|
|
 |
|
Abb. 1
|
Abb. 2
|
Mag. pharm. Robert Müntz
150 Jahre maschinelle Hochpotenzen
"Der Erfahrung kommt es zu,
"
Methodenvielfalt. Der Versuch, bei der Homöopathischen Therapie die Erstverschlimmerung zu mildern, trieb im vergangenen Jahrhundert in den USA die Entwicklung immer höher potenzierter Arzneien voran.
Diese von der Methode Hahnemanns in vielen Punkten abweichende Methodik führte zur Bildung einer neuen Arzneistoffgruppe, den »maschinellen Hochpotenzen«, die hier in ihrer Entwicklung umrissen werden soll.
Seit der Begründung der Homöopathie durch Hahnemann hat sich am Kern der Homöopathie kaum etwas geändert. Die Simile-Regel, die Arzneifindung am Gesunden und die Gabenlehre zeigen sich unverändert und sind nach wie vor die Basis der Therapie. Bereichert wurde die Homöopathie aber durch Arzneien mit weit höheren Verdünnungsstufen, als sie Hahnemann verwendete. In Hahnemanns Nachlass wurde keine Arznei aus seiner Herstellung gefunden, die höher als C30 lag. (1)
Er sprach zwar immer von Arzneien, die bis zur C30 potenziert wurden, schloss es aber nicht aus, auch höhere Verdünnungen am Kranken anzuwenden. Der einzige Parameter, dies zu tun, war für ihn die Erfahrung am Krankenbett.
"Bloss der Erfahrung kommt es zu, zu entscheiden, ob dieser kleine Theil zu schwach geworden sey, etwas gegen Krankheiten auszurichten, zu schwach, um den für diese Arznei überhaupt geeigneten Krankheitsfall zu heben und in Gesundheit zu verwandeln. Dies kann kein Machtspruch aus der Studierstube, diess muss die Erfahrung, welche hier allein competente Richterin ist, allein entscheiden." (2)
Dieser Gedanke hat andere Homöopathen sehr bald dazu veranlasst, sich mit Hochpotenzen näher zu beschäftigen, sie herzustellen und in der Therapie zu testen.
Die 200er-Arzneien
Noch zu Lebzeiten Hahnemanns potenzierte Clemens Franz Maria von Boenninghausen (17851864) Arzneien bis zur C200. Er schrieb 1859: "So wie die Allopathie die Erfahrung benutzte, denn dieser allein und ausschließlich gebührt die Entscheidung, um zu wissen, wie hoch die Gabe gefahrlos gesteigert werden darf, ebenso benutzte die Homöopathie ihre Erfahrung, um zu erkennen, bis zu welchem Masse die Gabe verkleinert werden durfte, um noch den Zweck der Heilung damit zu erreichen." (3)
Boenninghausen motivierte auch Lehrmann, einen anderen Schüler Hahnemanns, ebenso C200er Potenzen nach der Methode Hahnemanns herzustellen. Lehrmann versetzte dem Fläschchen bei jeder Stufe 25 kräftige Schüttelschläge. (4)
Hahnemann sprach zwar immer von Arzneien, die bis zur C30 potenziert wurden, schloss es aber nicht aus, auch höhere Verdünnungen am Kranken anzuwenden.
Letztlich lag die Motivation, immer höher potenzierte Arzneien zu verwenden, in dem Bestreben, die Erstverschlimmerungen bei der Behandlung mit homöopathischen Arzneien zu verringern.
Allerdings stellte man sehr bald fest, dass dies nicht zu erreichen war, dass aber sehr wohl bei diesen Arzneien ein neuer Effekt auftrat:
Die Wirkungsdauer wurde wesentlich verlängert, und
die Arznei entfaltete nun Wirkungen, die im niedrigen Potenzbereich verborgen geblieben waren. (5)
Erste Schritte
Julius Caspar Jenichen wurde von Hahnemanns Schüler Gustaf Wilhelm Gross zur Homöopathie gebracht. Er war einer jener Hersteller, die durch bloße Handarbeit die ersten Hochpotenzen erzeugten. Er vertrat die Ansicht, dass vor allem die Schüttelschläge der Arznei die verschiedenen Potenzstufen verleihen.
