ÖAZ Aktuell (Ausgabe 26/2002)

Hauptartikel 26/2002

HAUPTARTIKEL

Viel Rauch …
Kinderschutz oder die Kreise der Steine im Wasser
Die Schlüssel zum Himmel
Wann ist man ein Mann?
Herzrhythmus-
störungen und Venentherapeutika
"… trefflich über Zahlen streiten!"
Stoffwechsel der Aminosäuren
Abb. 3: Himmelsschlüssel: Albrecht Dürer, 1526 (Armand Hammer Collection)

Dr. Gottfried und Marianne Hahn

Primelgewächse: Heilpflanzen, Frühlingsboten und Blumen der christlichen Mystik

Die Schlüssel zum Himmel

Saponine. Im »Regimen Sanitatis Salerni« erfahren wir in einem im Jahre 1101 für Prinz Robert, den Sohn Wilhelms d. Eroberers, verfassten Lehrgedicht, dass der Prinz seine im Kreuzzug verwundeten Gliedmaßen, »paralitica membra«, in Salerno behandeln ließ; zu den verabreichten Arzneipflanzen gehörte auch die Frühlings-Schlüsselblume.

Zu den Primelgewächsen (Fam. Primulaceae) zählen krautige, ausdauernde Pflanzen mit wechsel- oder gegenständig, oft auch in grundständigen Rosetten vereinigten Blättern und meist recht ansehnlichen Blüten, die einzeln stehen oder Rispen und Dolden bilden. Die Familie umfasst etwa 1.000 bekannte Arten, die sich auf 25 Gattungen verteilen, von denen wir mehrere als Zierpflanzen kennen. Weniger geläufig ist, dass Primelgewächse auch arzneiliche Bedeutung haben, da die meisten Arten Saponine enthalten, über die bereits Schneider (1931) Untersuchungen anstellte.

Die große Zahl der Primula
Namengebende Gattung ist Primula, wobei Linné diesen Begriff zunächst für einige europäische Arten benutzte. Heute zählt man über 550 Arten zum Genus, darunter viele ausdauernde Kräuter mit schönen Blüten, die wir als Schlüsselblumen bezeichnen. Um die große Zahl von Spezies zu ordnen, mussten die Botaniker sie in mehrere Gruppen unterteilen, wie die folgende, bereits vereinfachte Aufstellung zeigt:
A: Sektion der Aurikel: Alpen u. andere Hochgebirge, meist kalkliebend, Halbschatten, steinig-humose Böden
C: Candelabra: Etagenprimeln: hochwachsend, aus Asien, Blüten in Quirlen übereinander, Halbschatten, lehmig-humoser Boden
CO: Cortusoides: Doldenprimeln: anspruchslos, mit nickendem Blütenschaft, Halbschatten, manchmal auch in der Sonne, Boden muss locker sein
D: Denticulatae: Kugelprimeln: blühen in dichten Kugeln an kräftigem Schaft über den Blättern; Halbschatten, nicht zu fetter Boden
F: Farinosae: Mehlprimeln: Blätter mit mehlartigem Überzug, Halbschatten, feuchter Untergrund
M: Muscarioides: Orchideenprimeln: Blüte ähnelt den Orchideen, z.B. Knabenkraut. Halbschatten, gut durchlässiger Boden
S: Sikkimensis: Glockenprimeln: stammen ausschließlich aus Asien, sind sehr widerstandsfähig, besitzen endständige nickende Doldenblüten
V: Vernales: Kissenprimeln: niedrige, bodendeckende Primeln, die Halbschatten benötigen, sonst sehr anspruchslos, weithin als »Himmelsschlüsseln« bekannt. Man nannte sie früher P. acaulis (L.) Hill. Sie wird heute P. vulgaris Huds. genannt und existiert in mehreren Unterarten und zahlreichen Züchtungen. Sie blühen oft so reich, dass die Blüten das Laub bedecken. Hierher zählt auch P. veris L., die eigentliche Schlüsselblume.

"Salvia, castoreum, lavandula, primula veris, Nastur, athanasia sanant paralitica membra."
aus »Regimen Sanitatis Salerni«

Da zudem zahlreiche Unterarten und Züchtungen existieren, lässt sich der Genus Primula kaum noch überschauen. Viele Arten besitzen an den Blättern und Blütenstielen Drüsenhaare, deren Sekrete bei empfindlichen Personen juckende Ekzeme hervorrufen.

Von Schätzen und Elfen
In den antiken Schriften wird Primula nicht genannt, obwohl etliche Arten in den höheren Gebirgen vorkommen. Diese Regionen waren jedoch – zumindest im klassischen Griechenland – den Göttern vorbehalten. Der Mensch wagte sich lange nicht in diese Gebiete. Dagegen spielten Primula-Arten in der nordischen Mythologie eine Rolle. Die Druiden sammelten sie. Diese Handlung musste mit bloßen Füßen und nüchtern durchgeführt werden. Hatte man sie gepflückt, musste man sie sofort im Gewand verbergen, damit ihre Kraft als Heilmittel erhalten blieb. Die Pflanzen sollten auch zu verborgenen Schätzen führen. In Sagen und Märchen spielen Primeln oft eine Rolle, wie die Erzählung vom Hirtenknaben zeigt:
"Ein Hirtenknabe fand die Blume, die ihm den Weg zu einem Felsentore zeigte. Dieses öffnet sich. Er geht hinein, findet die Schätze, hat aber den Namen der Pflanze vergessen. So kam es zu der Bezeichnung »Vergissmeinnicht«, die wir heute für Myosotis (Boraginaceae) verwenden, die aber auch für Primula gebraucht wurde."

Primelgewächse haben auch arzneiliche Bedeutung, da die meisten Arten Saponine enthalten.

Nixen, Elfen, Undinen und Najaden beschützten die schönen Pflanzen, die in den »Elfenmärchen« der Gebrüder Grimm mehrfach vorkommen.
Da der Blütenstand einem Schlüssel gleicht, liegt der Vergleich nahe, zumal eine Legende nachhalf:
"Petrus ließ seine Schlüssel auf die Erde fallen und an dieser Stelle entspross der Himmelsschlüssel."
St. Peters Schlüssel, Kirchenschlüssel (Eifel), Burg- oder Burgetschlüssel (Baden u. Kärnten) deuten ebenfalls diese Gestalt an.

