Katastrophale Gesundheitsbetreuung
Afghanische Frauen
In einem schäbigen Raum des Malalai-Krankenhauses in Kabul kauert die erschöpfte Hafisa Sadat und wiegt ihr Neugeborenes sanft in den Armen. "Sie sollten erlauben, dass jemand aus meiner Familie mir mit dem Kind hilft", sagt die junge Frau, die ihr viertes Kind soeben in einer qualvoll langen Kaiserschnitt-Operation auf die Welt gebracht hat. Und obwohl die völlig überlasteten Krankenschwestern kaum Zeit haben, sich um Hafisa zu kümmern, kann sie sich noch glücklich schätzen. Einer internationalen Studie zufolge sterben mehr als die Hälfte der afghanischen Frauen im gebärfähigen Alter während der Schwangerschaft oder bei der Entbindung.
In weiten Teilen Afghanistans ist die Sterberate der schwangeren Frauen die höchste in der Welt. In der abgelegenen Provinz Badachstan im Nordosten des Landes etwa sterben 65 von 1000 Frauen bei der Geburt eines Kindes. Auch die Überlebensquote der Neugeborenen ist demnach erschreckend niedrig.
Dabei wären die meisten Todesfälle bei angemessener medizinischer Betreuung zu vermeiden, wie die Studie betont, die unter Mitwirkung des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF und der US-Behörde für Seuchenkontrolle und -Prävention entstanden ist.
"Diese Frauen hier können sich glücklich schätzen", sagt Schairose Mawdschi, eine der Autorinnen der Studie, beim Rundgang durch das Malalai-Hospital. Schließlich hätten ihre Familien ihnen erlaubt, zur Entbindung ins Krankenhaus zu kommen. Und sie waren im Stande, das nötige Geld für die Reise in die Hauptstadt zusammenzukratzen.
Für die meisten Afghaninnen, die weit weg von Kabul leben, kommen schwerere Komplikationen bei der Schwangerschaft dagegen fast einem Todesurteil gleich. In vielen Gegenden steht ihnen nicht einmal die grundlegendste medizinische Versorgung zur Verfügung. Stattdessen rufen die Familien den Mullah zur Hilfe, wie Mawdschi berichtet. "Und der wird sagen, dass das alles Gottes Wille ist."
Die UNICEF-Projektleiterin: "Wir müssen uns mit den religiösen Führern zusammensetzen, um eine Lösung für das Problem zu finden." Und noch ein großes Problem sieht Mawdschi: Viele Frauen litten unter der gesellschaftlichen Geringschätzung, mit der sie behandelt würden. So sei es manchen Ehemännern schlicht zu teuer, ihre kranke Frau in ein Krankenhaus zu bringen, sagt Mawdschi. "Für sie ist es einfacher, sich eine zweite Frau zu nehmen."
Auch im technologisch-medizinischen Bereich liegt in dem von 23 Jahren Kriegswirren zerrissenen Land naturgemäß einiges im Argen. Zwar habe es nach dem Sturz der Taliban im vergangenen Jahr einige Verbesserungen gegeben, sagt Nilowfar Sultani, der seit über zwölf Monaten im Malalai-Krankenhaus arbeitet. "Aber uns fehlt eine Menge technische Ausrüstung, und wir haben nicht genügend Medikamente", klagt der Arzt.
Draußen vor dem Krankenhaus stehen viele Männer grüppchenweise in der kalten Winterluft und warten bangend auf Neuigkeiten von ihren Frauen und dem Nachwuchs. Bei seiner Frau hätten die Ärzte schon während der Schwangerschaft zwei Bluttransfusionen vorgenommen, sagt der Lehrer Asadullah Niasi. "Sie sagen mir, dass es ihr gut geht, aber ich warte schon seit fünf Tagen hier." Weil es keine Medikamente im Krankenhaus gebe, habe er selbst schon das Nötigste in der Apotheke besorgt.