ÖAZ Aktuell (Ausgabe 26/2002)

Hauptartikel 26/2002

HAUPTARTIKEL

Viel Rauch …
Kinderschutz oder die Kreise der Steine im Wasser
Die Schlüssel zum Himmel
Wann ist man ein Mann?
Herzrhythmus-
störungen und Venentherapeutika
"… trefflich über Zahlen streiten!"
Stoffwechsel der Aminosäuren

Kinderschutzzentrum Graz, Mag. Monika Heinrich

Kinderschutzzentren: warum brauchen wir sie?

Kinderschutz oder die Kreise der Steine im Wasser

Verantwortung. Was ist los mit den Menschen, was passiert in der Politik, im Staat, in den Schulen, in den Familien …? Wo liegen die Ursachen dafür, dass heute Hilfestellungen so vieler Arten in psychosozialen, zwischenmenschlichen Bereichen angeboten werden (müssen)? Steigt die Gewalt? Vielleicht spricht man nur einfach öfter darüber. Vielleicht sind wir sensibler geworden. Vielleicht verstehen wir langsam, dass Kinder ein Recht auf unseren Schutz und unseren Respekt haben. Hoffen wir es!

Wie kommt es eigentlich dazu, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene solch verletzende Dinge wie physische und psychische Gewalt überhaupt erleben müssen? Vor allem innerhalb der Familie.
Die Antworten sind wohl naheliegender, als man es vielleicht vermuten möchte. Dort, wo der Stein ins Wasser fällt, zieht er Kreise; dort, wo er ins Wasser fällt, löst er eine Reaktion, eine Kettenreaktion aus. In diesem Sinne können Väter, Mütter, deren Eltern, Anverwandte sowie andere Menschen, die in ihrem Leben großteils keine positiven Lebenserfahrungen wie Wertschätzung, Akzeptanz und Empathie erleben durften, dieselben auch nicht weitergeben bzw. leben. Vielmehr wird sich das Negative, das sie erlebt und gelernt haben, ausbreiten und Kreise ziehen. So werden viele der Opfer zu Tätern, viele der Opfer werden selbst Steine werfen und viele dieser Taten werden wiederum Kreise ziehen.

… dieses Thema, diese Arbeit, braucht viele muntere Menschen, die anpacken und mithelfen, jeder nach seinen Möglichkeiten.
Edwin Benko, Obmann des Kinderschutz-Zentrums Graz, Psychotherapeut, Lebens- und Sozialberater, Supervisor

Vor dem Hintergrund dieser Gedanken stellt sich ein klares Ziel, nämlich jenes, da zu sein für alle Betroffenen – für die »Opfer«, die »Täter«, für die »Wissend-Unwissenden« und für die »Suchenden«. Viele Institutionen haben sich dieser Aufgaben verschrieben, darunter die österreichischen Kinderschutzzentren. Es geht dabei um Verstehen, nicht um Akzeptieren. Es geht um Eingreifen, nicht um Verurteilen.
Von den Kinderschutzzentren – hier am Beispiel Graz – wird Beträchtliches geleistet. Zu den Aufgaben zählen u.a.:
Beratung und Therapie von Kindern, Jugendlichen und deren Angehörigen bei verschiedenen Problemstellungen und Krisen
Entwicklungsförderungskonzepte
Erziehungshilfe
Sorgentelefon
Unterstützung von Helfern
Fortbildung und Konzeptentwicklung im Bereich Jugendschutz und Jugendwohlfahrt
Kooperationen unter Fachkräften
Öffentlichkeitsarbeit zu gesellschaftspolitischen Themen, die die Lebensbedingungen von Kindern, Jugendlichen und deren Eltern betreffen