Die Primel gilt als Marienblume und als Hinweis auf Christus, mit dessen Erscheinen das neue Leben anbricht.

Eine österreichische Legende erzählt, dass einst ein Jüngling, unterstützt von befreundeten Geistern mit einem goldenen Schlüssel den Himmel öffnen wollte. Er stürzte aber auf die Erde. Als er erwachte, war der Schlüssel zur Blume geworden und wurzelte in der Erde. Recht poetisch und modern klingt die Erklärung, dass Primeln den Frühling erschließen, aber dann sollte man sie Frühlingsschlüssel nennen.
Man hat die Blütenstände ferner als »Schlüsselbund Mariens« bezeichnet. Es ist verständlich, dass die ansprechenden Blüten der Primula-Arten diese auch als Garten- und Zierpflanzen interessant machten, was allerdings in den einzelnen Gebieten recht unterschiedlich erfolgte. Wenn der Dom- und Ratsherr Konrad v. Megenberg (1309–1374) in seinem »Buch der Natur« die Pflanze "himmelslüzzel – wie sie die gäwläut (Landleute) nennen" erwähnt, so kann damit eine der heimischen Primula-Arten gemeint sein. Die Augsburger Nonne Clara Hätzlerin schreibt in dem um 1470 verfassten Liederbuch (Handschrift im Böhm. Mus. Prag, hrg. v.C.Haltaus, Quedlinburg, Leipzig 1840).
"Pracht sy da mit plumen weisz
Pidmel strät ich darzu mit fleisz
Und Patonig (Primula) mit plumen gel
Walwurtz (Symphytum) der pletter synewel."

Nixen, Elfen, Undinen und Najaden beschützten die schönen Pflanzen, die in den »Elfenmärchen« der Gebrüder Grimm mehrfach vorkommen.

Also kannte man die Gattung und schätzte sie der Blüten wegen, was auch Hieronymus Bock (1551) im Kräuterbuch zum Ausdruck bringt:
"die stoltzen Weiber lassen jnen allein die ausgerupffte blümlin destillieren zuvor mit wein besprengt. Mit solchem wasser waschen sie jre angesichter, der hoffnung, es sollen alle Flecken, Rysame (Falten), masen (Pickel) und anders dadurch mit täglichem nützen ausgetilgt und vertriben werden."

Freunde im Garten
Im 16. Jh. existierten schon mehrere Primula-Arten als Garten- und Zierpflanzen. Ihre Zahl vermehrte sich im 17. und 18. Jh. Zu Beginn des 18. Jh. malte der Holländer Everhard Kick für die Herzogin von Beaufort eine Primula polyantha, die von den Floristen dieser Zeit sehr geschätzt wurde. Seit 1731 gab es Primeln in den amerikanischen Gärten. Bekannte Zuchtbetriebe zu Beginn des 20. Jh. waren Forrest in England und Haage und Schmidt in Deutschland.

Die Ansicht, dass Extrakte aus Herba Primulae bakterizid und fungostatisch wirken, konnte nicht bestätigt werden.

Primeln waren in England einst ein politisches Abzeichen. Der 1883 von Lord R.Churchill gegründete konservative Bund, eine wichtige Wählerorganisation der konservativen Partei, trug eine Primel als Abzeichen. Sie war die Lieblingsblume des konservativen britischen Staatsmannes und Schriftstellers Benjamin Disraeli (1804–1887), der als Staatsmann die Königin Victoria zur Kaiserin von Indien erhob.
Die Haltung von Primeln ist bisweilen mit Schwierigkeiten verbunden. Nur so lassen sich einige Redewendungen erklären, wie
»eingehen wie eine Primel« – im geschäftlichen oder sportlichen Bereich hoch verlieren oder untergehen
»beleidigte Primel« – den Kopf hängen lassen nach einer unangenehmen Auseinandersetzung, wie die Primel Blätter und Blüten hängen lässt, wenn man sie nicht pflegt
»Primelgrinsen« – über das ganze Gesicht strahlen oder grinsen
»Primeltopf« – nicht nur ein Topf mit Primeln, sondern auch ein Mensch, den man vorsichtig behandeln muss

Abb. 1: Dreikönigsaltar des Stephan Lochner (~1445). Der Altar steht in der Marienkapelle des Kölner Domes. Der Seitenflügel zeigt die hl. Ursula und ihre Gefährtinnen

Himmelsschüssel
Primelarten, insbesondere P. veris L., finden sich oft in der gotischen Tafelmalerei. Im »Paradiesgärtlein« eines oberrheinischen Meisters um 1410 (Städelsches Kunstinstitut Frankfurt/M.) wächst sie im Gras am blauen Rocksaum von Maria, links über dem Brunnen, am rechten Bildrand bei der Akelei und der Senfpflanze. Sie gilt als Marienblume und als Hinweis auf Christus, mit dessen Erscheinen das neue Leben anbricht. Als Auferstehungspflanze findet man den Himmelsschlüssel auf Passionsdarstellungen, z.B. bei der Kreuzigung Christi, die zwischen 1460/1470 für Kempten im Allgäu gemalt wurde (Germ. Nat. Mus. Nürnberg). Stephan Lochner (~1400–1451) stellte sie auf dem Dreikönigsaltar zu Füßen der hl. Ursula und ihrer Jungfrauen dar (Abb. 1 + 2). Lucas Cranach d.Ä. malte P. veris auf seinem Bild »Ruhe auf der Flucht« (Kunstmus. Berlin, datiert 1504). Großes Interesse an der Pflanzen- und Tierwelt zeigte Albrecht Dürer. Er stellt den »Himmelsschlüssel« auf einer kleinen Tafel dar, die er 1526 malte (Abb. 3, unser Einstiegsbild; Armand Hammer Collection). Die Beispiele ließen sich noch beliebig erweitern und zeigen, dass Primula veris L. im 15. und 16. Jh. eine bekannte Pflanze war, die auch als Arzneimittel geschätzt wurde.

