Wenn die Nacht zur Belastung wird:

Schlafstörungen in der Selbstmedikation

Mag. pharm.

Magdalena

Muralter

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Schlafstörungen umfassen eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, die den Schlaf in Qualität, Dauer oder zeitlicher Struktur beeinträchtigen. Dazu zählen Insomnien, schlafbezogene Atmungs- und Bewegungsstörungen, zirkadiane Rhythmusstörungen, Hypersomnien (z. B. Narkolepsie) sowie Parasomnien (z. B. Albträume, Schlafwandeln). Je nach Definition und Erhebungsmethode berichten bis zu 30 % der Erwachsenen von gelegentlichen Schlafproblemen. Eine Studie der MedUni Wien hat gezeigt, dass rund 8 % der 18- bis 67-jährigen Österreicher:innen eine klinisch relevante Insomnie aufweisen. Diese ist definiert als Ein- und/oder Durchschlafstörung oder frühmorgendliches Erwachen, das mit einer relevanten Beeinträchtigung der Tagesbefindlichkeit einhergeht und über einen längeren Zeitraum besteht. Da die Insomnie im Bereich der Selbstmedikation die klinisch relevanteste Schlafstörung darstellt, steht sie im Fokus dieses Artikels.

Diagnostik

Im Zentrum steht die klinische Anamnese mit besonderem Augenmerk auf das subjektive Erleben der Patient:innen. Erfasst werden körperliche und psychische Symptome sowie potenziell schlafbeeinflussende Substanzen (siehe Kasten Schlafstörer). Ergänzend wird ein Schlaftagebuch über 7 bis 14 Tage empfohlen.
Apparative Verfahren sind in der Regel nicht routinemäßig erforderlich, können bei Hinweisen auf sekundäre Schlafstörungen jedoch gezielt eingesetzt werden. Zur Verfügung stehen die Aktigraphie, die eine alltagsnahe Erfassung des Schlaf-Wach-Rhythmus ermöglicht, sowie die Polysomnographie im Schlaflabor. 

Diese gilt als umfassendstes diagnostisches Verfahren und ist vor allem bei therapieresistenter Insomnie, Verdacht auf schlafbezogene Atmungs- oder Bewegungsstörungen sowie bei Risikogruppen indiziert.

Schlafstörer:
substanzen, die den Schlaf
beeinträchtigen können

Bestimmte Wirkstoffe können den nächtlichen Schlaf beeinträchtigen und Ein‑ oder Durchschlafprobleme begünstigen. Dazu zählen:

• Alkohol, stimulierende Genussmittel und illegale Drogen (z. B. Koffein, Amphetamine)
• Antriebssteigernde Antidepressiva (z. B. bestimmte SSRI)
• β-Blocker
• Antibiotika (z. B. Gyrasehemmer)
• Antidementiva
• Asthma-Medikamente (z. B. β-Sympathomimetika)
• Diuretika
• Hormonpräparate (z. B. Thyroxin, Glukokortikoide)

Therapie

Die S3-Leitlinie „Insomnie“ empfiehlt primär nicht-medikamentöse Maßnahmen, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie (KVT-I), die als wirksamster und nachhaltigster Behandlungsansatz gilt. Verschreibungspflichtige Arzneimittel sollten nur bei unzureichender Wirksamkeit oder Nichtverfügbarkeit der KVT-I und zeitlich begrenzt eingesetzt werden. 

Benzodiazepine und Benzodiazepin-Rezeptor-Agonisten (Z-Substanzen) sind mit Toleranzentwicklung, Abhängigkeit, kognitiven Beeinträchtigungen, Stürzen und Rebound-Insomnie assoziiert. Ihr Einsatz sollte kurzfristig erfolgen und in der Regel auf wenige Wochen begrenzt bleiben. Auch von einer langfristigen Off-Label-Behandlung mit sedierenden Antidepressiva wie Trazodon rät die Leitlinie – außer bei komorbider Depression – 
aufgrund der nicht ausreichenden Evidenz bei Schlafstörungen ab.

Sedierende Antihistaminika: Kurzfristige Option mit Einschränkungen

Die rezeptfrei verfügbaren Antihistaminika Diphenhydramin und Doxylamin können aufgrund ihrer zentral sedierenden Wirkung kurzfristig bei Schlafstörungen eingesetzt werden. Sie passieren die Blut-Hirn-Schranke, blockieren zentrale H1-Rezeptoren und vermitteln dadurch ihre schlaffördernde Wirkung. Die Einnahme erfolgt etwa 30 Minuten vor dem Zubettgehen. Eine ausreichende Schlafdauer sollte gewährleistet sein, um Hangover-Effekte am nächsten Tag zu vermeiden.

