| ÖAZ Aktuell (Ausgabe 23/2001) |
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| Hauptartikel 23/2001 |
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Veranstaltungen dieser Größe sind ohne partnerschaftliche Unterstützung durch die Pharma-Industrie nicht durchführbar. Der Direktor der Grazer Niederlassung der Fa. Kwizda, Roland Ulrich, verlieh bei der Begrüßung seiner Freude Ausdruck, dass sein Unternehmen zum Gelingen der Tagung maßgeblich beitragen konnte. Seitens der Österreichischen Pharmazeutischen Gesellschaft war es deren Vizepräsident Univ.-Prof. Dr. Dr. Alois Hiermann, seitens der Österreichischen Apothekerkammer der Präsident der Landesgeschäftsstelle Steiermark, Mag. pharm. Dr. Peter Krainer, die in ihrer offiziellen Funktion die Zuhörer begrüßten. Im Mittelpunkt des Programmes stand die Frage, was die ApothekerInnen wohl über Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit wissen sollten.
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Pharmaka in der Schwangerschaft
Zu diesem Thema sprach Chefapotheker Dr. Wolfgang Kämmerer, Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken GmbH, Wiesbaden "Verglichen mit Arzneistoffen ist Alkohol viel häufiger ein Auslöser kindlicher Missbildungen." Die inzwischen historische Katastrophe des Contergan® hat die Sicherheitsansprüche für Arzneimittel in der Schwangerschaft in Fachkreisen und beim Publikum drastisch erhöht. Dabei ist »Thalidomid« außerordentlich gut verträglich und zeigt in Mengen bis 15 g kaum Toxizität. Allein in Deutschland zählte man damals 10.000 kindliche Missbildungen, die auf die 1963 beschriebenen negativen Eigenschaften des »Thalidomid« zurückzuführen waren und die Bedeutung der Chiralität von Arzneistoffen auf traurige Weise dokumentierte: Während das R-Enantiomer immunmodulatorisch und antientzündliche Wirkungen zeigt und kürzlich in den USA zur Lepra-Behandlung zugelassen wurde, ist das S-Enantiomer für die Teratogenität verantwortlich.
Trotz seiner umfangreichen Informationshilfen bleiben selbst für Dr. Kämmerer noch immer Anfragen übrig, die schwer zu beantworten sind, weil aus unerfindlichen Gründen ein und derselbe Wirkstoff in verschiedenen Präparaten als unterschiedlich gefährlich eingestuft wird (Tab. 2).
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Fluoride pro und kontra
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Univ.-Prof. Dr. |
Univ.-Prof. Dr. Ellmar Hellwig, Universitätsklinik für Zahnmedizin, Freiburg im Breisgau, stellte mit seinem Vortrag alle herkömmlichen diesbezüglichen Fakten in Frage. Prof. Hellwig arbeitet an der Abteilung für Zahnerhaltung und Parodontologie der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg, Deutschland, und stellte die neue Fluoridempfehlung der Deutschen Gesellschaft für Zahnheilkunde für Kinder bis zum 2. Lebensjahr vor.
Zu der spannenden Frage der Notwendigkeit einer Fluoridprophylaxe gab Prof. Hellwig schlüssige Antworten, die mit althergebrachten Ansichten gründlich aufräumten.
Mit der Überlegung, durch systemische Fluoridierung die Kariesanfälligkeit der Mutter zu reduzieren und zugleich präventive Maßnahmen beim Ungeborenen zu setzen, werden laut Prof. Hellwig falsche Hoffnungen bezüglich des Zahnstatus des künftigen Säuglings gehegt. "Einerseits ist eine Fluoridakkumulation im Oberflächenschmelz nicht zu erwarten, weil die Mineralisation der Zähne vor der Geburt noch unzureichend ist, andererseits belegen Vergleichsstudien, dass Karies bei Kindern, deren Mütter in der Schwangerschaft Fluoridtabletten einnahmen, sich nicht von jenen unterschieden, wo Mütter Placebos bekamen", lautete die von Literatur (1, 2) gestützte Aussage des Referenten.
"Man gesteht der systemischen Fluoridierung heute einen Beitrag von 510% zur jeweils maximal erreichbaren Kariesreduktion bis zum 3. Lebensjahr zu."
Univ.-Prof. Dr. Ellmar Hellwig
Somit besteht vor der Geburt keine gesicherte Möglichkeit, den künftigen Zahnstatus des Neugeborenen mit Fluoriden günstig zu beeinflussen. Ab wann sollte man aber wirklich mit der Kariesprophylaxe bei Kindern beginnen? Im Rahmen seiner Einleitung gab Prof. Hellwig zuerst eine allgemeine Übersicht zum heutigen Stellenwert systemischer und lokaler Fluoridanwendungen.