Abb. 2: Ausschnitt von 1: Zu Füßen der Heiligen sieht man: Lungenkraut (Pulmonaria officinalis L., Boraginaceae) , Schlüsselblume (Primula veris L., Primulaceae), Gundermann (Glechoma, Lamiaceae), Erdbeere (Fragaria vesca L., Rosaceae) und Maßliebchen (Bellis perennis L., Asteraceae)

Die Arzneipflanze
Pharmazeutisch interessiert die Echte Primel oder der Frühlings-Himmelsschlüssel, Primula veris L. (Abb. 4). Es existieren mehrere Synonyma, die bisher keineswegs aus der Literatur verschwunden sind, wie P. officinalis Hill., P. odorata Gilib., P. coronaria Salisb. u. P. montana Reut. Ebenso umfangreich sind die volkstümlichen Namen: Märzenblume, Fastenblümel, Pluderhose (Blütengestalt) oder Eier Blueme in der Schweiz, wo man sie zum Färben der Ostereier benutzte. Der Artbegriff veris leitet sich vom lat. »ver« = Frühling ab. Neben dieser Art wird auch die Wald-Schlüsselblume P. elatior (L.) Hill. zur Drogengewinnung benutzt. Jakob Sturm (1771–1848), Kupferstecher in Nürnberg, stellt in seinem Werk »Deutschlands Flora nach der Natur« bereits beide Arten dar. Der Dt. »Lehrerverlag« gab von 1900 bis 1906 »Sturms Flora« in 15 Bändchen neu heraus, die heute noch eine Fundgrube, gerade in pharmazeutischer Hinsicht, sind (Abb. 5).

Neuerdings wird behauptet, dass Kraut und Wurzel von Anagallis Cucurbitacine enthalten.

Abb. 4: Primula veris L.: Frühlings-Schlüsselblume

Die ausdauernde Staude ist über ganz Zentral- und Vorderasien sowie Europa verbreitet und kommt noch in 2.000 m Höhe vor. Die Blätter sind einschließlich des Stieles 5 bis 20 cm lang und 2 bis 6 cm breit, in der Knospenlage rückwärts eingerollt, ausgewachsen eiförmig bis eiförmig-länglich, an der Spitze rund oder stumpf und gehen am Grunde in den geflügelten Stiel über. Der Blattrand ist gekerbt und runzelig, Blattoberseite flaumig oder fast kahl, Unterseite dünn grau- oder weißlich-filzig, kann auch kahl sein. Der Blattstiel ist zunächst kürzer, wird aber später so lang wie die Blattspreite. Während der Fruchtreife ändert sich die Blattform, sie scheint etwas an Größe zuzunehmen. Der rauhaarige Blütenschaft wird 10 bis 30 cm hoch und trägt eine vielblütige, mehr oder weniger einseitswendige Dolde mit duftenden Blüten, goldgelber Blütenkrone und je einem orangefarbenen Fleck am Grunde eines jeden Kronblattes. Blütezeit April bis Mai. Die vorhandenen Haare scheiden Harzemulsionen aus, die das Primin enthalten. Auf den Blättern findet man Wasserporen. Wassertropfen dort stellen also Guttationswasser dar. Von der Art existieren drei wichtige Unterarten, die früher oft als eigene Species angesehen wurden:
P. veris L. subsp. canescens (Opiz) Hayek
P. veris L. subsp.columnae (Ten.) Lüdi
P. veris L. subsp.macrocalyx (Bunge) Lüdi

Abb. 5: Primula: Aus »Sturms Flora« (Dt. Lehrerverlag 1900–1906) 1: Große Schlüsselblume = P. elatior (L.) Hill. a) Pflanze verkleinert, b) Blüte etwa in nat. Größe. 2: Echte Schlüsselblume = P.veris L. a) Pflanze verkleinert, b) Blüte etwa in nat. Größe, c) Kelch, d) kurzgriffelige Blüte, Längsschnitt, e) Staubbeutel, f) Fruchtknoten, g) junge Frucht, h) aufgesprungene Frucht, i) Samen

Saponine: antiphlogistisch und diuretisch
Verwendet und untersucht wurden Wurzeln und Blüten von P. veris L. und P. elatior (L.) Hill em. Schreber. Die Wurzeln Radix Primulae bzw. Primulae radix enthalten 5 bis 12% pentacyclische Triterpensaponine mit ß-Amyrin-Grundstruktur. Hauptsaponin ist die Primulasäure A (90%) mit dem Protoprimulagenin A als Aglukon. Das Primulagenin A dagegen, das oft erwähnt wird, kommt nicht genuin vor, sondern ist bereits eine Abwandlung. Die Droge enthält ferner Phenolglukoside, besonders das Primulaverin. Dessen Aglukon ist der 5-Methoxy-O-salicylsäuremethylester, der den Geruch der Droge bedingt. In der älteren Literatur wird von 0,1 bis 0,25% äther. Öl berichtet, das Primulacampher enthält. Dieser ist nichts anderes als M-Methoxy-O-salicylsäuremethylester.

"Schweinbrot aber würdt diß kraut darumb genent/das sein wurtz den schweinen oder sewen seer angenem ist."
"Es sollen sich die schwangern frawe hüten vor dieser wurtzel/ja nit darüber schreitten/dann sie bringen sonst das kindt nit an die statt."
Leonhart Fuchs

Abb. 6: Primula vialii Delav. ex Franch.: Orchideenprimel (Bot. Garten, Berlin)

Die Blüten, Flos Primulae oder Flores Primulae werden mit oder ohne Kelchblätter (cum bzw. sine calycibus) angeboten. Hier werden nur Blüten von P. veris L. verwendet. Sie enthalten ca. 2% Saponine mit Primulasäure A u.a., die sich aber nur in den Kelchblättern findet (also Flores cum calycibus), Flavone mit den Agluka Gossypetin, Kämpferol und Quercetin. Die Kronblätter enthalten also keine Saponine. Selten verwendet werden Herba Primulae, die Saponine enthalten und im Wesentlichen die gleichen Bestandteile aufweisen wie die Wurzel. Träger der eigentlichen Wirkung sind die Saponine, denen eine expektorierende, antiphlogistische und sekretolytische Wirkung zukommt. Hildebrandt und Herre konnten schon 1936 im Experiment die diuretische Wirkung nachweisen. Hohe Dosen schädigen die Nieren. Unangenehme Wirkungen auf die Magenschleimhaut wurden beobachtet. Die Ansicht, dass Extrakte bakterizid und fungostatisch wirken, konnte nicht bestätigt werden.

