ÖAZ Aktuell (Ausgabe 13/2002)

Hauptartikel 13/2002

HAUPTARTIKEL

Baldrian, Hopfen, Kavakava & Co.

Qualität braucht wirtschaftliche Basis

Flos Lavandulae und Extractum Capsici

Hightech Pharmazie

»Corporate Identity«

Die pharmazeutische Industrie in Österreich

Prof. Mag. pharm. Dr. Otto Nowotny

Teil III: 1918–1945 – Schwierige Zeiten*

Die pharmazeutische Industrie in Österreich

Schicksalhaft. Durch den 1. Weltkrieg machte sich die Rückständigkeit der chemischen, insbesondere der pharmazeutisch-chemischen Industrie der großen Donaumonarchie und in der Folge die Abhängigkeit von der ausländischen Industrie sehr deutlich bemerkbar. Eine Emanzipation war dringend nötig.

Prof. Mag. pharm. Dr. Otto Nowotny

Mit dem Ende des Kaiserreiches und der am 12. November 1918 erfolgten Ausrufung der Republik Deutschösterreich zeichnete sich auch das Ende der nun deutschösterreichischen pharmazeutischen und chemischen Industrie ab. Der Anschluss der Republik Deutschösterreich an das Deutsche Reich wurde bis Juli 1919 bereits als eine Tatsache angesehen (1). War früher die immer recht schwache pharmazeutische Industrie der Monarchie für einen großen Staat tätig und durch Schutzzölle und ministerielle Erlässe vor der Konkurrenz des Auslandes – besonders vor der deutschen pharmazeutischen Industrie – teilweise geschützt, so galt als sicher, dass dies mit dem Anschluss an das Deutsche Reich hinsichtlich der mächtigen deutschen Pharmaindustrie wegfallen würde. Damit war die ehemalige österreichische Pharmaindustrie ernstlich in ihrer Existenz bedroht.
Durch den Friedensvertrag von Saint Germain vom 9. September 1919 wurde der Anschluss an das Deutsche Reich zwar verboten und per Gesetz vom 9. September der Name des Staates in »Republik Österreich« umgeändert, dies brachte für die österreichische Industrie jedoch nicht viel, denn der Absatzmarkt für die Erzeugnisse der heimischen Industrie war sehr klein geworden. Als sich ansatzweise eine Erholung der österreichischen pharmazeutischen Industrie bemerkbar machte, drohte 1920/21 plötzlich ein vernichtender Schlag für diesen Wirtschaftszweig.
In der am 17. Oktober 1919 gebildeten Regierung der Republik Österreich wurde der Sozialist Ferdinand Hanusch als Staatssekretär (= Minister) mit der Leitung des Amtes für Soziale Verwaltung betraut. Für die Abteilung Gesundheitswesen dieses Ministeriums wurde 1920 der Unterstaatssekretär Univ.-Prof. Dr. Julius Tandler zuständig. Gemeinsam mit Hanusch wollte Tandler eine Umgestaltung des gesamten staatlichen Gesundheitswesens durchführen und in diese Umgestaltung nicht nur das Apotheken- und Arzneimittelrecht einbeziehen, sondern auch den Drogengroßhandel und die Heilmittelerzeugung. Von diesen realitätsfernen idealistischen Ideen Tandlers konnte nur eine einzige für das Apothekenwesen relevante verwirklicht werden. Es gab in Wien eine der größten Verbandmaterialien- und Medikamentenherstellungsbetriebe der Monarchie, die K.u.k. Militär-Medikamentendirektion. Im Rahmen der Auflösung der alten militärischen Dienststellen und Anlagen sollte auch die alte Militär-Medikamentendirektion aufgelöst werden. Wie noch gezeigt werden soll, nützte dies Tandler zur Gründung der Österreichischen Heilmittelstelle.
Durch das Anschlussverbot der Republik Österreich an das Deutsche Reich konnte die schwache pharmazeutische Industrie Österreichs durch Zölle vor ausländischen Pharmaka zwar etwas geschützt werden, doch eigentlich gab es in dem neuen und so kleinen Staat Österreich kaum eine eigene Pharmaindustrie, denn der Großteil dieser Industrie befand sich jetzt in dem neuen Staat Tschechoslowakei. Obwohl diesen eklatanten Mangel an einer eigenen österreichischen Pharmaindustrie nun viele initiative Persönlichkeiten zur Gründung pharmazeutischer Fabriken nutzten, waren die neuen Betriebe fast durchwegs nur Klein- und Mittelbetriebe mit geringer Leistungsfähigkeit, von denen die meisten durch die enorme Geldentwertung oder auch durch schwere Fehler in der Betriebsführung nach kürzester Zeit Konkurs anmelden mussten. Von den bereits in der Vorkriegszeit existierenden Firmen konnten diejenigen, die gute pharmazeutische Spezialitäten herstellten – wie z.B. Kwizda, Trenka oder das Laboratorium der Austria-Apotheke –, ihre Tätigkeiten erfolgreich weiterführen.

