In Österreich wird der Versorgungs- und Ernährungszustand von Senior:innen regelmäßig durch wissenschaftliche Untersuchungen sowie Berichte von Ministerien und Universitäten analysiert.
Die repräsentativsten Daten zum Nährstoff- und Gesundheitsstatus für diese Altersgruppe liefern der Österreichische Ernährungsbericht aus dem Jahre 2012 und der Gesundheitsbericht älterer Menschen in Österreich aus dem Jahre 2025. Die Analysen aus 2012 zeigen ein deutliches Defizit bei der Mikronährstoffversorgung:
- Kritische Versorgung: Jede/r Fünfte über 65 Jahren zeigt einen Mangel an Vitamin D, Beta-Carotin, Calcium, Zink und Selen.
- Grenzwertige Zufuhr: Bei 5–20 % der Senior:innen ist die Versorgung mit Vitamin B6, Vitamin B12, Folsäure und Eisen mangelhaft.
- Ballaststoffe & Salz: Senior:innen nehmen im Schnitt zu wenig Ballaststoffe, dafür jedoch deutlich zu viel Speisesalz auf.
Mangelernährung im Alter
Mangelernährung ist eines der häufigsten geriatrischen Probleme und erhöht das Risiko für Stürze, Infektionen und Pflegebedürftigkeit deutlich. Laut Verband der Diätolog:innen Österreichs liegt die Mangelernährung bei älteren Menschen im Krankenhaus und in Pflegeheimen zwischen 20 % und 50 %.
Im häuslichen Umfeld betrifft es, je nach Pflegebedarf, bis zu 30 %. Mangelernährung kann Gewichtsverlust und Verlust an Muskelmasse begünstigen und dadurch zur Entstehung oder Verschlechterung einer Sarkopenie beitragen.
Steigender Proteinbedarf
Metabolische und epidemiologische Studien liefern Hinweise, dass der Bedarf an Proteinen im Alter höher ist als im mittleren Erwachsenenalter, um die Funktion der Muskulatur aufrechtzuerhalten. Die meisten Fachgruppen sehen eine Proteinzufuhr von 1,0–1,2 g pro kg Körpergewicht als optimal an. Die DGE gibt einen Schätzwert für eine angemessene Proteinzufuhr von 57 g pro Tag für Frauen und 67 g pro Tag für Männer an.
Bei Sarkopenie empfiehlt die DGE eine Anpassung der Proteinzufuhr auf 1,2–1,5 g hochwertiges Protein pro kg Körpergewicht. Hochwertige Proteinquellen sind Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Hülsenfrüchte wie Linsen, Bohnen, Sojabohnen, Erbsen oder Kichererbsen. Neben proteinreichen Lebensmitteln scheint ein hoher Verzehr von Gemüse und Obst förderlich für den Erhalt der Muskelfunktion zu sein.1 Die Datenlage spricht insgesamt für eine ausgewogene Ernährung, um den Körper mit ausreichend Mikronährstoffen zu versorgen. Ebenso wichtig für den Erhalt der Muskelfunktion und im Idealfall zusätzlichen Muskelaufbau sind körperliche Aktivität und moderates Krafttraining.2
Dehydratation: Folgen und Prävention
Eine ausreichende und v. a. kontrollierte Flüssigkeitszufuhr ist sehr wichtig, da das Durstgefühl im Alter nachlässt. Ein Flüssigkeitsdefizit kann zu zahlreichen Störungen wie Schwindel, Konzentrationsschwäche, Müdigkeit, verminderter Leistung, Muskelschwäche, Teilnahmslosigkeit (Apathie), akuter Verwirrtheit, trockener Haut, Störungen der Blutdruck- und Thermoregulation sowie Nierenstörungen führen. Es ist nicht möglich, den Trinkwasserbedarf pauschal zu bestimmen, da viele Faktoren (wie Umgebungstemperatur, körperliche Anstrengung usw.) den Bedarf beeinflussen und der Wassergehalt der Nahrung ebenfalls zur Flüssigkeitsversorgung beiträgt. Eine Trinkmenge von mind. 1,5 Liter Wasser, Tee und anderen möglichst zuckerfreien oder zuckerarmen Getränken pro Tag ist empfehlenswert, bei Hitze und körperlicher Anstrengung deutlich mehr. Je weniger gegessen wird (insbesondere je weniger wassereiche Lebensmittel wie Gemüse und Obst), desto mehr sollte getrunken werden. Dafür können stets bereitgestellte Getränke (z. B. abgedeckte Wasserkaraffen, Trinkwasserspender), Trinkprotokolle und -pläne hilfreich sein.
