Die Haut als »Pflaster«: Testogel®
Bekanntlich bestehen alle transdermalen therapeutischen Systeme (TTS) aus einem Wirkstoffreservoir und einer abgabesteuernden Membran oder Matrix, welche den Übertritt in die Haut kontrolliert. Ein neues Testosteron-Gel benützt nun die Haut selbst zugleich als Reservoir und Kontrollsystem.
Das männliche Androgendefizit
Testosteronmangel als Folge nachlassender Gonadenfunktion hat bei Männern über 50 Jahre nicht jene Folgen wie der entsprechende Östrogenmangel in der Menopause. Der Testosteronabfall verläuft nämlich sukzessiv. Da genaue Kenntnisse über altersgemäße Grenzwerte fehlen, ist eine Hormonsubstitution von Unsicherheit geprägt.
Der Normalbereich für das Gesamt-Testosteron bei gesunden erwachsenen Männern reicht von 12 bis 35 nmol/L und ist nach dem 50. Lebensjahr einem jährlichen Abfall von ca. 1% unterworfen. Nur wenn die Werte unter 12 nmol/L absinken und gleichzeitig klinische Symptome des Hypogonadismus wie
Rückbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale,
Veränderung der Körperzusammensetzung,
Schwächegefühl, Kraftlosigkeit,
Libidoabnahme, erektile Dysfunktion etc.
auftreten, ist die Testosteronanwendung indiziert.
Von der 7 mg Testosteron-Tagesproduktion liegen nur 0,25 mg in freier, biologisch aktiver Form vor. Diese Menge reicht aus, um androgene Effekte an den Rezeptorstellen zu vermitteln, während sich der Hauptteil mit Albumin und Sexual-Hormon-bindendem Globulin zu einem Reservepool verbindet.
Bisherige Möglichkeiten und Grenzen einer Testosteronsubstitution
»Testosteron« ist seit 1849 als männliches Sexualhormon bekannt. Schon bald nach der Strukturaufklärung durch Butenandt (1935) wurde »Testosteron« als subkutaner Pressling klinisch verwendet, weil orale Gaben wegen des intensiven First-pass-Metabolismus kaum wirken.
Seit den 50er Jahren steht das »Testosteronenantat« (Testoviron® Depot-Ampullen) mit einer Wirkdauer von 2 bis 3 Wochen in Verwendung, obwohl die anfänglich hohen Serumspiegel (Schaukeltherapie!) zu Stimmungs-, Libido- und Antriebsschwankungen führen.
Gegen Ende der 70er Jahre ermöglichte die Verwendung eines speziellen Esters (»Testosteronundecanoat«; im Handel als Andriol®-Kapseln) die orale Behandlung, weil eine direkte Resorption aus dem Darm in die Lymphe den First-pass-Effekt zum Teil umgeht. Nachteil: mehrmals tägliche Einnahme.
Die Zeit der Testosteronpflaster begann in den 1980er Jahren. Die Anbringung auf der rasierten Scrotalhaut (Testoderm®) erzielte erstmals physiologische Hormonspiegelverläufe, war aber zu umständlich. Pflaster für andere Körperstellen (Androderm®) erzeugten bei bis zu 1/3 der Patienten Hautreizungen und haben sich deshalb nicht durchsetzen können.
Als neueste Möglichkeit stehen Testosterongele zur Verfügung, die physiologische Blutspiegel bewirken und zugleich einfaches Handling versprechen.
Testosteron
(Testogel® 25/50 mg-Gel im Beutel)
Testogel® 50 mg pro 5 g Beutel (1,0%) zu 30 Stück (Monatspackung) kostet im KKP 62,55 Euro, ist sei 1. Juni 2003 im Handel, rezeptpflichtig und leider nicht kassenfrei.
Chemie und Wirkweise
»Testosteron« kann im Rahmen seines Abbaues in den aktiven Metaboliten »5 -Dihydrotestosteron« und durch enzymatische Aromatisierung ins »Estradiol« übergehen.
Die Androgene prägen die männlichen Geschlechtsmerkmale und halten sie aufrecht, während »Estradiol« u.a. antiatherogene und knochenabbauhemmende Eigenschaften besitzt.
Pharmakokinetik und Dosierung
Die perkutane Resorptionsrate liegt bei 9 bis 14%. Aus dem entstehenden Depot im Stratum corneum gelangt das »Testosteron« in relativ konstanter Menge über 24 Stunden in den systemischen Kreislauf. Schon eine Stunde nach Applikation steigt die Testosteron-Konzentration an, erreicht am 2. Tag das »Steady-state« und ähnelt dabei der physiologischen zirkadianen Rhythmik. Bei Beendigung der Anwendung beginnt der Testosteronspiegel-Abfall erst einen Tag später und erreicht nach 3 bis 4 Tagen das Ausgangsniveau (siehe Grafik).
Dosierung: den Inhalt eines Beutels zum täglich gleichen Zeitpunkt ausdrücken und sofort auf Schulter, Arme oder Bauch in dünner Schicht verteilen, 3 bis 5 Min. trocknen lassen, dann erst Kleidung anlegen. Hände waschen nicht vergessen. Innerhalb der ersten 6 Stunden eingeriebene Hautfläche nicht waschen/baden.
Die Größe der eingeriebenen Fläche beeinflusst nur bedingt die resultierenden Plasmaspiegel (siehe Grafik): Bei einer Vervierfachung der Fläche stieg die Resorption nur um 23%. Damit sind akzidenzielle Überdosierungen durch zu großflächige Anwendungen weitgehend ausgeschlossen.
Sicherheit
Die häufigen Hautirritationen (65,8%) von Pflastern waren beim hydroalkoholischen Gel (5,5%) äußerst selten (Studie Wang). Wegen des Androgeneinflusses auf die Prostata bzw. einer eventuellen Karzinominduktion sind jährliche Kontrolluntersuchungen durchzuführen. Um eine unbeabsichtigte Testosteron-Übertragung bei intensivem Hautkontakt auf die Partnerin zu verhindern, sollte die entsprechende Hautstelle bekleidet sein. Solange das Gel nicht eingetrocknet ist, ist die Übertragungsgefahr am höchsten.
Verwendete Grundlagen:
Austria-Codex Fachinformation Testogel®
Testogel® Produktmonographie Fa Schering; February/2003
C. Wang et al. »Pharmacocinetics of transdermal testosterone gel in hypogonadal men: application of gel at one site versus four sites: a general clinical research center study«; J of Clin Endocrinol & Metabolism Vol 85, No 3 : 964969 (2000)
Wang et al. »Transdermal testosteron gel improves sexual function, mood, muscle strength and body composition parameters in hypogonadal men« J Clin Endocrinol & Metabolism Vol 85 No 8: 28392853 (2000)
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