ÖAZ Aktuell (Ausgabe 13/2002)

Hauptartikel 13/2002

HAUPTARTIKEL

Baldrian, Hopfen, Kavakava & Co.

Qualität braucht wirtschaftliche Basis

Flos Lavandulae und Extractum Capsici

Hightech Pharmazie

»Corporate Identity«

Die pharmazeutische Industrie in Österreich

Mag. pharm. Dr. Alfred Klement

Ein Gespräch mit Vizepräsident Mag. pharm. Friedrich Hoyer*

Qualität braucht wirtschaftliche Basis

Tara. Was bis vor einigen Jahren noch ganz selbstverständlich war, wird jetzt immer öfter in Europa in Frage gestellt, nämlich die Grundlagen der Apothekenordnungen wie z.B. das Abgabemonopol, das Kettenverbot und die einheitlichen Abgabepreise. Nach dem EU-Beitritt sind Sozialversicherung und Politiker aller Länder aus Kostengründen an Vergleichen der unterschiedlichen Apothekensysteme in Europa interessierter als je zuvor.** Ein Interview.

Auch in den Apotheken steigt der ökonomische Druck. Die allgemeine Kosten- und Umsatzentwicklung zwingt die Apotheker zur Forcierung ihrer wirtschaftlichen Kompetenz, eine einseitige Herausforderung, die von manchen Apothekern bedauert wird, weil sie die fachliche Tätigkeit an der Tara im direkten Kontakt mit den Kunden so schätzen. Die Zeit für Kundengespräche wird knapper, denn der selbstständige Apotheker benötigt heute mehr Zeit für die wirtschaftliche Führung des Betriebes. Er muss entscheiden, welche Sortimente er forcieren will, welche Marketingmaßnahmen in der Apotheke und im engeren Umfeld gesetzt werden sollen, er soll günstige Lieferkonditionen aushandeln, um damit Absatz und Ertrag zu optimieren, und er soll sich schließlich um die Beratungsqualität seiner Mitarbeiter in Kundengesprächen kümmern.
Zur künftigen Entwicklung des Gesundheitsmarktes bezog der 2. Vizepräsident der Apothekerkammer, Mag. pharm. Friedrich Hoyer, Obmann der selbstständigen Apotheker, nach seiner Wiederwahl Stellung, wobei er betonte, dass in den letzten fünf Jahren die Zusammenarbeit zwischen den beiden Abteilungen geprägt war von gegenseitigem Vertrauen und konstruktiver Gesprächsführung.

Spielraum deutlich enger
Laut Mag. Hoyer haben die Ergebnisse der Wirtschaftsverhandlungen in den Jahren 1995, 1997 und 2000 in der Apothekenlandschaft deutliche Spuren hinterlassen. So sehr aus der Sicht der Lebensqualität der Apothekenkunden der Ersatz veralteter Medikamente durch innovative, allerdings auch wesentlich teurere Arzneimittel begrüßt werden muss – für den Rohertrag der Apotheke schafft diese Entwicklung, verstärkt durch den Solidaritätsbeitrag, eine zunehmend kritischer werdende wirtschaftliche Situation. Da die Rationalisierungspotenziale in der Mehrzahl der Apotheken bereits ausgeschöpft sind, ist eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation nur bei entsprechender Entwicklung der OTC-Umsätze denkbar. Hier ist – erstmals im Jahr 2001 – ein kleiner Zuwachs bei Privatumsätzen festzustellen.
Für Mag. Hoyer werden die Kassenumsätze künftig nur mehr die Basiskosten einer Apotheke abdecken. Da sich an der Sparpolitik der Kassen in den nächsten Jahren nichts ändern und auf die Gestaltung von FAP, AEP und KKP weiterhin politischer Druck ausgeübt wird, bleibt die Selbstmedikation mit Arzneimitteln und der Verkauf von Medizinprodukten und Nahrungsergänzungsmitteln ein künftiges Hoffnungsgebiet abseits staatlicher Einflussnahme. Der wertmäßigen Minderung des Betriebsergebnisses stehen aber die erhöhten Dienstleistungsansprüche der Kunden gegenüber, die sie von den Apotheken erwarten. Ein einfaches Beispiel dafür ist die durchgehende Öffnungszeit der Apotheke von 8 bis 18 Uhr.
Zur Verbesserung der Ausbildung in wirtschaftlicher Hinsicht und Vorbereitung auf die Führung eines Betriebes mit einer erklecklichen Anzahl von Mitarbeitern bieten Apothekerkammer und Apothekerverband verschiedene Kurse an, die laut Vizepräsident Hoyer gute Grundlagen für eine erfolgreiche Karriere als selbstständiger Apotheker vermitteln. Hier sind vor allem die Seminarreihe »Basiswissen für Jungunternehmer« und die »fortissimo«-Module zu nennen. Eine Vielzahl von Seminaren unserer Partner (Industrie, Großhandel) ergänzt das Fortbildungsangebot der Standesvertretungen. In diesem Zusammenhang kam Mag. Hoyer auch auf die Zusammenarbeit mit der Pharmawirtschaft zu sprechen.

