Allergische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen und stellen im Apothekenalltag einen zentralen Beratungsanlass dar. Als niederschwellige Ansprechspartner nehmen Apotheker:innen eine wichtige Schnittstellenfunktion im Gesundheitswesen ein, da sie Warnzeichen erkennen und gezielt prüfen, ob eine Selbstmedikation vertretbar ist. Eine professionelle Beratung umfasst daher nicht nur die symptomatische Versorgung mit freiverkäuflichen Arzneimitteln, sondern auch das Erkennen und rechtzeitige Weiterleiten von Risikopatient:innen an den Arzt oder die Ärztin.
Saisonale allergische Rhinitis
Typische Symptome
• Wässrige Rhinorrhoe
• Anfallsartiger Niesreiz
• Nasaler Juckreiz
• Nasale Obstruktion
Krankheitsbild
Die saisonale allergische Rhinitis ist eine IgE-vermittelte, nichtinfektiöse Entzündung der Nasenschleimhaut gegen Inhalationsallergene. Der Begriff „saisonal“ drückt aus, dass die Beschwerden nur zu bestimmten Zeiten im Jahr auftreten. Auf Birkenpollen allergische Patient:innen reagieren beispielsweise von März bis Mai, während Patient:innen mit Haselallergie oft schon im Jänner, bei milden Wintern teils sogar schon ab Dezember, Symptome entwickeln. Häufig tritt die allergische Reaktion neben der Nasenschleimhaut gleichzeitig an den Augen oder den unteren Atemwegen auf. Das Asthmarisiko ist für Patient:innen mit allergischer Rhinitis ungefähr 3-fach erhöht. Nach fünf Jahren Rhinitis ohne Therapie kommt es in bis zu 40 % der Fälle zum Etagenwechsel. Erkundigen Sie sich deshalb aktiv nach verdächtigen Anzeichen wie Reizhusten (bei saisonaler Pollenallergie im Freien, bei Hausstaubmilbenallergie nachts), retrosternalem Brennen und Leistungsabfall im Sport.
Mögliche Verwechslungen
• Virale Rhinitis
• Chronische Sinusitis
• Medikamentenassoziierte Rhinitis
• Vasomotorische Rhinitis
• Anatomische Veränderungen der
Nasenhaupthöhle
• Verlegung des Epipharynx
(v. a. bei Kleinkindern)
Behandlungsoptionen
Mittel der Wahl in der Selbstmedikation sind nasale bzw. orale Antihistaminika. Begonnen wird in der Regel mit nasalen Antihistaminika, die innerhalb weniger Minuten gut gegen Niesen, Juckreiz und Hypersekretion wirksam sind. Die häufigste Nebenwirkung ist ein bitterer Geschmack im Mund. Bei Mitbeteiligung der Augen kann es sinnvoll sein, lokale mit systemischen Antihistaminika zu kombinieren. Dafür eignen sich nichtsedierende Wirkstoffe der zweiten Generation wie (Levo-)Cetirizin, (Des-)Loratadin, Fexofenadin und Bilastin.
Der Trend geht jedoch eindeutig in Richtung nasale Corticosteroide (INCS). INCS lindern zuverlässig Symptome wie Juckreiz, Niesen und verstopfte Nase. Zudem reduzieren sie nachhaltig die Konzentration beteiligter Entzündungsbotenstoffe, was bei regelmäßiger Gabe prophylaktisch vor neuen Symptomen schützt. Da INCS bei korrekter Anwendung keine systemischen Nebenwirkungen verursachen und unerwünschte Begleiterscheinungen selten sind, eignen sie sich gut für eine langfristige Therapie. In Deutschland und der Schweiz können bei ärztlicher Diagnose manche Präparate bereits rezeptfrei an Erwachsene abgegeben werden. In Österreich unterliegen INCS aktuell noch der Rezeptpflicht (Stand: Dezember 2025).
Eine einfache Methode, die dabei hilft, ist die Merkhilfe „S-A-V-E“. Das steht für:
Schwere Symptome
Atemwege/Allgemeinsymptome
Verlauf unklar oder zunehmend
Erstauftreten/erfolglose Selbstmedikation
Trifft einer dieser Punkte zu, ist eine ärztliche Abklärung empfohlen. Folgende Beispielfragen helfen, potenziell gefährliche Verläufe nach dem „S-A-V-E“-Schema zu erkennen, und sollen einen ersten Denkanstoß für ein gelungenes Screening an der Tara liefern.