Lange Zeit hielt er seine Methode geheim, da er vor der Veröffentlichung den gesamten Arzneistock hochpotenzieren und in der Therapie prüfen wollte. (6). Dieses Vorgehen brachte ihm zahlreiche kritische Stimmen ein, aber schließlich lüftete Berridge das Geheimnis:
Jenichen begann mit der C29, ließ den Inhalt verdunsten und füllte das Fläschchen dann wieder mit Alkohol. Nun schüttelte er es, wobei für eine Potenzstufe 12 Schüttelschläge standen. Seine ersten 800 Stufen wurden 1:300 verdünnt und jeweils 12 mal geschüttelt, danach war das Verhältnis 2:12.000, und es wurde 30 mal geschüttelt. (7)
In der Folge führte diese Vorgangsweise zur Entwicklung von Potenziermaschinen der verschiedensten Art.
Da nun unterschiedliche Lösungsansätze und Überlegungen zur Konstruktion derartiger Maschinen geführt haben, kam es zu Ergebnissen, die sehr differenziert zu beurteilen sind.
So wie damals ist auch heute allen Potenziermaschinen das Prinzip gemeinsam, dass sie nur ein einziges Arzneiglas zum Potenzieren brauchen. Diese von Graf Korsakoff entwickelte Einglasmethode im Centesimalverhältnis stellte damals eine revolutionierende Abweichung von Hahnemanns Potenzierweise dar. Aus Berichten mit persönlichen Kontakten zu Korsakoff im Jahr 1829 geht jedoch nicht hervor, ob Hahnemann sich gegen dieses Vorgehen ausgesprochen hatte.
Wollte man heutzutage eine 10M nach der Mehrglasmethode anfertigen, so würden die Selbstkosten des Herstellers allein für die Arzneiflaschen samt Verschluss ca. 2.180 Euro/30.000, ATS betragen. Diese Fläschchen bedecken bei enger Schlichtung eine Fläche von etwa 10 Quadratmetern und müssten nach einmaligem Gebrauch verworfen werden.
Diese Pionierarbeit zeigte aber auch den Homöopathen der damaligen Zeit, dass über die Stufe von Hahnemanns C30 Arzneien hinaus eine Wirkung, ja sogar eine Intensivierung der Arzneikraft zu erzielen war.
Nun war der Schritt zur maschinellen Potenzierung höherer Verdünnungen nicht mehr weit Mure brach das Eis und baute den ersten maschinellen Potenzierer.
Die maschinelle Potenzierung
Man kennt grundsätzlich zwei Arten von Potenzierern:
Fluxionspotenzierer, die durch Strömungen in Flüssigkeiten dynamisieren, und Succussionspotenzierer, die durch Schlagen die Potenzierungsenergie einbringen.
Bei den diskontinuierlich arbeitenden Fluxionspotenzierern wird das Potenzierglas immer wieder befüllt und entleert (Skinner, Boericke, Kent); die kontinuierliche Methode misst die Potenzstufe nach der Menge der fortwährend durchfließenden Arzneiträgerlösung (Swan, Allen, Fincke).
Aufgrund der großen Verbreitung, die die Fluxionsmethode in den Jahren um die Jahrhundertwende erreicht hatte, überwiegen die Kasuistiken mit derart hergestellten Arzneien in der Literatur.
Benoit Mure (18091858), ein Zeitgenosse Hahnemanns, war wahrscheinlich der Erste, der Potenziermaschinen baute (Abb. 1). In Palermo konstruierte er 1838 insgesamt 3 Maschinen nach der Succussionsmethode, mit denen er homöopathische Arzneien herstellte. Eine Stellungnahme Hahnemanns zu deren Wirkung ist bislang nicht bekannt, diese Arzneien waren auch nicht in Hahnemanns Pariser Praxisapotheke aufzufinden. (8)
Im Jahre 1865 veröffentlichte Bernhardt Fincke (18211906) eine Arbeit zur Erfindung seiner Potenzier-Maschine, mit der er Fluxionspotenzen herstellte. Zuvor hatte er sich in einer Reihe von Vorversuchen mit der maschinellen Potenzierung beschäftigt, wobei er auch die Kraft einer gespannten Stahlfeder zu nutzen versuchte. Mit seinen Fluxionspotenzen war Fincke auch der erste Hersteller, der weit höhere Verdünnungen als C200 anfertigte.
