Müdigkeit und eine verminderte Leistungsfähigkeit sind nach einem akuten Infekt zunächst nicht ungewöhnlich. Der Körper benötigt Zeit zur Regeneration, wobei die Dauer der Rekonvaleszenz unter anderem von der Schwere der Erkrankung, dem Alter, bestehenden Begleiterkrankungen und der körperlichen Ausgangssituation abhängt. Typischerweise bessern sich die Beschwerden im Verlauf zunehmend. Von einer postviralen beziehungsweise postinfektiösen Fatigue spricht man hingegen, wenn eine ausgeprägte Erschöpfung über die übliche Erholungsphase hin-aus anhält. Sie ist keineswegs auf SARS-CoV-2 beschränkt, sondern kann auch nach anderen Infektionen auftreten. Im Gegensatz zu gewöhnlicher Müdigkeit umfasst Fatigue eine ausgeprägte körperliche und/oder kognitive Erschöpfbarkeit, die sich durch Ruhe oder Schlaf nicht immer ausreichend bessert. Besonders intensiv untersucht werden solche Beschwerden seit der COVID-19-Pandemie. Unter Long COVID beziehungsweise der Post-COVID-Condition werden länger anhaltende Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion zusammengefasst. Fatigue zählt dabei zu den häufigsten Symptomen, kann jedoch gemeinsam mit zahlreichen weiteren Beschwerden auftreten.
Die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist von Long COVID
zu unterscheiden, weist jedoch erhebliche klinische Überschneidungen auf. Nicht jede länger anhaltende postvirale Fatigue erfüllt die Kriterien für ME/CFS.
Chronisches
Fatigue-Syndrom
(ME/CFS)
ME/CFS ist eine schwere, chronische Multisystemerkrankung, die häufig im Anschluss
an eine Infektion auftritt. Kennzeichnend sind eine anhaltende, ausgeprägte Einschränkung der körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeit sowie weitere Beschwerden wie nicht erholsamer Schlaf, Schmerzen und Störungen des autonomen Nervensystems.
Als Leitsymptom gilt die Post-Exertional Malaise (PEM), eine häufig verzögert einsetzende und länger anhaltende Verschlechterung der Symptome nach körperlicher, kognitiver, emotionaler oder sozialer Belastung.
Wie häufig ist postvirale Erschöpfung?
Postinfektiöse Beschwerden sind keineswegs ein ausschließliches COVID-19-Phänomen, sondern können nach unterschiedlichen viralen und anderen Infektionen auftreten. Besonders umfangreich ist die Datenlage jedoch seit der SARS-CoV-2-Pandemie. Die Angaben zur Häufigkeit von Long COVID variieren erheblich und hängen unter anderem von der verwendeten Definition, der untersuchten Population, der Virusvariante, der Schwere der Akuterkrankung, der Beobachtungsdauer und dem Impfstatus ab. Eine aktuelle Metaanalyse zeigte bei Geimpften gegenüber Ungeimpften niedrigere Odds für die Entwicklung von Long COVID (OR 0,77; 95 %-KI 0,70–0,85).
Warum die Erschöpfung länger anhalten kann
Warum manche Menschen nach einem Infekt rasch wieder vollständig belastbar sind, während andere über Wochen oder Monate Beschwerden entwickeln, ist bislang nicht abschließend geklärt. Vermutlich handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Mechanismen. Diskutiert werden unter anderem eine anhaltende Aktivierung des Immunsystems und persistierende Entzündungsprozesse, eine Dysregulation des autonomen Nervensystems sowie Veränderungen des Energie- und Zellstoffwechsels. Insbesondere im Zusammenhang mit Long COVID werden zudem virale Persistenz beziehungsweise zurückbleibende Virusbestandteile, Autoimmunmechanismen sowie Veränderungen der Gefäßfunktion und Mikrozirkulation untersucht. Auch Schlafstörungen und psychische Belastungen können bestehende Beschwerden zusätzlich verstärken.
Entsprechend vielfältig kann sich eine postinfektiöse Erschöpfung äußern. Neben ausgeprägter Fatigue und verminderter körperlicher Belastbarkeit berichten Betroffene häufig über Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, nicht erholsamen Schlaf, Kopf- und Muskelschmerzen, Schwindel, Atemnot oder Herzklopfen. Charakteristisch für einen Teil der Betroffenen ist zudem eine ausgeprägte Belastungsintoleranz.
Therapie: Was hilft wirklich?
Eine spezifische medikamentöse Standardtherapie gibt es bislang nicht. Bei länger anhaltender oder zunehmender Erschöpfung sollte daher zunächst ärztlich abgeklärt werden, ob andere Ursachen vorliegen. Differenzialdiagnostisch kommen beispielsweise Anämie oder Eisenmangel, Schilddrüsenerkrankungen, Schlafstörungen, kardiale oder pulmonale Erkrankungen sowie Nährstoffmängel infrage. Auch Arzneimittel können Müdigkeit verursachen oder verstärken. Ebenso sollten psychische Erkrankungen wie eine Depression als mögliche Ursache oder Begleiterkrankung berücksichtigt werden.
