ÖAZ Aktuell (Ausgabe 16/2005)

Hauptartikel 16/2005

HAUPTARTIKEL

Hauttumoren-Melanom

Salbengrundlagen

Wegbereiter

Bewährte und neue Formen*

Salbengrundlagen

Eine Übersicht über die verschiedenen Salbengrundlagen ist in der Abb. 2 aufgelistet. Bei den hydrophoben Salben nimmt zweifellos die Vaseline einen wichtigen Platz ein. Kolloidchemisch handelt es sich um ein dreidimensionales Gelgerüst von so genannten »Fransenmizellen« im Verband. Die Vaseline übt eine okklusive Wirkung auf die Haut aus und wird hauptsächlich als Fettbestandteil und Konsistenzgeber verwendet.

Univ.-Prof. Dr. Claudia Valenta

Hydrophile Salben
Gänzlich andere Systeme stellen die Macrogolsalben oder hydrophilen Salben dar.Es sind hydrophile wasserfreie Grundlagen, die noch zusätzlich ca. 15 bis 20% Wasser aufnehmen können.Wenn mehr Wasser zugesetzt wird, tritt Verflüssigung ein. Kolloidchemisch handelt es sich um einphasige Systeme. Sie trocknen die Haut aus und sind osmotisch aktiv. Diese Eigenschaften können ausgenützt werden, z.B. gibt es eine Juckreizsalbe im »Formularium Helveticum«1 auf Basis von Macrogolen (Abb. 3).Mit dieser Zubereitung hat man eine nichtfettende abwaschbare Salbe mit juckreizstillenden und entzündungshemmenden Bestandteilen, die bei Juckreiz, der nicht nervlich oder durch ein lokale Infektion bedingt ist, zur Verfügung. Allerdings sollte diese Macrogolsalbe nicht auf Schleimhäute, Augen und offene Wunden aufgetragen werden.

Abb. 5: Struktur einer hydrophilen Crème anionisch nach (3) •
a) hydrophiles Gelgerüst Mischkristallisat aus Cetylstearylsulfat und Cetylstearylalkohol
b) interlamellar eingelagertes Wasser
c) Bulk-Wasser
d) Cetylstearylalkohol-semihydratgelgerüst
e) lipophile disperse Phase

Wasseraufnehmende Salben
Die nächste Gruppe von Salben stellen die Cremes dar, die bereits Wasser enthalten. Wie in Abb. 1 gezeigt, unterteilt man sie in lipophile (hydrophobe), hydrophile und ambiphile Cremes. Eine Reihe von Grundlagen entsprechen dem lipophilen Cremetyp, wobei Ung. Leniens aus dem ÖAB eine gewisse Sonderstellung einnimmt. In dieser Kühlsalbe ist der geringe Wasseranteil mechanisch fixiert. Wenn sie auf die Haut aufgebracht wird, dann tritt Wasser aus und dadurch entsteht ein gewisser Kühleffekt. Bei der Nomenklatur gibt es bezüglich der lipophilen Cremes die größten Auffassungsunterschiede zwischen Ärzten und Apothekern. Für Ärzte handelt es sich bei diesen fetteren Zubereitungen um Salben. Es gibt kolloidchemische Untersuchungen an cholesterolhaltigen lipophilen Cremes2. Darin wurden komplex aufgebaute Vierphasensysteme nachgewiesen. Man kann daher annehmen, dass die anderen Vertreter dieser Gruppe ähnliche Kolloidstrukturen besitzen. Die am häufigsten eingesetzten Grundlagen stellen Ultrabas und Diprobas dar. Die qualitative Zusammensetzung ist in Abb. 4 angegeben. Daraus ist ersichtlich, dass unterschiedliche nichtionogene Emulgatoren enthalten sind. Der Einsatz von lipophilen Cremes ist bei eher chronischen Hautkrankheiten angesiedelt. Die hydrophilen Cremes stellen im Gegensatz dazu ziemlich wasserreiche Systeme dar. Aufgrund des Emulgatortyps kann man eigentlich zwei Gruppen unterscheiden: nämlich jene Systeme mit anionischen Tensiden wie Doritin und Ung. emulsificans aquosum und die anderen Vertreter. Von kolloidchemischer Seite wurde wasserhaltige hydrophile Salbe, die eine sehr ähnliche Zusammensetzung wie Ung. emulsificans aquosum (ÖAB) aufweist, bereits 1984 charakterisiert3,4. Dabei zeigte sich ein komplexes Vierphasensystem mit zwei unterschiedlich gebundenen Wassertypen, nämlich interlamellar fixiertes und so genanntes Bulk-Wasser (Abb. 5). Auch die hydrophilen Cremes – mit nur nichtionischen Tensiden – und die so genannten ambiphilen Cremes wurden untersucht und komplexe Strukturen gefunden5. Unter ambiphiler Creme versteht man ein System, das man sowohl mit Wasser als auch mit lipophilen Komponenten verdünnen kann (Vertreter siehe Abb. 2). Auch hier wurden erfolgreich kolloidchemische Strukturen bewiesen. Aus all dem bis jetzt Besprochenen geht hervor, dass es sich bei diversen halbfesten Systemen immer um komplexe Strukturen handelt, trotzdem kommt der Apotheker meistens mit der stark vereinfachten Modellvorstellung von O/W- und W/O-Cremes aus. Er sollte aber immer daran denken, dass es sich um mehrphasige Zubereitungen aus kolloid–chemischer Sicht handelt.

