Ilaria Passarani im Gespräch

Apotheken-Lobbying in Brüssel

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Verbandspräsident Mag. pharm. Thomas W. Veitschegger (re.) mit Ilaria Passarani (Mitte) bei der Podiumsdiskussion des Apothekerverbands zum Thema Impfen in der Apotheke. © Roland Rudolph
Verbandspräsident Mag. pharm. Thomas W. Veitschegger (re.) mit Ilaria Passarani (Mitte) bei der Podiumsdiskussion des Apothekerverbands zum Thema Impfen in der Apotheke. © Roland Rudolph

Impfen ist aktuell eines der wichtigsten Themen für die öffentlichen Apotheken in Österreich. Wie beurteilen Sie das Impfen in Apotheken, insbesondere vor dem Hintergrund der Erfahrungen und Entwicklungen in anderen europäischen Ländern?
Ilaria Passarani  Impfungen durch Apotheker:innen sind längst kein Experiment mehr. Im Jahr 2025 wurden bereits in 19 europäischen Ländern Impfungen in Apotheken angeboten, verglichen mit zehn Ländern im Jahr 2020. Frankreich, Irland, Deutschland oder Portugal zeigen, dass entsprechend geschulte Apotheker:innen Impfungen sicher durchführen, eine sehr hohe Patientenzufriedenheit erzielen und Menschen erreichen, die andernfalls womöglich ungeimpft blieben, wodurch die Impfquote gesteigert wird.

Impfen in der Apotheke ist eine wirksame Maßnahme, bereits bestehende Angebote zu ergänzen – und nicht zu ersetzen. Ihre Stärke liegt in ihrer guten Erreichbarkeit, den erweiterten Öffnungszeiten und dem häufigen Kontakt mit der Bevölkerung. 

Europäische Apotheken sind zunehmend von EU-Rechtsvorschriften und politischen Initiativen betroffen. Welche Entwicklungen auf europäischer Ebene sind Ihrer Meinung nach für öffentliche Apotheken in nächster Zeit am wichtigsten?
Passarani  Es gibt aktuell mehrere wichtige europäische Initiativen: Die Reform der EU-Arzneimittelvorschriften und der „Critical Medicines Act“ werden sich unmittelbar auf den Zugang zu Arzneimitteln, die Bewältigung von Lieferengpässen und die allgemeine Widerstandsfähigkeit der Arzneimittelversorgungsketten auswirken. Gleichzeitig wird der Europäische Gesundheitsdatenraum (European Health Data Space) die Art und Weise verändern, wie Gesundheitsinformationen abgerufen und ausgetauscht werden. Daher ist es unerlässlich, dass Apotheker:innen angemessenen Zugang zu den Informationen haben, die sie benötigen, um eine sichere und kontinuierliche Versorgung zu gewährleisten. Ebenso wichtig sind die übergeordnete Ausrichtung und die aktuellen Entwicklungen: Die europäische Politik konzentriert sich zunehmend auf Prävention, Vorsorge, Digitalisierung, Souveränität, Wettbewerbsfähigkeit und die Stärkung der Primärversorgung. Öffentliche Apotheken müssen in diese Entwicklungen vollständig einbezogen werden – nicht lediglich als Abgabestellen für Arzneimittel, sondern als umfassende Gesundheitsdienstleister. 

Als Generalsekretärin der PGEU stehen Sie im Zentrum der europäischen Gesundheitspolitik. Könnten Sie uns einen kurzen Einblick in Ihre Arbeit geben?
Passarani  Ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit besteht darin, das tägliche Geschehen in öffentlichen Apotheken mit den Entscheidungen in Brüssel zu verknüpfen. Die PGEU bringt die nationalen Apothekerorganisationen zusammen, identifiziert gemeinsame Prioritäten und vermittelt den EU-Institutionen evidenzbasierte Erkenntnisse, praktische Erfahrungen und konkrete Lösungsvorschläge. Wir beteiligen uns an Konsultationen, schlagen Änderungen an Gesetzesvorhaben vor, nehmen an Expertendiskussionen teil und erläutern, wie sich europäische Initiativen in der Praxis auf Apotheker:innen sowie Patient:innen auswirken werden. 