Abb. 7: Dodecatheon meadea L.: Götterblume (Bot. Garten, Köln)

»… bei allen Gebrechen«
Schlüsselblumen als Arznei nutzte man seit dem 12. Jh. Lonicerus fasst in seinem Kräuterbuch von 1564 das zusammen, was man damals an Indikationen kannte:
"Hauptmittel gegen die Gicht, aber auch Herztonikum. Wirksam bei Apoplexie, Geschwülsten und Wunden. Schlüsselblumenwasser soll bei Erkältungen des Magens und des Kopfes helfen, ist dienlich gegen Gesichtsflecken und gegen Harnsteine."
Der aus den Blüten mit Wein als Extrakt bereitete Schlüsselblumenwein galt als heilkräftig bei allen Gebrechen. Die Verwendung bei Gelbsucht stützt sich auf die Signaturenlehre (gelbe Blüten). Aus jungen Blättern bereitete man Salate und Kräutersuppe. Krankes Vieh behandelte man mit am Walpurgistag gepflückten Pflanzen.

Eigenartig ist, dass die asiatischen Arten der Lysimachia weiß blühen, die europäischen dagegen gelb.

Tabernaemontanus beschreibt in seinem Kräuterbuch den »Schlüsselblumenwein«, der gegen "Gegicht, blöd Haupt und verstopffte Nerven" helfen sollte. Der Wein war wohl schon länger im Gebrauch, denn in den Jahren 1698 und 1699 befahl die herzogliche Hofkammer in Mecklenburg dem Amt Neustadt:
"Eine Quantität von den so genannten Schlüsselblumen zum behufe unseres Hofweinkellers sammeln und selbige ungesäumt noch frisch und gut an den Hofwein-Schenk liefern zu lassen."
Die Drogen – insbes. die Wurzel – wird heute hauptsächlich als Expektorans bei Bronchitiden, vor allem bei Bronchitis sicca, als Decoctum Primulae verordnet:
Rp. Decoct. Rad. Primulae 6,0:180,0
Elixier e Succ. Liquirit. ad 200,0
M.D.S. zweistündl. ein Esslöffel

Wurzelextrakte und Flores Primulae sind noch in mehreren Asthma-, Bronchial- und Hustentees enthalten. Die Homöopathie schreibt die frische blühende Pflanze ohne Wurzeln zur Herstellung der Urtinktur vor und verwendet Primula bei Migräne, Kopfschmerzen, Urtikaria, Ekzemen, rheumatischen Beschwerden und nervösen Herzstörungen.

Abb. 8: Götterblume (Dodecatheon) und amerikanische Waldschnepfe.
Aus: »The natural History of Carolina« von Marc Catesby (1747)

Dekorative Orchideenprimel
Eine Zierde für den Garten ist die aus NW-Yunnan und SW-Szechuan stammende Orchideenprimel Primula vialii Delav. ex Franch., die dort auf feuchten Wiesen und in Dickichten in Höhen von 3.100 bis 3.900 m vorkommt (Abb. 6). Der kräftige Blütenschaft wird 30 bis 60 cm hoch, ist fast kahl, erscheint zur Spitze hin bemehlt und trägt viele Blüten in einer dichten, 6 bis 18 cm langen Ähre, so dass der Stand wie eine Orchidee aussieht. Die Pflanze wurde 1908 zum ersten Mal beschrieben. Leider ist es schwierig, sie längere Zeit im Garten zu halten. Man behandelt sie besser als zweijährige Pflanze, sorgt also durch jährliche Aussaat für Nachwuchs. Während der Wachstumszeit benötigt sie Feuchtigkeit, im Winter dagegen Trockenheit. Als Boden eignet sich eine Mischung aus alter Rasenerde, feinem Torfmull und scharfem Flusssand. Der Boden muss durchlässig, der Standort halbschattig sein.

Kissenprimel
Wesentlich bekannter sind bei uns die zahlreichen Hybriden der Primula vulgaris Huds., die als Gartenpflanzen sehr beliebt sind und als »Kissenprimeln« bezeichnet werden. Nicolas Robert (1614–1685) schuf für den französischen König Ludwig XIV. eine Sammlung von Abbildungen der Pflanzen, die im königlichen Garten von Paris vorhanden waren. Sein SkizzenbuchA (Wien, Österr. Nat. Bibl.) zeigt als Rötelstiftzeichnung auf Papier auch die Primula vulgaris Huds. (f 96). Eine pharmazeutische Verwendung kommt dieser Art nicht zu.

Abb. 9: Hottonia palustris L.: Wasserfeder
(Bot. Garten, Berlin)

Die 12 Götter
Bei einigen Pflanzen glaubt man einen Vertreter der Gattung Primula vor sich zu haben, muss dann aber feststellen, dass es sich um einen eigenen Genus handelt. Ein typisches Beispiel ist die Götterblume, Dodecatheon (Abb. 7). Der Begriff findet sich schon bei Plinius (1. Jh. n. Chr.), nur weiß man nicht, welche Pflanze er darunter verstand. Der Name setzt sich aus den griechischen Worten »dodeka« = 12 und »theos« = Gott, zusammen und soll sich auf die 12 olympischen Gottheiten beziehen. Linné deutete den antiken Namen als Primelgewächs und übertrug ihn auf eine in Nordamerika heimische Gattung der Primulaceae. Hier wurden mehrere Arten, insbesondere Dodecatheon maedia L., im 18. Jh. zu beliebten Gartenpflanzen. Marc Catesby, der von 1720 bis 1747 »The natural History of Carolina« verfasste, malte die Götterblume und die in diesem Gebiet vorkommende Waldschnepfe (Abb. 8). Gegen 1750 eroberte die Art auch englische Gärten.

Wasserfeder und Knolle
Wenig bekannt ist, dass Primelgewächse auch Wasserpflanzen umfassen. Die Gattung Hottonia, benannt nach dem niederländischen Arzt und Botaniker Pieter Hotton (1648–1709), bietet in Hottonia palustris L., der Wasserfeder oder Sumpfprimel, ein solches Beispiel. Die Art ist in den Tallandschaften von Rhein und Donau im Bereich stehender oder langsam fließender Gewässer zu finden (Abb. 9) und wegen ihrer Kreuzbestäubung (langgriffelige Arten werden nur vom Pollen kurzer Staubgefäße und umgekehrt bestäubt) recht interessant.