Übermächtige Konkurrenz
Aber auch diesen Firmen wurde ihre Weiterexistenz nicht leicht gemacht. Viele der ausländischen pharmazeutischen Industriebetriebe errichteten in der Zwischenkriegszeit in Österreich eigene Konfektions- oder Erzeugungsbetriebe und erschwerten so den Bestand und die Entwicklung vieler österreichischer Firmen. Nach dem 1938 erfolgenden Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde dieser Bestand dann neuerlich extrem gefährdet. Durch den 2. Weltkrieg stieg aber insbesondere der Heeresbedarf an Heilmitteln so enorm an, dass die ehemalige österreichische, jetzt ostmärkische pharmazeutische Industrie um ihre Existenz nicht mehr bangen musste. Mit der Dauer des Krieges machte sich jedoch ein Mangel an bestimmten Rohstoffen und auch an Arbeitskräften bemerkbar, gegen Ende des Krieges schließlich wurden durch die amerikanischen Bombardements etliche pharmazeutische Betriebsanlagen teilweise oder ganz zerstört.

Hausspezialitäten
Keinesfalls aber darf übersehen werden, dass während der Zwischenkriegszeit zahlreiche österreichische Apotheken – wie etwa die »Alte Hofapotheke« und die »Engel-Apotheke« in Wien I., die »Salesianer-Apotheke« in Wien III., sowie die »Adler-Apotheke« und die »Biber-Apotheke« in Wien IX., weiters die Apotheke in Aflenz, die Apotheke von Apotheker Paul in Graz, die Apotheke der Universität Innsbruck, jene von Apotheker Jaensch in Ischl, von Apotheker Hauser in Klagenfurt, die Apotheke Kleewein in Krems, die Apotheke Winkler in Lienz, die Apotheke in Mariazell und jene von Apotheker Hoyer in St. Valentin, um nur einige zu nennen – nicht nur registrierungspflichte Arzneispezialitäten herstellten, sondern auch nicht registrierungspflichtige, die so genannten Hausspezialitäten. Insgesamt wurden 1937, also knapp vor dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, in ca. 115 österreichischen Apotheken verschiedene pharmazeutische Spezialitäten hergestellt. Wenn auch die meisten dieser Spezialitäten nur in verhältnismäßig kleinen Chargen erzeugt wurden, waren es doch insgesamt beachtliche Mengen und ein Beweis für die Tüchtigkeit der österreichischen Apotheker.
Es soll nun versucht werden, am Beispiel von einigen willkürlich ausgewählten Firmen verschiedener Größe und Art nicht nur das Schicksal dieser Betriebe zu schildern, sondern auch zu zeigen, wie sehr die Entwicklung der österreichischen pharmazeutischen Industrie vom politischen Geschehen in Österreich beeinflusst wurde.



Österreichische Heilmittelstelle G. A.

