôle als Sohn einfacher Leute geborene
Sohn Louis machte schon in frühester Jugend durch Tatendrang und
Experimentierfreude auf sich aufmerksam. Die Arbeiten seines intensiven
Forscherlebens und die Weiterführung und Aufklärung zahlreicher
Ergebnisse anderer sind so vielseitig, dass hier nur wenige angedeutet
werden können. Als junger Anfänger erreichte er die Trennung
von Tartratkristallen und durch Untersuchung im polarisierten Licht
den Nachweis der spiegelbildlichen Isomere. Als junger Dekan der naturwissenschaftlichen
Fakultät in Lille führte er die für den Weinbau wichtigen
Untersuchungen über die Milchsäuregärung durch mit dem
Ziel der Trennung der für die alkoholische Gärung wichtigen
von den die Haltbarkeit beeinflussenden schädlichen Organismen.
Das Phänomen der Hemmung der alkoholischen Gärung durch die
Atmung in Gegenwart von molekularem Sauerstoff bezeichnet man als »Pasteur-Effekt«.
1865 wurde er in seine südfranzösische Heimat gerufen, um
eine von dort auf Europa um sich greifende mysteriöse Krankheit
der Seidenraupen zu untersuchen. Sein Wunsch »Donnez-moi un laboratoire!«
wurde bereitwillig erfüllt und in fünfjährigen Untersuchungen
fand er als Ursache der sich bis auf die Raupeneier ausdehnenden Flecksucht
(pébrine) den parasitischen Einzeller Nosema bombycis. Das war
der Auftakt zu seinen medizinischen Forschungen über die gefährlichen
Infektionskrankheiten wie Milzbrand, Hühnerpest und Tollwut und
die Suche nach den verursachenden Mikroorganismen und deren Bekämpfung.
Pasteur starb hochgeehrt nach einem schweren Urämieanfall am 28.
September 1895 in Villeneuve l’Etang bei Paris.
Louis Pasteur
(1822 bis 1895) in vielen Ländern mit Briefmarken geehrt. |
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Kleinformat: Die erste Porträtbriefmarke
der République Française nach 50 Jahren Allegorien.
Marke Frankreich zum 100. Todestag: Die beiden Kristalle unter seinem
Porträt verweisen auf seine Entdeckung der Stereoisomerie der
Weinsäure.
Der indischen Gedächtnismarke von 1995 liegt das bekannte Gemälde
von Albert Edelfeld von 1887 zugrunde: Pasteur in seinem Labor betrachtet
eine jener Flaschen, in denen Nervengewebe von Tollwut-infizierten
Kaninchen getrocknet wurde. |
Die Grignardierung
Auf den Chemiker Victor Grignard (1871 bis 1935) geht ein weiterer vom
Namen abgeleiteter Begriff im Sprachschatz der Fachleute zurück:
Die Grignardierung oder Grignard-Reaktion. Bei der Untersuchung der
Reaktion von Halogenalkanen (z.B. Jodmethyl) mit metallischem Magnesium
in wasserfreiem Diethylether im Rahmen seiner Dissertation entdeckte
er die ungewöhnlich reaktionsfähigen Organomagnesiumverbindungen,
die sich in vielfältiger Weise weiter umsetzen lassen und der organischen
Chemie zu einem ungeheuren Aufschwung verhalfen. Der Apotheker hat in
seinem organisch-präparativen Praktikum gewiss mit diesen Grignard-Reagentien
Bekanntschaft gemacht. Grignard befasste sich weiterhin mit der Gewinnung
von Toluol, mit Terpenen und ätherischen Ölen, Katalytischen
Hydrierungen und Crack-Reaktionen. Im 1. Weltkrieg als Korporal eingezogen,
wurde er in der chemischen Kriegsführung eingesetzt und arbeitete
an der Herstellung des Giftgases Phosgen und dem Nachweis des von den
deutschen Kriegsgegnern eingesetzten Senfgases.