Der erste Apparat, den er bis 1869 in Gebrauch hatte, bestand aus einem dünnen Rohr, einem Glas und einem graduierten Vorratsbehälter. Aus der Wasserleitung wurde das Wasser in das Rohr geleitet, welches in das Potenzierglas führte. Aus diesem floss das Wasser in den Messbehälter, von dessen Graduierung man die Potenzstufe ableiten konnte. Fincke entnahm dieser Anordnung sehr unregelmäßige Potenzstufen wie 16c, 11m, 19m, 23m, 37m, 47m, 103m u.s.w. (Abb. 2)
Mit der Zeit kamen dem Entwickler Bedenken gegen seine bisherige Vorgangsweise:
Durch das Einspritzen der Flüssigkeit in das Potenzierglas konnte die Arznei sehr leicht verunreinigt werden.
Die unübliche Wahl der Potenzstufen
Das Messen der Potenzstufen mittels der Menge des abgeflossenen Wassers
Er verwarf daher 1869 all seine bisher hergestellten Arzneien und entwickelte das Gerät, mit dem er seine bekannten »Fincke High Potencies« herstellte:
Wesentlich war nun dabei das Messen des Arzneiträgervolumens vor dem Einströmen in das Arzneigefäß. (9) Da er seine Apparatur im Jahre 1869 patentieren ließ, konnte man lange Zeit keine genauen Details über die Art der Potenzierung erfahren, Kent berichtete aber von deren Eigenschaft: "The Fincke High Potencies never failed me; they act quickly, long and deeply." (10) (Abb. 3)
 |
|
Abb. 3
|
Fincke schreibt über seine Methode: "It differs in many respect from the other methods known but in one essential point the Hahnemannian mode of preparation has been preserved and perfected and that is by adhering rigidly to the centesimal scale."
Genau dabei irrte er aber, denn sein Verfahren unterschied sich wesentlich von jenem der Mehrglasmethode Hahnemanns. Er verwendete das kontinuierliche Verfahren, bei dem das Glas fortwährend durchströmt wird, von »Stufen« konnte daher keine Rede sein.
Er verwendete keinen Milchzucker zur Verreibung der Grundstoffe, da dieser seiner Ansicht nach selbst zu starke Arzneiwirkung entfalten würde. Alkohol hätte den Nachteil, zu rasch zu verdunsten und die Potenzstufe damit unbeabsichtigt zu erhöhen. Außerdem wäre er zu teuer, da für eine Fincke CM 5.000 Drachmen ~ 17kg Alkohol(1 Drachme = 3 Scrupel = 3,888g) erforderlich wären.
Die Startpotenzen stellte er bis maximal zur C30 mit Alkohol her, darüber arbeitete er mit destilliertem Wasser. Schon bald war ihm auch dies zu teuer und er wechselte zum Nassau-Wasser von Brooklyn aus der Wasserleitung in seiner Ordination. Der zunehmende Erfolg seiner Arzneien bestätigte seine Theorie, dass der Arzneigeist durch die Potenzierung zur C30 so weit in den Arzneiträger vertieft wird, dass er durch keine äußeren Einflüsse zerstört werden kann. So waren seiner Ansicht nach eventuell vorhandene Verunreinigungen im Nassau-Wasser ohne Nachteil für die Arzneiwirkung. "Each water has an individuality of its own that does not interfere with the action of high potencies in using it as vehicle for potentiation." (11)
Zur Potenzierung der ersten Schritte verdünnte Fincke im Verhältnis 1:100 mit Alkohol und versetzte dem Arzneiglas 180 Schläge im Dactylus Rhythmus. Danach entleerte er das Gefäß durch zwei kräftig abwärts geführte Schläge und befüllte es abermals mit 99T Alkohol. Bei wässrigen Arzneien potenzierte er so bis zur C6, bei fetten Arzneien bis zur C30, die nun seine »initial potencies« darstellten.