Den Menschen zu sich selbst bringen! Das ist das, was Kinderschutzzentren und engagierte Laien wie Experten in den verschiedensten Institutionen unseres Landes tun. Helfen wir ihnen dabei in unserem Umfeld.
Gewalt manifestiert sich nicht nur in körperlicher Züchtigung und Misshandlung. Auch verbale Gewalt, Drohungen und Einschüchterungen, die Missachtung von Bedürfnissen, Liebesentzug oder schlicht Vernachlässigung sind für Kinder psychisch ebenso verletzend.
Die Kinder zählen zu den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft und geben als Erwachsene diese Gewalt an ihre Kinder weiter. Wollen wir also tatsächlich eine bessere Gesellschaft, so müssen wir bei unseren Kindern beginnen, indem wir sie unter allen Umständen schützen.

Das Kind in der Familie
Heute verbirgt sich hinter der Einheit und Konstanz der Begriffe Familie, Ehe, Elternschaft eine wachsende Vielfältigkeit von Lebenslagen, was eine erhebliche Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität schafft. Die Labilität kaum noch an gemeinsamen existenziellen Aufgaben geerdeten Bindungen gerät zunehmend in Konflikt mit dem langfristigen Engagement für Kinder. Dies alles verändert auch die Einstellung zum Kind.
Einerseits ist das Kind ein wesentlicher Kostenfaktor, unter den derzeitigen wirtschaftlichen und familienpolitischen Bedingungen gar ein Armutsfaktor, Versorgung und Erziehung erschweren die Organisation des Alltags der Eltern. Zugleich wird es häufig zum Störfaktor der über Gefühle definierten Bindung an den Partner, scheint die Erwartungen emotionaler Nähe in der Partnerschaft und damit die Partnerschaft selbst zu gefährden.

Das Ziel: "Der Mensch wird das, was er ist … ein kompletter, voll agierender Organismus, mit all seinem Reichtum … er kontrolliert sich selbst und ist sozialisiert durch seine Bedürfnisse … er ist in der Lage, ein ausbalanciertes, realistisches, sich selbst und Andere bereicherndes Verhalten zu erwerben … er ist konstruktiv."
Carl Rogers

Hinzu kommt eine Haltung in der Gesellschaft, die sich weniger durch Kinderfeindlichkeit als durch Gleichgültigkeit gegenüber Kindern auszeichnet: Kinder zu haben und zu erziehen ist Privatrisiko, das Eltern durch finanzielle Einschränkungen, Vereinsamung und mangelnde Unterstützung durch Staat und Nachbarn erkaufen.
Andererseits wird dem Kind in der Familie immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Es wird in einer Zeit der Verunsicherung über Formen des Zusammenlebens zur Sinn stiftenden Instanz, zur "letzten verbliebenen, unaufkündbaren, unaustauschbaren Primärbeziehung. Partner kommen und gehen, das Kind bleibt".
Die gesteigerte emotionale Bedeutung des Kindes und die Verunsicherung der Eltern stehen im Bedingungszusammenhang mit einer Pädagogisierung und Verfachlichung von Kindheit. Es gibt kaum noch Lebensbereiche, Tätigkeiten und Ausdrucksformen von Kindern (wie auch von Erwachsenen), für die noch nicht entsprechende Programme, Lern- und Entwicklungsstrategien erfunden worden sind. Das verstärkt die wachsende Überzeugung, insbesondere auch bei Eltern, dass jede normale Kompetenz, selbst die der Selbstbestimmung, die Ressourcen eines einfachen Bürgers übersteigt. Diese Labilität und Unsicherheit kann nun in Gewalt innerhalb der Familie und besonders gegenüber Kindern Ausdruck finden.

