Technologie- und Gesundheitsgespräche Alpbach
Mehr Mittel für das Gesundheitssystem!
Unser Gesundheitswesen brauche in Zukunft einfach mehr Mittel. Strikte Einsparvorgaben in Zeiten steigender Lebenserwartung und den damit stark ansteigenden Gesundheitskosten sei nur mit einem Qualitätsverlust zu erzielen. Darüber waren sich führende Vertreter der Sozialversicherung, der Pharmaindustrie und der Apothekerkammer anlässlich eines Round Table in Alpbach einig.
Obwohl die Beitragsleistungen der Österreicher an die Krankenkassen im internationalen Vergleich relativ gering sind, gilt Österreich derzeit als musterhaft in der gesundheitlichen Versorgung seiner Staatsbürger. Dieser Standard sei mit den derzeitigen Mitteln für die Zukunft nicht zu halten, so unisono die Expertenrunde bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen.
 |
|
Franz Bittner
|
"Das Gesundheitswesen des Jahres 2002 ist mit den Mitteln von 1999 nicht finanzierbar, eine anhaltende Verknappung der finanziellen Ressourcen führt mittelfristig unweigerlich zu einem Qualitätsverlust", warnte der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, Franz Bittner. "Wir diskutieren gegenwärtig nicht über das System und seine Reformpotenziale, sondern nur mehr darüber, wer am meisten einspart." Mit seinem Appell gegen einen einseitigen Sparkurs im Gesundheitswesen stand Bittner nicht allein. "Bei modernen Arzneimitteln gab es in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Innovations-Schub, der sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird", sagte der Präsident der Österreichischen Apothekerkammer, Dr. Herbert Cabana. "Natürlich führt das zu Kostensteigerungen. Doch es wäre ein Verbrechen, den Menschen bessere und verträglichere Therapien vorzuenthalten. Zu diesem sehr guten Gesundheitssystem tragen die Leistungen der österreichischen Apotheken wesentlich bei, die ebenfalls im europäischen Spitzenfeld liegen, obwohl sich die Kosten dafür im europäischen Ranking im unteren Drittel bewegen."
 |
|
Mag. Alexander Mayr
|
Von einer »Kostenexplosion« in Zusammenhang mit Gesundheitsleistungen zu sprechen sei in Österreich keineswegs gerechtfertigt, meinte auch Mag. Alexander Mayr, Geschäftsführer des Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich: "Mit Gesundheitsausgaben von nur acht Prozent des BIP liegt Österreich im unteren Drittel in Europa, nach Ländern wie etwa Griechenland." Auch beim Arzneimittelverbrauch liege Österreich mit 20,5 Packungen pro Person und Jahr weit unter dem europäischen Durchschnitt: Die Franzosen etwa konsumieren mehr als 48,8 Packungen Medikamente jährlich.
 |
|
Dr. Herbert Cabana
|
Hierzulande werde es schon aufgrund der demografischen Entwicklung zwangsläufig zu weiteren Ausgabensteigerungen kommen. "Menschen in der Altersgruppe zwischen 70 und 80 Jahren verbrauchen doppelt so viele Arzneimittel wie Personen in der Gruppe der 50- bis 60-Jährigen", rechnete Dr. Cabana vor. "Patienten über 90 benötigen schon knapp das Vierfache. Es steigt aber nicht nur die Anzahl alter Menschen, sondern auch die Erwartungen, die in die Therapiemöglichkeiten gelegt werden."
Das Gesundheitswesen brauche allerdings nicht nur zusätzliche Finanzmittel, so der Tenor der Expertenrunde, sondern müsse auch Sparpotenziale konsequent nutzen. "Die Kernfrage ist doch", so WGKK-Obmann Bittner, "wo geben wir Geld aus, ohne dass die Versicherten etwas davon haben?" Dabei gehe es nicht um marginale Einsparungen in einzelnen Bereichen, sondern vor allem um eine grundlegende Neuordnung der im Gesundheitswesen fließenden Finanzströme.
Derzeit werden Gesundheitsleistungen im Krankenhaus aus einem anderen Budget finanziert als etwa Medikamente oder ärztliche Leistungen im niedergelassenen Bereich. Daher ist nicht transparent, welche Auswirkungen etwa innovative, aber teurere Arzneimittel auf die gesamten für die Erkrankung eines einzelnen Patienten aufzuwendenden Kosten haben. Ebenso wenig haben Zahler im einen Segment also etwa die Krankenkassen, die den gesamten Medikamentenaufwand tragen Interesse an Einsparungen im stationären Bereich, den Gemeinden und Länder mitfinanzieren. "Ein restriktiver Zugang zu modernen medikamentösen Therapien schwächt die ambulante Versorgung, führt zu vermehrten Krankenhauskosten und zu vermehrter Arbeitsunfähigkeit", analysiert Mag. Mayr, "allerdings stellt derzeit leider niemand diese Gesamtrechnung an."
 |
|
Univ.-Prof. Dr. Reinhart Waneck
|
Ein Argument, dem auch Gesundheits-Staatssekretär Univ.-Prof. Dr. Reinhart Waneck etwas abgewinnen kann: "An den Schnittstellen zwischen den einzelnen Zahlern und an deren mangelnder Abstimmung geht uns zweifellos einiges an Mitteln verloren", räumte Prof. Waneck beim Round Table ein.