"Diese Pflanze (Herba Glaucis) verdient unsere Aufmerksamkeit; wo sie wächst, da ist Salz. Sie offenbart uns diesen Reichtum noch bevor sich uns die Sole zeigt. Sie wächst gesellig, und an manchen Orten ist das Milchkraut rasenbildend. Sie ist als Gemüse und Salat eine gesunde Speise und soll den Säugenden die Milch vermehren."
Adalbert v. Chamisso

Ebenfalls zu den »Wasserprimeln« zählen die Arten der Gattung Samolus, die Linné benannte, wobei er auf eine Angabe bei Plinius (1. Jh. n. Chr.) zurückgriff. Dieser soll darunter die Art S. valerandi L. verstanden haben, die angeblich von den Druiden der Kelten gesammelt wurden, damit Rinder und Schafe gut gedeihen. Die Verbreitung und Herkunft der Samolus-Arten ist recht unklar und widersprüchlich. Man nennt sie Bunge, ein ahd. Wort für Knolle, und verwechselt sie oft mit der Bachbunge (Veronica beccabunga L., Fam. Scrophulariaceae), die nichts mit den Primelgewächsen zu tun hat. Vielleicht meinte Plinius diese Pflanze?

Abb. 10: Anagallis arvensis L.: Ackergauchheil (Bot. Garten, Köln)

Heilung für den Toren
Die Gattung Anagallis wird ebenfalls von Plinius genannt. Vielleicht meinte er damit die Pflanzen, die Linné später mit diesem Begriff belegte. Wir sprechen von Gauchheil, wobei Gauch ein Tor oder Narr war, dem das Kraut Heilung brachte. Der wissenschaftliche Name leitet sich von griechisch »anagalao« = ich lache, ab, weil man die Pflanzen im Altertum gegen Melancholie gebrauchte. Es handelt sich um kleine, kriechende oder aufrechte einjährige oder ausdauernde Pflanzen mit rundem oder vierkantigem Stängel (Abb. 10). Die Laubblätter sitzen gegen- oder wechselständig, selten zu dritt quirlig, sind sitzend oder gestielt und ganzrandig. Die Blüten erscheinen achselständig, gestielt, bisweilen in lockerer Traube. Der Kelch ist bis zum Grunde fünfteilig, die Krone radförmig oder radförmig-glockig.

Abb. 11: Anagallis arvensis L.: Aus F.B.Vietz: Icones Plantarum, Wien 1800/1804

Das faule Lieschen
Schon die griechischen Ärzte verwendeten Anagallis zur Behandlung von Wunden und gegen bösartige Geschwüre. Die bekannten 24 Arten sind über die ganze Erde verbreitet. So kannten auch die Indianerstämme Nordamerikas die Kräuter und gebrauchten sie nach Lamba als Pfeilgift. Im Volksglauben spielte das bei uns heimische A. arvensis L., das auch Albrecht Dürer in seinem »Großen Rasenstück« 1503 (Albertina Wien) malte, eine Rolle. Es diente als Wetterpflanze und sollte auch einen Blick in die Zukunft ermöglichen. Vietz nennt die Pflanze in seinem Werk »Icones Plantarum«, hält jedoch ihre Arzneikräfte für recht zweifelhaft (Abb. 11). Das meist einjährige Kraut blüht von Juni bis Oktober. Da sich die Blüte erst am Vormittag öffnet, bei Regen geschlossen bleibt und sich schon recht früh wieder schließt, nennt man das 10 bis 30 cm hohe Pflänzchen auch Faules Liesl, Faulenzchen oder Faule Magd. Das Kraut, Herba Anagallidis arvensis, enthält Saponine, Bitterstoffe, Gerbstoff, zwei glukosidische Verbindungen und eine Substanz, die fungitoxisch wirkt. Aus der Wurzel isolierte man Cyclamin. Festgestellt wurde auch das Enzym Primverase. Bei den Glukosiden vermutet man, dass sie der Quillaia- und Polygalasäure ähnlich sind (Quillaja saponaria Mol.: Rosaceae und Polygala-Arten: Polygalaceae). Von Interesse ist ferner das ätherische Öl, das einen eigenartig scharfen, stechenden Geruch aufweist. Neuerdings wird behauptet, dass Kraut und Wurzel Cucurbitacine enthalten, wie sie bei Bryonia (Zaunrübe: Cucurbitaceae) vorkommen.
Aus Erfahrung wusste man, dass die Pflanze beim Geflügel – insbesondere bei Hühnern – Entzündungen der Verdauungsorgane hervorruft. Volkstümliche Bezeichnungen wie Roter Hühnerdarm oder Vogeldarm haben hier ihren Ursprung. Offenbar sind es die Samen, die toxisch wirken, denn das Kraut wird häufig von Gänsen gefressen, ohne dass ein Schaden auftritt.
Vergiftungserscheinungen sind: starke Diurese, Zittern, breiiger oder wässriger Stuhl, Erscheinungen am Nervensystem, Gehirn, Rückenmark, Gastroenteritis (auch bei Pferden und Hunden nachgewiesen). Die Blätter können allergische Hautreizungen hervorrufen. Das ätherische Öl verursacht Kopfschmerzen und Nausea. Geringe Dosen sollen die Diurese und eine Exkretion über die Haut günstig beeinflussen. Eine Verwendung in der Phytotherapie erfolgt wegen der recht unterschiedlichen Wirkung kaum noch. Anagallis wird dagegen in der Homöopathie bei Hautausschlägen und rheumatischen Erkrankungen (meist D3) gerne verordnet.
Ob es geraten ist, das Kraut zur Herstellung eines Gesichtswassers zu verwenden, um Sommersprossen zu vertreiben – derartige Rezepte tauchen immer wieder auf –, erscheint wegen der nicht unbedenklichen Kontaktallergie als recht fraglich.