Überfordert – unterfördert
Die neue Säuglings- und Kleinkindforschung weist verstärkt auf die Partizipationsfähigkeit von Kindern hin. Der Säugling wird heute von Geburt an als – wenn auch verwundbares – Wesen betrachtet, das mit einer Reihe sozialer Fähigkeiten auf die Welt kommt und sofort mit seiner Umwelt, insbesondere den primären Bezugspersonen, in Interaktion tritt. Die Vorstellung vom »passiven Säugling« ist durch das Konzept des »kompetenten Säuglings« abgelöst worden; man geht davon aus, dass das Kind aufgrund seiner individuellen Merkmale und Verhaltensweisen von Anfang an das Verhalten seiner Eltern mitgestaltet. Zugleich ist das Baby auf die kontinuierliche physische und psychische Verfügbarkeit einer Bezugsperson angewiesen und wird in seiner Entwicklung von seinen Beziehungserfahrungen geprägt.
Im Kinderschutz-Zentrum werden vor allem Erfahrungen mit Familien gemacht, deren Kinder (wie sie selbst) eher nicht an Partizipationsprogrammen teilnehmen. Ohnehin ist es ja traurig, festzustellen, dass neben der gewachsenen Aufmerksamkeit für Kinder und der Festschreibung und (wenn auch noch zögerlichen) Umsetzung der Kinderrechte gleichzeitig mehr Kinder vernachlässigt und in ihren Bedürfnissen nicht wahrgenommen werden. Gerade hier scheint es wichtig, auch über Beteiligung nachzudenken für die, die wenig soziales Kapital haben, d.h. dass auch Eltern und Nachbarschaften unterstützt werden müssen, um ihren Kindern den Zugang zu Beteiligungsrechten zu eröffnen.

Jedes Kind braucht: Zeit, Raum, Kohärenz, Kontinuität, Halt, Zuwendung, Anerkennung, Perspektiven.

Der Gefahr, dass Kinder als kleine Erwachsene missverstanden und überfordert werden, begegnen wir in vielen Familien, in denen es zu Vernachlässigung oder Misshandlung von Kindern kommt. Aber auch in vielen anderen Familien stellen wir fest, dass Eltern dem Verhalten ihrer Kinder hilflos gegenüber stehen, es häufig wie in der gleichrangigen Beziehung zu einem Erwachsenen missverstehen, den Kindern keine Grenzen setzen bzw. sie damit überfordern, Dinge für sich selbst oder sogar für ihre Eltern entscheiden zu müssen. Parentifizierung nennt die Familientherapie den Prozess, in dem die Beziehungsverhältnisse sozusagen auf dem Kopf stehen: Eltern erwarten oder erhoffen von ihren Kindern, ihnen das zu geben, was sie von den eigenen Eltern nicht bekommen haben. Aus ihrer Loyalität heraus leisten Kinder in dieser Hinsicht dann erstaunlich viel, sind aber damit überfordert und blockieren die eigene Entwicklung. Häufig kommt es zu Gewalt, wenn die Kinder den Erwartungen der Eltern nicht gerecht werden können.
Kinder werden hier gleichzeitig überfordert, erwachsene Verhältnisse zu verstehen oder gar zu regeln und unterfordert in dem, was sie an Förderung, an Anforderung an ihre eigene Entwicklung erfahren. Solche Kinder wirken zugleich frühreif und entwicklungsverzögert.
Der Tatsache, als Erwachsene Macht über Kinder zu haben, können wir nicht dadurch entgehen, dass wir Kinder zu scheinbar Gleichen machen, sondern dadurch, dass wir diese Macht in Verantwortung wahrnehmen.

