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Fortbildungswoche der Apothekerkammer:
Neurologie und Psychiatrie
Das weite Land
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Die Künstler aus Gugging, 2000
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Verachtet, verehrt. Nach der Definition der WHO sind psychische Störungen "klinisch bedeutsame Verhaltensmuster oder psychische Syndrome, die bei einer Person auftreten und mit momentanem Leiden oder mit einem stark erhöhten Risiko einhergehen, Schmerz oder Beeinträchtigung, einen tiefgreifenden Verlust an Freiheit oder Lebensqualität zu erleiden oder zu sterben". Viele Worte in einem langen Satz für eine Art von Krankheit, die die meisten ihrer Patienten sprachlos und einsam macht.
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Arthur Schnitzler (18621931)
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Arthur Schnitzler war nicht nur Zeitgenosse Sigmund Freuds, er war vielmehr als Arzt auch durch dieselbe Wiener medizinische Schule gegangen wie Freud und hatte sich wie er auf dem Gebiet der Nervenkrankheiten spezialisiert, insbesondere auf Hysterie und Neurasthenie, und darüber auch publiziert (1). Schnitzlers Interesse für psychische Erkrankungen, für das Un- und Unterbewusste und für psychotherapeutische Methoden fanden auch in seinen Dichtungen immer wieder Niederschlag.
"Die Seele ist ein weites Land" (2) schrieb Schnitzler 1911, und bereits damals war man bestrebt, dieses weite Land zu kartographieren. Nicht zu Unrecht wird das 20. Jahrhundert manchmal als das Jahrhundert der Psychotherapie bezeichnet, Psychoanalyse und Psychotherapie haben diese Epoche mehr beeinflusst und umfassender geformt als viele andere Entdeckungen, und wurden in die Wissenschaft zur Heilung von seelischen Leiden eingeführt.
Die Griechen nannten die Seele »Psyche« auch »Hauch«, »Atem« oder »Schmetterling« , in der Mythologie wird von der Vermählung von Amor und Psyche (3) berichtet:
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Amor und Psyche mit dem Salbengefäß, das den Todesschlaf enthält.
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Die Königstochter Psyche war ein wundervolles Mädchen, ihre Schönheit wurde so bewundert, dass man sie die zweite Venus nannte. Das hat den Neid der Göttin herausgefordert und Venus beschloss, ihr zu schaden: sie befahl ihrem Sohn Amor, Psyche mit dem Pfeil der Schmerzen zu treffen, und in den unmoralischsten Menschen verliebt zu machen. Amor flog, um die Wünsche der Mutter zu vollziehen, zur Erde, sah aber das schöne Mädchen und verliebte sich selbst in Psyche. Er entführte sie in einen Palast, umgeben von einem ewig blühenden Garten, wo sie an seiner Seite höchstes Glück genoss, allerdings den Geliebten selbst niemals sah, weil er sie nur in dunkler Nacht besuchte, und ihr untersagte, nach ihm zu forschen.
Eines Tages wollte Psyche ihre Schwestern wiedersehen, und Amor erfüllte ihr diesen Wunsch. Voll Neid über das Glück der Schwester redeten diese Psyche jedoch ein, dass ein Ungeheuer allnächtlich an ihrer Seite ruhe, und dass es ihre Pflicht sei, dasselbe zu ermorden. In Todesangst, eines Monsters Beute zu sein, erhob sich in der folgenden Nacht Psyche, nahm eine verborgen gehaltene Lampe und einen Dolch und wollte den Todesstreich führen; da sah sie den Götterjüngling, seine goldenen Flügel schimmerten im Licht der Öllampe. Er war so schön, dass Psyche aufseufzte. Das Licht in der Hand zitterte, und Tropfen heißen Öls fielen auf die Schulter des jungen Gottes. Sogleich erwachte Amor, vom Schmerz der Brandwunden geweckt, und zornig, sein Gebot nicht befolgt zu sehen, entfloh er.
Psyche, von Gewissensbissen und Sehnsucht geplagt, suchte den Geliebten nun überall, und kam zuletzt selbst in den Palast der Venus. Die Göttin aber befahl ihr, in die Unterwelt zu gehen und von Proserpina (Persephone) eine Heilsalbe für Amors Brandwunden zu holen. Unterwegs in Plutos Reich musste das Mädchen etliche Leiden und Abenteuer überstehen, aber mittels zweier Münzen konnte sie schließlich den Fährmann Charon für eine Hin- und Retourfahrt über den Totenfluss gewinnen, den schrecklichen dreiköpfigen Hund Zerberus besänftigte sie mit Honigkuchen. Mit dem Salbengefäß in der Hand kam sie endlich wieder ans Tageslicht. Neugierig öffnete sie die Dose, doch es war keine Heilsalbe, sondern der Todesschlaf der Unterwelt in dem Gefäß. Psyche stürzte leblos zu Boden.
Amor, dessen Wunden in der Zwischenzeit auch ohne Salbe heilten, vergaß seinen Groll und sehnte sich nach seiner Geliebten. Da erblickte er sie auf der Erde, wie tot am Boden liegend. Sofort breitete er seine goldenen Flügel aus und flog zu ihr. Sorgsam wischte er ihr den Todesschlaf ab und tat ihn zurück in die kleine Dose. Dann weckte er Psyche mit einem zarten Stich seines Pfeils. Amor flehte nun seine Mutter um Verzeihung für Psyche an, doch Venus blieb unerbittlich. Erst als auch der Göttervater Jupiter ein gutes Wort einlegte, gewährte ihr Venus Gnade.
Der von Jupiter beauftragte Götterbote Merkur brachte nun Psyche auf den Olymp, und sie wurde unter die Unsterblichen aufgenommen. Die anschließende Hochzeit von Amor und Psyche war äußerst prunkvoll, alle Götter nahmen daran teil. Seit dieser Zeit soll sich der Gott der Liebe aber von der Erde zurückgezogen haben, und nur noch sein Bruder Pathos (das Verlangen) die Herrschaft über die Menschen führen.
Soweit aus den Metamorphosen des Lucius Apuleius, römischer Schriftsteller, Rhetor und Philosoph (ca. 125180 n. Chr.)
Die Geschichte von Amor und Psyche ist nichts anderes als eine Allegorie: das Bild der menschlichen Seele, die durch Leiden geläutert auf den Genuss reiner und echter Freude vorbereitet und empfänglich gemacht wird. Psyche wird gewöhnlich mit Schmetterlingsflügeln dargestellt, auch hält sie häufig einen Schmetterling auf der offenen Hand, da der Schmetterling ja auf griechisch gleichfalls Psyche heißt.