Schon die wechselnden Namensformen dieser Firma – ab 1934 »Österreichische Heilmittelstelle G.m.b.H.«, ab 1940 »Heilmittelwerke Wien G.m.b.H.«, ab 1945 »Österreichische Heilmittelwerke« – zeigen, dass der Betrieb mit der politischen Entwicklung in Österreich eng verbunden war. Bereits die Gründung der Heilmittelstelle G. A. erfolgte aus politischen Motiven. 1919 stand die neue Republik Österreich vor der Aufgabe, die ehemaligen K.u.k. militärischen Anlagen wie etwa das Arsenal in Wien, verschiedene Kasernen oder auch die Militärspitäler zu übernehmen und ziviler Verwendung zuzuführen.
Zu den vielen Einrichtungen im Besitz des Militärs gehörte auch die »K.u.k. Militär-Medikamentendirektion«.
Auf dem großen Areal der Militär-Medikamentendirektion in Wien III., Rennweg 12, befanden sich neben dem Verwaltungsgebäude gut ausgestattete Laboratorien und Fabrikationsräumlichkeiten zur Herstellung der für das Heer notwendigen Arzneimittel und Verbandmaterialien, ferner große Lagerhallen und Gebäude für den Fuhrpark. Als über die Verwertung dieser und anderer Hinterlassenschaften der ehemaligen Monarchie in der Regierung beraten wurde, war der Staatssekretär für soziale Verwaltung, wie erwähnt, Ferdinand Hanusch. Hanusch hatte seinen Unterstaatssekretär, Univ.-Prof. Dr. Julius Tandler (2), der ein hervorragender Wissenschafter, ein überzeugter Sozialist und Idealist war, mit einer Reformierung des gesamten Gesundheitswesens betraut.
Julius Tandler strebte als erste Maßnahme eine Sozialisierung der Ärzteschaft und des Heilmittelwesens an. Er erkannte rasch, dass momentan eine Sozialisierung der Ärzte nicht durchführbar war, und wandte sich der Ausarbeitung eines detaillierten Sozialisierungsprogramms des Heilmittelwesens zu. Nach Tandlers Plänen sollte dieses Programm die Herstellung von Medikamenten, den Drogengroßhandel sowie die öffentlichen und Spitalsapotheken umfassen. Dieses Sozialisierungsprogramm, das nichts mit einer Verstaatlichung zu tun hatte, sah vor, dass – entsprechend dem Gesetz vom 29. Juli 1919 über gemeinwirtschaftliche Anstalten und dem Kabinettratsbeschluss vom 30. September 1919 – das Areal der ehemaligen K.u.k. Militär-Medikamentendirektion mit allen darauf befindlichen Gebäuden, Maschinen und Materialien einer neuen gemeinwirtschaftlichen Firma namens »Österreichische Heilmittelstelle G. A.« überantwortet werde. Als Aufgabe dieser Firma wurde festgelegt, dass sie zu möglichst günstigen Preisen Pharmazeutika von einwandfreier Qualität erzeugen sollte, um so für die öffentlichen Spitäler und für die Krankenkassen die Kosten der Arzneimittelbeschaffung zu senken. Darüber hinaus sollten die festgelegten niedrigen Preise für von der Heilmittelstelle erzeugte pharmazeutische Spezialitäten es jedem Staatsbürger ermöglichen, sich diese Medikamente in jeder öffentlichen Apotheke zu beschaffen.
Die Heilmittelstelle nahm am 1. November 1919 ihre Tätigkeit auf (2), die Protokollierung in das Firmenbuch erfolgte am 25. Februar 1920 (3). Zusätzlich wurde 1919 noch die Auflösung der von einem Wiener Apotheker Consortium betriebenen Medikamenteneigenregie in den Wiener Krankenanstalten (4) durchgeführt und die Übernahme der unter dem Wiener Apotheker Consortium arbeitenden Spitalsapotheken durch die Gemeinde Wien und durch den Staat veranlasst. Die Belieferung der Krankenanstalten mit Arzneiwaren erfolgte nun durch die Heilmittelstelle (5).
Das Sozialisierungsprogramm Julius Tandlers hinsichtlich des Apothekenwesens und des Drogengroßhandels stand im Herbst 1920 praktisch vor seinem Abschluss, als in der Folge des für die Sozialdemokratie ungünstigen Ausganges der Wahlen vom Oktober 1920 Tandler sein Amt verlor und eine Weiterführung seiner Sozialisierungspläne damit hinfällig wurde. Das, was von den Plänen Tandlers übrig blieb, war fast nur die »Österreichische Heilmittelstelle G. A.«.

Als Aufgabe der Firma »Österreichische Heilmittelstelle G. A.« wurde festgelegt, dass sie zu möglichst günstigen Preisen Pharmazeutika von einwandfreier Qualität erzeugen sollte, um so für die öffentlichen Spitäler und für die Krankenkassen die Kosten der Arzneimittelbeschaffung zu senken.