Kinder haben Eltern
"Wir HelferInnen müssen wissen, was die Eltern den Kindern bedeuten. Wenn wir das unbeachtet lassen, können wir den Kindern mit ihren Familien nicht wirklich helfen.", meint dazu eine der Therapeutinnen des Grazer Zentrums. Kindgerechte Hilfe ist meist etwas anderes als das, was wir Erwachsene uns unter Hilfe vorstellen. Einerseits wünschen sich Kinder, die in gewaltbelasteten Situationen aufwachsen, eine Beendigung der Gewalt, anderseits fürchten sie sich vor dem drohenden Liebesverlust. Die Liebe der Eltern ist für Kinder lebensnotwendig. Hinzu kommt, dass viele Kinder von den misshandelnden Erwachsenen bedroht oder ihnen die unglaublichsten Lügengeschichten über Hilfe erzählt werden. So ist die Gefahr recht groß, dass Kinder in ihrem Dilemma sitzen bleiben und innerlich (manchmal auch äußerlich) zugrunde gehen.
Durch die Erweiterung des sozialen Umfeldes und der damit verbundenen Vergleichsmöglichkeiten, wie sie durch Kindergarten und Schule passiert, werden Kinder in dem Gefühl bestätigt, dass zu Hause etwas nicht stimmt, dass sie anders als die anderen sind. Dieses Bewusstsein macht sie nicht nur unglücklich, sondern verstärkt auch die bereits vorhandene Hilflosigkeit. Sie beginnen sich dafür zu schämen, dass sie blaue Flecken und Beulen haben, dass ihnen der Popo weh tut oder sie den Urin nicht halten können. Ganz nebenbei schleichen sich, durch Stichwörter aus dem Unterricht ausgelöst, die Bilder und Szenen in ihren Kopf, und sie fordern von den Kindern Aufmerksamkeit. Sie suchen nach Lösungen, kämpfen mit dem Überleben und wissen meist nicht, an wen sie sich wenden können. Sie möchten diese Horrorbilder nicht mehr haben. Sie haben Angst, ihre Eltern und ihre Geschwister zu verlieren. Kinder bekommen auch von den misshandelnden Eltern Liebe und Zuneigung und das macht es für sie so schwer, sich zu lösen.
Das, was umgangssprachlich als »Autoritätskonflikt« bezeichnet wird, hat einen Teil seiner Ursachen in dieser ambivalenten Eltern-Kind-Beziehung. Ich brauche die Zuneigung, das Anerkannt-Werden von meinen »ErzeugerInnen«. Das sind die tiefsten Wurzeln unserer wachsenden Persönlichkeit.
Kinder leiden darunter, wenn Eltern Misshandelnde sind, wenn es fast nichts gibt, worauf sie zurückgreifen, was sie an ihren Eltern schätzen können.
Die Therapeutin weiter: "Nehmen Sie sich einmal Zeit und überlegen Sie sich, wie Sie als erwachsener Mensch mit Peinlichkeiten in der Verwandtschaft umgehen. Wagen Sie ruhig dieses Experiment, um Kinder aus deren Perspektive zu verstehen. Mit diesem Versuch können Sie ein bisschen mehr von der Ambivalenz von Kindern verstehen und erspüren."

Ernst nehmen
Es ist von großer Bedeutung, Kindern zu zeigen, dass sie ernst genommen werden und dass man über das, was sie betrifft, mit ihnen reden kann. Das gilt auch und gerade für Kinder mit besonders schmerzhaften Erfahrungen, wie Misshandlung und Vernachlässigung, wie Trennung oder Scheidung der Eltern und den Verlust von primären Bezugspersonen. Aber diese Einbeziehung von Kindern kann sie auch überfordern oder ihnen erneut Gewalt antun.

Ein starkes Ich
Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen legt ein Recht der Kinder und Jugendlichen auf Partizipation an sie betreffenden Vorgängen und Entscheidungen fest.
Es gilt, Gewalthandlungen als solche und auch ihre zerstörerischen Auswirkungen samt den dazugehörigen Empfindungen von Wut, Enttäuschung, Ekel, Hass, … zu benennen und zugleich das Kind in seinem Wunsch, genau diese Eltern lieben zu wollen und zu dürfen, zu unterstützen. Viele dieser Kinder brauchen vermehrt Unterstützung in der Entwicklung ihrer ichhaften Urteilsfähigkeit: Aufbauend auf einer Stärkung ihres eigentlichen Selbst und mit wachsender Integrationsfähigkeit kann es gelingen, sich getrennt von den Eltern erlebend auch einen kritischen Blick auf diese zu werfen und die damit verbundene schmerzhafte Erkenntnis, dass sie in manchen Belangen (noch) nicht gut genug Eltern sind, auszuhalten, ohne die Liebe zu ihnen beschämt leugnen zu müssen.

