u reisen ist zu leben“ (H. C. Andersen). Wer reist, setzt sich allerdings auch – teils unbewusst – verschiedenen Infektionsrisiken aus. Für die Beratung in der Apotheke ist es daher vermutlich klug, auch den Worten J. W. Goethes Beachtung zu schenken, der Reisen als unvorhersehbares Abenteuer beschreibt, bei dem man oft mehr oder weniger als erhofft erhält („Eine Reise gleicht einem Spiel“).
Für das Gespräch an der Tara besteht die Herausforderung darin, risikobehaftete Urlaubsvorhaben zu identifizieren und Patient:innen individuell und strukturiert zu beraten, damit das „Spiel“ ein gutes Ende nimmt. Dies beinhaltet:
• Erhebung von Reiseziel und -art
• Patientenspezifische Risikofaktoren
• Überprüfung von Standard- und Indikations-
impfungen
• Vermittlung von Verhaltensstrategien
• Zusammenstellung der Reiseapotheke
• Schulung zur Selbstmedikation
• Verhalten im Ernstfall
Reisemedizinische Beratung
Vor der Reise
Um genügend Zeit für die notwendige Prophylaxe zu gewährleisten, sollte mehrere Wochen vor Reiseantritt eine umfassende reisemedizinische Beratung erfolgen. In diesem Rahmen wird der Impfstatus überprüft und ggf. ergänzt. Basis bildet eine individuelle Risikoanalyse, die Faktoren wie Reiseziel, Aufenthaltsdauer, geplante Aktivitäten und bestehende Vorerkrankungen miteinbezieht. Auf dieser Grundlage fußen auch personalisierte Empfehlungen zur Expositions- und Chemoprophylaxe sowie der Inhalt der Reiseapotheke.
Ein weiterer zentraler Bestandteil, der gerne übersehen wird, ist die Aufklärung über angemessenes Hygieneverhalten, potenzielle Infektionsrisiken (u. a. Insekten, Süßwasser, stehende Gewässer, Sexualkontakte) und das richtige Verhalten im Krankheitsfall (Erkennen von Warnzeichen, Bereithalten von Notfallkontakten/-adressen, korrekter Einsatz der Stand-by-Medikation etc.).
Während der Reise
Im Urlaub selbst ist die konsequente Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen essenziell. Reisende sollten auf eine strikte Lebensmittel- und Trinkwasserhygiene achten und Expositionsrisiken, beispielsweise durch Insektenstiche, minimieren. Gleichzeitig ist es wichtig, erste Krankheitssymptome frühzeitig zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren. Selbstmedikation ist ein wesentlicher Aspekt der reisemedizinischen Versorgung, insbesondere in Regionen mit eingeschränktem Zugang zu medizinischer Infrastruktur. Selbstmedikation kann in vielen Fällen ausreichend sein, erfordert jedoch ein gutes Verständnis der eigenen Grenzen.
Nach der Reise
Tropenreisen sind aus medizinischer Sicht grob erst ein Monat nach der Rückkehr wirklich abgeschlossen, weil viele relevante Infektionen wie Malaria, Dengue-Fieber, Typhus und Rickettsiosen etwa innerhalb dieses Zeitraums auftreten können. Es gibt aber auch Erkrankungen mit deutlich längerer Inkubationszeit, etwa Hepatitis B (Wochen bis Monate), Leishmaniose (Wochen bis Monate), Schistosomiasis (Wochen bis Monate) und Tuberkulose (Wochen bis Jahre). Fieber nach Reisen in (sub-)tropische Gebiete ist immer ein Warnsignal und dringend abklärungsbedürftig!
Better safe than sorry
Die angesprochenen Punkte lassen sich nicht immer in einem spontanen Kundengespräch vollständig und verantwortungsvoll klären. Zögern Sie daher nicht, den Kund:innen einen zweiten Termin anzubieten. Dies ist besonders dann sinnvoll, wenn für eine fundierte Beratung noch zusätzliche Informationen benötigt werden oder eine sorgfältige Vorbereitung im Sinne der bestmöglichen Empfehlung angebracht ist.
Reisedurchfall
Reisediarrhö ist weltweit die häufigste infektiöse Erkrankung bei Reisenden. Ursächlich sind überwiegend bakterielle Pathogene, allen voran enterotoxische Stämme von E. coli. Diese produzieren Toxine, die zu einer gesteigerten Sekretion von Wasser und Elektrolyten in das Darmlumen führen. Demgegenüber schädigen Infektionen mit Shigellen oder Campylobakterien oft die intestinale Mukosa, was entzündliche Reaktionen mit Fieber und blutigen Durchfällen zur Folge haben kann. Die Aufnahme erfolgt primär über kontaminierte Lebensmittel oder Trinkwasser. Auch Tische, Besteck oder Küchengeräte können Erreger übertragen.
Prävention
Da meist schon geringe Keimzahlen ausreichen, fußt die Prävention auf einer rigorosen Lebensmittel- und Trinkwasserhygiene. Dazu zählt das Verzehren von ausschließlich gekochtem oder geschältem Obst und Gemüse sowie der Verzicht auf rohe Lebensmittel („cook it, peel it or forget it“). Trinkwasser sollte abgekocht oder aus verpackten Flaschen konsumiert werden – auch beim Zähneputzen.
Die Evidenz für Pre- und Probiotika ist nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) trotz positiver Signale zu niedrig, um allgemeine Empfehlungen auszusprechen. Stämme mit höchster Evidenz sind Lactobacillus rhamnosus GG und Saccharomyces boulardii.