Obwohl die Organisation der Gesundheitsversorgung nach wie vor in erster Linie in nationaler Zuständigkeit liegt, werden viele Entscheidungen zunehmend auf EU-Ebene getroffen. Interessenvertretungen wie die PGEU spielen daher eine wesentliche Rolle: Sie müssen sicherstellen, dass politische Entscheidungsträger:innen die Realitäten der Patientenversorgung vor Ort verstehen und dass Rechtsvorschriften praktikabel, verhältnismäßig und patientenorientiert gestaltet sind. 

Welche Rolle sollten die öffentlichen Apotheken beim Aufbau eines stärkeren und widerstandsfähigeren europäischen Gesundheitssystems spielen – vor allem in Hinblick auf zunehmende krisenhafte Entwicklungen?
Passarani  Öffentliche Apotheken sollten als unverzichtbare lokale Gesundheitsinfrastruktur anerkannt werden. Während der COVID-19-Pandemie und der wiederholten Lieferengpässe der vergangenen Jahre blieben sie zugänglich, stellten die kontinuierliche Versorgung sicher, boten verlässliche Informationen, führten Testungen durch und fanden Lösungen für Patient:innen, wenn die üblichen Versorgungswege unterbrochen waren. 
Ihr Wert liegt nicht nur in der Bewältigung von Notfällen, sondern vor allem darin, den alltäglichen Zugang zur Gesundheitsversorgung vor, während und nach einer Krise sicherzustellen. Resilienz bedeutet daher, Apotheken formell in nationale und europäische Vorsorge- und Notfallpläne zu integrieren. Apo-theker:innen sollten rechtzeitig mit Informationen versorgt werden, über geeignete Befugnisse zur Bewältigung von Lieferengpässen und zur Sicherstellung der kontinuierlichen Behandlung verfügen und in Impf- sowie Notfallstrategien einbezogen werden. Ein Gesundheitssystem kann sich in Krisenzeiten nicht auf öffentliche Apotheken stützen, wenn es ihre Bestandssicherheit in der Zeit zwischen Krisen vernachlässigt.

Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um die Rolle der öffentlichen Apotheken in den europäischen Gesundheitssystemen zu stärken?
Passarani  Erstens sollten europäische und nationale Entscheidungsträger öffentliche Apotheken als integralen Bestandteil der Primärversorgung und der öffentlichen Gesundheitsinfrastruktur anerkennen. Apothekendienstleistungen wie Impfungen, Screenings, die Optimierung der Arzneimitteltherapie und die Unterstützung bei der Therapietreue benötigen geeignete rechtliche Rahmenbedingungen und eine nachhaltige öffentliche Vergütung. Apotheker:innen müssen außerdem einen sicheren Zugang zu relevanten Gesundheitsdaten haben und angemessen in digitale Gesundheitssysteme sowie in interdisziplinäre Versorgungspfade eingebunden werden.

Zweitens muss sich die Politik mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der Personalsituation auseinandersetzen, die es Apotheken ermöglichen, insbesondere in ländlichen, abgelegenen und unterversorgten Gebieten weiterhin erreichbar zu bleiben. Europa muss kein neues Gesundheitsnetzwerk schaffen – es verfügt bereits über ein solches in Form seiner öffentlichen Apotheken. 

zur person:
Ilaria Passarani

Die gebürtige Italienerin Ilaria Passarani ist Generalsekretärin der Pharmaceutical Group of the European Union (PGEU). 

In Brüssel ist sie im ständigen Austausch mit den Vertreter:innen von EU-Institutionen und vertritt ihnen gegenüber die Anliegen der europäischen Apotheker:innen.

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