Wie kläre ich einen Verdacht?
Bei Vernachlässigung, nach Misshandlungen etc. können verschiedene Symptome bei Kindern beobachtet werden. Wichtig ist es, sensibilisiert zu sein, Hinweise gut wahrnehmen zu können und sie genau abzuklären, da diese Hinweise auch andere Hintergründe haben könnten wie z.B.: innerfamiliäre Probleme, Scheidung der Eltern, Ortswechsel etc.
Viele Kinder setzen Zeichen, sind aber sehr vorsichtig dabei, wem sie vertrauen und wie sie zeigen, was sie bedrückt. Sie drücken ihre Nöte oft durch Verhaltensweisen aus, die für Erwachsene nur schwer zu verstehen sind. Hier ist es wichtig, aufmerksam zu sein, sorgfältig und umsichtig mit oft schwierigen Situationen umzugehen und den Kindern Vertrauen zu schenken, um ihnen so gut wie möglich helfen zu können.
Im Vordergrund sollte bei den notwendigen Schritten stehen, sich an eine Person zu wenden, mit der Sie Ihre Beobachtungen und Gefühle bezüglich dieses Kindes besprechen. In weiterer Folge sollte man sich – bei erhärtetem Verdacht – an Hilfseinrichtungen wenden, die professionelle Hilfe anbieten. Denn man kann eine solche Situation nicht alleine handhaben.

Symptome
Schlafstörungen
Schulleistungsstörungen, wie Konzentrationsschwäche, mangelnde Aufmerksamkeitsspanne, generell herabgesetzte Leistungsfähigkeit, Unfähigkeit, sich einfache Dinge zu merken, Gedächtnislücken, Wahrnehmungsschwierigkeit
Unfähigkeit, etwas so wiederzugeben, wie es das Kind bisher gewohnt war
Essstörungen
Störungen im Hygieneverhalten, z.B. Waschzwang
plötzliche Verhaltensänderungen wie Aktivitätsänderungen (der Antrieb des Kindes ist deutlich gesteigert oder vermindert), Aggressivität, unerklärliche und für das Kind ungewöhnliche Handlungsweisen
Angst
Rückzug
Flucht in eine Phantasiewelt
Zwänge, das heißt ständige Wiederholungen im Denken, Sprechen oder Handeln
Stimmungswechsel, übertriebene Heiterkeit, Gereiztheit oder Depression
Krankheiten
Weglaufen

(nach: Friedrich 1998)

Familienstruktur (siehe Grafik)
Als Gegenwartssystem werden Familien/Lebensgemeinschaften bezeichnet, in denen nur Kinder mit ihren leiblichen Eltern leben (42%). Unter Stieffamilien versteht man Lebensgemeinschaften, in denen mindestens ein Kind lebt, von dem nur der Vater oder die Mutter ein leiblicher Elternteil ist (17%). 24% der Familien, die das Kinderschutzzentrum kontaktieren, sind AlleinerzieherInnen, 33% davon alleinerziehende Mütter. Zu den »anderen Systemen« zählen Pflegefamilien, Adoptivfamilien oder Großeltern, bei denen Kinder aufwachsen, sowie institutionell untergebrachte Kinder (17%).