Der Staat beanspruchte für sich einen 60-prozentigen Anteil an der Heilmittelstelle und konnte dadurch die Firmenpolitik wesentlich beeinflussen (6). Das Verhältnis der Apotheker zur Heilmittelstelle war meist recht gespannt, fühlten sie sich doch durch die Preispolitik der Heilmittelstelle und durch ihr »Eindringen« in die großen Spitäler Wiens in ihren Rechten und auch in ihren Arzneimittelumsätzen geschmälert.
Die Heilmittelstelle hatte eine vorzügliche und kreative Betriebsleitung und konnte sich im österreichischen Arzneimittelmarkt mit ihren Ideen und Produkten rasch durchsetzen. So entstanden bald nach der Gründung die einfachen und charakteristischen dreieckigen Tablettenverpackungen. Sehr bekannt waren z.B. die Acidum-aceto-salicylicum-Tabletten in ihren blauen und weißen Dreieckschachteln mit der Spezialitäten-Registernummer 1. Eine Dreieckspackung mit 10 Tabletten kostete 1937 nur 0,40 Schilling, eine Packung »Aspirin« zu 20 Tabletten hingegen 2,40 Schilling. Die Heilmittelstelle betrieb eigene Forschung und brachte bald nach ihrer Gründung zahlreiche neue Spezialitäten – wie etwa »Causyth« oder »Primustabil« – auf den Arzneimittelmarkt. Doch nach wie vor bestanden Zwistigkeiten mit den Apothekern und den anderen pharmazeutischen Industriellen. So versuchte man 1925/26 durch Gründung einer Interessengemeinschaft der österreichischen pharmazeutischen Industrie, die Heilmittelstelle allmählich in diese einzugliedern und so ihre Konkurrenz auszuschalten. Dies wurde allerdings 1926 durch Maßnahmen des Sozialministeriums verhindert.
Im Jahre 1935 wurde das Gesetz über gemeinwirtschaftliche Anstalten aufgehoben, und die Heilmittelstelle musste in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt werden. Es gelang nun auch durch die Bemühungen des Sozialministeriums, das Verhältnis zwischen Apothekerschaft und Heilmittelstelle zu entspannen.
Die gute Entwicklung des Unternehmens wurde durch den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und durch den Beginn des 2. Weltkrieges unterbrochen. 1940 wurde die Heilmittelstelle an die Gemeinde Wien und die Herba AG verkauft und hieß nun »Heilmittelwerke Wien Gesellschaft m.b.H.«. Die Bezeichnung »Österreichische« durfte nicht verwendet werden.

Die Österreichische Heilmittelstelle nach dem Ersten Weltkrieg

Durch die Kriegsereignisse wurde 1944 und 1945 ein Großteil des Warenlagers und der Betriebsanlagen zerstört (6), und es war fast ein Wunder, dass bereits gegen Ende 1946 die Menge der Arzneimittel, die von der nun »Österreichische Heilmittelwerke« heißenden Firma erzeugt wurden, den Vorkriegsstand erreichte (7). Bald kamen neue Betriebsanlagen hinzu, und aufgrund eigener Forschung und neu entwickelter Syntheseverfahren konnten neue Präparate in den Pharmahandel gebracht werden. Diesbezüglich erwähnt werden sollen nur die Cardiaca »Lanostabil« und »Lanophyllin«. Die für diese Spezialitäten notwendigen Ausgangsstoffe kamen von den firmeneigenen Digitalis-Plantagen.
Durch den ständigen Druck der ausländischen Pharmaindustrie wurde es aus finanziellen Gründen notwendig, mit anderen österreichischen Pharmafirmen zu kooperieren, um den kostspieligen Forschungslaboratorien den zur Entwicklung neuer Heilmittel notwendigen Ausbau zu ermöglichen. So wurde mit der Gerot KG. eine gemeinsame pharmakologische Forschungsgesellschaft gegründet (8). Ähnliche Überlegungen und der Konkurrenzdruck der ausländischen Pharmaindustrie führte 1969 nach 50 Jahren erfolgreichen Bestehens zur Eingliederung der Heilmittelwerke als Tochtergesellschaft in die »Österreichischen Stickstoffwerke AG« in Linz (9). Inzwischen haben auch die Stickstoffwerke aufgehört, zu existieren.