Bereits 1912 erhielt Grignard, gemeinsam mit seinem Landsmann Paul Sabatier,
den Chemienobelpreis, »da sie durch ihre Arbeiten in hohem Grade
den Fortschritt der organischen Chemie gefördert« hätten.
Sabatier: Nickel als Katalysator
Der im berühmten Carcassonne geborene Paul Sabatier (1854 bis 1941)
promovierte am »Collège de France« bei dem ebenfalls
sehr erfolgreichen französischen Chemiker Pierre Berthelot (1827
bis 1907) und war bis zu seinem Lebensende Professor an der Universität
Toulouse. Sein besonderer Erfolg war die Katalytische Hydrierung durch
feinverteiltes Nickelpulver als Katalysator, z.B. die Hydrierung von
Benzol zu Cyclohexan und von Nitrobenzol zu Cyclohexylamin. Bis dahin
wurden als Katalysatoren hauptsächlich teures Platin und Palladium
benutzt; Nickel als Katalysator ermöglichte nun die Katalyse in
der chemischen Großindustrie, wie z.B. eine preiswerte Produktion
von Margarine aus ungenießbaren Pflanzenölen.
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| Frankreich: Victor Grignard, neben dem Portrait
Laborapparatur zur Grignardierung, Formel des Verbindungstyps RMgX
und Rückseite der Nobel-Medaille |
Schweden 1962: Vor 60 Jahren Chemie-Nobelpreis
für Sabatier und Grignard |
Frankreich: Paul Sabatier. Im Vordergrund Laborapparatur
zur Katalytischen Hydrierung, im Hintergrund Chemiewerk |
Thénards Blau
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Louis-Jacques Thénard
(1777 bis 1857) Frankreich: 100. Todestag |
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Das von dem französischen Chemiker Louis-Jacques Thénard
(1777-1857) erfundene nach ihm benannte »Thénards Blau«
entsteht durch Glühen von Tonerde mit Kobaltoxid. In Landapotheken
unserer Großväter wurde es noch schubladenweise neben dem
heute so verpönten Bleiweiß oder Mennige als tiefblaue Malerfarbe
vorrätig gehalten. Wir kennen es aus dem anorganisch-chemischen
Praktikum, da die Blaufärbung so intensiv ist, dass man sie als
Nachweis für Aluminium durch Glühen der Probe mit einer Kobaltnitratlösung
auf der Magnesiumrinne verwenden kann. Bekannter ist Thénards
Blau vom »Zwiebelmuster« her, denn als Muffelfeuerfarbe
eignet es sich gut für das oberflächliche Einbrennen auf Porzellan
im Muffelofen. Der von 1810 bis 1827 als Professor an der »Ecole
Polytechnique« in Paris wirkende und nach Einzug in die Deputiertenkammer
geadelte Baron stellte u.a. auch die Sebacinsäure, Ester der Apfelsäure,
und erstmals auf rein chemischem Wege die Alkalimetalle dar. Mit seinem
berühmten Landsmann und Forscherkollegen J. L. Gay-Lussac (1778
bis 1850) entdeckte er das Element Bor. Nach ihm benannt ist auch das
Mineral Thenardit, die a-Modifikation des Natriumsulfats.
Der Nobelpreis für einen Apotheker
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| Henri Moissan (1852 bis 1907) Frankreich: 1986
Serie »Bedeutende Persönlichkeiten« Porträt
und Laborgerät zur Fluordarstellung |
Beim Stichwort Muffelofen dürfen wir unseren französischen
Kollegen Ferdinand Henri Moissan (1852 bis 1907) nicht übergehen.
Er wurde mit 18 Jahren Apothekerlehrling und beteiligte sich an Arbeiten
des Forschungslabors des Pariser Museums für Naturgeschichte. Seine
erste Arbeit erstellte er mit seinem Lehrer Dehérain über
die Atmung der Blätter im Dunkeln. Durch Fleiß und harte
Arbeit holte er sein Universitätsstudium und seine wissenschaftliche
Ausbildung nach, erhielt 1877 das Lizenziat der Naturwissenschaften,
wurde 1879 Apotheker erster Klasse, ein Jahr später Doktor der
Naturwissenschaften und erhielt die Lehrbefugnis für die »Ecole
de Pharmacie« und für Physik am Landwirtschaftlichen Institut.