Raum für Sprache
Kinder müssen sich nicht äußern, aber es ist wichtig, die Dinge, die die Kinder betreffen, auch ihnen gegenüber auszusprechen. Das gilt auch für kleine Kinder, und das gilt auch für schwierige Themen wie z.B. Gewalt, Schmerz und Verlust. Dinge, die Kinder betreffen oder beschäftigen, zu vermeiden oder ihnen nicht zuzumuten, machen sie für die Kinder noch erschreckender – dass ein Erwachsener darüber sprechen kann, hilft bei der Auseinandersetzung.
Die Entwicklung sozialer Kompetenz erfordert Räume, in denen Auseinandersetzung möglich ist. D.h. etwa auch, dass Kinder erfahren, dass Erwachsene Zeit für sie haben, Zeit für das unfertige, das nicht planbare, spontane, fragende, nicht zielorientierte Leben der Kinder.
Das Kind muss sich die Einheit eines handlungsfähigen, mit sich identischen und autonomen Subjekts erst mühsam aufbauen. Kinder sind "ein Proletariat auf kleinen Füßen, das mit der mühseligen Arbeit des Wachsens beschäftigt ist", so hat der polnische Arzt und Pädagoge Janusz Korczak diesen Prozess beschrieben, der den Bedarf und das Recht des Kindes auf eine Kinder-Kindheit begründet. Eltern, Helfer und andere Erwachsene sind verantwortlich dafür, Kindern gute Entwicklungsbedingungen, dem Janusz-Zitat entsprechend »Arbeitsbedingungen« zu geben. Jedes Kind braucht: Zeit, Raum, Kohärenz, Kontinuität, Halt, Zuwendung, Anerkennung, Perspektiven.
Dieser notwendige Rahmen, so unterschiedlich er im Einzelfall auch aussehen mag, kann durch die Belastung der zuständigen Erwachsenen unzureichend sein, er kann aber auch durch Skandalisierungen sowie durch ein nicht kindgerechtes Verständnis von Kinderrechten und von Parteilichkeit weiter beschädigt werden. Gerade für den Beginn des Lebens gibt es hier keine Alternative zur Familie, so unterschiedlich ihre Formen auch sein mögen – deshalb ist das Hilfssystem hier in besonderer Weise gefordert, nämlich nicht (nur), Kinder gegen schädliche Erwachsene zu schützen, sondern dazu beizutragen, dass ihre »Sphären« tragend und förderlich sind, indem Sorgeverantwortliche begleitet und unterstützt werden.

Auch am LKH
Seit nunmehr elf Jahren besteht die »Kinderschutzgruppe« an der Universitätsklinik für Kinderchirurgie und an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz. Durch das persönliche Engagement eines multiprofessionellen Teams konnte im Laufe der Zeit in dem »komplexen System Krankenhaus« eine Sensibilisierung auf Anzeichen von Gewalt entstehen. Taucht im Krankenhaus bei der Behandlung verletzter oder erkrankter Kinder der Verdacht auf Vernachlässigung oder Misshandlung auf, ist die »Kinderschutzgruppe« aufgrund ihrer Schnittstellenfunktion gefordert. Das Thema »Gewalt gegen Kinder« als komplexes Geschehen erfordert von den Mitgliedern der »Kinderschutzgruppe« neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit innerhalb des Krankenhauses interdisziplinäre Zusammenarbeit und koordinierte Kontakte zu den Patientenfamilien, externen Einrichtungen und der Jugendwohlfahrt.
Auch Ärzte und Krankenhauspersonal brauchen in solchen Fällen Unterstützung.
Sorgentelefon: 0800/201–440

"Deine Kinder sind nicht deine Kinder.
Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch dich, aber nicht von dir, und obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht.
Du kannst ihnen deine Liebe geben, aber nicht deine Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Du kannst ihren Körpern ein Heim geben, aber nicht ihrer Seele, denn ihre Seele wohnt im Haus von Morgen, das du nicht besuchen kannst, nicht einmal in deinen Träumen.
Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein, aber suche nicht, sie dir gleich zu machen.
Denn das Leben geht nicht rückwärts und verweilt nicht beim Gestern.
Du bist der Bogen, von dem deine Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Lass deine Bogenrundung in der Hand des Schützen Freude bedeuten."

Kinderschutz-Zentrum
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