Die Behandlung orientiert sich anschließend an den individuellen Beschwerden und möglichen Auslösern. Neben der gezielten Therapie nachgewiesener Defizite oder Begleiterkrankungen spielen ausreichend Schlaf, ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, eine ausgewogene Ernährung und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr eine wichtige Rolle.
Bewegung – aber mit Maß
Im Rahmen einer normalen Rekonvaleszenz kann die Alltagsaktivität schrittweise und entsprechend der individuellen Belastbarkeit gesteigert werden. Eine zu rasche Rückkehr zu intensiver sportlicher Belastung sollte jedoch vermieden werden. Anders ist die Situation bei ME/CFS. Hier kann eine forcierte Aktivitätssteigerung die Beschwerden deutlich verschlechtern. Statt eines starren Trainingsplans steht daher das sogenannte Pacing im Vordergrund. Körperliche, kognitive und soziale Aktivitäten werden dabei so geplant und dosiert, dass die individuellen Belastungsgrenzen möglichst nicht überschritten und nachfolgende „Crashs“ vermieden werden.
Sonderfall ME/CFS
Eine zugelassene kausale medikamentöse Therapie für ME/CFS steht derzeit nicht zur Verfügung. Die Behandlung richtet sich daher nach den individuellen Beschwerden, etwa Schlafstörungen, Schmerzen oder einer orthostatischen Intoleranz. Dazu zählt auch das posturale Tachykardiesyndrom (POTS), bei dem es beim Aufstehen zu einem ausgeprägten Anstieg der Herzfrequenz mit Beschwerden wie Schwindel, Herzklopfen oder Schwäche kommen kann. Zunächst stehen nach ärztlicher Rücksprache nichtmedikamentöse Maßnahmen wie eine ausreichende Flüssigkeits- und Salzzufuhr sowie Kompressionskleidung im Vordergrund. Auch Schlafstörungen, Schmerzen und psychische Begleiterkrankungen werden symptomorientiert behandelt. Low-Dose-Naltrexon (LDN) wird als experimenteller Ansatz zunehmend untersucht und teilweise off-label eingesetzt. Erste Daten weisen auf mögliche positive Effekte auf Fatigue, Schmerzen und kognitive Beschwerden hin, die Evidenz reicht jedoch noch nicht für eine allgemeine Empfehlung aus. Da manche Betroffene empfindlicher auf Arzneimittel reagieren, empfiehlt sich häufig das Prinzip „Start low, go slow“ – also niedrig dosiert beginnen und die Dosis langsam steigern.
Was hilft nach
dem Infekt?
Der Wunsch nach einer „Immunkur“ ist nach einem überstandenen Infekt häufig. Für eine pauschale Einnahme hochdosierter Vitamine oder Mineralstoffe zur Behandlung einer postviralen Fatigue gibt es jedoch keine überzeugende Evidenz. Vitamin D, B-Vitamine, Eisen oder andere Mikronährstoffe sollten insbesondere bei nachgewiesenem Mangel beziehungsweise entsprechendem Risiko gezielt supplementiert werden. Auch für Vitamin C, Zink oder Magnesium ist eine spezifische Wirksamkeit gegen anhaltende postvirale Erschöpfung bislang nicht ausreichend belegt. In der Beratung sollte zunächst geklärt werden, wie lange die Beschwerden bereits bestehen, ob eine Besserungstendenz erkennbar ist und ob körperliche oder geistige Belastung zu einer deutlichen Verschlechterung führt. Ausreichend Schlaf, ein regelmäßiger Schlafrhythmus, ausgewogene Ernährung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr unterstützen die Rekonvaleszenz. Die körperliche Aktivität sollte an die individuelle Belastbarkeit angepasst werden.
Bei ausgeprägter oder zunehmender Erschöpfung, fehlender Besserung, deutlicher Einschränkung des Alltags ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. Dyspnoe, Thoraxschmerzen, Synkopen, anhaltende Tachykardie, neurologische Auffälligkeiten, anhaltendes Fieber oder ungeklärter Gewichtsverlust erfordern ebenfalls eine medizinische Abklärung.
Quellen
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: diagnosis and management. NICE Guideline NG206, 2021
- World Health Organization: Clinical management of COVID-19: living guideline. World Health Organization, Geneva
- S1-Leitlinie: Long/Post-COVID. Version 4.1 (2024), AWMF-Reg.Nr. 020-027
- Al-Aly Z, et al.: Long COVID science, research and policy. Nat Med 2024; 30(8): 2148–2164
- Hickie I, et al.: Post-infective and chronic fatigue syndromes precipitated by viral and non-viral pathogens: prospective cohort study. BMJ 2006; 333: 575
- Green R, et al.: A systematic review and meta-analysis of the impact of vaccination on prevention of long COVID. Nat Commun 2025; 16: 10326
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Monitoring the Use of Medicines and Supplements. ME/CFS Clinical Care, 2024.