Fluoridapplikation im Wandel der Zeit
Im heute schon als historisch eingestuften Konzept war es Dogma, dass eine systemische präeruptive Fluoridierung die Zahnschmelzkristalle »perfekter« macht und als Ergebnis die Säurelöslichkeit sinkt. Der Einbau von Fluorid-Ionen in Leerstellen des Ionengitters im gesunden Zahnschmelz sollte dies bewerkstelligen. Davon leitete man eine Reihe von Überlegungen zur pH-Wert-Absenkung, Art und Weise sowie Häufigkeit der Fluorid-Applikation ab.
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Keinen Sinn macht die systemische Fluoridierung |
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bei Milchzähnen |
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bei bleibenden Zähnen, wo die Krone bereits mineralisiert ist |
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wenn schon andere »systemisch« wirksame »Fluoridpräparate« verwendet werden (Kleinkinder schlucken bis zu 80% der verwendeten Zahnpasta) |
Das »Haizahn-Experiment«
Das Haigebiss besteht bekanntlich aus reinem Fluoridapatit und ist deshalb auch für experimentelle Untersuchungen besonders verlockend. Mit Zuckerlösung und Bakterien »traktierte« Haizähne entwickeln erstaunlicher Weise Karies wie Menschenzähne. Wird als Vorbehandlung ein fluoridhältiger Zahnlack oder -gel aufgetragen, bleibt der kariöse Prozess aus! Es gibt also keine einfache Korrelation zwischen der Höhe der Fluoridanreicherung im Zahnschmelz und der Kariesanfälligkeit.
Die »neueren« Erkenntnisse
Nach heutigem Wissen kann man den karieshemmenden Effekt einer lokalen Fluoridierung als Folge der Beeinflussung von De- und Remineralisationsprozessen an der Zahnoberfläche auffassen (Abb. 1).
Dabei wird über eine wiederholte Zufuhr niedrig konzentrierter Fluoride eine Erhöhung der Fluoridkonzentration in der Mundhöhle und damit eine Kalziumfluoridfällung erzeugt. Diese bildet am Zahnschmelz ein nur langsam F--abgebendes Depot.
Die antikariöse Wirksamkeit der Fluoride steht heute außer Zweifel. Aber gleichzeitig hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass selbst eine verlässliche tägliche Fluoridzufuhr etwa über das Trinkwasser einzelne Zahnläsionen bei bestimmten Personen nicht verhindern kann (Abb. 2).
Schlussfolgerungen:
Karies ist multifaktoriell bedingt,
Karies ist keine Fluoridmangel-Erkrankung,
Fluoride bleiben wahrscheinlich in vivo auf die kariogene Flora ohne Einfluss,
Fluoride verlieren mit zunehmender Kariesaktivität ihre Wirksamkeit.
Kariesprophylaxe beim Kleinkind
Die Zeit tradierter Aussagen zu Prophylaxemaßnahmen gegen Karies ist vorbei, stellte Prof. Hellwig fest und präsentierte eine 1992 publizierte Studie zum Kariesbefall von Kindern nach unterschiedlich langer Gabe von Fluoridtabletten (3).
Drei verschiedene Gruppen wurden mit unterschiedlichen Fluoridtabletten-Regimen behandelt und dann die Kariesinzidenz verglichen (Abb. 3).
Die entsprechende Schlussfolgerungen aus dieser Studie lauten nach Prof. Hellwig:
Der Zeitpunkt des Beginnes der oralen Fluoridprophylaxe hat keinen Einfluss auf die kariesprotektive Wirkung.
In den ersten 6 Lebensmonaten greifen in der Regel Fluoridierungsmaßnahmen noch nicht.
Wirksamkeit von Fluoridtabletten bei Kleinkindern
Lässt man die Tabletten langsam im Mund zergehen, können sie ihre lokale Wirkung entfalten. Verschluckt man sie hingegen, dann kommt es nur zu einer geringfügigen Erhöhung der Fluoridkonzentration im Speichel und demgemäß nur zu einer geringen lokalen Kariesprotektion. Weil nun Babys und kleine Kinder sofort alles verschlucken, ist bei ihnen die antikariöse Wirkung der Fluoridtabletten nicht nachweisbar (4).
Ein weiterer Beleg für die fast ausschließlich lokale Wirkung der Fluoridtabletten ist die Tatsache, dass der präventive Schutz einer systemischen Fluoridierung aufhört, sobald die Einnahme beendet wird (5). Man gesteht der systemischen Fluoridierung heute einen Beitrag von 510% zur jeweils maximal erreichbaren Kariesreduktion bis zum 3. Lebensjahr zu (6).