Partnerschaften und Allianzen
Für Mag. Hoyer ist eine faire Beachtung der Spielregeln im Rahmen einer Partnerschaft für den gemeinsamen Erfolg Voraussetzung. Wenn nun Pharmafirmen neben der Belieferung der Apotheken auch eine Belieferung der Ärzteschaft ins Auge fassen und tätigen, dann wird das von der Apothekerschaft als unfreundlicher Akt gewertet und dementsprechend gehandelt. Mag. Hoyer empfahl in diesem Zusammenhang der Ärzteschaft, sich eine Verkaufstätigkeit in den Ordinationen wirklich gründlich zu überlegen. Zum einen wird gegenüber Patienten ein psychologischer Kaufzwang ausgeübt, zum anderen sind die verkauften Produkte Nahrungsergänzungsmittel und stützen die medizinische Kompetenz des Arztes wohl nicht sonderlich. Mag. Hoyer erinnerte in diesem Zusammenhang an den von Ärzten strapazierten Satz »Apotheker bleib bei deinem Leisten«, der – sinngemäß abgewandelt – auch für sie Geltung haben sollte.

Greift das Solidaritätsmodell?
Mag. Hoyer wies auf die Verhandlungssituation der Jahre 1999/2000 hin. Es war klar, dass ohne Angebot von Apothekerseite eine amtliche Absenkung der Apothekenaufschläge insgesamt gedroht hätte. Im Gespräch stand damals die Vorstellung der Arzneitaxkommission, die eine Reduktion um zwei Prozentpunkte einforderte. Sie hätte das rezeptfreie und rezeptpflichtige Sortiment gleichermaßen getroffen und die wirtschaftliche Basis der Apotheken Österreichs nachhaltig geschwächt. Das in dieser Situation entwickelte Solidaritätsmodell brachte für die Krankenkassen eine Kostenentlastung bei den Ausgabenzuwächsen, schonte dabei aber Apotheken mit stagnierenden Kassenumsätzen. Mit dem jährlichen Abschlag von 13% auf den Mehrumsatz an Kassenprodukten bis 2004 werden an die im Vertrag eingebundenen Krankenkassen beträchtliche Mittel zurückgeführt.
Bei den teuren Präparaten in der obersten Aufschlagsgruppe lukrieren Apotheken unter Berücksichtigung des zu gebenden Kassenrabattes nur mehr 3,7%. Die Grenze der Wirtschaftlichkeit ist damit wohl deutlich überschritten. Der Nachteil hat aber auch einen Vorteil: es fehlen nun die Ersparnisanreize für die Sozialversicherung, welche die Zustellung an von chronisch Kranken benötigten teuren Arzneimitteln auf direktem Weg forcieren wollten.
Mag. Hoyer resümierte, dass das Solidaritätsmodell der Kasse Ersparnisse gebracht hat, ohne den Apotheken im Selbstmedikationsbereich die Möglichkeit zu nehmen, die nicht Kosten deckenden Dienstleistungen auch zu refinanzieren. Mag. Hoyer dachte dabei an die von der Kasse nicht bezahlten Nacht- und Wochenenddienste von Akademikern, an die Screening-Aktionen und an die diversen Impfaktionen.

Das papierlose Rezept – Traum oder Albtraum?
An ein papierloses Rezept wird laut Vizepräsident Hoyer noch nicht gedacht, denn im Augenblick wäre der Hauptverband der Sozialversicherungsträger froh, wenn sichergestellt wäre, dass alle Rezepte bis Ende 2003 mit der 10-stelligen Sozialversicherungs-Nummer angeliefert werden. Als Anreiz erhalten bekanntlich Apotheken, die diese Arbeit freiwillig übernehmen, bis Ende 2002 zwei Cent pro Rezept.
Zum Schluss des Gespräches wies Mag. Hoyer auf das Abrechnungsprocedere zwischen Apotheken und Krankenkassen hin. Unabhängig von der EDV-mäßigen Verarbeitung und Übermittlung an die jeweilige Kasse müssen die Apotheker alle Rezepte auch weiterhin in Papierform zur Verfügung stellen. Die Kassen möchten auf die Kontrolle des geschriebenen Rezeptes des Arztes, welches der Apotheker expediert, taxiert und dann einreicht, nicht verzichten.

* in unserer Vorstellungsreihe der neu- und wiedergewählten Spitzenfunktionäre der Österreichischen Apothekerkammer
** Dazu erschien in der Zeitung des Hauptverbandes »Soziale Sicherheit« vom April 2002, S. 165–174, ein Artikel, welcher Herstellerabgabepreise, Spannen und Mehrwertsteuer europaweit vergleicht.

Besuchen Sie uns auch unter www.apoverlag.at
Copyright by Österreichische Apotheker-Verlagsges.m.b.H.