Art und Schwere der Symptome
• Hatten Sie Atemnot, Engegefühl im Hals oder pfeifende Atmung?
• Gab es Schwellungen im Gesicht, an Lippen oder Zunge?
• Sind Kreislaufprobleme aufgetreten (Schwindel, Ohnmacht)?
• Breiten sich die Hautreaktionen stark aus oder verschlimmern sie sich schnell?
Zeitpunkt und Verlauf
• Wie schnell nach dem Kontakt traten die Beschwerden auf?
• Wie lange bestehen die Symptome schon?
• Treten die Symptome immer wieder auf oder werden sie stärker?
• Helfen die bisher verwendeten Medikamente ausreichend?
Mögliche Auslöser
• Gab es kurz vorher neue Lebensmittel, Medikamente oder Insektenstiche?
• Bestehen die Beschwerden nur an Kontaktstellen oder am ganzen Körper?
• Treten die Symptome auch ohne erkennbaren Auslöser auf?
Vorerkrankungen und Risikogruppen
• Haben Sie Asthma, Neurodermitis oder andere Allergien?
• Sind Sie schon einmal wegen einer Allergie ärztlich behandelt worden?
• Gab es früher schwere allergische Reaktionen?
• Haben Sie chronische Erkrankungen oder nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein?
• Sind Sie schwanger oder befinden Sie sich gerade in der Stillzeit?
• Ist das Kind jünger als 6 Jahre?
Ganzjährige allergische Rhinitis
Typische Symptome
• Nasale Obstruktion
• Riechverlust
• Druckgefühl und Schmerzen im Gesichtsbereich (Sinusitis-ähnliche Symptomatik)
• Akute Beschwerden wie Niesattacken und Rhinorrhoe treten in den Hintergrund.
Krankheitsbild
Patient:innen mit ganzjähriger allergischer Rhinitis leiden für gewöhnlich unter einer chronischen, wechselhaften bis permanenten nasalen Obstruktion. Ursächlich sind meist Innenraumallergene, in Österreich vor allem Hausstaubmilben. Tierhaare, Schimmelpilze oder Berufsallergene sind deutlich seltener. Wenngleich es sich bei der ganzjährigen allergischen Rhinitis ebenfalls um eine IgE-vermittelte, nichtinfektiöse Entzündung der Nasenschleimhaut handelt, beobachtet man hier einen Switch von Akutmediatoren hin zu spezifischen Zytokinmustern. Die anhaltende Schleimhautentzündung führt zur Hypertrophie des Gewebes und gesteigerter nasaler Sekretion mit gestörtem Sekretabfluss. Klinisch können Nasenpolypen, eitrige Sekretion, Ödeme und wiederkehrende Entzündungen in den Nasennebenhöhlen bestehen.
Mögliche Verwechslungen
• Nichtallergische Rhinitis
• Infektiöse oder strukturelle Ursachen
Behandlungsoptionen
Für die medikamentöse Behandlung eingesetzte Substanzen unterscheiden sich im Prinzip nicht von jenen, die bei der saisonalen allergischen Rhinitis verwendet werden. Patient:innen sind verstärkt über Maßnahmen der Allergenvermeidung aufzuklären und auf die Möglichkeit einer subkutanen/sublingualen allergenspezifischen Immuntherapie (AIT) hinzuweisen. Die Wirksamkeit der AIT ist bei Hausstaubmilbenallergie sowohl im Kindes- wie auch im Erwachsenenalter durch Studien gut belegt und bei eindeutigem Nachweis ausdrücklich empfohlen.
Allergie am Auge
Typische Symptome
• Wässriger Tränenfluss
• Okulärer Juckreiz speziell in den Augeninnenwinkeln
• Beidseitige Beschwerden
• Rote Augen
• Begleitende Rhinitis
Krankheitsbilder
Die mit Abstand häufigste Form einer allergischen Reaktion am Auge ist die saisonale allergische Konjunktivitis, deren Inzidenz in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat. Auslöser sind Aeroallergene, die beim Auftreffen auf das Epithel analog zur allergischen Rhinitis eine IgE-vermittelte Sofortreaktion in Gang setzen. Dadurch kommt es zu einer Erweiterung und vermehrten Durchlässigkeit der Blutgefäße und zu einer ödematösen Ansammlung von Flüssigkeit. Die allergische Reaktion kann auch die Lidhaut und Lidkanten umfassen. Typische Folgen sind eine Entzündung der Lidkante (Blepharitis), ein Lidekzem (Blepharitis mit Entzündung der Lidhaut) sowie ein Lidödem. Einseitige Beschwerden, Brennen ohne Juckreiz, schleimige Sekretion, Schmerzen und ausgeprägte Lichtscheu sprechen gegen eine allergische Konjunktivitis.