Abb. 12: Cyclamen purpurascens Mill.: Purpurfarbenes Alpenveilchen

Alpenveilchen und Saubrot
Eine bekannte und von Blumenfreunden geschätzte Gattung aus der Familie der Primelgewächse sind die Alpenveilchen, von den Botanikern Cyclamen genannt. Dieser Begriff findet sich bereits bei Plinius und geht auf das griechische Wort »zyklamikós« = kreisähnlich gestaltet, zurück. Unter Cyclamen verstand man in der Antike eine Pflanzensippe mit kugeligem, knolligem Wurzelstock und wohlriechenden Blüten, die schon der große bukolische Dichter Theokritos von Syrakus (310–260 v. Chr.) erwähnt.
Es handelt sich um niedrige Kräuter mit knolligem Rhizom, langgestielten herz-, ei- oder nierenförmigen Blättern und nickenden, weiß, rosa, rot oder purpurn gefärbten Blüten. Als Frucht entsteht eine Kapsel mit vielen Samen. Zur Gattung zählen 14 Arten, die in den Gebirgen des südlichen Mitteleuropa und im Mittelmeergebiet heimisch sind.
Im Wiener Dioskurides, einer um 512 in Byzanz verfassten Neuauflage des antiken Werkes von Dioskurides (1. Jh. n. Chr.), die sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befindet, ist ein Gewächs der Gattung Cyclamen abgebildet. Der in Rom praktizierende griechische Verfasser empfahl damals die Wurzel als Emmenagogum, Abortivum, beim Mastdarmvorfall, gegen Schlangenbiss, bei der Podagra und sogar bei Augenkrankheiten. Bei den Tartaren dienten die gerösteten Wurzelknollen als Nahrung. Durch den Röstprozess wurden wohl die Saponine, die sie sonst ungenießbar machten, zerstört. Andererseits werden die Knollen von Wildschweinen gefressen, weshalb man sie »Saubrot« (engl.: sowbread und franz.: pain de porceau) nennt. Kroeber vertrat 1936 sogar die Ansicht, dass ein vorsichtiges Zufüttern von Cyclamenknollen bei der Schweinemast günstig sei, da die Saponine in geringer Konzentration die Resorption förderten.
Zur medizinischen Anwendung kam meist Cyclamen purpurascens Mill., das Purpurfarbene Alpenveilchen (Abb. 12). Paracelsus (1493–1541) verwendete die Droge als »Wundtrank und gutes Laxativum durch die Poren«. Von einer diaphoretischen, emmenagogen und reinigenden Wirkung sprechen auch Leonhart Fuchs (1543), der eine gute Abbildung bringt (Abb. 13) und Lonicerus (1565).
Noch um 1900 verordnete man Zubereitungen der Wurzel bei Gicht, Rheuma, Regelstörungen und Verstopfungen.

Abb. 13: Cyclamen, Alpenveilchen: Kräuterbuch des Leonhart Fuchs von 1543

In der Homöopathie bei Migräne
Die Wurzelknolle, Rhizoma Cyclaminis, enthält Triterpensaponine, die als Cyclamine A, B und C bezeichnet werden. Die Aglukone heißen Cyclamiretin A, B u. C (Tscheche R. u. Mitarbeiter, 1969). Die Saponine finden sich auch in anderen Teilen der Pflanze. Aus den Blüten isolierte man ein wohlriechendes ätherisches Öl, das Nerol und Farnesol enthält. Die Droge ist recht toxisch. Bereits 0,3 g führen zu Erbrechen und Durchfällen, oft verbunden mit starken Magenschmerzen. Bei größeren Mengen treten Krämpfe, Schweißausbruch, Kreislaufstörungen u. Atemlähmung auf. 8 g der Knollensubstanz gelten als tödlich. Beim Hantieren mit den Pflanzen kann es zu Kribbeln in den Händen kommen. Cyclamine sind Fischgifte und wurden auf Sizilien lange Zeit zum Fischfang benutzt. Auf toxische Erscheinungen bei der Kultur von Cyclamen weist Gugenham hin. In Gärtnereien kennt man diese unangenehmen Folgen.
Medizinisch verwendet wird die frische Wurzel heute nur noch in der Homöopathie, wo sie bei Migräne (besonders bei Frauen), Dysmenorrhoe, Kopfkongestionen, beim praemenstruellen Syndrom und bei Heuschnupfen als Einzelmittel oder als Bestandteil hom. deklarierter Komplexe verordnet wird.
Cyclamenarten sind schon lange als Zierpflanzen beliebt. In den türk. Gärten des 14. u. 15. Jh. kannte man sie. Mehrere Arten kamen im 16. u. 17. Jh. nach Mitteleuropa. John Evelyn erwähnt sie in seinem 1664 veröffentlichten Werk »Sylva or a Discourse on Forest Trees«. Einige Arten wurden erst im 19. Jh. bei uns bekannt. Der Engländer William Robinson (1838–1935) setzte sich für den Naturgarten ein. Er pflanzte in seinem Park in Heale House am Avon in Wiltshire Cyclamen coum Mill. und C. hederifolium Ait. an, von letzteren in einem Wildgarten 400 Stück. Seit dem frühen 19. Jh. sind sie das Ziel zahlreicher Züchtungen, was ihre Einordnung erheblich erschwert. O. Schwarz lieferte 1955 einen guten Bestimmungsschlüssel.

Abb. 14: Lysimachia nummularis L.: Pfennigkraut

Das Kränzelkraut
Die Gattung Lysimachia – Felberich oder Gilbweiderich – ist mit 110 Arten über die gemäßigten und subtropischen Gebiete der nördlichen Halbkugel verbreitet und seit der Antike bekannt. Der Name soll auf den Arzt Lysimachos hinweisen, der in hellenistischer Zeit auf der Insel Kos tätig war. Plinius vertrat die Ansicht, dass der Feldherr Alexanders, der Lysimachos hieß und 306 v. Chr. König von Thrakien wurde, die Heilkraft erprobt habe. Das griechische Wort »lysimachos« bedeutet »Schlichter im Streit« und könnte im übertragenen Sinne auch als »Erlösung von Krankheit« gedeutet werden.
Es handelt sich um aufrechte oder kriechende Kräuter, deren Blätter oft drüsig punktiert sind. Die Blätter stehen gegen-, quirl- oder wechselständig und sind ganzrandig. Die Blüten sitzen einzeln oder sind zu Dolden, Ähren, Trauben oder rispigen Doldentrauben zusammengestellt. Blütenfarben gelb, weiß, rosa oder purpurn. Als Frucht entsteht eine eiförmige oder kugelige Kapsel mit 2 bis 5 Klappen. Man nimmt heute an, dass die Heimat der Gattung in Asien liegt. Eigenartig ist, dass die asiatischen Arten alle weiß blühen, die europäischen dagegen gelb. Die meisten Spezies benötigen sonnige Standorte mit frischem Boden. Der deutsche Begriff Felberich leitet sich von dem heute ungebräuchlichen »Felber« = Weide (ahd. velwer), ab, weil eine gewisse Ähnlichkeit zu Weidenblättern besteht. Ähnlich ist es mit Gilbweiderich, wobei »gilb« auf die häufig gelbe Blütenfarbe hinweist und »weiderich« weidenähnlich bedeutet. Begriffe wie Kränzelkraut, Kranzlau, Brautkranz deuten an, dass blühende Lysimachia-Arten von Kindern zu Kränzen geflochten wurden.
Für unsere Betrachtung ist das Pfennigkraut, Lysimachia nummularia L. (Abb. 14), von Bedeutung, eine ausdauernde kriechende, wenig verzweigte Staude, die an jedem Knoten ihrer 50 bis 100 cm langen Stängel Wurzeln treibt und so größere Areale bedeckt. An den kräftigen Blütenstielen entstehen goldgelbe, innen rot punktierte Blüten, die uns von Mai bis Juni erfreuen und an eine Münze erinnern. Darum gab man der Art den Namen nummularia, abgeleitet von »nummus« = Geld, oder nennt sie auch Pfennigkraut. Der Meister des Sterzinger Altares, der um 1460 in Süddeutschland tätig war, malte L. nummularia auf dem »Ulmer Verlöbnisbild« (Museum of Art, Cleveland/Ohio). Vielleicht wollte er damit andeuten, dass dem jungen, auf der Tafel dargestellten Paar niemals das Geld ausgehen möge.