In der Psychologie steht das Wort »Psyche« für das seelisch-geistige Leben des Menschen. Die Psychiatrie als Fachgebiet der Medizin befasst sich mit Erkennung, Behandlung und Prävention von psychischen Störungen. Die Abgrenzung zur Neurologie, die sich mit den Erkrankungen des ZNS und/oder der peripheren Nerven beschäftigt, ist nicht immer leicht.
Still und allein
Viele Menschen leiden im Stillen und allein, heißt es im WHO-Bericht 2001, der kürzlich in Genf veröffentlicht wurde (4). Unter den Hauptursachen für Invalidität sind Krankheiten wie Depression, Schizophrenie, Zwangsneurosen sowie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit prominent vertreten. Auf der Liste der Ursachen für Behinderung liegen depressive Störungen an erster Stelle, Diabetes mellitus ist erst auf Platz 20 und damit als Schlusslicht zu finden.
Psychische Krankheiten machen weltweit rund elf Prozent aller Krankheiten aus. Die Depression steht an vierter Stelle der zehn häufigsten Krankheiten. Im Jahr 2020 dürfte sie den zweiten Platz einnehmen.
Nur eine kleine Zahl jener Menschen, die an psychischen oder neurologischen Krankheiten leiden, erhält jedoch nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation Behandlung und Pflege. Zahlreiche Tabus, die eine Prävention und Behandlung der Krankheiten verhindern, müssten abgebaut werden, fordert der Weltgesundheitsbericht.
Allein die Depressionen richten mehr volkswirtschaftlichen Schaden an als AIDS, Krebs und Kriege zusammengenommen. Rund 800.000 Österreicher sind zurzeit an dieser seelischen Störung erkrankt (5). Von Depressionen überdurchschnittlich betroffen sind sensible und künstlerisch begabte Menschen. Berühmte Beispiele gibt es jede Menge: Robert Schumann, Ernest Hemingway, Virginia Woolf, Prinz Claus, der Ehemann der niederländischen Königin Beatrix oder Backstreet Boy A. J. McLean.
Von der Verteufelung bis zur Verehrung reichten in verschiedenen Gesellschaften die Reaktionen auf psychisch und neurologisch Kranke. Diese Ängste und Unsicherheiten spiegelten sich in der Behandlung seelisch Kranker wider. Psychisch Kranke irritierten ihre Mitmenschen schon immer. Weil ihr Verhalten nicht verstanden wurde, führten es primitive Kulturen auf Besessenheit durch einen Dämon zurück, grenzten die Kranken aus oder töteten sie sogar. Erst Ende des 17. Jahrhunderts wurde in Frankreich die Todesstrafe für »Besessenheitswahn« abgeschafft. Im Schamanismus nordamerikanischer Indianer und teilweise in Indien hat man die Betroffenen hingegen als heilig oder »gottgesandt« angesehen und entsprechend verehrt. Unter den Epileptikern finden sich berühmte Namen wie Julius Caesar, Alexander der Große, Sokrates, Napoleon Bonaparte, aber auch Molière, F. M. Dostojewskij, Alfred Nobel, Hermann von Helmholz und Wladimir Iljitsch Lenin (5).
Ein kreativer Ausnahmezustand
Kaum ein Krankheitsbild ist farbiger als die Schizophrenie. Auf Menschen mit einer schizophrenen Psychose stürzen zu viele Sinneseindrücke gleichzeitig ein. Die Ursache dafür sind gestörte biochemische Prozesse im Gehirn, bei denen das empfindliche Gleichgewicht der Botenstoffe aus den Fugen geraten ist.
In der Bevölkerung wird Schizophrenie häufig mit der Multiplen Persönlichkeitsstörung verwechselt. Bei dieser Erkrankung existieren zwei oder mehr verschiedene Persönlichkeiten innerhalb eines Individuums. Typisches Beispiel für diese Krankheit ist die Geschichte von Dr. Jekyll und Mister Hyde (7). Bei der Schizophrenie treten solche Phänomene jedoch nicht auf.
Dass schizophrenen Gehirnen außergewöhnliche Leistungen entspringen können, das wissen wir spätestens seit Friedrich Hölderlin, von dem Prof. Navratil (8) sicherlich annimmt, er sei schizophren gewesen. Menschen, die im Laufe ihres Lebens eine Schizophrenie entwickeln, sind meist sensibler, empfindsamer gegen äußere und innere Einflüsse. Der Dichterarzt Gottfried Benn (18861956) hat einmal aufgezählt, welche bedeutenden Künstler und Wissenschafter nachweislich unter Schizophrenie »litten«; neben Hölderlin nennt er Vincent van Gogh, Newton und Strindberg (9). Menschen, bei denen wir zunächst an ihre Werke, ihre Gemälde, Gedichte und Geschichten denken und nicht etwa an ihre Erkrankung.
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Vincent van Gogh, Selbstbildnis mit verbundenem Ohr (1889)
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1888 arbeitet Vincent van Gogh in einem wahren Schaffensrausch. Am 23. Oktober kommt Paul Gauguin (18481903) in Arles an. Er arbeitet und lebt mit Vincent van Gogh im »Gelben Haus«. Die Beziehung der beiden Künstler verschlechtert sich, nachdem sie zwei Monate zusammenlebten. Nach Gauguins Bericht geht Vincent am 23. Dezember mit einem Rasiermesser auf ihn los. Gauguin stürzt aus dem Haus und übernachtet in einem Gasthof. Vincent erleidet in der Nacht einen Anfall geistiger Umnachtung und schneidet sich den unteren Teil des linken Ohres ab. Er wickelt es in Zeitungspapier und bringt es der Prostituierten Rachel als Geschenk ins Bordell. Die Polizei findet ihn am frühen Morgen verletzt im Bett und liefert ihn ins Krankenhaus ein. Als Ursache seines Leidens werden Epilepsie, Trunksucht (10) und Schizophrenie vermutet.
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Die Gugginger Künstler
Ende der 50er Jahre ließ der Psychiater Leo Navratil in der Landesnervenklinik für Psychiatrie in Maria Gugging zu Testzwecken Zeichnungen von seinen Patienten anfertigen. In den folgenden Jahrzehnten fand er mehrere künstlerische Talente in seiner Abteilung. 1970 fand die erste Ausstellung statt und 1981 wurde das »Zentrum für Kunst- und Psychotherapie« gegründet. Nach der Pensionierung Navratils 1986 wurde es von seinem Nachfolger Johann Feilacher in »Haus der Künstler« umbenannt. Diese inzwischen zu den wichtigesten Vertretern der Art Brut gezählten Künstler erhielten 1990 den Oskar Kokoschka-Preis für die Verdienste um die zeitgenössische Kunst.
