Das diesjährige Tagungspräsidium vereint zwei Welten: universitäre Forschung und Apothekenpraxis. Univ.-Prof. Dr. Markus Zeitlinger, Leiter der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie der MedUni Wien und EMA-Experte, begleitet Wirkstoffe oft Jahre vor ihrer Zulassung. Mag. pharm. Heinz Haberfeld, Apothekeninhaber und Mitglied im Fortbildungsausschuss der Apothekerkammer, steht täglich an der Tara und erklärt genau diese Wirkstoffe den Kund:innen. Gemeinsam haben sie ein Programm zusammengestellt, das bewusst fordernd ist und die Kolleg:innen aus der Komfortzone locken soll.
ÖAZ Biologika und Small Molecules – das klingt nach einem sehr breiten Thema. Was war der Impuls, gerade diese beiden Wirkstoffklassen ins Zentrum zu stellen?
Mag. pharm. Heinz Haberfeld In den letzten Jahren hat sich extrem viel getan. Ich erinnere mich, wie Infliximab als erster TNF-alpha-Blocker auf den Markt kam – das ist jetzt etwa 15 Jahre her. Damals haben wir von Interleukinen überhaupt nichts gewusst. Heute gibt es allein bei den Interleukin-Antagonisten eine eigene Nomenklatur: IL-12/23, IL-17a und weitere. Auf der anderen Seite werden Tyrosinkinase-Inhibitoren und Protease-Inhibitoren kontinuierlich weiterentwickelt. Die älteren Kollegen haben das nie im Studium gehört. Aber auch für die Jüngeren gibt es in der Zwischenzeit schon wieder viele Neuerungen.
Univ.-Prof. Dr. Markus Zeitlinger Zwei wichtige Stoßrichtungen waren für uns ausschlaggebend: Erstens sind viele dieser modernen Therapeutika jetzt im niedergelassenen Bereich angekommen und die Apotheker:innen haben sie täglich in der Hand. Zweitens gibt es Therapiebereiche, für die es früher kaum Behandlungen gab, wie die Alzheimer-Demenz oder Multiple Sklerose. In diesen Indikationen geht es nun in die Tiefe, und diese Tiefe ist vielleicht noch nicht überall in der Praxis angekommen. Das Programm ist anspruchsvoll, intensiv – aber notwendig.
ÖAZ Das Programm spannt den Bogen von Onkologie über Diabetes bis zur Dermatologie. Was ist der rote Faden?
Haberfeld Ich wollte es bewusst nicht nach Wirkstoffklassen strukturieren – also nicht alle Januskinase-Inhibitoren nacheinander durchdeklinieren, sondern nach Indikationen. Der Fokus liegt dabei ganz klar auf den neuesten Entwicklungen. Das bedeutet beim Diabetes zum Beispiel: Nicht Sulfonylharnstoffe und Metformin, sondern GLP-1-Analoga und SGLT-2-Inhibitoren. Es ist eine Fortbildung, keine Vorlesung zur Pharmaziegeschichte.
ÖAZ Schauen wir auf konkrete Beispiele: GLP-1-Agonisten wie Semaglutid sind nach wie vor in aller Munde. Was erwartet die Teilnehmer:innen hier?
Haberfeld Wir beleuchten nicht nur GLP-1-Agonisten, sondern auch duale Agonisten wie Tirzepatid und Triple-Agonisten, die sich in Entwicklung befinden. Interessant sind auch die Indikationserweiterungen: Semaglutid ist von der FDA bereits für die MASH – die Metabolische Dysfunktion-assoziierte Steatohepatitis – zugelassen.
Zeitlinger Hier ist die entscheidende Frage: Was ist primäre Wirkung, was sekundär über die Gewichtsreduktion? Für Patient:innen ist das letztlich egal, aber aus Behandlungssicht sehr relevant. Wir wissen, dass nach Absetzen dieser Präparate ein Rebound auf 100 % und mehr eintritt. Damit werden auch die sekundären Effekte wieder verschwinden und man braucht für all diese Erkrankungen wahrscheinlich eine lebenslange Behandlung. Spannend wird es zudem, wenn die oralen Präparate kommen.