 |
|
Abb. 4
|
Nun arbeitete er mit der oben abgebildeten Apparatur (Abb. 4) weiter. Sie bestand aus einem Vorratsgefäß der Volumina 500ml, 5l oder 20l mit Graduierungen. Aus dieser Flasche ragte ein Glasrohr, das bis zum Boden reichte und an der Außenseite nach unten gebogen war. Es diente als Ablaufeinrichtung des Flascheninhaltes. Es reichte etwa 2,5cm unter das Niveau des Flaschenbodens und wurde durch ein Gummirohr mit dem Regulator, einem am Ende stark verjüngten Glasrohr, verbunden.
Dieses Rohr reichte nun bis an den Boden des Potenziergefäßes, das sich in einer hölzernen Aufnahme auf einer Ablaufrinne befand. Zum Start wurde das Ablaufrohr mit Wasser aus dem Vorratsbehälter gefüllt, das Regulatorrohr angeschlossen und dieses in das mit der »initial potency« benetzte Fläschchen geleitet. War das Ende der Potenzierung erreicht, schüttelte Fincke das Glas mit zwei kräftigen Schlägen aus und befüllte es wieder mit 95% Alkohol, um es dann zweimal im Dactylusrhythmus kräftig zu schütteln.
Er verschloss das Gefäß mit einem Korken und signierte folgendermaßen:
 |
|
Abb. 5
|
Das Wurzelzeichen steht für »Ausgangsstoff«, »F« für »tinctura fortis« = Urtinktur, »Flor.rec.« steht für »Frischpflanze«. Fincke notierte auch den Standort der gesammelten Pflanze. Die letzte Arznei stellt er im Jahre 1905 her.
Seine Arzneien wurden immer in Globuliform verabreicht.
In einem Artikel über die Herstellung von Hochpotenzen schreibt Adolph Lippe im Jahr 1868: "Lehrmann's 200th potencies act very similarly to the 30th of Hahnemann, Jenichen's act much more intensely, and Fincke's far surpass them as to intensity." (12)
Fincke erregte großes Aufsehen mit seiner Methode. 1941 stellt W. W. Robinson fest: "The discovery by Fincke that the »fluxion« or continuous flow of water through a receptable holding a fixed quantity enabled attenuations to be prepared without succussion provoced wide contention on the part of those who saw in such an accompishment a radical contention from what had long been accepted as an indispensable part of the attenuating procedure. But whatever the opinions, the fact remains that machines for making high attenuations became a reality and the reports of their clinical application were uniformly satisfactory." (29)
Die nächsten Hochpotenzen stellte Dr. Lentz her, der jedoch nie seine Methode verriet, und dessen Arzneien auch nie an Bedeutung gewonnen haben.