Das vom Verein »Freunde des Hauses der Künstler in Gugging« betriebene Haus der Künstler gründet ein »IntegrativesCulturCentrum«, in dem die »Privatstiftung Gugging« wesentliche Werke der Künstler zeigen wird. Eine eigene Galerie der Gugginger Künstler vertritt ihre Werke. Zu den bedeutendsten Vertretern zählen Johann Hauser, Oswald Tschirtner sowie der im vergangenen Sommer verstorbene August Walla. Die Werke der Künstler wurden bisher in über 200 Ausstellungen in Museen und Galerien von New York bis Tokio gezeigt (11).
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Heinrich Reisenbauer »Sonnen«, Nr. 96-015, Bleistift u. Farbstifte auf Papier
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Die führenden Ursachen für Jahre, die man mit einer Behinderung lebt (beide Geschlechter, alle Altersgruppen) (Leading causes of years of life lived with disability (YLDs), in all ages, by sex, estimates for 2000, The World Health Report 2001, WHO)
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.
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.
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% vom
Gesamten
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1
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unipolare depressive Störungen
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11,9
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2
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Schwerhörigkeit mit Beginn bei Erwachsenen
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4,6
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3
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Eisenmangel-Anämie
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4,5
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4
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chronisch obstruktive Lungenerkrankung
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3,3
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5
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Alkohol induzierte Erkrankungen
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3,1
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6
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Osteoarthritis
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3,0
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7
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Schizophrenie
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2,8
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8
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Stürze
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2,8
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9
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bipolare affektive Störungen
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2,5
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10
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Asthma
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2,1
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11
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angeborene Behinderungen
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2,1
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12
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bei Geburtskomplikationen und in den ersten Lebenstagen erworbene Behinderungen
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2,0
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13
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Alzheimer'sche und andere Demenzen
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2,0
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14
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Katarakt (grauer Star)
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1,9
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15
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Verkehrsunfälle
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1,8
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16
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Mangelernährung
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1,7
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17
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cerebrovaskuläre Erkrankungen (Schlaganfälle)
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1,7
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18
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HIV/AIDS
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1,5
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19
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Migräne
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1,4
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20
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Diabetes mellitus
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1,4
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Therapie und Therapieversuche
Die Entwicklung der Psychiatrie war im Laufe ihrer relativ kurzen Geschichte von zahlreichen Irrwegen gekennzeichnet, sie spiegelt sich wider in den mitunter absurd, grausam und verzweifelt anmutenden Behandlungsversuchen der letzten Jahrhunderte (s. Kasten).
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Historisches Schreckenskabinett: Ottfried K. Linde zählt in seinem Werk einige historische Therapien auf, die dem Anspruch einer Heilkunde aus heutiger Sicht nicht gerecht werden (12).
Hydrotherapie (18. und 19. Jh.): Kaltwasser- und Eiskuren, Wärmebäder mit Zusätzen, Darmspülungen, Überraschungs- und Sturzbäder der Schreck sollte heilen.
Überwässerungstherapie (18. Jh. Bis 1938): Die Patienten mussten unphysiologisch hohe Mengen Wasser trinken, zuletzt kombiniert mit dem Antidiuretikum Tonephin.
Opium (seit der Antike): vor allem gegen Melancholie gegeben.
Fieber- und Infektionstherapie (1870 bis 1930): Von der Malariaimpftherapie bis zur Infusion von Lämmerblut (mit anaphylaktischem Schock) reichte hier das Repertoire (Fiebertherapie bei progressiver Paralyse, Wagner-Jauregg 1917, Nobelpreis 1927)
Schlaftherapie (Klaesi 1922) Dauernarkosen von einer Woche mit Somnifen.
Insulin-Koma (Manfred Sakel 1933)
Cardiazol-Konvulsion (Meduna 1934) Aus der Idee eines biologischen Antagonismus zwischen Schizophrenie und Epilepsie abgeleitet, wurde das Krampfmittel gegeben.
Lobotomie (Egas Moniz 1936, Nobelpreis 1949): vor allem in angelsächsischen Ländern bei Schizophrenie angewandte Operationstechnik, bei der Teile des Frontallappens reseziert oder das Corpus callosum durchtrennt werden.
Elektrokonvulsion (Bini und Cerletti 1938): Durch Elektroschock hervorgerufener »Heil-Krampf«.
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Am 16.8.1784 wurde das alte AKH eröffnet. Der »Narrenturm« wurde bereits 5 Monate vorher belegt. Heute ist das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum darin untergebracht.
Foto: Franz Biba
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Der Narrenturm
Die Kasernierung von Irren, im alten Österreich durch den Wiener »Narrenturm« symbolisiert, stieß schon früh auf Ablehnung, wurde aber erst durch die Entwicklung der Psychopharmaka und den Ausbau der extramuralen Versorgung in größerem Ausmaß abgebaut.
Bis zum Ende des 18. Jhdts. war die ärztliche Betreuung Geisteskranker völlig unzulänglich. Die Patienten wurden in den Krankenhäusern in vergitterten Zellen angekettet und fristeten ihr Dasein in völliger Isolation, in Wien vor allem im Siechenhaus in St. Marx oder im Bürgerspital, in dem es einen eigenen »Kotter für Irre« gab. Gleichzeitig wurden »Tobsüchtige« bei Jahrmärkten als Attraktionen zur Abschreckung und Belustigung in Käfigen vorgeführt.
So gesehen war eigentlich der »Narrenturm«, der 1784 in der Mitte des Wiener Allgemeinen Krankenhaus errichtet wurde, ein Symbol des Fortschrittsdenkens. Der fünfstöckige Rundbau mit 139 Einzelzellen war die erste »psychiatrische Abteilung«, die einem Krankenhaus angegliedert wurde. Kaiser Joseph II. hat das Gebäude nicht nur aus eigener Tasche bezahlt, sondern auch massiv auf Planung und Bau Einfluss genommen (13). Der Kaiser gab dem Spitalsdirektor Josef Quarin auch genaue Anweisungen für die Einweisung der ersten 100 Insassen: Unruhige Kranke sollten »angeschmiedet« werden, von den leichteren Fällen "in jede Kammer zu zwei und zwei Männer und Weiber, immer vom nähmlichen Geschlechte, zusammengesperrt werden". Das unheimliche Gebäude, von einer Mauer umgeben und nur durch ein Tor zu betreten, war in seiner ursprünglichen Funktion bis 1866 in Betrieb. Heute ist darin das Pathologische-anatomische Bundesmuseum untergebracht (1090 Wien, Spitalgasse 2).