Toxikologische Aspekte der Fluoridanwendung
Ziel jeder Behandlungsmaßnahme sollte ein optimaler Kariesschutz bei gleichzeitiger Vermeidung unerwünschter Nebenwirkungen sein. Als erstrebenswerte Kenngröße gab Hellwig die Menge von 40100 µg Fluorid pro kg Körpergewicht an.
Schon eine Fluoridmenge, die einer 0,5 mg Fluoridtablette entspricht, kommt der toxikologisch bedenklichen Grenze von 5 µMol sehr nahe, ab der eine »in vitro« Schädigung von Amnioblasten auftritt (Abb 4).
In Kinderzahnpasten wird das automatische Verschlucken durch eine auf 25% abgesenkte Fluoridmenge berücksichtig, sodass nur völlig unbedenkliche Fluoridwerte im Plasma resultieren.
Bei der Berechnung der optimalen Fluoridmenge dürfen diverse externe Fluoridquellen für die Bevölkerung nicht außer Acht gelassen werden:
Fluoridiertes Speisesalz erreicht in Deutschland 50% der Einwohner.
Zahlreiche Mineralwässer beinhalten hohe Fluoridmengen.
Vielfach unbekannt ist der relativ hohe Fluoridgehalt von einzelnen Babynahrungsmittel.
Dazu kommt noch die Fluoridzufuhr durch diverse Kariostatika.
Ohne die Erstellung einer »Fluoridbilanz« steigt das Risiko einer zu hohen Fluoridzufuhr mit dem unerwünschten »Erfolg« von unansehnlichen Schmelzflecken. Welche Mengen an Zahnpasten und damit Fluorid von den Kindern tatsächlich geschluckt werden, war Gegenstand einer Mittelwertanalyse aus verschiedenen Studien. Wie den Abbildungen 5, 6 und 7 zu entnehmen ist, würde aus der Kombination von Zahnpaste und NaF-Tabletten eine nicht unbedenkliche Überversorgung resultieren.
Auf diesem Erkenntnisstand beruht die allgemeine Empfehlung von Prof. Hellwig (7) für eine Fluoridierung. Sie soll
nur in Gebieten mit nicht fluoridiertem Trinkwasser stattfinden,
nur Kinder ab dem 3. Lebensjahr mit erhöhtem Kariesrisiko umfassen,
den nationalen Dosierungsrichtlinien entsprechen und
mittels langsam gekauten oder gelutschten Tabletten erfolgen.
Weiters sollten die Eltern über die Folgen eines unsachgemäßen Gebrauchs informiert sein.
Fazit
Nach den kürzlich verabschiedeten Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Zahnmedizin sollte die Kariesprophylaxe im Kindesalter nach folgenden Regeln ablaufen:
Vor dem 6. Lebensmonat sind keine Fluoridierungsmaßnahmen notwendig.
Mit dem Durchbruch des ersten Milchzahnes sollte das Milchgebiss von den Eltern einmal pro Tag mit einer erbsengroßen Menge einer fluoridhältigen Kinderzahnpaste (500 ppm F-) gereinigt werden.
Tipp: Falls die Kinderzahnpaste einmal ausgegangen ist, kann man die Erwachsenen-Zahnpaste verwenden und einen quer zur Bürste verlaufenden Strang ziehen. Die Menge entspricht dem Fluoridgehalt einer Kinderzahnpaste.
Ab dem 2. Lebensjahr sollten Kinder unter Aufsicht der Eltern täglich 2x selbst putzen.
In Deutschland wird neben dem Zähneputzen zusätzlich die Verwendung von fluoridiertem Speisesalz empfohlen.
Wird weder eine Fluorid-Zahnpaste, noch fluoridiertes Speisesalz verwendet, dann können Fluoridtabletten nach dem gängigen Schema eingesetzt werden, wobei die Tagesdosis von 0,05 mg pro kg Körpergewicht nicht überstiegen werden darf.
Literaturangaben
1 Thylstrup, A.: J. Dent. Child 1981
2 Leverett, DH et al., Caries Res. 1997
3 E. Reich, Deutsche Zahnärztl. Ztg. 47, 232243 (1992)
4 Wang and Riordan, Comm Dent Oral Epidemiol. 271, 17 (1999)
5 Künzel und Fischer, Caries Res. 31, 166 (1997)
6 Limeback, Comm. Dent. Oral Epidemiol. 27, 62 (1992)
7 J. Clarkson, Int. Dent J. 3, 119125, (2000)
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Mit dem Thema der Tagung »Medikation und Zahnprävention in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie beim Kleinkind« beschäftigt sich auch unsere Kundenzeitung »Die Apotheke« in der Ausgabe 6 vom Dezember 2001. |
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