Hydrophobe und hydrophile Gele
Bei den Gelen kann man je nach Quellmittel zwischen hydrophoben und hydrophilen Gelen unterscheiden. Ölige Phasen werden mit hochdispersem Siliciumdioxid (Aerosil) verdickt. Ein klassisches Beispiel ist ein Brustgel mit dem eingebauten Spreitungsförderer Isopropylmyristat (Abb. 6). Es entsteht ein transparentes Produkt. Dabei könnte man mit Aerosil auch wässerige Gele herstellen, allerdings wären diese milchig weiß. Als Gelbildner für hydrophile Flüssigkeiten besser geeignet sind Carbomere oder auch Zelluloseether, wobei man Carbomere noch mit geeigneten Basen neutralisieren muss6. Als flüssige wässerige alkoholische Lösungen für die Rezeptur werden von der Industrie z.B. Liquibas oder Cordes Basis angeboten (Abb. 7). In beiden Zubereitungen sind bereits Gelbildner und Lösungsvermittler enthalten, sodass bestimmte Arzneistoffe darin gelöst werden können. Eine weitere Erleichterung kann man in den industriell vorgefertigten Wirkstoff-Salbenkonzentraten sehen (Abb.8). Wie ersichtlich, handelt es sich dabei um Konzentrate mit hochpotenten Arzneistoffen, deren Gleichmäßigkeit und optimale Teilchengröße gewährleistet sind. Der Apotheker braucht bei Bedarf nur mehr mit der Salbengrundlage zu verdünnen.
Die unterschiedlichen Systeme an der Haut von hydrophil bis lipophil für ein und denselben Arzneistoff ergeben sich aufgrund des Therapieschemas. Je nach Krankheitsstadium von akut bis chronisch werden unterschiedliche Vehikel eingesetzt. Als Faustregel gilt dabei »feucht auf feucht«, d.h. akute Krankheiten werden mit hydrophilen Systemen und chronische mit lipophilen Systemen behandelt (Abb. 9).

Daraus ergeben sich für Dermatologen die oftmals gewünschten Mischungen, die aber meist aus technologischen Gründen nicht herstellbar sind. Die größten Probleme gibt es bei Einarbeitung von Wasser, Äthylalkohol oder ionogenen Substanzen. Da es die Zubereitung Omniderm Oleocreme nicht mehr gibt, kann man diese durch Kombination von bekannten Grundlagen nachempfinden (Abb. 10).

Neuere Formen
Als letzten Punkt möchte ich noch einige neuere Formen, die unter anderem auf der Haut angewendet werden, erwähnen. Dazu gehören Liposomen, Nanoemulsionen, Nano- und Mikropartikel (siehe Abb. 11) sowie Cyclodextrine und Mikroemulsionsgele. Die größten Probleme von Liposomen sind ihre Instabilität. Sie passieren die Haut wahrscheinlich nicht als Vesikel. Eine wesentliche Rolle spielen die Phospholipide, die positive Eigenschaften auf die Diffusion ausüben. Bei den Nano- und Mikropartikeln handelt es sich um kolloidale Feststoffsysteme, die in der Regel aus Polymer und Wirkstoff bestehen. Ein Beispiel stellen die Thalaspheres von Estée Lauder dar. In dieser Form wird Retinol verkapselt und sowohl stabilisiert als auch langsamer an die Haut abgegeben. Während die Thalaspheres rein kosmetische Produkte sind, kann man die Derma Membrane Structure (DMS) Cremes sowohl für dermatologische Produkte als auch für kosmetische Produkte verwenden. Es handelt sich um technologisch zwischen Nanoemulsionen und Liposomen angesiedelte Formen7. In Abb. 12 sind verschiedene Bezugsquellen und Namen von DMS Cremes angeführt. Cyclodextrine (CD) sind seit langem auch in der Kosmetik im Einsatz. Es handelt sich um 1-4-alfa-glykosidisch verknüpfte ringförmige Oligosaccharide mit hydrophobem Hohlraum, in den sie Wirkstoffe aufnehmen können. Es gibt z.B. einen gamma-CD-Komplex für Retinol, der die chemische Stabilität verbessert.
Eine weitere interessante Gruppe stellen die Mikroemulsionsgele dar. Sie werden in der Regel in einem bestimmten Verhältnis von Öl, Wasser, Emulgator und Co-Emulgator hergestellt. Sie sind transparent und zeigen besonders gute Freigabeeigenschaften von Arzneistoffen durch die Haut8.
In eine ähnliche Gruppe gehören die Poloxamer-Gele. Es handelt sich um Zubereitungen, die aus Polyoxypropylene-Polyoxyethylene-Blockpolymeren bestehen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie bei 3°C flüssig und bei Körpertemperatur fest sind, und sie bilden in 20- bis 30%-igen Mischungen mit Wasser transparente Gele. Sie werden als »micellar cubic phases« qualifiziert. Diese Poloxamer-Zubereitungen sind ausgezeichnet hautverträglich auch auf Wunden, Augen und Schleimhäuten und können gut autoklaviert werden. Es gibt in der Arzneitaxe das Gel Cordes, das ein solches fertiges Poloxamer-Gel darstellt (Abb. 13). Dieses Gel kann mit Arzneistoffen weiterverarbeitet werden.