1886 wurde Moissan Professor für Toxikologie an der »Ecole
de Pharmacie Supérieur« und lehrte ab 1900 an der Sorbonne.
Sein besonderes Interesse galt der Isolierung des Fluors. Es war bisher
nicht gelungen, Fluor rein darzustellen; das Element ging immer sofort
Verbindungen ein und war überdies sehr giftig. Moissan setzte in
einem Platinbehälter eine auf minus 50° C abgekühlte Lösung
von Kaliumfluorid in Flusssäure unter elektrischen Strom und konnte
dadurch das gelbgrüne Fluor isolieren. 1893 schuf er einen Ofen
mit Temperaturen bis 3.500° C. Damit untersuchte er Metalle und
Oxide und synthetisierte Carbide. Schon 10 Jahre zuvor hatte er sich
mit der Diamantsynthese beschäftigt. Unter hohem Druck konnte er
bei teilweise erfolgender Kristallisation aus Kohle Diamanten gewinnen.
Damit wurde die Entstehung des Diamanten wissenschaftlich erklärt.
Der Moissan-Ofen kann noch heute im Musée Bossuet, dem ehemaligen
bischöflichen Palais der Stadt Meaux (Dept. S&M), besichtigt
werden. Moissan schrieb etwa 200 Arbeiten und ein großes Handbuch
über die Chemie der Minerale. In Frankreich und im Ausland wurde
er mit Ehrungen überhäuft, deren wohl eindrucksvollste die
Verleihung des Chemie-Nobelpreises im Jahre 1906 war, der bisher einzigen
an einen Apotheker.
Das Solvay-Verfahren
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| Ernest Solvay (1838 bis 1922) Belgien:1955
Kulturserie »Berühmte Erfinder« Erfinder der Soda-Herstellung
nach dem Ammoniak-Verfahren |
Ein Verfahren zur Herstellung des seinerzeit vornehmlich für die
Seifenherstellung und die aufblühende Baumwollindustrie benötigten
Soda entwickelte der belgische Chemiker Ernest Solvay (1838 bis 1922).
Dieses so genannte Ammoniak-Soda-Verfahren trägt seitdem die Bezeichnung
Solvay-Verfahren.
Schon als Schüler hatte Solvay viel Fachliteratur gelesen und experimentiert.
So konnte er seinem Onkel, einem Gaswerksdirektor, nützlich sein,
um verschiedene Methoden zur Gasreinigung zu entwickeln. Bei den Versuchen,
in dem bei der Reinigung benutzten Wasser den aufgenommenen Ammoniak
zur Gewinnung eines nützlichen Nebenproduktes zu konzentrieren,
stellte er bei der Verwendung von Kochsalzlösung die Ausfällung
eines Niederschlages von Natriumhydrogencarbonat fest, das man durch
Glühen in calciniertes Soda überführen kann. Solvay erkannte
sofort die Bedeutung dieser Reaktion, denn das bisherige Sodaherstellungsverfahren
nach Leblanc war sehr material- und energieaufwändig. Er ließ
sein Solvay-Verfahren 1861 patentieren und gründete in mehreren
Ländern Sodafabriken, darunter in Brüssel den heutzutage größten
belgischen Industriekonzern. Auch in Deutschland gibt es den Chemie-Mischkonzern
Solvay GmbH mit Sitz in Hannover; von dessen modernem Standort Bernburg/Saale
werden auch Österreich und die neuen EU-Staaten mit diesem wichtigsten
Rohstoff für die Glasindustrie und die Waschmittelbranche beliefert.
Die Solvay-Werke decken mit ihrer Sodaproduktion heute nahezu den Weltbedarf.
In späteren Jahren widmete sich Solvay vornehmlich sozialen Aufgaben.