Kein »Magnetismus«
Ein Besuch bei Bönninghausen in Münster inspirierte 1851 den Amerikaner Dr. Caroll Dunham (18281877), sich mit Hochpotenzen zu beschäftigen. Zur Erprobung der Arzneiwirkung von 200er Potenzen entwickelte Dunham 1851 eine Apparatur, mit deren Hilfe er rasch und effektiv Arzneien hochpotenzieren konnte. Ihn interessierte vor allem die Frage, ob eine Wirkungsveränderung durch die starke mechanische Energie bei der Herstellung eintritt, und/oder ob die Energie der potenzierenden Person für eine Arzneiwirkung ausschlaggebend ist. (13)
In einem Brief an Dr. Lippe beschrieb er die Anlage:
"Eine stillgelegte Ölmühle, die mit Wasser angetrieben wurde, wurde für die Arzneipotenzierung eingesetzt. Sie bestand aus 4 Schlagbolzen, die jeder im Quadrat 20 cm maßen und 2,5 m hoch waren und mehr als 500 kg wogen. Diese wurden bei jedem Schlag 45 cm hochgehoben und herabfallen gelassen
Eng um die Stössel herum wurde eine massive Halterung aus Eichenholz für die Aufnahme von 120 Arzneifläschchen befestigt, die Arzneien wurden bei jeder Potenzstufe 125 mal auf die beschriebene Weise geschüttelt
Es war schwierig, ein geeignetes Glas zu finden, das dieser groben Behandlung widerstand. Ich verwendete pro Arznei ein einzelnes Glas, das nach dem Entleeren etwa 2 Tropfen Flüssigkeit zurückhielt. Ich fügte 198 Tropfen Alkohol in das Fläschchen und schüttelte es abermals
" Später berichtet Dunham, dass er bei der Arbeit von seinem Vater assistiert wurde, allein das Waschen der Fläschchen dauerte mehr als eine Woche. (14)
Er stellte nach diesen Versuchen fest, dass kein »Magnetismus« der Herstellerperson für die Arzneiwirkung Voraussetzung sei, da sonst seine Arzneien keine derart starke Wirkung entfalten könnten. Seine Arzneien wurden bis in die 40er Jahre unseres Jahrhunderts verwendet und standen in hohem Ruf.
 |
|
Abb. 6
|
Von Insomnie geheilt
Thomas Skinner (18251877) (Abb. 6) wurde in Newington, Edinburgh, Schottland geboren. Hier studierte er Medizin und erhielt sein Doktorat im Jahr 1853. In der folgenden Zeit entwickelte er die Skinner-Maske, mit der er großen Erfolg in der Anaesthesiologie hatte.
Nach einer Grippeerkrankung litt er 1871 an Insomnie, er konnte nicht mehr als 2 Stunden pro Woche schlafen. Zwei Jahre später traf er Dr. E. W. Berridge, der von England nach Pennsylvania reiste, um am Hahnemann Medical College Homöopathie zu studieren.
Berridge verordnete Skinner eine Einzelgabe von Sulfur MM von Boericke hergestellt, und Skinner war geheilt. Von nun an war Skinner ein Verfechter der Homöopathie.
Bei Versuchen mit einer naturgetreu nachgebauten Skinner-Maschine stellte man fest, dass nicht etwa ein 100stel Arznei an der Glaswand haften blieb, sondern ca. ein 17tel.
 |
|
Abb. 7
|
Er kam 1876 in die Vereinigten Staaten zum Internationalen Homöopathie-
kongress des amerikanischen Institutes für Homöopathie, geleitet von Dr. Caroll Dunnham. Dort traf er sämtliche Größen seiner Zeit, wie Hering, Lippe, H. C. Allen, T. F. Allen und Samuel Swan.
Im Jahr 1878 entwickelte Dr. Thomas Skinner den Strömungs-Centesimal Potenzierer, der so konstruiert war, dass er auf einem kleinen Waschbecken plaziert werden konnte. Er wurde mit Wasserkraft betrieben, und zwei Arzneigläser dienten zur Potenzierung, wobei das zweite Glas nur als Reserve diente (Abb. 7).
Das Potenzierungsprinzip stellte das intensive Einströmen von Arzneiträger in die Arzneilösung dar. Das Wasser (gewöhnliches Leitungswasser) strömte aus einer Phosphorbronzedüse, der Zustrom war regulierbar. Der Start der Maschine erfolgte folgendermaßen:
das Potenzierglas wurde mit der zu potenzierenden Arznei befüllt und etwa 1 Minute zur Benetzung der Wand geschüttelt. Danach wurde das Glas durch mehrere abwärts geführte Schläge entleert und in die Aufnahme gesteckt. Nun wurde die Maschine in Gang gebracht und bei jedem Schritt 100 Tropfen in das Glas eingespritzt, das hierauf durch einen Schwenk der Aufnahmeachse wieder ausgeleert wurde.
