ÖAZ Aktuell (Ausgabe 21/2001)

Hauptartikel 21/2001

HAUPTARTIKEL

Focus ist the Patient

Rotklee und Phytohormone

Komplementäre Therapie bei Allergien und Hautkrankheiten

Singapur, die Stadt des Löwen, war Gastort des diesjährigen Weltkongresses der Fédération Internationale Pharmaceutique

Mag. pharm. Max Wellan

FIP 2001 in Singapore

Focus is the Patient

Die Stadt des Löwen. Singapore, fast am Äquator und direkt an einer der wichtigsten Wasserstraßen gelegen, ist eine moderne, gepflegte, internationale Handelsmetropole, bei der man das typisch Asiatische fast schon suchen muss. An dem gewundenen Singapore River liegt der imposante Finanzdistrikt – direkt vis-à-vis, inmitten letzter kolonialer Reste, das höchste Hotel der Welt mit angeschlossenem Einkaufs- und Kongresszentrum. Dort stellte die FIP ihren Welt-Kongress einmal mehr unter das Motto »FIP – Focus is the Patient«.

Die Eröffnung des Weltkongresses der FIP (Fédération Internationale Pharmaceutique – www.fip.org) ließ die volle Farbenpracht von Singapur zur Geltung kommen. Tänzerinnen in den Farben gelb, grün, weiß – als Symbole für die friedlich zusammenlebenden Völker Chinesen, Malayen, Tamilen und Eurasier – waren zentraler Bestandteil einer Eröffnungszeremonie, die das Gemeinsame so unterschiedlicher Völker und deren Zusammenarbeit in den Mittelpunkt stellte. Die wesentlichen Botschaften der Eröffnungsrede von Präsident Peter Kielgast bezogen sich ebenfalls darauf – Globalisierung und Kooperation.
Partnerschaft ist derzeit das zentrale Thema der FIP. Zu diesem Zweck wurde gemeinsam mit den Ärzten und den Pflegeberufen eine »Weltallianz der Heilberufe« ins Leben gerufen, um den Herausforderungen der Gesundheitspolitik des 21. Jahrhunderts weltweit noch besser gewachsen zu sein. Diese Herausforderungen definierte Kielgast folgendermaßen: keine vorhandenen Ressourcen für die Vorsorge, mangelhafte (Informations-)Strukturen im Gesundheitswesen, ungesunder Lebensstil sowie unausgewogene Finanzierungs- und Versicherungssysteme.
Die weltweiten Stärken des Apothekerberufes sind für ihn demgegenüber Glaubwürdigkeit, Vertrauen und »ethics«. Der Begriff, der dabei im Zusammenhang mit den Apothekern und dem Gesundheitswesen immer wieder vorkommt, ist »leadership«. Der Partnerschaft mit der pharmazeutischen Industrie und selbstverständlich den Patientenorganisationen und Krankenkassen kommt ebenfalls eine eminent wichtige Funktion zu. Denn bei der Globalisierung von Gesundheitswesen und -märkten, die an und für sich viele Chancen bietet, muss besonders vorsichtig und sorgfältig vorgegangen werden.