Das wesentlich ältere Leblanc-Verfahren, von dem französischen
Mediziner und Chemiker Nicolas Leblanc (1742 bis 1806) aufgrund eines
Preises der Französischen Akademie der Wissenschaften entwickelt,
beruhte auf der Umsetzung von Steinsalz mit Schwefelsäure zu Natriumsulfat,
das unter Einsatz von Kohle und Kalkstein in zwei Stufen in Soda umgewandelt
wurde. Die Sodaherstellung nach diesem Verfahren ist sei etwa 1920 unbedeutend.
Bayer: Aluminiumgewinnung
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| Carl Josef Bayer (1847 bis 1904) Österreich:
1987 |
Auch auf dem Gebiet der Gewinnung von Metallen sind Verfahren häufig
mit dem Namen ihres Erfinders verbunden. Für die Reindarstellung
des viel verwendeten Metalls Aluminium hat sich das Bayer-Verfahren
weltweit durchgesetzt. Es wurde von dem Österreicher Carl Josef
Bayer [geb. 1847 in Bielitz/Schlesien, gest. 1904 in Rietzendorf bei
Cilli/Steiermark (heute Slowenien)] entwickelt. Nach Studium und Industrietätigkeit
in Belgien war er Assistent bei dem in labortechnischen Verfahren sehr
versierten Robert Bunsen (1811 bis 1899) in Heidelberg und betrieb nach
seiner Promotion und Professur für Technologie an der Universität
Brünn ein privates Forschungslabor. Als Chemiker bei der Firma
Tentelev in St. Petersburg entwickelte er ein Verfahren zur Herstellung
von Aluminiumoxid für die Vorbehandlung von Baumwolle für
den Färbeprozess. Bei Arbeiten in einer chemischen Fabrik in Elabuga
(Tatarische Republik) nutzte er den Aufschluss des dort vorkommenden
silikatarmen Bauxits im Autoklaven mit Natriumhydroxid. Das hierbei
entstehende Aluminat wird in weiteren Schritten als Al-Hydroxid ausgefällt,
durch Glühen in das Oxid umgewandelt, das schließlich durch
die Schmelzflusselektrolyse das metallische Aluminium liefert. Das im
Gegensatz zum Trockenverfahren verschiedener zeitgenössischer Erfinder
als »Nasser Aufschluss« des Bauxits bezeichnete »Bayer-Verfahren«
wurde zur Grundlage der großtechnischen Aluminiumproduktion. Bayer
gründete in zahlreichen europäischen Ländern und den
USA Aluminiumwerke, die nach diesem Verfahren produzieren. 1894 ließ
er sich in Rietzendorf nieder und widmete sich privaten Studien.
Ammoniak & Zivilcourage
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| Fritz Haber (1868 bis 1934) |
Berlin: Porträt aus
der 2. Serie »Männer aus der Geschichte Berlins« |
| Schweden 1978: Chemie-Nobelpreis
vor 60 Jahren. Neben dem Porträt befindet sich nicht sein Ins–titut,
sondern das benachbarte Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie
in Berlin-Dahlem, in dem Otto Hahn und Fritz Strassmann im Dezember
1938 die Uran-Spaltung entdeckten; heute der »Otto-Hahn-Bau
der FU Berlin« |
Etwa 70% des weltweit benötigten Ammoniaks werden heutzutage nach
dem so genannten Haber-Bosch-Verfahren gewonnen. Die Grundlage dieser
großtechnischen Ammoniaksynthese aus den Elementen Wasserstoff
und Stickstoff in einer exothermen Reaktion wurden von dem deutschen
Chemiker Fritz Haber (geb. 1868 in Breslau, gest. 1934 in Basel) gelegt.
Er hatte bei den Chemieprofessoren August Wilhelm von Hofmann (1818
bis 1892) und Robert Bunsen (1811 bis 1899) studiert und wandte sich
als Professor in Karlsruhe bald chemischen Prozessen bei der Verbrennung
von Gasen zu. Für die Herstellung von Kampfstoffen und Düngemitteln
waren damals natürliche Stickstoffverbindungen unentbehrlich, doch
die größeren Nitratlager befanden sich im fernen Chile. Man
suchte also nach einem Weg, den Stickstoff der Luft nutzbar zu machen.