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Rauwolfia serpentina
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Psychopharmaka
Keine Behandlungsform hat die psychiatrische Therapie so revolutioniert wie die Psychopharmaka. Sedierende Verfahren in jeglicher Form gibt es seit Menschengedenken: Das geht von lauwarmen Bädern über beruhigende, angstlösende oder schlaffördernde Pflanzenheilmittel bis zu psychotherapeutischen Maßnahmen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen die ersten chemischen Produkte auf den Markt bis zu den Benzodiazepinen ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Doch mit Beruhigung allein war es oft nicht getan. Denn vor allem bei Patienten mit einer Psychose reicht die reine Beruhigung nicht aus. Es braucht eine gezielte antipsychotische Wirkung. Die gab es zwar in Ansätzen auch bei den Pflanzenheilmitteln mit Wirkung auf das Seelenleben, z.B. der Rauwolfia serpentina (s. Foto), doch erwies sich dies für den Alltag letztlich als völlig unzureichend und vor allem risikoreich.
Deshalb gab es im Grunde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kein wirkliches antipsychotisches Medikament. Doch dann kam die berühmte Phase, innerhalb derer in wenigen Jahren die ersten chemischen Beruhigungsmittel, Antidepressiva, Phasenprophylaktika und vor allem das erste Neuroleptikum entwickelt wurden.
Der jüngste Trend bei Befindensschwankungen aber liegt auf ganz anderer Ebene und die könnte tatsächlich eine risikolose Alternative werden: Pflanzenmittel mit psychotroper Wirkung, also Johanniskraut, Baldrian, Melisse, Hopfenzapfen u.a. Sie sind zwar so alt wie die Menschheit, aber erst in letzter Zeit hat man sich verstärkt ihrer besonnen.
Aber denken wir immer daran, dass wir erst seit rund 4 Jahrzehnten die Psychosen so weit mildern, ja ihr Beschwerdebild (nicht die Ursachen) zu beheben vermögen, dass die Betroffenen ein »normales« Leben führen können. Auch die Erfolge in der Neurologie in den letzten Jahrzehnten können sich sehen lassen: Man denke z.B. an moderne Therapien bei Migräne, Epilepsie, Parkinson, MS oder Schlaganfall. Die Entwicklung der Arzneimittel in der Neurologie und Psychiatrie ging in den letzten Jahrzehnten atemberaubend schnell. Aber erst die richtige Anwendung macht das gute Medikament zu einem wirkungsvollen. Daher beschäftigt sich die Fortbildungstagung der Österreichischen Apothekerkammer vom 24. Februar bis 1. März 2002 in Saalfelden (14) ganz wesentlich mit den Wirkungen und möglichen unerwünschten Wirkungen der Arzneimittel, die in der Neurologie und Psychiatrie Verwendung finden. Und nach der Tagung wird das weite Land der Psychopharmaka hoffentlich wieder einige weiße Flächen weniger auf der Landkarte der Teilnehmer haben.
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Geschichte der Psychopharmaka
Lithium (Cade 1949; Schou ab 1960)
Neuroleptika (Delay & Deniker 1952)
Antidepressiva (Kuhn 1957)
Benzodiazepine (Chlordiazepoxid 1960; Diazepam 1962)
Antikonvulsiva als Phasenprophylaktika (Carbamazeptin ab 1970; Valproinsäure ab 1966)
Antidementiva (z.B. Donepezil ab 1997)
Anticraving-Substanzen (Acamprosat ab 1995)
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1 M. Worbs: Nervenkunst. Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende, 1988, S. 179258,
2 A. Schnitzler: Das weite Land. Tragikomödie in fünf Akten (1911)
3 Apuleius, Metamorphosen, 4.28ff: Das Märchen von Amor und Psyche
4 siehe unter http://www.who.int/whr/
5 Angelika Hager und Nina Horowitz: Einmal Hölle und zurück, Profil 32 (2001) Folge 51 S 7885
6 Deutsches Epilepsiemuseum Kork, www.epilepsiemuseum.de
7 das gleichnamige Musical nach der Novelle von Robert Louis Stevenson, wird noch bis Mai 2002 im Theater an der Wien aufgeführt.
8 Leo Navratil, Schizophrenie und Kunst Überarb. Neuausg. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch (1996).
9 Gottfried Benn, Genie und Gesundheit, Berlin 1930
10 bei Absinth-Trinkern sind schizophrene und epileptische Anfälle hervorgerufen durch den hohen Thujon-Gehalt bekannt.
11 Die Gugginger Künstler betreiben unter www.gugging.org eine eigene Website.
12 Linde, O. K. (Hrsg.): Pharmakopsychiatrie im Wandel der Zeit. Tilia-Verlag, Klingenmünster 1988
13 Alfred Stohl: Der Narrenturm oder die dunkle Seite der Wissenschaft, Böhlau Verlag, Wien.
14 siehe Programm und Anmeldeunterlagen in ÖAZ 56 (2002) Folge 3
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Grenzgänger
Gleichsam als Leitmotiv durchzieht die »Metaphysik des Leidens« die Lebens- und Krankengeschichte jener Männer, deren Krankheiten hier kurz vorgestellt werden: Martin Luther, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Jean-Jacques Rousseau, Johann August Strindberg und Georg Trakl, berühmte und umstrittene Persönlichkeiten, die imstande waren, schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen in Schaffenskraft zu transformieren.*
Gefängnis ohne Mauern
Die Lebensangst des modernen Menschen führt, wie die Erfahrung zeigt, zur Neurose. Die Krankheit spielt dabei die Rolle eines letzten Nothafens der heimatlos umherirrenden Seele.
Die Neurose beginnt epidemischen Charakter anzunehmen in einer Form, die gut zu der Massenhysterie unseres Zeitalters passt.