Die »Wundercreme«?
Abschließend stellt sich noch die Frage, ob es vielleicht einmal eine »Wundercreme« geben wird, die optimal für Feuchtigkeits- und Wirkstoffzufuhr sorgen kann. Dabei ist es Forschern bereits länger aufgefallen9, dass Neugeborene mit einem Film, dem so genannten »Vernix«, überzogen sind, der sie optimal schützt. »Vernix« besteht aus 80% Wasser, 10% Lipiden, 10% Proteinen und Korneozyten. Interessant dabei ist der hohe Wasseranteil, da ja konventionelle Babycremes eher fetthältig sind. Möglicherweise wird noch eine Formel für die Nachahmung von »Vernix« gefunden. Etliche Forscher beschäftigen sich mit dieser Thematik10,11,12. Zuletzt kann festgestellt werden, dass ausgehend vom Kosmetiksektor immer wieder neue und innovativere Vehikel und Abgabesysteme zur Anwendung an der Haut zur Verfügung stehen werden, die allerdings nur mit ziemlich großem technischen Aufwand in einer Apotheke hergestellt werden könnten.

Literatur
1 Formularium Helveticum FH; Schweizerischer Apothekerverein, Ausgabe 1991
2 Christel C. Müller-Goymann - Strukturuntersuchungen an 4-Komponenten-Mischungen als Beitrag zur Aufklärung des W/O Creme-Zustandes, Dissertation Technische Universität Braunschweig, 1981.
3 H. E. Junginger - Colloidal structures of O/W creams, Pharmaceutisch Weekblad, Scientific Edition 6, 141-149, 1984.
4 H. E. Junginger, A. A. M. Akkermans, Walter Heering – The ratio of interlamellarly fixed water to bulk water in o/w creams. J. Soc. Cosm. Chem. 35, 45-57, 1984.
5 T. De Vringer, J.G.H. Joosten, H. Junginger – Characterization of the gel structure in a nonionic ointment by small angle x-ray diffraction. Colloid and Polymer Science 262, 56-60, 1984.
6 C. Valenta – Magistrale Problem-Rezepturen, ÖAZ 59, 233-237, 2005.
7 Hans Lautenschläger – Universelle Basiscremes mit Membran-Struktur, ÖAZ 56, 679, 2002.
8 R. H. Müller – Mikroemulsionen als neue Wirkstoff-Trägersysteme, pp 161-168 in Moderne Arzneiformen, Müller, Hildebrand (Hrsg) Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 1998
9 S. P.Westphal – The best skin cream you ever wore, New Scientist, 17 January 2004, 40-41.
10 H. T. Akinbi, V. Narendran, A.K. Pass, P. Markart, S. B. Hoath – Host defense proteins in vernix caseosa and amniotic fluid, J. Obst. Gyn.191, 2090-2096, 2004.
11 W. L. Pickens, R. R. Warner, Y. L. Boissy, R. E. Boissy, S. B. Hoath, Characterization of vernix caseosa: water content, morphology, and elemental analysis, J. Invest. Dermatol. 115, 875-881, 2000.
12 R. Moraille, W. L. Pickens, M. O. Visscher, S. B. Hoath – A novel role for vernix caseosa as a skin cleanser, Biol.Neonate, 87, 8-14, 2005.

Anschrift der Autorin:
a.o.Univ.Prof. Dr. Claudia Valenta,
Department für Pharmazeutische
Technologie und Biopharmazie,
Universität Wien, Althanstrasse 14,
Claudia.Valenta@univie.ac.at

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