Haber entwickelte 1908 eine Methode der Ammoniaksynthese, indem er Stickstoff
und Wasserstoff unter Druck setzte und mit Eisen als Katalysator zur
Reaktion brachte. Für dieses Verfahren wurde er 1918 mit dem Nobelpreis
für Chemie ausgezeichnet. Das Verfahren wurde durch Carl Bosch
(s.u.) zum großtechnischen Gebrauch weiter entwickelt.
Im Gründungsjahr 1911 der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und der Errichtung
eines Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie im Forschungsviertel
von Berlin-Dahlem wurde Carl Bosch zum Direktor dieses Instituts bestellt,
das er und zahlreiche Wissenschafter zu einem der bedeutendsten Zentren
in Deutschland machten. Als glühender Patriot arbeitete Haber während
des 1. Weltkrieges auch an Giftgasen. 1915 führte er – gewissermaßen
in Konkurrenz zu seinem französischen Kollegen Grignard (s.o.)
– das Chlorgas und 1917 das Senfgas ein. Er versuchte auch –
allerdings vergeblich –, aus Meerwasser Gold zu gewinnen, um nach
Beendigung des Krieges die Reparationsschulden abtragen zu helfen. 1933
musste er, wie zahlreiche seiner Forscherkollegen jüdischer Religion,
sein Institut verlassen. Der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft blieben aber
seine Leistungen unvergessen. Zu einer Gedächtnisfeier anlässlich
seines unerwarteten Todes auf dem Wege in die Emigration im Jahre 1935
hatte der amtierende Präsident der KWG, Max Planck, die Fachwelt
eingeladen. Sie geriet angesichts des ministeriellen Teilnahmeverbots
für alle Universitätsangehörigen durch die gewaltige
Präsenz der Ehefrauen und Familienangehörigen zu einer umso
eindrucksvolleren Demonstration intellektuellen Widerstandes gegen das
NS-Regime.
Industrielle Ammoniakherstellung
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Carl Bosch
(1874 bis 1940) |
Carl Bosch (geb. 1874 in Köln, gest. 1940 in Heidelberg) hatte
an der Universität Leipzig Chemie studiert und war 1898 promoviert
worden. Seine zusätzliche Ingenieurausbildung kam ihm zugute, als
er im Rahmen seiner Tätigkeit bei der BASF in Ludwigshafen 1913
daran ging, die von Fritz Haber auf Laborebene entwickelte Ammoniaksynthese
zu einem großtechnischen Verfahren auszuarbeiten. Haber hatte
als Kontaktofen für die beiden Gase Wasserstoff und Stickstoff
Stahlrohre verwendet, die aber nur wenige Betriebsstunden überstanden,
da der Wasserstoff unter den erforderlichen Reaktionsbedingungen von
500° C und 200 at den im Stahl enthaltenen Kohlenstoff in gasförmiges
Methan verwandelte. Bosch löste das Problem, indem er den Reaktionsraum
des Ofens durch ein Futterrohr aus kohlenstoffarmem Eisen gegen den
Stahlmantel abgrenzte und außerdem leichter zugängliche Kontaktstoffe
einsetzte. Dadurch wurde die industrielle Herstellung des zunächst
für die Düngemittel- und Explosivstoff-Produktion, später
aber auch für Kühlmittel und Arzneistoffe (Sulfonamide) notwendigen
Ammoniaks möglich.
1919 wurde Carl Bosch Vorstandsvorsitzender der BASF und übernahm
1925 die gleiche Position auch bei der in diesem Jahr gegründeten
IG-Farbenindustrie AG. 1931 erhielt er zusammen mit F. Bergius (s.u.)
den Chemie-Nobelpreis für »ihre Verdienste um die Entdeckung
und Entwicklung der chemischen Hochdruckverfahren«. 1937 wurde
Carl Bosch Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft als Nachfolger
von Max Planck, der sein Amt aufgrund seines steten Einsatzes für
die jüdischen Forscher niederzulegen gezwungen worden war.