Wenn die gewünschte Potenzstufe erreicht wurde, entleerte man das Gefäß in ein neues Fläschchen, entleerte dies abermals und befüllte es wieder mit Alkohol. Nun wurde 25 mal kräftig geschlagen, und danach benetzte man Rohglobuli. Die Arzneien wurden mit FC (Fluxion Centesimal) bezeichnet, um sie von Hahnemanns Centesimalpotenzen zu unterscheiden.
Skinner betonte auch immer wieder die Diskontinuität seiner Methode im Gegensatz zu jener Swans und Finckes.
Über seine Maschine sagte Skinner: "Sie durchläuft 50 Centesimalstufen pro Minute, 3.000 pro Stunde, 72.000 pro Tag, 100.000 in etwa 33 Stunden und die M in etwa 14 1/2 Tagen." (15) In einem Brief an Dr. Hayes teilt James Tyler Kent mit, dass seiner Meinung nach die Skinner-Apparatur die einzige der Welt sei, die gute Arzneien hervorbringe.
Kurz vor der Jahrhundertwende boten Boericke & Tafel neben Swan- und Fincke- auch Skinner-Potenzen an.1
In den 30-er Jahren bauten Boericke & Tafel eine Weiterentwickung des Skinner-Centesimalpotenzierers durch ihre Firma »Penn Instrument Company« in Philadelphia.
 |
|
Abb. 8
|
Das Gerät ist von einem Gehäuse mit Glasschiebetüren umgeben und hat 6 Gefäßhalterungen auf einer gemeinsamen Achse. Damit sich die Arzneien gegenseitig nicht kontaminieren können, ist jedes Gefäß in dem Kasten durch eine Trennwand noch zusätzlich abgeschirmt. Das Wasser wird aus einstellbaren Spritzen in eprouvettenartige Gefäße gespritzt, welche die Arznei enthalten. Danach werden die Gefäße umgeschwenkt und entleert. Ein Zyklus dauert etwa eine Sekunde (Abb. 8). (16)
Rückblickend kann man feststellen, dass Skinners Arzneien die weitaus größte Verbreitung unter den Hochpotenzen gefunden haben. Um 1960 gab es in den USA keinen Hersteller, der Arzneien höher als bis zur C200 selbst potenzierte. Wenn man damals eine Hochpotenz kaufte, stammte sie höchstwahrscheinlich aus dem Fundus von Boericke & Tafel, also aus einer Skinner-Apparatur.
Es herrschte bis vor kurzem in Homöopathenkreisen die irrige Ansicht, dass Skinner-Arzneien, so wie es Boericke & Tafel beworben hatten, mit Schüttelschlägen potenziert wurden. Erst beim Versuch, die Maschine als Standardmethode in das Amerikanische Arzneibuch HPUS aufzunehmen, wurde der Irrtum evident. Seither sind diese Arzneien in den USA nicht mehr verkehrsfähig, da sie zu sehr von der Hahnemann-Methode des Verdünnens und Schüttelns abweichen.
Bei Versuchen mit einer naturgetreu nachgebauten Skinner-Maschine stellte man darüber hinaus fest, dass nicht etwa ein 100stel Arznei an der Glaswand haften blieb, sondern ca. ein 17tel. (17)
 |
|
Abb. 9
|
Geschüttelt
Wenige Jahre später baute James Tyler Kent (18491916) seinen eigenen Potenzierer, der von Erhart und Karl in Chicago zur Arzneiherstellung eingesetzt wurde.
Diese Apparatur potenzierte bis zur CM, und sie war die einzige, die die Flüssigkeit bei jedem Schritt schüttelte. Außerdem verwendete Kent als Arzneiträgerflüssigkeit filtriertes Wasser im Gegensatz zu allen anderen Herstellern, die gewöhnliches Leitungswasser einsetzten (Abb. 9).
An der Maschine befand sich ein Motor, der zwei Achsen, die mit einem Schneckengetriebe miteinander verbunden waren, antrieb. Auf den Achsen befanden sich die Exzenterscheiben für die Ausübung der Schläge, des Öffnungsmechanismus und des Hebemechanismus. Gestartet wurde mit Urban J. Erharts handpotenzierter C1000.