Mögliche Verwechslungen
• Atopische Keratokonjunktivitis
• Keratokonjunktivitis vernalis
• Kontaktlinsen-Konjunktivitis
• Irritative oder infektiöse Konjunktivitis
Behandlungsoptionen
Allgemeine Maßnahmen inkludieren feuchte Kompressen und das Tragen einer Brille anstelle von Kontaktlinsen während der Pollensaison. Medikamentös kann bei isolierten okulären Beschwerden eine äußerliche Behandlung mit antiallergischen Augentropfen versucht werden. Das 2–4 x tägliche Eintropfen zeigt eine schnelle Wirkung innerhalb von 30 Minuten und verursacht praktisch keine lokalen oder systemischen Nebenwirkungen. Orale Antihistaminika wirken auf Augen und Nase. Rezeptpflichtige Glucocorticoid-haltige Augentropfen sind bei der allergischen Konjunktivitis nur Mittel der zweiten Wahl und sollten aufgrund ihrer Nebenwirkungen (trophisches Ulkus, Glaukom, Katarakt) nur kurzfristig über wenige Tage verabreicht werden. Hier ist es zielführender, auf INCS zurückzugreifen, die auch bei Beschwerden am Auge gut wirksam sind. α-Agonist-haltige Augentropfen bessern rasch die konjunktivale Hyperämie, eine längerfristige Anwendung ist wegen der Gefahr einer Rebound-Hyperämie und Schädigung des Kornea-Epithels allerdings unbedingt zu vermeiden.
Allergisches Kontaktekzem
Typische Symptome
• Starker Juckreiz
• Unscharf begrenzte Rötung und Schwellung der Haut mit/ohne Bläschenbildung
• Nässende Läsionen (Papulovesikel)
Krankheitsbild
Im Gegensatz zur allergischen Rhinitis/Konjunktivitis ist das allergische Kontaktekzem Ausdruck einer durch T-Lymphozyten hervorgerufenen Entzündung der Dermis und Epidermis nach direktem Kontakt des Allergens mit der Haut (= Typ-IV-Allergie). Infrage kommende Allergene sind mannigfaltig und beinhalten Metalle, Duftstoffe, Pflanzen, Konservierungsmittel, Gummizusatzstoffe, Kunstharze, Salbenzusatzstoffe, topische Arzneimittel und Friseurstoffe.
Mögliche Verwechslungen
• Atopisches Ekzem
• Seborrhoisches Ekzem
• Irritatives Ekzem
• Infektiöses Ekzem
• Rosazea
• Phototoxische Reaktionen
• Psoriasis
• Erysipel
Behandlungsoptionen
Eine Selbstmedikation beim allergischen Kontaktekzem erscheint bei leichten, akuten Fällen mit geringfügiger Rötung und bekanntem Auslöser vertretbar. Ziel ist es, den Juckreiz zu lindern und die Haut zu beruhigen. Das gelingt am besten mit Corticosteroid-haltigen Externa, die kurzfristig für 5–7 Tage auf die entsprechenden Hautpartien aufgetragen werden. Juckreizlindernde Präparate, z. B. Zinkpaste und feuchtigkeitsspendende Emollienzien, sind eine sinnvolle Ergänzung, weil sie die Hautbarriere stärken und vor weiterer Allergenexposition schützen.
Quellen
• Alinaghi F, et al.: Prevalence of contact allergy in the general population: A systematic review and meta-analysis. Contact Dermatitis 2019;80(2):77-85
• Devillier P, et al.: A meta-analysis of sublingual allergen immunotherapy and pharmacotherapy in pollen-induced seasonal allergic rhinoconjunctivitis. BMC Med 2014;12:71
• Dhami S, et al.: Allergen immunotherapy for allergic rhinoconjunctivitis: A systematic review and meta-analysis. Allergy 2017;72(11):1597-1631
• Krungkraipetch L, et al.: Ranking the efficacy of topical treatments for ocular allergy: A network meta-analysis of current evidence. Ocul Surf 2025;37:273-282
• Lee J, et al.: Consort allergic contact dermatitis: A systematic review. Dermatitis 2022;33(3):181-186
Weitere Literatur auf Anfrage