Sanabo – Fabrik chemischer und pharmazeutischer Produkte

Sanabo, der Erzeugungsbetrieb von chemischen und pharmazeutischen Produkten in Wien-Meidling, wurde im März 1921 von Dr. Karl Stosius (1883–1965) gegründet (10). Karl Stosius hatte an der Technischen Hochschule in Budapest Chemie studiert, wählte aber dann die Laufbahn eines Berufsoffiziers. Als Offizier mit einer akademischen Ausbildung in Chemie wurde Stosius vom normalen Truppendienst abgezogen und zur Lösung von Problemen der militärischen Giftgaserzeugung und -anwendung herangezogen. Er erhielt auch die Erlaubnis, als aktiver Offizier sein Chemiestudium weiter zu führen und erlangte 1915 das Doktordiplom.

Die Firma Sanabo wurde 1921 gegründet, der Firmenname existiert heute noch.

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges arbeitete Dr. Stosius im 2. Chemischen Institut der Universität Wien an Fragen der Medizinischen Chemie. Auf Anregung von Univ.-Prof. Dr. H. H. Mayer gründete er 1921 die Sanabo. Der Schwerpunkt der Forschung und der Heilmittelherstellung war die Gewinnung von Hormonen und deren Verwendung für pharmazeutische Präparate. Zur Beschaffung der zur Hormongewinnung notwendigen tierischen Organe konnte die Sanabo ein Abkommen mit der Gemeinde Wien erreichen, dass alle im Schlachthof der Stadt anfallenden entsprechenden Organe der Firma Sanabo zum Kauf angeboten werden mussten.

Kriegsbedingt stieg der Bedarf an Verbandmaterialien stark an.

Neben der Gewinnung von Hormonen wurde mit der Herstellung von Enzympräparaten begonnen. 1932 startet eine enge Zusammenarbeit mit dem bekannten ungarischen pharmazeutischen Unternehmen »Chinoin«, die Firma des Dr. Stosius in Wien führte nun vorübergehend den Namen »Sanabo – Chinoin«. 1939 musste die Zusammenarbeit der beiden Firmen beendet werden; die pharmazeutische Fabrik in Wien nannte sich nun »Sanabo, Dr. Karl und Maria Stosius«. Durch eigene Forschung und in enger Zusammenarbeit mit dem 2. Chemischen Institut der Universität Wien gelang es der Sanabo als erstem pharmazeutischen Unternehmen in Europa, das 1-Noradrenalin herzustellen und dieses medizinisch anzuwenden.

Beachtliche Mengen von Hausspezialitäten zeugten von der Tüchtigkeit der österreichischen Apotheker.

Gegen Ende des 2. Weltkrieges erlitten die Forschungs- und Produktionsanlagen der Sanabo in Wien XII., Meidling, schwere Bombenschäden, doch schafften es Dr. Stosius und seine Mitarbeiter erstaunlich schnell, die Schäden zu beheben, die Produktion wieder aufzunehmen und seine Produktpalette durch die Herstellung von Narkosemitteln zu erweitern. 1963 gelang dem Forschungslaboratorium der Sanabo die Synthese des Trijodthyrosin und des Thyroxin. Viel verwendete und auf eigener Forschung beruhende pharmazeutische Spezialitäten waren das »Retalon« und das Diureticum »Novurit« (11). Nach dem Tod des Firmengründers im Jahr 1965 wurde noch im selben Jahr die Sanabo von der Firma Biochemie in Kundl übernommen. Der wertvolle Firmenname »Sanabo« blieb erhalten, die Sanabo selbst aber hatte aufgehört, ein rein österreichisches pharmazeutisches Industrieunternehmen zu sein.