Verschlossen wurden die beiden Arzneiröhrchen beim Potenziervorgang durch eine Ledermembran, die nach jeder abgeschlossenen Stufe gesenkt wurde und den Inhalt des Röhrchens ablaufen ließ.
Leider gibt es keine Angaben über die Art und Weise, wie die leeren Röhrchen wieder mit Wasser befüllt wurden, es gibt auch keine Zeitzeugen mehr.
Es gilt als unwahrscheinlich, dass Kent Wasser lediglich durch einen Schlauch von der Schwerkraft angetrieben wieder in das System zulaufen ließ. (18)
In der Liste von Erhart & Karl wurden 900 Kent-Arzneien in den Potenzen 10M, 50M und CM angeboten, die Preise für jeweils 1 oz2 betrugen $1.00, $1.50 und $2.00. Erhart und Karl vertrieben noch bis zum Jahre 1940 die Arzneien aus der Kent- und Allen'schen Maschine (Abb. 10). (19)
 |
|
Abb. 10
|
DM, MM, CMM, DMM
Der Fluxion-Centesimal Potenzierer des gebürtigen Quebekers H. C. Allen (18351909) ging von Kents CM aus und potenzierte durch starkes Einspritzen von Wasser in ein rundes Arzneigefäß, das von Kent selbst gefertigt war. Sobald man die höchste Potenzstufe von DMM erreicht hatte, wurde das Potenzierglas vernichtet, damit es nicht versehentlich nochmals in Gebrauch kommen konnte. In das Potenziergefäß reichten einige Rohre, die das Wasser unter verschiedenen Winkeln auf den Glasboden pressten, wodurch die Flüssigkeit in Turbulenzen versetzt wurde und die gesamte Gefäßoberfläche überströmte. Das Glasgefäß selbst war in einer festen Aufnahme eingespannt, damit der heftige Wasserdruck es nicht zerstören konnte.
 |
|
Abb. 11
|
Verbunden mit dieser Maschine waren weiters ein Wasserfilter, Antriebsmotor und eine Wasseruhr.
Von dieser Potenziermaschine blieb uns keine Abbildung überliefert.
In der Arzneiliste von Erhart & Karl werden 250 Polychreste angeführt.
Ihre Potenzstufen waren die DM, MM, CMM und DMM zum Preis von $2.00, $2.50, $3.00 und $3.50. (20)
Die abgebildete Apparatur von S. P. Burdick war Inhalt einer Publikation im North American Journal of Homeopathy im Jahre 1879. Sie wurde von Martin Deschere als die erste Konstruktion bezeichnet, die dem Centesimalprinzip voll entsprach. In der Praxis dürften sich jedoch die damit hergestellten Hochpotenzen nicht bewährt haben, da weitere Angaben weder zum Verbleib der Maschine noch zur Wirkung der Arzneien überliefert sind (Abb. 11). (35)
 |
|
Abb. 12
|
Beeinträchtigt
Francis Edmund Boericke (18261901) wurde in Glachau, Deutschland, geboren und wanderte 1849 in die USA aus, wo er Rudolf Tafel traf. Im Jahre 1863 schloss er sein Medizinstudium am Hahnemann Medical College of Pennsylvania ab. 1878 veröffentlichte er einen Artikel über eine von ihm konstruierte Potenziermaschine. Diese wurde mit einer Handkurbel betrieben, mit der Wasser über ein Kolbensystem in ein Arzneiglas gepumpt wurde, das dann 5 mal geschlagen und anschließend entleert wurde (Abb. 12).