Abb. 15: Lysimachia thyrsiflora L.: Straußblütiger Felberich (Palmengarten, Frankfurt/M.)

Centimorbia
Lysimachia-Arten wurden schon in der Antike als Arznei genutzt. Man setzte sie als blutstillendes Mittel ein. Die Bayerische Staatsbibliothek besitzt einen 1494 gebundenen Codex mit dem Titel »Multa Medicinalia Item Tabula Herbarum«. In dieser Schrift findet sich eine Notiz, die auf die Blüte von L. nummularia L. anspielt:
"pfremenholz (Genista oder Sarothamnus?) forte dicitur lentiscus u(nd) sein Holz hat gelbe plued geuimelt (?) frucht als die wicken-herba ouis eglkraut."
Nach Fischer handelt es sich bei »eglkraut« um L. nummularia L., das oft in feuchten Gebüschen und Uferwiesen wächst, wo Egel vorkommen. Die Art ist über ganz Europa bis weit nach Russland verbreitet und wurde im 17. Jh. nach Nordamerika eingeschleppt. Das Kraut, Lysimachia herba oder Herba Lysimachiae enthält Gerbstoffe, Saponine und Flavanderivate. Saponine finden sich auch in der Wurzel. Dem Kraut kommt eine leicht adstringierende und expektorierende Wirkung zu. Im Mittelalter nannte man die Droge »Centimorbia«, weil sie bei vielen Gebrechen benutzt wurde. Der Begriff blieb im Italienischen bis heute erhalten. Die Kräuterbücher des 16. Jh. rühmen es als »Wund- und Heilkraut, bei Geschwüren und gegen Blutflüsse«. Pater konnte auf Grund eigener Beobachtungen 1926 auf die günstige Wirkung von Lysimachia-Extrakten auf die Haut hinweisen. Man verwendet es bei akuten und chronischen Ekzemen der Haut, besonders bei Kindern, wobei Kombinationen mit Solanum dulcamara L. (Bittersüß, Fam. Solanaceae) beliebt sind. Die Homöopathie setzt die frische blühende Pflanze ohne Wurzeln zur Herstellung der Urtinktur ein und verwendet meist die D1 bei Wunden und Ulzera, aber auch bei Diarrhöen.
Lysimachia thyrsiflora L., der Straußblütige Felberich (thyrsos = Strauß) – eine ausdauernde kriechende Staude – wird gerne für Uferbepflanzungen und Sumpfgräben benutzt, da sie auf schlammigen Böden gedeiht, die hin und wieder überschwemmt werden können (Abb. 15).

Abb. 16: Trientalis europaeus L.: Siebenstern, Sternblütchen

Der Siebenstern
Mit der Gattung Trientalis = Siebenstern besprechen wir die eigenartigste Gruppe von Primelgewächsen. Schon der Name, den Linné wohl im Hinblick auf das siebenzählige Perigon, das er mit 7 Sternen verglich, vergab, zeigt, dass bei den drei bekannten Arten des Genus in den Blütenelementen ein Zahlenverhältnis (7) auftritt, das bei höheren Pflanzen sehr selten zu finden ist. Die kleinen Stauden mit aufrechten Stängeln, wechselständig angeordneten Stängelblättern und endständigen quirligen Blattrosetten bilden einzeln stehende Blüten mit siebenteiligem ausgebreitetem Kelch, radförmig gestalteter siebenlappiger Krone und 7 Staubblättern, die am Grund der Krone auf einem gelben Ring sitzen. Nach der Bestäubung entsteht eine für die Primelgewächse typische Kapselfrucht, die mit sieben Klappen aufspringt.
An halbschattigen feuchten Stellen auf sauren Humusböden in Wald- und Moorgebieten wächst Trientalis europaeus L. (Abb. 16), verbreitet über Nordeuropa bis nach Sibirien und vereinzelt als Relikt im Schweizer Kanton Schwyz, wo sie streng geschützt ist. In vergangenen kälteren Klimaepochen muss der Siebenstern weit verbreitet gewesen sein. Die heute oft voneinander getrennten Vorkommen zeigen, dass es sich bei der Art um ein Eiszeitrelikt handelt. Es ist gar nicht einfach, den Siebenstern in Kultur zu nehmen. Eine solche ist gelungen im Rhododendronpark Hobbie in Linswege (Niedersachsen). Das an Ausläufern reiche Rhizom wurde in der alten Pharmazie als Rhizoma trientalis wegen seiner emetischen und laxierenden Wirkung gebraucht. Kraut und Wurzeln enthalten Steroidsaponine. Heute verwendet man sie nicht mehr. Adalbert von Chamisso, meist als Dichter der romantischen Geschichte eines Mannes, der seinen Schatten verkauft – »Peter Schlehmils wundersame Geschichte« – bekannt, war Kustos am Botanischen Garten in Berlin und berichtete in seinem berühmten Tagebuch »Reise um die Welt« (1814 bis 1818) von seinen botanischen Forschungen. Er beschreibt den Siebenstern, den er auch Schirm- oder Sternkraut bzw. Meierblume nennt, als arktische Staude und berichtet, dass sie gern von Schafen gefressen wird.