(aus »Ein Leben lang« von Peter Bamm, Arzt und Dichter)
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Martin Luther
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Martin Luther
Genial und depressiv
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) Fraglos war Luther eine psychisch »abnorme« Persönlichkeit, deren Krankheitsbild zu verschiedenen Zeiten ihres Lebens von düsteren Verstimmungen bis zu ernstzunehmenden Depressionen gekennzeichnet war. Aus eigenen Angaben sowie aus solchen seiner Zeitgenossen wissen wir, dass Luther schon in früher Jugend ein im Verhältnis zur Umwelt wesentlich introvertierter Mensch war. Diese Introversion machte sich schon in seiner Kindheit bemerkbar und setzte sich in der Studienzeit noch verstärkt durch Reminiszenzen an die brutalen Erziehungsmethoden des Vaters fort. (
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) Wie aus der ausführlichen biographischen Anamnese ersichtlich ist, spricht alles für das Vorliegen einer endogenen Psychose, die von erblichen Faktoren bedingt ist und von früheren Autoren unterschiedlichen Erscheinungsformen zugeordnet wurde. Wenn vereinzelt von schizothymen oder schizoiden Anklängen in Luthers Psychose gesprochen wurde, dann kann dies keinesfalls bedeuten, dass wir es bei ihm mit einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis zu tun hätten. Gegen eine solche Möglichkeit spricht allein schon die Tatsache, dass es bei Luther zu keinen schizophrenen Schüben und im Verlaufe seines Lebens zu keiner Auflösung der Persönlichkeitsstruktur bzw. auch zu keiner affektiven Abflachung und Abstumpfung kam, wie dies für eine Schizophrenie charakteristisch wäre. Auch die zweite gelegentlich diskutierte Möglichkeit, es könnte sich bei Luther um ein epileptisches Geschehen gehandelt haben, muss abgelehnt werden. Wenn auch diese Krankheit nicht immer mit typischen Krampfanfällen einhergehen muss, sondern in mehreren unterschiedlichen rudimentären Formen oder »epileptischen Äquivalenten« in Erscheinung treten kann, in welchen episodische, von Verwirrtheitszuständen und Halluzinationen begleitete Gemütsstörungen beobachtet werden können, so ähneln Luthers Anfälle weit mehr hysteriformen Erscheinungsbildern. Sieht man von dem einzigen von Zeitzeugen beobachteten Krampfanfall im Klosterchor ab, so tragen seine Anfälle doch »ein verdächtig funktionelles Gepräge«. Wenn er bei diesem Ereignis nach der Verlesung des Evangeliums vom Besessenen »tobend« umstürzte, wie dies berichtet wird, so scheint es sich hier nur um ein »affektepileptisches« Geschehen gehandelt zu haben, da er nicht bewusstlos war, sondern laut und offenbar berechnender Absicht gerufen hatte: "Ich bin's! Ich bin's!" (nämlich der Besessene, von dem soeben berichtet wurde.). Auch spätere ähnliche Anfälle von Synkopen, bei denen ihn 1524 und 1527 Freunde »bewusstlos« mit kreuzweise ausgestreckten Armen am Boden liegend vorfanden und bei denen unter dem Einfluss von Musik sein Bewusstsein angeblich rasch wieder zurückkehrte und die offensichtlich emotionale Hochspannung sich in heftiges Schluchzen auflöste, sprechen für hysteriforme Anwandlungen. Bleibt als dritte mögliche Erscheinungsform einer endogenen Psychose das manisch-depressive Krankheitsbild. Bezeichnend für die diese Diagnose ist die Tatsache, dass länger andauernde, mitunter sehr schwere Depressionszustände von Jugend an sein ganzes Leben lang immer wieder auftraten und diese »Anfälle« stets einen gleichartigen Typus aufwiesen. Nur in den jungen Klosterjahren wird dieses Bild durch stark hervortretende neurotische Elemente etwas verwischt, und in seinen späteren Jahren traten zuweilen paranoide Züge in den Vordergrund, die durch einen Hang zur Rechthaberei und zum Fanatismus, zu zunehmendem Argwohn auch Freunden gegenüber sowie durch ein markantes Sendungsbewusstsein gekennzeichnet waren. Am stärksten gleich sein »großer Melancholieanfall« der Jahre 1527 und 1528 dem klassischen Bild einer endogenen Depression, während alle anderen depressiven Perioden zwar ebenfalls einen endogenen Kern erkennen lassen, meist aber doch eher durch psychische Reaktionen ausgelöst wurden. Beispiel dafür waren die »Haftpsychosen« auf der Wartburg und auf der Coburg, die mit optischen Halluzinationen einhergingen.
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) Nun, lieber Herr Gott, du hast mich gesund gehabt, du mußt mich auch kranck haben.
Martin Luther
Neben den depressiven Perioden kamen aber auch manisch gefärbte Phasen zur Beobachtung, deren klinisches Bild jedoch nur jenen Grad erreichte, der als Hypomanie oder manie raisonnante bezeichnet wird. Dieser regellose Wechsel von depressiv und manisch geprägten Verstimmungszuständen gilt ja als charakteristisch für diese Form der Psychose, an der Luther litt. (
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(aus Anton Neumayr, »Luther, Wagner, Nietzsche im Spiegel der Medizin«, Biographie Martin Luther Pichler Verlag GmbH 1999)
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Richard Wagner
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Nietzsche über Richard Wagner
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) Ich stelle diesen Gesichtspunkt voran: Wagners Kunst ist krank. Die Probleme, die er auf die Bühne bringt lauter Hysteriker-Probleme , das Konvulsivische seines Affekts, seine überreizte Sensibilität, sein Geschmack, der nach immer schärferen Würzen verlangte, seine Instabilität, die er zu Prinzipien verkleidete, nicht am wenigsten die Wahl seiner Helden und Heldinnen, diese als physiologische Typen betrachtet ( eine Kranken-Galerie! ): alles zusammen stellt ein Krankheitsbild dar, das keinen Zweifel lässt. Wagner est une névrose. (
) Unsre Ärzte und Physiologen haben in Wagner ihren interessanten Fall, zum mindesten einen sehr vollständigen.
Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner
(aus Anton Neumayr, »Luther, Wagner, Nietzsche im Spiegel der Medizin«, Biographie Richard Wagner Pichler Verlag GmbH 1999)
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Friedrich Nietzsche
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Friedrich Nietzsche
Der Weg in die Umnachtung
"Diese Neuralgie geht so gründlich, so wissenschaftlich zu Werke, sie sondiert förmlich, bis zu welcher Grenze ich den Schmerz aushalten kann und nimmt sich zu dieser Untersuchung jedesmal dreißig Stunden Zeit."