Die Evidenz zur Wirksamkeit bei Insomnie ist begrenzt, weshalb die Leitlinie vom routinemäßigen Einsatz abrät. Zudem ist die Anwendung laut Fachinformationen aufgrund möglicher Toleranzentwicklung und Nebenwirkungen auf maximal zwei Wochen zu beschränken. Möglich sind anticholinerge Effekte wie Mundtrockenheit, Obstipation und Miktionsstörungen. Ebenso sind Tagesmüdigkeit, gastrointestinale Beschwerden, Kopfschmerzen, erhöhter Augeninnendruck und in seltenen Fällen eine Verlängerung der QT-Zeit beschrieben.

Besonders bei älteren Menschen besteht ein erhöhtes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen, Schwindel und Stürze sowie für relevante Arzneimittelinteraktionen, insbesondere mit zentral dämpfenden oder anticholinergen Substanzen. Kombinationen mit MAO-Hemmern sind kontraindiziert; ebenso sollten Alkohol sowie potenziell QT-verlängernde Arzneimittel vermieden werden.

Melatonin: Gezielt bei Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus

Melatonin ist ein endogenes Hormon, das eine zentrale Rolle im zirkadianen Rhythmus spielt und schlafmodulierende sowie antioxidative Eigenschaften aufweist. Es wird in der Zirbeldrüse aus Serotonin gebildet. Die Sekretion wird durch Licht gehemmt und steigt bei Dunkelheit an. Mit zunehmendem Alter nimmt die endogene Produktion ab.

Exogen zugeführt kann Melatonin Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus verbessern und wird unter anderem bei Jetlag, Schichtarbeit und verzögertem Schlafphasensyndrom als sinnvoll angesehen (siehe Kasten Jetlag). Eine aktuelle Meta-Analyse zeigt bei älteren Patient:innen mit Insomnie kleine bis mittlere Effekte, vor allem auf die Einschlaflatenz. Für die langfristige Behandlung der primären Insomnie ist die Evidenz jedoch unzureichend. Die Einnahme erfolgt je nach Formulierung 30 bis 120 Minuten vor dem Zubettgehen.

Sonderfall: 
Jetlag

Der Jetlag ist eine akute zirkadiane Rhythmusstörung nach rascher Überquerung mehrerer Zeitzonen. 

Die Desynchronisation zwischen innerer Uhr und lokaler Zeit führt zu Ein- und Durchschlafstörungen, Tagesmüdigkeit und verminderter Leistungsfähigkeit.

Therapeutisch stehen Lichtmanagement, Schlafrhythmusanpassung und gezielte Tageslichtexposition im Vordergrund. Systematische Reviews und Metaanalysen zeigen, dass Melatonin die zirkadiane Anpassung unterstützen kann, wobei die zeitlich korrekte abendliche Einnahme in der Zielzeitzone entscheidend ist. Sedierende Antihistaminika sind aufgrund fehlender chronobiologischer Wirkung nicht Mittel der Wahl.

Melatonin ist insgesamt gut verträglich. Gelegentlich treten Müdigkeit am Folgetag, Kopfschmerzen, Schwindel oder gastrointestinale Beschwerden auf. Klinisch relevante Wechselwirkungen über CYP1A2 sind selten und betreffen vor allem starke Inhibitoren wie Fluvoxamin sowie einzelne Chinolone (z. B. Ciprofloxacin), die den Melatoninspiegel erhöhen können. Die gleichzeitige Anwendung zentral dämpfender Substanzen kann die Wirkung verstärken. Bei eingeschränkter Leberfunktion sowie in Schwangerschaft und Stillzeit wird aufgrund fehlender Daten von einer Anwendung abgeraten.

In Österreich gibt es verschreibungspflichtige Melatonin-Präparate, die zur Kurzzeitbehandlung der Insomnie bei Patient:innen ab 55 Jahren sowie zur Behandlung von Jetlag zugelassen sind. Zudem stehen Arzneimittel für Kinder und Jugendliche mit ADHS oder Autismus zur Verfügung. Darüber hinaus existieren zahlreiche rezeptfreie Präparate, die Melatonin enthalten. Die Leitlinienautor:innen stehen insbesondere der Vermarktung melatoninhaltiger Gummibärchen kritisch gegenüber.