Abb. 17: Soldanella pusilla Baumg.: Eisglöckchen

Das Eisglöckchen
Zierliche, ausdauernde, kahle Kräuter mit grundständigen, etwas dicklichen herz- oder nierenförmigen Blättern und nickenden, glockenförmigen Blüten gehören zum Genus Soldanella. Die lange Blumenkrone ist an ihrem Rand aufgeschlitzt. Carolus Clusius (1526–1609), Leiter des berühmten Leydener Kräutergartens, hat sie bereits beschrieben. Den Gattungsnamen vergab Linné, wobei ihm ein Windengewächs (Convolvulaceae), die Strand-Zaunwinde (Calystegia soldanella R. Br. ex Roem. et Schult.) als Vorbild diente. So wurde die Artbezeichnung einer völlig anderen Familie zu einem Gattungsbegriff der Primelgewächse. Die sechs bekannten Arten kommen in den Hochgebirgen Mittel- und Südeuropas vor, wo sie auf Urgestein und sonnenarmen Kalkböden wachsen und oft in Eis und Schnee blühen. Das Kraut von S. alpina L. wurde früher als Herba Soldanellae alpinae ähnlich wie Primula genutzt. Man darf es nicht mit Herba Soldanellae und Resina Soldanellae (Soldanellaharz) verwechseln. Beides stammt von der bereits erwähnten Calystegia soldanella und dient als Abführmittel.
Soldanella pusilla Baumg. ist das Eisglöckchen (Abb. 17) und kommt als kleines Kraut (4 bis 8 cm hoch) in den Alpen, Karpaten und dem Apennin vor. In den Alpenländern bringt man das zierliche Pflänzchen mit dem Teufel in Verbindung:
"Der Teufel wollte eine Glockenblume nachbilden. Es gelang ihm aber nicht. Die Blüte war ausgefranzt, die blaue Farbe stimmte nicht und der Standort war schlecht gewählt."
Letzteres konnte schon mancher Gartenfreund in alpinen Gebieten erfahren, der das Eisglöckchen kultivieren wollte. Die Samen benötigen vor dem Auskeimen Schnee und Kälte. Im Gegensatz zu allen anderen Soldanella-Arten ist das Eisglöckchen auch noch kalkfeindlich.

Der Schlüsselspeik
In den Hochgebirgen SW-Europas (Westalpen, Südtirol, Pyrenäen) wächst Vitaliana primuliflora Bertol., Goldprimel oder Schlüsselspeik genannt. Die Gattung wurde nach dem italienischen Botaniker Donati Vitaliano (1717–1762) benannt, findet sich jedoch in der älteren Literatur als Douglasia.
Diesen Namen wählte John Lindley, ein englischer Botaniker des 19. Jh., um den Pflanzensammler David Douglas (1799–1834) zu ehren. Die Bezeichnung führte aber zu Verwechslungen mit der »Douglasie« (Pseudotsuga, Fam. Pinaceae); so setzte sich »Vitaliana« durch. Zur Gattung zählen 6 Arten, von denen fünf in Nordamerika heimisch sind, nur die Goldprimel wächst in Europa als niedrige Staude von rasenartigem Wuchs. Ihre goldgelben Blüten erscheinen im April und erinnern an Primeln. Sie findet sich gelegentlich in Gärten auf durchlässigem, kalkhaltigem, etwas sandigem Lehmboden an sonnigen Standorten.

Herba Glaucis
Primelgewächse findet man sogar in der Strandflora, ein Beispiel dafür, wie vielgestaltig eine botanische Familie sein kann. An den nordischen europäischen und amerikanischen Meeresküsten wächst das Milch-, Salz- oder Mutterkraut, Glaux maritima L. Der Gattungsbegriff – es gehört nur diese eine Art in den Genus – wird schon von dem in Basel tätigen Botaniker Kaspar Bauhin (1560–1624) in seinem 1623 erschienenen Werk »Pinax theatri botanici« erwähnt. Dieses Buch, in dem etwa 6.000 Pflanzen abgehandelt werden, unterscheidet zum ersten Mal sorgfältig zwischen genus und species. Glaux soll sich von »eugalakton« ableiten; darunter verstand man bereits in der Antike Pflanzen, die die Milchleistung beim Weidevieh steigerten. Allerdings war das Milch- oder Mutterkraut den römischen Autoren nicht bekannt. Die Staude wird 5 bis 15 cm hoch, besitzt gedrängt gegenständig angeordnete, elliptische fleischige Blätter und in den Blattwinkeln sitzende rosarote Blüten (Blütezeit Mai bis August). Sie liebt salzige Böden und ist im Binnenland dort zu finden, wo Solquellen auftreten. Das Kraut wurde früher als Herba Glaucis zur Förderung der Milchsekretion verwendet.

Abb. 18: Cyclamen spec. in einem englischen Park

»Köstlich und gewiss«
Primelgewächse erfreuen uns nach der Winterzeit durch ihre Blüte im April. Sie begleiten uns durch das ganze Jahr – sei es in Form der zahlreichen Züchtungen von Cyclamen persicum Mill. als beliebte Topfblume oder als vielgestaltiger Blütenteppich von Wild-Alpenveilchen in großen und kleinen Gärten, besonders in englischen Parks (Abb. 18).
Als Arzneipflanzen sind einige noch heute in Gebrauch, wie an Primula veris L. und P.elatior (L.) Hill. gezeigt wurde, wenn auch nach neuen Erkenntnissen nicht mehr alles bestätigt werden kann, was einst der in Ulm tätige Arzt J. J. Becher in seinem »Medizinalischen Parnass« von 1662 sagt:
"Die Schlüsselblume wärmt, sie trocknet und erweicht,
Stillt Schmerzen, in dem Schlag sie bald ein Mittel reicht.
Vertreibt die lauffend Gicht, zu böser Tiere Biss
Hält man die Schlüsselblume für köstlich und gewiss."

Anschrift der Verfasser:
Dr. rer. nat. Gottfried und Marianne Hahn,
Steinhaus 19,
D-51491 Overath-Vilkerath

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