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) Fest steht nur, dass er (Nietzsche, Anm.) bereits in der Schulpforta häufig an »Congestionen nach dem Kopf« (Blutandrang mit dem Gefühl eines zu engen Kopfes) litt, die durch langdauernde, konzentrierte geistige Aktivitäten ausgelöst und verstärkt wurden. Zum Teil traten sie auch im Zusammenhang mit viralen Infekten auf, weshalb sie im Krankenbuch der Schulpforta auch als »rheumatisch« bezeichnet wurden. (
)
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) Erst mit Beginn des Jahres 1871 stellte sich eine gewisse Periodizität der Kopfschmerzen ein in der Art, dass sie mit Intervallen von zwei bis drei Wochen einsetzten, wobei sie typischerweise immer deutlicher durch Belastungen, vor allem durch hochgradige psychische Erregungszustände ausgelöst wurden und mitunter mit galligem Erbrechen einhergingen. Diagnostisch von Bedeutung ist Nietzsches Angabe, am Ende eines solchen Anfalles ein Gefühl der Erleichterung mit Wiedererstarken seiner Lebensfreude empfunden zu haben eine subjektive Erfahrung, die vielen Migräne-Patienten wohlvertraut ist. Möbius war der erste, der schon 1902 Nietzsches Kopfschmerzen als Migräne deutete. In diesem Sinne spricht auch die Familienanamnese, wonach auch Nietzsches Schwester Elisabeth an Migräne litt. Da sowohl Vater Karl Ludwig wie auch eine seiner Schwestern nachweislich schon seit frühester Jugend an diesem Leiden laborierten, dürften wohl diese anfallsweisen Kopfschmerzen mit größter Wahrscheinlichkeit erblicher Natur gewesen sein. Vergegenwärtigt man sich die wichtigsten Leitsymptome für die Diagnose »Migräne«, dann stimmen diese mit den von Nietzsche beschriebenen Symptomen weitgehend überein: heftiger, ein- oder doppelseitiger Kopfschmerz in der Stirn- und Schläfenregion von klopfendem oder dumpfem Charakter, der häufig besonders stark hinter einem Auge empfunden wird, später im Verlauf des Leidens sich aber auch über den gesamten Kopf ausbreiten kann; die Schmerzattacken setzen meist bereits im frühen Erwachsenenalter oder sogar schon in der Jugend ein, dauern Stunden bis zu wenigen Tagen und wiederholen sich in unregelmäßigen Intervallen von Wochen oder Monaten; mitunter kommt es während einer solchen Schmerzperiode zu begleitender Übelkeit oder zu Erbrechen; auslösende Faktoren sind Aufregungen, Überanstrengung, psychische Spannungszustände (man denke an die zeitliche Koordination im Zusammenhang mit Bayreuth), helles Licht, Lärm oder bestimmte Wetterlagen. Die bei Nietzsche gelegentlich etwas atypisch verlaufende Migräne, etwa das Auftreten mehrerer Anfälle pro Woche, kann am ehesten durch die nicht seltene Kombination mit einem so genannten Spannungskopfschmerz erklärt werden, der häufig mit ängstlichen oder depressiven Verstimmungszuständen einhergeht und mitunter kontinuierlich über Wochen, ja sogar Monate anhalten kann.
Aufgrund der charakteristischen Symptomatologie von Nietzsches Kopfschmerzanfällen wird heute von der überwiegenden Mehrzahl medizinischer Autoren an der Diagnose »Migräne« nicht gezweifelt. Differentialdiagnostische Probleme ergeben sich erst beim Versuch einer Interpretation neu hinzugekommener neurologischer Störungen, die sich um die Jahreswende 1879/80 einstellten. Damals beschrieb Nietzsche zusätzlich das Auftreten von Schwindel sowie Lähmungsgefühle verbunden mit Sprachstörungen flüchtiger Art "das Gefühl einer Halb-Lähmung, wo mir das Reden schwer wird" , und mehrere Male kam es zu »längeren Bewusstlosigkeiten«. Benda und Lange-Eichbaum vertraten 1925 bzw. 1948 den Standpunkt, dass diese Symptome bereits die klinische Manifestation einer Lues cerebri, also einer syphilitischen Gehirnerkrankung im Tertiärstadium, gewesen seien. (
)
Zur progressiven Paralyse
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) Wie Krafft-Ebing seine Abhandlung zu diesem Thema einleitete, fiel damals der Beginn der Krankheit in der Mehrzahl der Fälle in das vierte und fünfte Lebensdezennium. Die Inkubationszeit bei einer luetischen Infektion betrug im Mittel zwölfeinhalb Jahre, schwankend zwischen drei und zweiunddreißig Jahren. Nur sehr selten entwickelte sich das Krankheitsbild akut und stürmisch, vielmehr gingen dem manifesten Krankheitsbild fast immer monate- bis jahrelange Prodromalsymptome voraus, die anfangs sehr unbestimmter Natur waren und sich meist in einer Änderung des Charakters und des geistigen Wesens zu erkennen gaben. Die Kranken wurden auffallend gemütsreizbar, »gemütlich« gedrückt oder auch hypochondrisch verstimmt. Robert Bing, der führende schweizerische Neuropsychiater in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, wies neben der Abnahme intellektueller Fähigkeiten insbesondere auf die Veränderungen in ethischer Beziehung hin: Die Angehörigen und Freunde solcher Patienten beklagen sich über früher unbekannte Rücksichtslosigkeiten, über brutalen Egoismus und über maßlose Reizbarkeit; Nachlässigkeiten in Beruf und Kleidung sowie unanständige, ja obszöne Redensarten, die seine gewohnte Umgebung stören können.