Die »Kohleverflüssigung«
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| Friedrich Bergius (1884 bis 1949) |
Friedrich Bergius (1884 bis 1949), in Goldschmieden bei Breslau geboren,
hatte bei den nachmaligen Nobelpreisträgern Walter Nernst (1864
bis 1941) und Fritz Haber studiert und an der Universität Leipzig
promoviert. Durch die Forschungen Habers angeregt, entwickelte er Methoden
zur Hochdruckhydrierung von Kohle und Schweröl in Anwesenheit von
Wasserstoff. Dieses Bergius-Verfahren gewann verständlicherweise
als »Kohleverflüssigung« größtes wirtschaftliches
Interesse und wurde von dem Industriechemiker Matthias Pier (1882 bis
1965) im Rahmen der BASF in Ludwigshafen am Rhein zur technischen Reife
vervollkommnet. Die Benzingewinnung nach diesem Verfahren spielte vor
allem im 2. Weltkrieg eine bedeutsame Rolle. Weitere Arbeiten von Bergius
galten der Holzverzuckerung durch Hydrolyse von Holzbestandteilen mit
Salzsäure und der Darstellung von Phenolen. Nach dem Krieg verließ
er Deutschland, ging nach Österreich und Spanien und schließlich
als technischer Berater der Regierung nach Argentinien. Vor allem im
Kohlerevier an der Ruhr sind in manchen Städten, wie z.B. Duisburg
und Dortmund, Straßen nach ihm benannt; in Duisburg-Ruhrort gibt
es gar eine Bergius-Apotheke.
Das Warburg’sche Atmungsferment
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Otto Warburg
(1883 bis 1970) |
Als ein sehr vielseitiger und erfolgreicher Forscher auf einem ganz
anderen, lebenswichtigen Gebiet, soll noch der Biochemiker und Mediziner
Otto Heinrich Warburg (1883 bis 1970) vorgestellt werden. Nach einem
Chemie- und Medizinstudium, Promotion bei Emil Fischer, den er zeitlebens
hoch verehrte, und Dozenten- und Forschertätigkeit an verschiedenen
deutschen Universitäten wirkte er seit 1913 als Professor für
Physikalische Chemie, Biologie und schließlich Physiologie an
der Universität Berlin. Unter diesen interdisziplinären Voraussetzungen
erweiterte Warburg die Biochemie um grundlegende neue experimentelle
Methoden und Messverfahren. Mit seinem 1919 entwickelten Warburg-Manometer
und Warburg-Kolben bestimmte er die Austauschgeschwindigkeit und den
Umsatz von Gasen bei biochemischen Prozessen, also der Zellatmung. Mithilfe
der Spektrofotometrie entwarf er nach 1920 optische Verfahren zur Analyse
von Enzymen und Zellbestandteilen, die er bereits zuvor durch Differenzialzentrifugierung
trennen konnte. Die am Sauerstoffumsatz der Zellen beteiligten Cytochrome
untersuchte er ab 1925, wobei er das »Warburg’sche Atmungsferment«,
die Cytochrom-Oxidase, entdeckte. Für seine Arbeiten über
die Zellatmung erhielt Otto Warburg 1931 den Nobelpreis für Medizin.
Im gleichen Jahr wurde er Direktor des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts
für Zellphysiologie, das unter seiner Leitung 1952 der Max-Planck-Gesellschaft
angeschlossen wurde. Hier beschäftigte sich Warburg unter vielem
anderen auch mit der Ursache der Entstehung von Krebs, nachdem er erstmals
die gegenüber gesunden Zellen erhöhte aerobe Glykolyse von
Krebszellen festgestellt hatte. Diese Arbeiten ermöglichten es
ihm, obwohl Nachkomme jüdischer Vorfahren, im NS-Deutschland zu
überleben. Hitler persönlich, der in ständiger Krebsfurcht
lebte, befahl ihn trotz vorheriger ministerieller Entlassung in die
Krebsforschung zurück. Die Verleihung eines zweiten in Aussicht
genommenen Nobelpreises scheiterte daran, dass man Warburgs schwierige
Situation im Krieg wegen des Verbots der Annahme dieser Auszeichnung
nicht weiter gefährden wollte.