Pharmazeutika AG Wien – Graz

In den dem 1. Weltkrieg folgenden wirtschaftlich sehr turbulenten Jahren, in denen die immer rascher steigende Inflation bewirkte, dass viele Menschen sichere Sachwerte zu kaufen suchten, um wenigstens einen Teil ihrer finanziellen Rücklagen zu retten, kamen dubiose Banken und gewissenlose Betrüger auf die Idee, Aktiengesellschaften zu gründen und mit dem durch Aktienverkauf gewonnenen Vermögen zu verschwinden. So geschah es auch bei der Pharmazeutika AG.
Durch vertrauensselige und bewusst falsch informierte Mittelsmänner gelang es einer deutschen Bank, der »Deutschen Bodenbank«, in Wien, ein aus honorigen und prominenten Mitgliedern bestehendes Konsortium zu bilden und eine Aktiengesellschaft namens »Pharmazeutika AG, chemisch pharmazeutisch. Industrie-Unternehmen und Drogengroßhandlung. Wien und Graz« ins Leben zu rufen. Die konstituierende Generalversammlung dieser Aktiengesellschaft fand am 3. März 1923 in Wien statt (12). Bei dieser Generalversammlung wurde der ehemalige Minister Weinbacher zum Präsidenten des Verwaltungsrates bestellt. Dem Verwaltungsrat gehörten auch bekannte Apotheker an, so z.B. Groß (Wien), Fizia (Graz) und Linde (Melk) (13), aber auch der geschäftsführende Verwaltungsrat der Deutschen Bodenbank, Dr. Gustav Groß (14). Zum Generaldirektor wurde Mag. pharm. Franz Püschel bestellt (15).
Durch diese Namen bewogen, kauften viele österreichische Apotheker Aktien, die sich zum größten Teil angeblich im Besitz der Deutschen Bodenbank befand. Die Bodenbank hatte jedoch der Pharmazeutika AG für ihre Aktien nie den dem Wert entsprechenden Kaufpreis überwiesen. In der Zwischenzeit wurden in Wien und Graz große Büros und Warendepots für die Großhandlung eingerichtet und ein Grundstück für eine pharmazeutisch-chemische Fabrik angekauft (16). Das dafür notwendige Geld nahm man bei österreichischen Banken auf, denn inzwischen war das durch den Aktienverkauf hereingekommene Geld von der Deutschen Bodenbank in Wien in die Deutsche Bodenbank in Deutschland überwiesen worden. Bei den Versammlungen der Aktionäre wurden, wie sich später herausstellte, gefälschte Bilanzen und Geschäftsberichte vorgelegt. Als aber dann die österreichischen Banken die Kreditzinsen nicht überwiesen bekamen, zeigte sich, dass die Pharmazeutika AG nicht liquid war. Deshalb musste ein Ausgleichsverfahren durchgeführt werden (16).
Währenddessen hatte sich die Deutsche Bodenbank in Wien insolvent erklärt, und ihre Direktoren waren verschwunden. Um den Ausgleich durchführen zu können, musste neuerlich ein Konsortium gebildet werden, dessen Mitglieder persönlich zur Begleichung der festgesetzten Ausgleichszahlungen haftete. Diesem dreiköpfigen Konsortium gehörten an: Apotheker Linde, Melk, ein Kommerzialrat – der aber nach zwei Tagen aus dem Konsortium wieder austrat – und der leitende Verwaltungsrat der Pharmazeutika AG, Karl Suchy, der allerdings kein nennenswertes Vermögen besaß (17). Trotz Warnungen von Seiten seiner Kollegen war Apotheker Linde Mitglied des Konsortiums geworden und musste nun für die Ausgleichszahlungen haften. Obwohl Mag. Linde mit seinem gesamten Vermögen und mit dem Verkaufserlös den Ausgleich der Pharmazeutika zu retten versuchte, genügten diese finanziellen Mittel dazu nicht, und die Pharmazeutika AG musste Konkurs anmelden (18). Auch über Apotheker Franz Xaver Linde in Melk wurde ein Konkursverfahren eröffnet (19), und der von allen hochgeschätzte Bürgermeister von Melk und Besitzer der dort ansäßigen schönen Landschaftsapotheke musste seinen Lebensabend in Armut und Bitterkeit verbringen.

Die Fortsetzung dieser Übersicht sowie Anmerkungen und Quellen finden Sie in einer der nächsten Folgen der ÖAZ.

* Teil I: Entstehung und Entwicklung, ÖAZ Nr. 24/2001, S. 1150; Teil II: Von der Apotheke zur Fabrik, ÖAZ Nr. 25/2001, S. 1204.

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