Unter den körperlichen Auffälligkeiten im Anfangsstadium des klinisch manifesten Krankheitsbildes nehmen die Pupillenstörungen am Auge eine besonders wichtige Stellung ein, weil sie in fünfundneunzig Prozent aller Fälle von progressiver Paralyse angetroffen werden. Es handelt sich dabei um das so genannte Argyll-Robertsonsche Phänomen, also ein Fehlen der reflektorischen Pupillenverengung auf Lichteinfall bei erhaltener Reaktion auf Naheinstellung des Auges. (
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) Ein weiteres charakteristisches Symptom sind Sprachstörungen, die sich als »Silbenstolpern«, ein Versetzen und Wiederholen von Buchstaben oder Silben innerhalb eines Wortgefüges oder als Wortverwechslungen, die der Kranke meist gar nicht bemerkt und deshalb auch nicht korrigiert, äußern können. (
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) Neben einem Mangel an Selbstkritik steht vor allem das gehobene Selbstgefühl im Vordergrund, das bei vollentwickelter Krankheit die klassische Form des »Größenwahnsinns« annimmt. (
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) Da wäre zunächst Nietzsches ungemein euphorische Stimmung hervorzuheben, in der er sich außerordentlich »wohl und gehoben« fühlte und am liebsten den Menschen auf der Straße um den Hals gefallen wäre. Als zweites Hauptmerkmal beim Ausbruch seiner klinisch manifesten Erkrankung muss sein »manischer Größenwahn« angesehen werden. (
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) Manche Äußerungen manischer Exaltation erinnern dabei an psychosomatische Erregungszustände ähnlich einer schizophrenen Symptomatik, zumal auch paranoide Ängste, bedroht oder vergiftet zu werden, geäußert wurden. (
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) Anfangs nur angedeutet, im weiteren Verlauf jedoch immer greller zu Tage tretend, machten sich "Ausfallserscheinungen der Intelligenz im Zusammenhang mit einer allgemeinen Abflachung und Vergröberung der Persönlichkeit des Kranken" bemerkbar, womit die Krankheit Nietzsches in das Stadium der dementen Form Eingang hielt. (
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) Er selbst interpretierte seine Beschwerden als tiefgreifende »physiologische« Störungen auf der Basis eines vom Vater ererbten Mangels an Lebenskraft, der er ebenso verachtete wie jede andere krankmachende "décadence der abendländische-christlichen leibfeindlichen Lebensweise" und den er deshalb durch tapferes Ertragen seiner Leiden und durch »Selbstüberwindung« kompensieren zu müssen glaubte. (
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(aus Anton Neumayr, »Luther, Wagner, Nietzsche im Spiegel der Medizin«, Biographie Friedrich Nietzsche Pichler Verlag GmbH 1999)
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Jean-Jacques Rousseau
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Jean-Jacques Rousseau
Apoplexia cerebri
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) Seinem eigenen Bericht können wir nämlich entnehmen, dass er zu Behebung der schmerzhaften Blasenüberdehnung im Rahmen seiner Dranginkontinenz beziehungsweise seiner »paradoxen Ischurie« (ständiges Harnträufeln bei chronischer Blasenentleerungsstörung im Sinne einer so genannten »Überlaufblase«) schon bald keinen anderen Ausweg wusste, als mittels Einführung eines Blasenkatheters sich durch die Harnröhre Erleichterung zu verschaffen. Es bedarf kaum einer näheren Erläuterung, welche Folgen eine solche über Jahre durchgeführte Katheterisierung nach sich zog. Ging schon die selbsttätig vorgenommen Prozedur nicht immer ohne mechanischer Verletzungen der Harnröhre, vor allem im Übergangsbereich zur Harnblase, ab, so waren es die unvermeidlichen Einschleppungen von pathogenen Keimen bei jeder Einführung des völlig unsterilen Katheters, die zwangsläufig zu wiederkehrenden Infektionen mit chronisch entzündlichen Veränderungen im Bereich der Harnröhre führen mussten und durch Ausbildung von schrumpfenden, narbigen Veränderungen eine zunehmende Verengung des Abflusskanals nach sich zogen.
Diese ständig neue Keimbesiedelung in einer gestauten Harnblase und den aufgestauten Harnleitern bis hin zu stark erweiterten Nierenbecken sorgte für immer neue entzündliche Schübe, aus denen sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine chronische Nierenbeckenentzündung und schließlich eine pyelonephritische Schrumpfniere entwickelt haben dürfte. Wenn auch im Falle Rousseaus noch keine Hinweise für eine Urämie (Harnvergiftung) ausfindig gemacht werden können, so dürfte er wohl an einem nephrogenen arteriellen Hochdruck gelitten haben. So ist es auch nicht überraschend, wenn Rousseau nach einem vorausgehenden uncharakteristischen Bild mit Benommenheit plötzlich bewusstlos wurde und kopfüber zu Boden stürzte. Ohne Zweifel lag diesem tödlich endenden Ereignis eine Apoplexia cerebri, also ein Gehirnschlag, zugrunde, der seinem Leben ein Ende setzte. (
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(aus Anton Neumayr, »Dichter und ihre Leiden Rousseau, Schiller, Strindberg und Trakl im Brennpunkt der Medizin«, Biographie Jean-Jacques Rousseau Franz Deuticke Verlagsgesellschaft m.b.H. 2000)
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Johann August Strindberg
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Johann August Strindberg
Klarheit & Pychose
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) Aber wenn es sich bei den auffälligen Bedeutungs- und Beziehungsideen mit paranoidem Charakter in den Krisenjahren, die er in Inferno beschrieb und die später in den Legenden nochmals in Erscheinung traten, nicht um eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis handelte, welches Leiden war es dann wirklich? Informiert man sich aus den psychiatrischen Abhandlungen Leonhards, dann besteht kaum ein Zweifel, dass es sich bei Strindberg um eine spezielle Form der zykloiden Psychosen handelte, zu deren bekanntesten Vertretern die manisch-depressive Form zählt. Es gibt aber auch eine zykloide Psychose, die in ihrer gehemmten Phase von all jenen Symptomen begleitet wird, die man etwas leichtfertig als spezifisch schizophren betrachtet, nämlich die so genannte Verwirrtheitspsychose.
Bei der Verwirrtheitspsychose liegt eine mitunter bis zu stuporösen Zuständen gehende Denkhemmung vor, auf Grund deren die Kranken ihr Umfeld nicht mehr ausreichend verstehen können. Da ihnen auf diese Weise alles unverständlich vorkommt, suchen sie zwanghaft nach einer Bedeutung der Ereignisse, wodurch die charakteristischen Bedeutungsideen entstehen, die in der Regel mit Beziehungsideen gekoppelt werden. Das Unverständliche, das der Kranke nicht zu durchschauen vermag, wirkt auf ihn nicht nur unheimlich, sondern bedrohlich; daraus erklären sich die verschiedensten paranoiden Wahnideen, wie sie sich am deutlichsten als Eifersuchtswahn oder als Verfolgungswahn manifestieren.