Selbstmedikation
In der Selbstbehandlung steht die Rehydratation im Vordergrund, da der Flüssigkeits- und Elektrolytverlust die primäre Ursache für Komplikationen darstellt. Orale Rehydratationslösungen nutzen den natriumgekoppelten Glukosetransport im Darm, um die Flüssigkeitsaufnahme zu verbessern und eine Austrocknung zu verhindern. Die symptomatische Therapie mit Antidiarrhoika wie Loperamid und Racecadotril kann die Stuhlfrequenz reduzieren, sollte jedoch nur bei unkomplizierten Verläufen ohne Fieber oder blutige Diarrhö eingesetzt werden. Bei schweren Verläufen sind unter Umständen Stand-by-Antibiotika indiziert. Hierbei handelt es sich um eine notfallmäßige Selbstbehandlung bei Auftreten typischer Symptome, sofern innerhalb eines definierten Zeitraumes keine ärztliche Diagnose möglich ist. Mittel der Wahl ist Azithromycin (als Einzeldosis oder 500 mg 1x täglich an drei aufeinanderfolgenden Tagen). Fluorchinolone, Aminopenicilline, Cephalosporine und Trimethoprim/Sulfamethoxazol (Cotrimoxazol) werden für die empirische Therapie in den meisten Fällen nicht empfohlen.
Malaria
Malaria bleibt eine der klinisch bedeutsamsten Infektionserkrankungen bei Reisen in endemische Regionen. Nach der Übertragung durch den Stich infizierter Anopheles-Mücken gelangen Sporozoiten (einzellige Organismen) in die Leber, wo sie eine asymptomatische Vermehrungsphase durchlaufen. Anschließend werden Merozoiten freigesetzt, die Erythrozyten infizieren. Die daraus resultierende Hämolyse führt zu den typischen Fieberschüben. Schließlich bilden sich Gametozyten, die sich beim neuerlichen Stich einer Mücke in dieser geschlechtlich fortpflanzen.
Prävention
Geeignete Repellentien (30–50 % DEET, 20–30 % Icaridin), das Tragen hautbedeckender, imprägnierter Kleidung und die Nutzung von Moskitonetzen sind grundlegende Vorkehrungen. Ergänzend wird je nach Region und individueller Risikokonstellation eine medikamentöse Prophylaxe empfohlen, deren Auswahl sich an Resistenzmustern und Verträglichkeit orientiert. Zu den wichtigsten Standardoptionen der Chemoprophylaxe zählen Atovaquon/Proguanil, Doxycyclin (off-label) und Mefloquin; die Auswahl richtet sich nach Region, Resistenzlage und individueller Verträglichkeit. Standard für die meisten Regionen ist Atovaquon/Proguanil. Die Tabletten werden 1x täglich zum Essen eingenommen, beginnend 24-48 h vor der Einreise bis 7 Tage nach Verlassen des Malariagebiets. Für Reisende steht derzeit keine routinemäßig empfohlene und international breit verfügbare Malariaimpfung zur Verfügung.
Selbstmedikation
In bestimmten Situationen kann eine Stand-by-Therapie sinnvoll sein. Stand-by-Therapien bei Malaria erfordern eine ausführliche Schulung, da sowohl die Indikationsstellung als auch die korrekte Einnahme entscheidend für den Therapieerfolg sind. Mittel der Wahl ist Artemether/Lumefantrin, das bei Erwachsenen und Kindern ab einem Körpergewicht von 35 kg in Form eines Behandlungszyklus von jeweils vier Tabletten (= 1 Dosis) zusammen mit Nahrung oder einem milchhaltigen Getränk über einen Zeitraum von 60 Stunden gegeben wird:
• Dosis 1 zum Zeitpunkt der Selbstdiagnose
• Dosis 2 nach 8 h
• Dosis 3 nach 24 h
• Dosis 4 nach 36 h
• Dosis 5 nach 48 h
• Dosis 6 nach 60 h
Dengue-Fieber
Die durch Stechmücken der Gattung Aedes übertragene Viruserkrankung ist in den (sub-)tropischen Regionen Afrikas, Asiens, Südamerikas und des mittleren Ostens beheimatet. Anders als Anopheles-Mücken sind Aedes-Mücken tagaktiv. Das Dengue-Virus repliziert sich nach der Infektion in dendritischen Zellen und Makrophagen, wodurch sich das Immunsystem aktiviert und Zytokine freisetzt. Betroffene entwickeln hohes Fieber, Schmerzen und Hautausschläge. Schwere Verläufe können durch den erhöhten Flüssigkeitsaustritt aus den Blutkapillaren tödlich enden. Aktuell gibt es keine kausale antivirale Therapie.
Prävention
Die Vermeidung von Mückenstichen erfolgt analog zu Malaria. Seit 2022 ist mit Qdenga® ein Lebendimpfstoff für Reisende ab 4 Jahren zugelassen. Die reisemedizinische Empfehlung ist differenziert und berücksichtigt insbesondere Personen, die bereits einmal an Dengue erkrankt waren und in einem Dengue-Endemiegebiet Urlaub machen. Das Impfschema sieht zwei subkutane Einzeldosen im Abstand von drei Monaten vor.
Selbstmedikation
Therapiemöglichkeiten bei Verdacht auf Dengue-Fieber sind begrenzt. Wichtig sind adäquate Flüssigkeitszufuhr und Ruhe. Gegen Fieber und Schmerzen ist Paracetamol das Mittel der Wahl. NSAR sind wegen ihrer gerinnungshemmenden Wirkung kontraindiziert.