Pflanzliche Sedativa: Gute Verträglichkeit, unklare Wirksamkeit

Zu den phytotherapeutischen Optionen in der Selbstmedikation zählen Baldrian, Hopfen, Melisse, Passionsblume und Safran. Die Datenlage ist heterogen: Einzelne Studien zeigen Verbesserungen subjektiver Schlafparameter, die Ergebnisse bleiben jedoch inkonsistent, sodass pflanzliche Sedativa in Leitlinien zurückhaltend berücksichtigt werden. 

Für Baldrian liegen klinische Studien und Metaanalysen vor, die positive Effekte auf die Schlafqualität zeigen, und auch für die Passionsblume finden sich kleinere Studien, die auf eine schlaffördernde und anxiolytische Wirkung hinweisen, wobei systematische Reviews die Evidenz als begrenzt einstufen. Für Safran deuten neuere randomisierte kontrollierte Studien und Metaanalysen auf mögliche Verbesserungen der Schlafqualität und einzelner Insomnie-Parameter hin, die Effekte fallen jedoch insgesamt eher klein bis moderat aus. Für Melisse und Hopfen existieren überwiegend kleinere Studien, häufig zu Kombinationspräparaten, sodass die isolierte Evidenz für beruhigende und schlaffördernde Effekte limitiert bleibt. 

Vorteilhaft ist die gute Verträglichkeit. Nebenwirkungen sind selten und meist mild ausgeprägt. Am häufigsten werden leichte Müdigkeit am Folgetag sowie gelegentliche gastrointestinale Beschwerden beschrieben. Zu beachten ist, dass in seltenen Fällen bei höheren Dosierungen oder Kombinationen mit zentral dämpfenden Substanzen eine verstärkte Sedierung möglich ist. In der Beratung sollte außerdem darauf hingewiesen werden, dass die Wirkung verzögert eintreten kann.

Schlafhygiene: 
praktische Tipps 
für die Beratung

Schon kleine Gewohnheiten können die nächtliche Erholung spürbar verbessern.

Schlafrhythmus
• Regelmäßige Schlaf- und Aufstehzeiten
• Individuelle Schlafdauer berücksichtigen

Schlafumgebung
• Ruhige, dunkle, kühle Umgebung
• Bett nur zum Schlafen nutzen

Verhalten am Abend
• Keine schweren Mahlzeiten vor dem Schlafengehen
• Koffein nach dem Mittagessen meiden
• Alkohol vermeiden
• Keine körperlich oder geistig aktivierenden Tätigkeiten am Abend
• Bildschirmzeit und helles Licht am Abend reduzieren
• Individuelle Einschlafrituale etablieren

Umgang mit Wachliegen
• Bei längerem Wachliegen aufstehen und eine ruhige Tätigkeit ausüben
• Erst bei Müdigkeit wieder ins Bett gehen

Tagsüber
• Regelmäßige Bewegung
• Ausreichende Tageslichtexposition
• Vermeidung längerer Tagesschläfchen

Fazit

Die Selbstmedikation bei Insomnie sollte auf kurzfristige, leichte Beschwerden beschränkt bleiben. Im Vordergrund steht die nicht-medikamentöse Therapie, während einzelne Wirkstoffe situativ eingesetzt werden können. Entscheidend sind eine gezielte Beratung, realistische Erwartungen sowie die frühzeitige Abklärung möglicher sekundärer Ursachen. Bei persistierenden Beschwerden oder relevanten Komorbiditäten ist eine ärztliche Abklärung erforderlich. 

Quellen:

  1. S3-Leitlinie: Insomnie bei Erwachsenen (2025), AWMF-Reg.Nr. 063-003
  2. Seidel S, et al.: Help-seeking behavior of young and middle-aged Austrians with chronic insomnia: results from the 2017 national sleep survey. Sleep Epidemiol 2021; 1: 100002. DOI: 10.1016/j.sleepe.2021.100002  
  3. Riemann D, et al.: European guideline for the diagnosis and treatment of insomnia. J Sleep Res 2017; 26(6): 675–700. DOI: 10.1111/jsr.12594 
  4. Marupuru S, et al.: Use of melatonin and/or ramelteon for the treatment of insomnia in older adults: a systematic review and meta-analysis. J Clin Med 2022; 11(17): 5138. DOI: 10.3390/jcm11175138 
  5. Brzezinski A, et al.: Effects of exogenous melatonin on sleep: a meta-analysis. Sleep Med Rev 2005; 9(1): 41–50

    Weitere Literatur auf Anfrage

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