Omega-3-Fettsäuren in der Kardiologie: Omacor®
Immer dann, wenn Pflanzeninhaltsstoffe oder Nahrungsbestandteile pharmakologisch interessante Wirkungen entfalten, boomen entsprechende Nahrungsergänzungsmittel. Ihr meist gesundheitsbezogener Wirkanspruch beruht eher auf epidemiologischen oder experimentellen Daten als auf kontrollierten klinischen Doppelblindversuchen. Vergleichsweise besser untersucht ist das »Fischöl« die Omega-3-Fettsäuren , das bei uns in Form von Nahrungsergänzung oder als Arzneimittel im Handel ist. In Deutschland haben angereichertes »Omega-3-Brot« von der Fa. VK Mühlen oder »Ei-Plus« von Eifrisch einen »Functional food«-Status. Welche Wirkungen der Omega-3-Fettsäuren gelten aus wissenschaftlicher Sicht als abgesichert (1)?
Epidemiologie
1944 stellte der britische Biochemiker H. Sinclair das fast vollständige Fehlen kardiovaskulärer Erkrankungen bei kanadischen Eskimos fest und vermutete einen Zusammenhang mit ihrer fischreichen Ernährung, was 1980 von zwei Dänen, Bang und Dyberg, in überzeugender Form bestätigt wurde. Dieses Ernährungsphänomen tritt überall dort auf, wo viel Fisch verzehrt wird, wie z.B. in Grönland oder in Japan (Ø 100 g Fischverzehr/Tag). Letztlich führt man auch bestimmte Effekte der mediterranen Kost auf den Fischanteil zurück.
Klinisch abgesicherte Anwendungsgebiete
Tägliche Mengen von 5 bis 15 g Fischöl senken stark überhöhte Triglyceridspiegel je nach Studie und Ausgangslage zwischen 25 bis 55%. Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass auch niedrigere Mengen von 1 bis 3 g -3-Fettsäuren die Spiegel um ca. 23% absenken (siehe unter 1: Zitat 44; Zakaria u. Bertsch 1992). Als untere Grenze dürften dabei nach Autorenmeinung 1 Gramm -3-Fettsäuren anzusetzen sein.
Blutdrucksenkung (ca. 10%), Gefäßerweiterung und Thrombozytenaggregationshemmung sind weitere Homöostasefaktoren, die zur Verminderung des Reinfarktrisikos führen. Die bisher wenig beachtete antiarrhytmische Wirkung dürfte nach letztem Wissenstand für die ausgeprägte Verringerung von »plötzlichem Herztod« und tödlich verlaufendem Herzinfarkt hauptverantwortlich sein (siehe Omacor®-Besprechung).
Ob allerdings die prophylaktische Einnahme von Fischölkonzentraten gesunden Menschen eindeutige Vorteile bringt, gilt derzeit als noch nicht erwiesen. Ernährungsexperten raten eher zu natürlichen Quellen für ungesättigte Fettsäuren in Form von fettem Seefisch, Raps- und Sojaöl, um ganz allgemein das Herz-Kreislauferkrankungsrisiko zu senken (2).
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»Eicosapentaensäure« (EPA)
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Fettsäuren als »Wirkstoff«
Glycerol mit drei Fettsäureresten verestert ist für Nahrungsfett typisch. Die Kettenlänge der Fettsäuren und eventuelle Doppelbindungen bestimmen ihren »Wirkstoffcharakter« bezüglich Herz-/Kreislaufeffekte.
Da die kurzkettigen (C2:0C4:0) keinen und die mittelkettigen (C6:0C10:0) wegen ihres geringen Anteiles an der Nahrung nur einen beschränkten Effekt auf die Blutlipide haben, konzentrierte sich das Interesse auf die langkettigen (>C12:0), insbesondere mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Entgegen der IUPAC-Nomenklatur wird die Stellung der Doppelbindung nicht vom Carboxyl-Ende (= ), sondern vom Methyl-Ende (= ) gezählt.