Situation der Apotheker in Asien
Als mitteleuropäischer Tourist ist man ob des raschen Klimawechsels – mehr als 30°C im Freien werden konsequent auf weniger als 19° in allen Lokalen und Geschäftspassagen herunterklimatisiert – sehr bald zumindest mit Halsschmerzen behaftet. Dieses wird man aber nicht so rasch wieder los, da Apotheken in unserem Sinn nicht gerade häufig das Stadtbild zieren. Den traditionellen chinesischen Läden, die in manchen Stadtteilen schon häufiger zu finden sind, mit ihren allerlei Kräutern und getrocknetem Getier vertraut man sich und seine Gesundheit dann wiederum doch nicht so leicht an.
Eine Pharmazie im westlichen Sinn ist in diesem Teil Asiens erst nach dem 2. Weltkrieg entstanden. Während die öffentlichen Apotheken bei weitem nicht unseren Standards entsprechen, ist die Krankenhauspharmazie relativ gut etabliert – Singapore hat zum Beispiel im Verhältnis wesentlich mehr Krankenhausapotheker als Österreich. In anderen zukunftsträchtigen Gebieten wie Disease Management, patientenorientierter (klinischer) Pharmazie und auch im Bereich der Pharmakoökonomie sind Pharmazeuten ebenfalls stark vertreten. Die intensive Zusammenarbeit der Pharmazeuten mit anderen Gesundheitsberufen hat in Singapore einen Namen – total team care. Obendrein soll Singapur nach dem Willen seiner Regierung das Biomedizin- und Biotechnologiezentrum für den südostasiatischen Raum werden.
Generell ist festzustellen, dass in Asien im niedergelassenen Bereich hauptsächlich Ärzte rezeptpflichtige Arzneimittel abgeben. Dies führt dann selbstverständlich zu darauf folgenden Missständen, da Ärzte nicht an der Diagnose (ihrer eigentlichen Tätigkeit), sondern am Verkauf von Arzneimitteln verdienen: massive »Überverschreibung«, häufiges Verschreiben wirkungsloser oder falscher Arzneimittel, hohe Resistenzraten bei Antibiotika, ungenügende Arzneimittelinformation für Patienten und somit hohe Nebenwirkungsraten. Taiwan ist deshalb bewusst den Weg der Entflechtung gegangen, und hat – gegen den massiven Widerstand der Ärzte – die Abgabe von Arzneimitteln an den Apothekerberuf gebunden, um in Arzneimittelsicherheit und Therapiequalität westliche Standards zu erreichen. Ein weiterer interessanter Bereich ist die Rolle der Apotheker bei der HIV/AIDS-Pandemie – die FIP hat dazu ein eigenes Projekt laufen.

Östliche Medizin
Ein Schwerpunkt war, entsprechend des Tagungsortes, die »östliche Medizin«. Neben einem Überblick über die Traditionelle Chinesische Medizin wurde die Akzeptanz der »Alternativmedizin« und deren steigende Bedeutung in der westlichen Gesellschaft beleuchtet. Die Qualitätssicherung bei TCM scheint in China vermehrt zu einem Thema zu werden, ebenso wie deren naturwissenschaftliche Aufarbeitung. In der Präsentation über mögliche Qualitätsmängel war ein »interessanter« Punkt zu entdecken: Verunreinigung durch »western medicine«.

»Internetapotheken sind tot«
In dem Symposium »Internet und Pharmazie« war eine Botschaft herausragend: die Internet-basierte Versandapotheke ist weltweit so gut wie tot. Dies gestand sogar der Präsident der Vereinigung europäischer Versandapotheken ein. Seiner Ansicht nach werden reine Internetapotheken in Zukunft eher eine »Drehscheibenfunktion« für andere Apotheken haben. Selbst große Apothekenketten in den USA verwenden das Internet »nur« noch, um Kunden in ihre »realen« Apotheken zu lenken, Arzneimittel werden praktisch kaum mehr verkauft. Das Internet wird weltweit also fast ausschließlich eingesetzt, um den Kunden bestehender Apotheken besseren Service und aktuellste Informationen bieten zu können. Ein weiteres Symposium hat sich dann mit der Qualität der Gesundheitsinformation im Netz, deren Beurteilung und dem Projekt der WHO für Standards und Zertifizierungen beschäftigt.

Arbeitsgruppen und Projekte
Eine Arbeitsgruppe der FIP beschäftigt sich intensiv mit »medication errors«. Dabei wurde ein Projekt vorgestellt, wie durch Interventionen des Apothekers unerwünschte Arzneimittelwirkungen vermieden werden können. Interessant war dabei besonders die Möglichkeit der Dokumentation solcher Interventionen und deren Ergebnisse. So nimmt eine durchschnittliche Apotheke in Holland 40mal am Tag eine Verbesserung in der Medikation vor. Generell hat die Pharmakovigilanz durch die Globalisierung enorm zugenommen. Entscheidend ist dabei aber die Fehlerkultur – wie vom Gesundheitssystem (von Arzt und Apotheker) mit auftretenden Fehlern umgegangen wird, und vor allem, ob diese Fehler zu einer zukünftigen Verbesserung der Verschreibungen führen. Ein interessantes Projekt in diesem Zusammenhang ist www.ismp.org.