Die so gewonnenen Ressourcen, betonten die Experten bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen, wären allerdings dringend notwendig, um Innovation und medizinischen Fortschritt in Österreich auch für die Zukunft sicherzustellen. "Die Hauptlast dieser Forschung trägt derzeit die Industrie. Gesundheitspolitische und gesundheitsökonomische Rahmenbedingungen müssen also der Tatsache gerecht werden, dass die forschende pharmazeutische Industrie mit enormem Risiko und massiven Investitionen wirtschaften muss", sagte Pharma-Manager Mayr. "Die großen Arzneimittel-Unternehmen wenden etwa 15 Prozent ihrer Umsätze für Forschung und Entwicklung auf in der als besonders innovativ geltenden Telekom-Branche sind es nur fünf Prozent , aber nur eines von 23 neuen Präparaten ist finanziell so erfolgreich, dass es die Kosten abdeckt, die während der Entwicklungsphase angefallen sind."
MPM und Johns Hopkins
Im Arbeitskreis »Akademische Spitzenmedizin« unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Michael Zimpfer, MBA, Klinikvorstand der Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Spitzenmedizin, kamen die deutlichen Unterschiede in der Spitzenmedizin in Österreich im Vergleich zum Ausland zur Sprache:
Kenneth J. Conway, Präsident von Millennium Predictive Medicine, Cambridge/USA, arbeitet mit insgesamt 1.400 Mitarbeitern an der »personalisierten Medizin«, die ausgehend vom »molecular make-up« des Patienten und damit seiner möglichen Krankheitsgeschichte mit individuellen Dosierungen die Definition von Krankheit modifiziert: Aufgrund ihrer bisherigen Erforschung von Genen und Genomen hat das Unternehmen, das jährlich über 5 Mrd. Schilling mit Forschung verdient, neben dem erfolgreichen Produkt »Campath« (gegen CLL) das Prognose-Produkt »Melastatin-Test« entwickelt, das mit 96%iger Genauigkeit die Metastasenbildung bei einem Melanom vorhersagen kann. Weiters ist es Miller und seinem Team gelungen, der Früherkennung von Eierstockkrebs nicht nur ein Stück näher zu kommen, sondern auch aufgrund molekularer Messwerte vier verschiedene Arten von Eierstockkrebs mit unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten zu definieren.
Seine Zukunftsvision ist das »Smart System«, eine globale klinische Informationsplattform, die den Patienten/Konsumenten, den Arzt/Provider, die Pharmaunternehmen und den Zahlenden (Versicherung, Patient,
) miteinander verbindet.
Dr. Edward Miller, Dean und CEO der Johns Hopkins University/Baltimore/USA, konnte in seinem Referat eindrucksvoll nachweisen, wie erfolgreich ein Privatunternehmen, das Spital, Universität und Forschung verbindet, unter marktwirtschaftlichen Bedingungen geführt werden kann. Nach der Umsetzung eines »Lean Managements« im Jahr 1995 stellte sich Miller mit seinem Team von 22.500 Mitarbeitern konsequent den Prinzipien »Excellency«, »Integrity«, »Respect for the Individual« und »Discovery & Innovation« (120 Patente im Jahr). Mit einem jährlichen Budget von 36 Mrd. Schilling und knapp 1,5 Mio. Patienten/Jahr ist dieses »Gesundheitsunternehmen«, das sich unter anderem mit Forschung in »Cell Engineering«, »Medizinische Genetik« und Onkologie befasst, mit keiner anderen Universität(sklinik) in den USA vergleichbar.
Dazu Prof. Zimpfer: "Österreichs Wirtschaft und Gesundheit sind im internationalen Vergleich gut, doch wirtschaftliche und gesetzliche Rahmenbedingungen schwächen sowohl Wettbewerbsfähigkeit als auch Renditen in unserem Land. Der schwache Kapitalmarkt und damit das fehlende Venture Capital lassen ausländische Investoren ausbleiben." Dies und die Tatsache, dass für Forschung in Österreich nur 1,8 % anstelle der international üblichen 2,5 % des BIP ausgegeben werden, beeinträchtige Österreichs Forschung und damit auch die Weiterentwicklung der Spitzenmedizin nachhaltig.
Univ.-Prof. Dr. Ernst Wolner, Leiter der Universitätklinik für Herz/Thorax-Chirurgie am AKH Wien, dachte in diesem Rahmen laut über eine Gesundheitsversicherung mit Bonus-Malus-System nach.
Ob der dualen Spitalsfinanzierung nennt Wolner Vorarlberg als Beispiel und sieht die Lösung in der Zusammenführung der jeweiligen Finanzierung in einen »Topf«, was schließlich auch die Aufhebung der Interessensgewichtung (stationärer und nicht-stationärer Bereich) zur Folge hätte.
Univ.-Prof. Dr. Peter Husslein, Chef der Universitätsklinik für Geburtenkunde/AKH Wien, sieht Spitzenmedizin nicht isoliert von der Allgemeinmedizin und stellt das unkoordinierte System in Österreich am Beispiel der Geburtshilfe in Frage Zentralkrankenhaus, Schwerpunktkrankenhaus, Geburtshelfer, Hebammen und niedergelassene Ärzte: laut Husslein werden die Zuständigkeiten nicht einmal von den Krankenkassen diskutiert.
Sinnvoll sei so der Klinikvorstand weiter eine klare Kompetenzaufteilung, wobei die Unterscheidung in »low«-, »high«- und »maximum-risk«-Schwangerschaften die Zuweisung zu den einzelnen Krankenhäusern erleichtert. Dies erfordert aber auch das Verständnis der Bevölkerung sowie ein Umdenken bei den Ärzten. Nur eine dezentrale, bereinigte Spitalsszene verhindere die schlechte Versorgung bzw. eine Überversorgung mancher Regionen.