Die drei Vertreter der langkettigen Fettsäuren
-Linolensäure C18:3 3
Eicosapentaensäure C20:5 3
Docosahexaensäure C22:6 3
gehören zur Omega-3-Familie der Fettsäuren, von denen EPA und DHA (siehe Chemie und Wirkweise) primär im Phytoplankton und sekundär in Kaltwasser- und Seefischen (vgl. den Gehalt an Omega-3-Fettsäuren in der Tabelle) vorkommt. Sie sind essenziell, weil der Mensch aus -Linolensäure nur ungenügend EPA und DHA herstellen kann.
| Vorkommen |
Eicosapentaen-
säure
EPA |
Docosahexaen-
säure
DHA |
Summe aus allen -3-
Fettsäuren |
| Heilbutt |
0,5 g |
0,4 g |
0,9 g |
| Kabeljau |
0,1 g |
0,2 g |
0,3 g |
| Lachs |
0,4 g |
0,6 g |
1,0 g |
| Wallebertran |
12 g |
8 g |
20 g |
Lachsöl-
konzentrate |
18 g |
12 g |
33 g |
Tabelle: Mittlerer Gehalt an -3-Fettsäuren in g/100g (1) |
Ein neues Omega-3-Fettsäurekonzentrat wurde nun Mitte 2002 in Österreich unter dem Namen Omacor® in den Handel gebracht.
»Eicosapentaen«- und »Docosahexaensäure«
(Omacor®-Kapseln)
Omacor® ist indikativ rezeptpflichtig, nicht kassenfrei und nicht ganz billig. 28 Kapseln kosten im AVP 46,35 Euro.
Chemie und Wirkweise
Omega-3-Fettsäuren weisen eine Doppelbindung zwischen dem dritt- und viertletzten C-Atom auf. »Eicosapentaensäure« (EPA) verfügt bei 20 (»eicosa«) C-Atomen über 5 Doppelbindungen, die »Docosahexaensäure« (DHA) bei 22 C-Atomen über 6 Doppelbindungen.
Eine Kapsel zu 1000 mg Omacor® enthält 900 mg hochgereinigte -3-Säureethylester, davon 414 mg EPA und 342 mg DHA. Beide senken über verschiedene Mechanismen die Triglyzeridspiegel und das VLDL-Cholesterin. Im Unterschied zu den Lipidsenkern haben sie keinen LDL-Cholesterin-senkenden Effekt und erhöhen auch nicht das schützende HDL-Cholesterin.
Pharmakokinetik und Dosierung
Nach Esterhydrolyse erfolgt der Einbau der beiden Omega-3-Fettsäuren in Plasmaphospholipiden und Cholesterinester.
Dosierung:
bei Hypertriglyzeridämie 2 x 2 Kaps täglich,
zur Sekundärprophylaxe nach Herzinfarkt 1 Kapsel täglich.
Die Einnahme sollte zu den Mahlzeiten erfolgen, um die gastrointestinale Verträglichkeit zu verbessern.
In der bisher größten Studie zur Sekundärprävention des Herzinfarktes mit Omega-3-Fettsäuren, der »GISSI-Prevention« Studie (4), nahmen 11.324 italienische Infarkt-Patienten teil, die 3,5 Jahre entweder Omacor® 1.000mg, Vitamin E 300mg, Omacor® + Vitamin E, oder Placebo erhielten. Die Gesamtsterblichkeit sank unter Omacor® um 20%, wobei eine Nachuntersuchung der Studiendaten (5) eine überraschend hohe Senkung des plötzlichen Herztodes erbrachte (Abb. 1), die heute mit einer Erhöhung der Flimmerschwelle erklärt wird.
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| Abb. 1: Abnahme der Mortalität unter Omega-3-Fettsäuren (5) |
Sicherheit
Wegen des Fehlens von Wechselwirkungen mit ASS, Betablockern, ACE-Hemmern und Statinen und der nur in hohen Dosen zu beobachtenden moderaten Verlängerung der Blutungszeit ist Omacor® ausgesprochen sicher anzuwenden. Nur auf das häufige Aufstoßen, verbunden mit Fischgeruch bzw. -geschmack, sollte man vorsorglich hinweisen.
Verwendete Grundlagen:
1) W. O. Richter, S. Bertsch, S.-D. Müller »Omega-3-Fettsäuren bei Hypertriglyzeridämie von Diabetikern« Deutsche Apotheker Zeitung Nr. 15: 4362 (2001)
2) M. Brian »Functional Food« Deutsche Apotheker Zeitung Nr. 21: 5365 (2001)
3) St. Theobald »Fette in der Ernährung« Med. Monatsschr. f. Pharmazeuten Nr. 11: 349359 (1999)
4) R. Machioli et al. »Dietary supplementation with n-3 polyunsaturated fatty acids and vitamin E after myocardial infarction« Lancet Vol 354, pp 447455 (1999)
5) R. Machioli et al. »Early protection against sudden death by n-3 unsaturated fatty acids« Circulation
6) Austria-Codex Fachinformation Omacor®
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