Skinner vermutete, dass Boerickes schlechter Gesundheitszustand auf den fortwährenden Einfluss von Hochpotenzen auf dessen Körper während der Herstellung zurückzuführen wäre. (21)
Der junge Arzt Dr. Ellis M. Santee konstruierte am Hahnemann College in Philadelphia 1889 einen Potenzierer, der so einfach konstruiert war, dass sich damit jeder Arzt seine Arzneien in der Ordination herstellen konnte. Das Gerät war in einer Art Koffer untergebracht, der Platz auf jedem Waschbecken einer Ordination hatte. Der Wasserzulauf führte zu einer Wassermessuhr, die zugleich als Potenzstufenanzeige diente, und anschließend in eine Düse, deren 30 Öffnungen den Arzneiträger Wasser ausströmen ließen und die Arznei im Auffanggefäß durchwirbelten und verdünnten. War genug Flüssigkeit ausgeströmt, wurde der Behälter durch die Schwerkraft nach unten gekippt und entleert, dieser Vorgang wiederholte sich immer wieder (Abb. 13).
Der Überlieferung nach verwendete auch J. T. Kent eine gewisse Zeit ein derartiges Gerät. (22)
 |
|
Abb. 13
|
»Bottle-Washer«
Samuel Swan (18131893) war als Spätberufener bekannt für seine zahlreichen selbst hergestellten Arzneien, darunter Lac defloratum, Medorrhinum, Tuberculinum und Syphillinum (23). Seine Potenziermethode bestand darin, einen kontinuierlichen Flüssigkeitsstrahl in ein Gefäß, in dem einmal ein Tropfen Arzneisubstanz gewesen war, einzuleiten. Die Höhe der Potenz maß er an der Menge des durchgelaufenen Wassers. Lippe nannte ihn einen »Bottle-Washer«, und Kent schrieb 1903: "Swans Potenzen sind ein Betrug der übelsten Sorte. Ich habe gesehen, wie er sie herstellt und habe daraufhin alle meine Swan-Potenzen weggeworfen." (24)
Nach dem Tod der genannten Konstrukteure fand auch die Bewegung der maschinellen Potenzierung ein vorläufiges Ende.
Dezimalpotenzen die Gegenbewegung
Die Zeit der Entwicklung der maschinellen Hochpotenzen war begleitet von heftigen Kontroversen zwischen den Homöopathen. In der Folge führte dies aber auch dazu, dass die Anhänger der Hoch- und Tiefpotenzen eigene Wege gingen.
Mit dem Niedergang der Homöopathie in den USA verringerte sich auch der Bedarf an Hochpotenzen, und die Hersteller wandten sich wieder den Arzneien im Tiefpotenzbereich zu.
So war es Constantin Hering in Philadelphia, der dem nun steigenden Bedarf an Tiefpotenzen durch die Einführung der Dezimal-Triturationen Rechnung trug. Die dabei geltenden Grundsätze wurden von Vehsemeyer in Berlin veröffentlicht und fanden bald ihren Niederschlag in den Pharmacopoen Gruners und W. Schwabes. Die Motivation Vehsemeyers, die D-Potenzen einzuführen, lag in deren genaueren Dosierbarkeit. Er meinte, dass ein Mittel, das in der C3 nicht wirke, in der C2 schon zu stark sei, und man mit der feineren Abstufung der Dezimalreihe das Dosisproblem lösen könne. Sein Verständnis zum Wirkungsmechanismus bewegte sich also im Bereich der Substanzwirkung. Hahnemanns Lösungsansatz war ja ein konträrer, ihm wirkten die Centesimalpotenzen zu heftig, und er entwickelte die Q-Potenzen (50.000er Reihe), die wesentlich weicher wirkten und besser zu dosieren waren (25,26,27,28).
Lesen Sie im zweiten Teil unseres Artikels in einer der nächsten Nummern der ÖAZ zur Präzision der Korsakoff-Methode sowie über die Konstruktion einer modernen Variante eines Korsakoff-Potenzierers der HTBLA Eisenstadt. Die angeführte Literatur liegt in der Redaktion auf.
Anschrift des Verfassers: Mag. Robert Müntz, Salvator-Apotheke, Hauptstraße 4, 7000 Eisenstadt
1 Anmerkung des Autors: FC = fluxion centesimal bei Skinner (diskontinuierlich) FC = fluxion continuous bei Loch, z.Zt in Brasilien angewandte Potenziermethode (kontinuierlich)
2 entspricht knapp 30g
|
|
|
|
Besuchen Sie uns auch unter www.apoverlag.at
|
|