Warburg starb am 1. August 1970 im 87. Lebensjahr als noch immer amtierender
Direktor »seines« Instituts. Da es wegen des besonderen
Zuschnitts nicht möglich war, einen geeigneten Wissenschafter von
hohem Rang zur Weiterführung namhaft zu machen, musste das Institut
geschlossen werden. Heute befindet sich in dem gemäß Warburgs
Vorstellungen nach dem Vorbild eines Rokokoschlösschens in der
Art eines märkischen Herrenhauses errichteten Institut in Berlin-Dahlem
das Archiv zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft.
Die dortige umfangreiche Bibliothek pflegt auch eine Briefmarkensammlung
mit weltweit erschienenen Postwertzeichen zu Ehren der wissenschaftlichen
und politischen Mitglieder der Gesellschaft, darunter mehr als 70 Nobelpreisträger.
Plus lucis
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Carl Freiherr Auer Ritter von Welsbach
(1858 bis 1929) |
Zum Abschluss unserer Exkursion in die Welt großer chemischer
Wissenschafter sei noch einmal an ihren Beginn und die von F. Mendelejew
aufgezeigten Lücken in seinem Periodensystem zurückgekommen.
Das Verdienst, drei weitere Elemente entdeckt zu haben, kommt dem in
Wien geborenen Chemiker Carl Auer von Welsbach (1858 bis 1929) zu. Nach
dem Chemiestudium in Wien bei Adolf von Lieben und in Heidelberg bei
dem Experten für Labortechnik Robert Bunsen wandte er sich der
Untersuchung der »Seltenen Erden« zu. Er interessierte sich
vor allem für das von Carl-Gus–tav Mosander (1797 bis 1858)
entdeckte und als Element geltende Didym. Nach eingehender Untersuchung
fand er 1885, dass Didym in Übersetzung seines griechischen Namens
tatsächlich ein Zwilling war und aus zwei Elementen bestand, die
er Praseodym (nach einer grünen Spektrallinie: grüner Zwilling)
und Neodym (neuer Zwilling) nannte. 1905/1907 gelang ihm fast zeitgleich
mit dem französischen Chemiker Georges Urbain die Gewinnung zweier
weiterer Elemente aus der schwedischen Yttererde, die er nach Sternbildern
Aldebaranium (heute Yb, Ytterbium) und Cassiopeium (heute Lu, Luthetium)
benannte.
Auf der Suche nach einer Substanz, die durch die Hitze einer Gasflamme
zu hell leuchtendem Glühen gebracht werden konnte, ohne dabei zu
schmelzen, glückte ihm die umwälzende Erfindung des Gasglühlichts.
Grundlage war ein mithilfe eines Baumwollgewebes erzeugtes, durch eine
Bunsenflamme zur Weißglut gebrachtes Ascheskelett auf der Basis
von 99% Thoroxid und 1% Ceroxid mit guter Haltbarkeit, der so genannte
»Auerstrumpf«. Die intensive Beschäftigung mit den
seltener vorkommenden Metallen Osmium, Thorium und dem bei der Verarbeitung
des kalifornischen und brasilianischen Monazidsandes anfallendem Cer
führte zur Verbesserung der von T. A. Edison erfundenen Kohlefadenlampe
durch die Verwendung eines Metallfadens aus Osmium mit einer sehr hohen
Schmelztemperatur und damit zu einer längeren Haltbarkeit. Als
weitere Entdeckung Auers gilt die 1903 patentierte Legierung Auermetall
aus Cer und Eisen, das bei Reibung leicht zündende Funken gibt
und deshalb als Zündstein weite Verwendung findet.
Alle Arbeiten Auers erlangten große indus–trielle Bedeutung.
Seine bedeutsamen Erfolge brachten ihm die Erhebung vom ererbten Ritter-
in den Freiherrenstand.
Die österreichische Post bedachte den großen Erfinder 1936
und 1954 mit je einer ehrenden Sonderbriefmarke.