Da die Verwirrtheitspsychose analog der manisch-depressiven Psychose einen typisch zykloiden Verlauf aufweist, als Phasen mit erregter und gehemmter Aktivität abwechseln, stellt sich auch Strindbergs Psychose mit einem solchen zyklischen Ablauf dar. Ein wichtiges Symptom der erregten Phase ist die Personenverkennung, in der diese Kranken in Menschen ihrer unmittelbaren Umgebung Bekannte oder Verwandte zu sehen glauben. Während jedoch die Verkennungen bei Schizophrenen absurden Charakter besitzen, indem sie in ihrem Gegenüber längst verstorbene berühmte Persönlichkeiten wieder erkennen wollen, bleiben die Personenverkennungen bei der Verwirrtheitspsychose stets im Rahmen des Möglichen. Zu den typischen Symptomen der erregten Phase gehört auch der Rededrang des Kranken, der nach einer Periode des Schweigens oft blitzartig einsetzen kann. In den Legenden beschrieb Strindberg dies so: "Wenn ich, nachdem ich wochenlang keine Gelegenheit gehabt habe, meine eigene Stimme zu hören, jemanden besuche, überschütte ich den Unglücklichen mit einem Redeschwall, sodass er sich völlig ermattet zurückzieht und mich unfreiwillig verstehen lässt, er wünsche, nie wieder mit mir zusammenzukommen." In solchen Phasen des Rededrangs findet man häufig eine Inkohärenz des Denkens, die sich durch Aneinanderreihung von Sätzen ohne logische Beziehung zueinander zu erkennen gibt. Ähnliches kann man auch bei Schizophrenie beobachten, nur mit dem Unterschied, dass hier Entgleisungen und Vermengungen des Denkens hinzukommen, was für Strindberg in keiner Weise zutrifft. Ohne diese stellt die Inkohärenz des Gedankenganges ein Kardinalsymptom der Verwirrtheitspsychose in der erregten Phase dar, auf ein anderes Thema abzulenken. In Strindbergs Dichtung kommt dies etwa in seiner Trilogie »Nach Damaskus« zum Vorschein, wo das Ganze durch die unvorbereitete Aufeinanderfolge von Einzelbildern etwas Traumhaftes annimmt. Seine Bereitschaft zu inkohärentem Denken offenbart sich noch deutlicher, wenn er sich wie in Traumspiel auf seine eigenen Träume bezieht. (
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Schließlich kann die Inkohärenz der Verwirrtheitspsychose auch als eine solche der Gefühle in Erscheinung treten, womit Leonhard den extremen Wechsel von Strindbergs Weltanschauungen in Zusammenhang bringt, den Jaspers mit den Worten charakterisierte: "In der Zeitfolge ist Strindberg schnell nacheinander und nebeneinander: Sozialist und Individualist, Demokrat und Aristokrat, fortschrittsgläubiger Utilitarier ebenso wie Fortschritt bestreitender Metaphysiker. nach einer gläubigen Jugend wird er Atheist, Materialist, Positivist; dann schließlich theosophischer Mystizist."
In der gehemmten Phase der Verwirrtheitspsychose stehen die Bedeutungs- und Beziehungsideen im Vordergrund, die zu den verschiedensten paranoiden Wesensveränderungen führen können. Neben wahnartigen Ideen, von Unsichtbaren verfolgt oder mit Strafen bedroht zu werden, stand bei Strindberg der Eifersuchtswahn im Vordergrund. (
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(aus Anton Neumayr, »Dichter und ihre Leiden Rousseau, Schiller, Strindberg und Trakl im Brennpunkt der Medizin«, Biographie Johann August Strindberg Franz Deuticke Verlagsgesellschaft m.b.H. 2000)
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Mag. pharm. Georg Trakl
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Georg Trakl
Das Leiden der Welt
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) Trakls düstere Ankündigung einer kulturellen Katastrophe in Gedichten wie Helian gleichen stark den schizophrenen umstürzlerischen Visionen, wie sie infolge der Übertragungen eines inneren Umbruchs auf äußere Umstände zu verstehen sind. Der Schizophrene erlebt das, was man gemeiniglich als eine Vision vom Zugrundegehen der Welt bezeichnet, ein chaotisches Gemenge von Schreckensvorstellungen und Katastrophen mit einer Vorahnung von etwas völlig Neuem, von in ihren Ausmaßen noch nie da gewesenen Ereignissen, einem dunkel verspürten Heraufdämmern der Auferstehung des Herrn oder der Apokalypse. In ähnlicher Weise muss man auch im Helian die tieferen Ursachen in einem psychischen Aufruhr und weniger in einem drohenden politischen Erdbeben suchen.
Viele den Trakl'schen Dichtungen anhaftende Aspekte können somit mit schizophrenen Erlebnissen in einen Zusammenhang gebracht werden unter jenem gemeinsamen Nenner, den die Psychiatrie mit Ego-Verlust bezeichnet und mit den Verlust jenes »fokussierenden Zentrums« eines Individuums versteht, welches es einer Person ermöglicht, mit der Welt aus einer festen Position heraus in Beziehung zu treten. In Trakls frühesten Gedichten fand sein zersplittertes Ich noch Eingang in den Aufbau des Textes, wobei er die poetische Landschaft durch mehrere Augen betrachtete. Sowohl die Thematik wie auch die formale Technik lehnten sich zu diesem Zeitpunkt noch sichtbar an die weithin gültigen zeitgenössischen Strömungen an. Spätestens aber zu jener Zeit, in welcher der Helian entstand, nahm der bruchstückhafte Blick für die relative Bedeutung der Dinge einen Charakter an, der zumindest als eine milde Form der Schizophrenie bezeichnet werden muss. Die Gesamtheit der veränderten Beziehungen zu sich selbst und zur Außenwelt manifestierte sich mehr und mehr als Depersonalisation und Realitätsentfremdung, wodurch seine Dichtung letztendlich die entscheidende Bruchstelle zur krankhaften Wirklichkeit und zur Verfälschung seines Selbst widerspiegelt:
Die Stufen des Wahnsinns in schwarzen Zimmern,
Die Schatten der Alten unter der offenen Tür,
Da Helians Seele sich im rosigen Spiegel beschaut
Und Schnee und Aussatz von seiner Stirne sinken
O ihr zerbrochenen Augen in schwarzen Mündern,
Da der Enkel in sanfter Umnachtung
Einsam dem dunkleren Ende nachsinnt,
Der stille Gott die blauen Lider über ihn senkt. (
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(aus Anton Neumayr, »Dichter und ihre Leiden Rousseau, Schiller, Strindberg und Trakl im Brennpunkt der Medizin«, Biographie Georg Trakl Franz Deuticke Verlagsgesellschaft m.b.H. 2000)
Vgl. zu Trakls Werk u.a. auch ÖAZ 48 (1994) S.1045 und ÖAZ 20 (2001) S. 946
* Prof. Anton Neumayr hat dies in seinen Werken aus der Sicht des Arztes beeindruckend analysiert.
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