"Die weltweiten Stärken des Apothekerberufes sind Glaubwürdigkeit, Vertrauen und »ethics«."
FIP-Präsident Peter Kielgast

Die Bezahlung einzelner Leistungen und deren Implementierung behandelte eine weitere Arbeitsgruppe. Diskutiert wird dabei in Richtung gesonderter Honorierung der einzelnen Leistungen, aber auch das (österreichische) Spannensystem fand Beachtung. Der große Vorteil dabei ist die unkomplizierte und einfache Handhabung. Die Befürchtung dabei ist, dass durch nicht ausreichende Einzelabgeltung diverser Leistungen diese nicht angeboten werden. Dies deckt sich zwar nicht mit unseren Erfahrungen, ist aber bei umfassenderen Zusatzleistungen sicher ein Thema. Solange jedenfalls das gesamte wirtschaftliche Umfeld der Apotheker vernünftig geregelt ist, sind diese durchaus motiviert, viele Einzelleistungen für ihre Kunden auch unentgeltlich anzubieten.
Ein weiteres Projekt ist PharmValue – eine Art wissenschaftlich betrachtetes weltweites Benchmarking der Apothekenleistungen. Bei einem kurzen Überfliegen würde das österreichische Apothekenwesen sehr gut abschneiden. Verbesserungspotenzial gibt es vor allem in den Bereichen Hauszustellung (durch Apotheker), in der Implementierung von Pharmaceutical Care und generell in patientenorientierten Zusatzserviceleistungen. Jedenfalls ist es immer wieder interessant, mit Apothekern aus anderen Ländern ins Gespräch zu kommen, wie diese ihre Dienstleistungen und Zusatzangebote konkret durchführen.

Health Economics – Gesundheitsökonomie
Ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld für Apotheker sieht die FIP in der Gesundheitsökonomie. Gerade durch den finanziellen Druck auf die Gesundheitssysteme sind diese gezwungen, die Bezahlung von Arzneimitteln oder Therapien von genauen Kosten-Nutzen-Kriterien abhängig zu machen, bei deren Erstellung die Apotheker viel beizutragen hätten. In Australien werden Arzneimittel überhaupt nur zugelassen, wenn diese Kriterien erfüllt sind. Andere Länder stehen kurz vor der Einführung solcher Kriterien, der pharmazeutische Sachverstand der Apotheker sollte da einfließen – und die Lehrpläne der Universitäten sollten dementsprechend angepasst werden.

»Genomics«
Dem wissenschaftlichen Teil des Programms wurde dieses Jahr ein breiter Raum gewidmet. Neben den Schwerpunkten »drug delivery« und »drug design«, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll, stach das Thema »pharmakogenomics« hervor – die therapeutische Umsetzung der Gentherapie und anderer Erkenntnisse aus der Gentechnologie. Beleuchtet wurden hier ethische Gesichtspunkte, Möglichkeiten in der klinischen Praxis und Zukunftsperspektiven. Ein wichtiger Teilaspekt war, dass Arzneimittel bei verschiedenen Genotypen unterschiedliche Wirkungen haben und dass man in diesen Forschungen erst am Anfang steht. So entfalten Statine bei etwa 16% der Patienten, die ein Zielprotein in einer bestimmten genetischen Ausprägung haben, nur eine geringe bis gar keine Wirkung.
Singapore ist extrem westlich, was Orientierung und Aussehen betrifft – und gerade deshalb ein guter erster Schritt in den asiatischen Kulturkreis. Alles in allem ein gelungener Kongress in einer Stadt und einer Weltregion, die zwischen Krise und gigantischen Zukunftchancen hin und her gerissen ist – vielleicht ein wenig Sinnbild für die weltweite Pharmazie.

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