Seltene Erden
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| Johan Gadolin (1760 bis 1852) |
Werfen wir schließlich noch einen Blick nach Skandinavien. In
Finnland finden wir einen Chemiker, nach dem bereits 1886 ein neuentdecktes
Element benannt wurde, obwohl diese Gepflogenheit erst seit Mitte des
letzten Jahrhunderts für die im Zyklotron synthetisierten Elemente
der Actinidenreihe üblich wurde: z.B. Cm Curium, Md Mendelevium
oder Mt Meitnerium. Gemeint ist der finnische Chemiker Johan Gadolin
(1760 bis 1852).
Gadolin war anfangs Anhänger der Phlogis–tontheorie, bekehrte
sich aber dann zu Lavoisiers Anschauungen. Sein Handbuch der Chemie
war das erste in schwedischer Sprache, das die neue Chemie lehrte (Finnland
gehörte im 18. Jahrhundert zu Schweden). Auf einer Reise nach Schweden
wurde ihm 1794 ein neues Mineral überbracht, das aus einem wissenschaftlich
sehr ergiebigen Material stammte. Bei der Untersuchung dieses Materials
glaubte Gadolin, eine neue »Erde« gefunden zu haben, die
damals übliche Bezeichnung für wasserunlösliche und hitzebeständige
Oxide. Da die von Gadolin gefundene neue Erde im Gegensatz zu Magnesia,
Eisenoxid und Silicaten weit weniger häufig vorkam, nannte man
sie daher »seltene Erde«. Im folgenden Jahrhundert entdeckte
man, dass Gadolins seltene Erde und ihr ähnliche Minerale über
ein Dutzend verschiedener Elemente enthielt, die man heutzutage als
Seltenerdmetalle oder auch Lanthaniden bezeichnet. Drei Generationen
von Chemikern beschäftigten sich mit den noch unbekannten Elementen
dieser Gruppe, und der französische Chemiker Lecoq de Boisbaudran
(1838 bis 1912) gab einem von ihnen zu Ehren Gadolins den Namen Gadolinium.
Hier sei noch eine kurze persönliche Reminiszenz gestattet. In
meiner Doktorprüfung lobte der Prüfer im Nebenfach Anorganische
Chemie, Prof. E. O. Fischer (geb. 1918), meine Kenntnisse über
die Seltenen Erden und vor allem das Fußnotenwissen über
ihre Entdecker. Auf meinen Hinweis, es sei soeben in Finnland der 200.
Geburtstag Gadolins gefeiert und gar mit einer Sonderbriefmarke bedacht
worden, brachte Prof. Fischer sein aktuelles Forschungsthema der Sandwichstruktur
metallorganischer Verbindungen, für das er dreizehn Jahre später
mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, erst gar nicht zur Sprache,
sondern wechselte für den Rest der Prüfung von der Chemie
zur Philatelie, zu meiner großen Erleichterung und mit gutem Ergebnis!
Quellen und Literatur:
Isaac Asimov. Biographische Enzyklopädie der Naturwissenschaften
und der Technik. Herder Verlag. Freiburg/Br.. 1970
Lexikon der Naturwissenschaftler. Spektrum Akadem. Verlag. Heidelberg/Oxford.
1996
Werner Martin. Verzeichnis der Nobelpreisträger. K.G. Saur. München/Paris.
1988
D. Nachmansohn, R. Schmid. Die große Ära der Wissenschaft
in Deutschland 1900 bis 1933. WVG Stuttgart. 1988
Max-Planck-Gesellschaft. Berichte und Mitteilungen. Hefte 1/1988 und
3/1993. MPG. München
G. Stoll. in DAZ 135 (1995). S. 3467 ff.. Stuttgart
»Die Zeit«. Das Lexikon. Zeitverlag Gerd Bucerius. Hamburg.
2005
Michel Briefmarken-Kataloge Europa/West und Europa/Ost. Schwaneberger
Verlag. München. 2000/2001
Anschrift des Autors: Dr. Otto Föcking, Nimweger Straße 200,
D-47533 Kleve |