ÖAZ Welche weiteren Schwerpunkte erwarten die Teilnehmer:innen?
Haberfeld SGLT-2-Inhibitoren sind mittlerweile nicht mehr nur Diabetes-Medikamente, sondern ein essenzieller Pfeiler in der Herzinsuffizienz-Therapie. Bei den Lipidsenkern gibt es mit PCSK9-Inhibitoren und Inclisiran neue Optionen. In der MS-Therapie werden auch Biosimilars zunehmend relevant. Und bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen stellt sich die Frage: Wann Biologika, wann Small Molecules? Diese Entscheidungswege werden im Kongress gut herausgearbeitet.
ÖAZ Bei neuen Biologika gibt es von Betroffenen oft große Erwartungen. Was ist in der Beratung wichtig?
Zeitlinger Wichtig ist zu verstehen, warum ein Medikament für eine gewisse Situation zugelassen ist und für eine andere nicht. Viele Biologika haben in den pivotalen Zulassungsstudien nur Therapieversager von anderen Linien eingeschlossen. Das heißt, ich habe die Evidenz nur bei diesem Patientenkollektiv generiert und bekomme auch nur für dieses die Zulassung. Es wäre daher falsch zu sagen, dass dieses Medikament für jeden viel besser ist als die Standardtherapie, wenn es nur bei Therapieversagern getestet wurde.
ÖAZ Die neuen Alzheimer-Therapien wecken viele Hoffnungen. Was ist hier realistisch?
Haberfeld Die neuen monoklonalen Antikörper gegen Amyloid-Plaques sind nur für eine sehr ausgewählte Patientengruppe und nur in sehr frühem Krankheitsstadium geeignet. Der klinische Aufwand ist enorm: Alle 14 Tage MRT-Überprüfungen wegen möglicher Nebenwirkungen wie Ödeme oder Mikroblutungen im Gehirn. Das sind keine Präparate für breite Anwendung. Aber es ist ein Anfang, nachdem 20 Jahre lang unglaubliche Summen erfolglos in diese Indikation geflossen sind.
ÖAZ Auch in der Dermatologie und Migräne hat sich viel getan. Welche Entwicklungen werden hier thematisiert?
Haberfeld In bislang nicht vernünftig behandelbaren Indikationen wie Alopecia areata, Vitiligo und chronischem Handekzem gibt es jetzt topische und systemische JAK-Hemmer. Auch bei der atopischen Dermatitis und Psoriasis gibt es große Fortschritte. Früher war man froh über PASI 40 bis 50, heute liegt die Latte bei 80 bis 95. In der Migränetherapie sind CGRP-Antikörper wie Erenumab lebensverändernd. Patientinnen mit fünf, sechs Attacken pro Monat kommen mit Blumenstrauß in die Apotheke zurück und sagen mir: „Ich bin ein anderer Mensch geworden.“
Zeitlinger Bei nasalen Polypen ist sogar eine klinische Heilung möglich – die Polypen verschwinden komplett unter monoklonalen Antikörpern wie Omalizumab.
ÖAZ Sie haben auch Workshops im Programm – Nebenwirkungsmanagement oraler Onkologika und GLP-1 in der Praxis. Was ist die Idee?
Haberfeld Wir haben in der Vergangenheit mitunter die Rückmeldung bekommen, dass die Vorträge zu medizinisch sind und der Praxisbezug fehlt. Daher bieten wir diesmal Workshops in kleinen Gruppen mit 30 bis 40 Leuten an, wo die Teilnehmer:innen unmittelbar mit den Vortragenden kommunizieren können. Die Teilnehmer:innen sollen aus Schladming nicht nur Fachwissen, sondern die Sicherheit mitnehmen, diese komplexen Therapien an der Tara kompetent zu begleiten. Das ist anspruchsvoll, aber genau das macht den Unterschied.
ÖAZ Vielen Dank für das Gespräch!