Einflussfaktoren auf die Mikronährstoffzufuhr im Alter
Die Nahrungszufuhr älterer Menschen hängt von körperlichen Veränderungen, seelischen Einflüssen und dem sozialen Umfeld ab. Körperliche Erkrankungen, Medikamente, Einsamkeit, ein geringes Einkommen oder Probleme beim Einkauf verringern oft den Appetit und führen zu Mangelernährung. Psychologische Faktoren bei Älteren, die oft mit Appetitlosigkeit oder einer Veränderung der Nahrungsaufnahme einhergehen, sind Depressionen, Demenz oder kognitive Beeinträchtigungen. Auch Medikamente können zu einem schlechten Mikronährstoffstatus führen, da sie die Bioverfügbarkeit der Stoffe beeinflussen können. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass ältere Menschen die empfohlenen täglichen Mikronährstoffmengen seltener erreichen und das Risiko für Mangelernährung erhöhen.3 So kann beispielsweise die tägliche, niedrig dosierte Einnahme von Acetylsalicylsäure das Risiko für eine Anämie erhöhen und möglicherweise eine Supplementation von Eisen erforderlich machen.4
Kritische Nährstoffe im Alter
Vitamin D: Ältere Menschen sind häufig von Vitamin-D-Mangel betroffen, da sie sich weniger dem Sonnenlicht aussetzen. Eine aktuelle Studie aus Deutschland an älteren Personen mit Frakturen belegt, dass weder die körpereigene Synthese noch die Zufuhr über die Nahrung ausreicht, um den Bedarf zu decken, sodass eine Supplementierung notwendig ist.5 Weiterhin könnte eine Malabsorption im Darm zu verminderter Aufnahme des Vitamins bei Älteren führen. Ein suboptimaler Vitamin-D-Status wird mit geringer körperlicher Aktivität, Schwäche und Gebrechlichkeit – die Hauptmerkmale des Frailty-Syndroms (Altersgebrechlichkeit) – in Verbindung gebracht. Kochlik et al. zeigten, dass gesunde Proband:innen eine höhere Vitamin-D-Konzentration im Blutplasma hatten, verglichen mit Proband:innen mit der oben erwähnten Altersgebrechlichkeit. Es ist jedoch nicht klar ersichtlich, ob eine Unterversorgung mit Vitamin D zu Frailty führt oder umgekehrt.6 Für die Deckung des täglichen Bedarfs können Vitamin-D-Präparate mit 20–50 µg/Tag (800–2000 I.E.) vorteilhaft sein. Gerne werden hier Kombinationen mit Vitamin K2 empfohlen. Vitamin D3 fördert die Aufnahme von Calcium aus dem Darm, während K2 den Weitertransport in Knochen und Zähne fördert. Die beiden Vitamine arbeiten eng zusammen.
Vitamin K unterstützt die Knochenfunktion, indem es verschiedene Proteine des Knochenstoffwechsels aktiviert, wie Osteocalcin und Matrix-GLA-Protein. Die empfohlene Dosierung liegt bei 60–80 µg/Tag.
Calcium ist insbesondere wichtig für die Knochengesundheit im Alter. Ein langanhaltender Calciummangel kann zu Zahnproblemen sowie zu Osteoporose führen. Die empfohlene Dosierung liegt bei 500–800 mg/Tag.
Vitamin B12 fungiert u. a. als Co-Faktor für zentrale Enzyme wie Methioninsynthase und Methyl-
malonyl-CoA-Mutase. Die Methioninsynthase spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung des Homocysteinspiegels und beeinflusst die Synthese von Phospholipiden, Neurotransmittern, Myelinproteinen, Purinbasen, DNA und RNA. Die Methylmalonyl-CoA-Mutase ist wiederum in der Energieproduktion unentbehrlich. Die Absorption von Vitamin B12 kann im Alter aufgrund altersassoziierter Veränderungen, z. B. aufgrund einer Helicobacter-pylori-Besiedlung, beeinträchtigt sein. Auch das Vorliegen einer Gastritis, die bei Älteren besonders häufig vorkommt, beeinträchtigt die effiziente Vitamin-B12-Resorption.7 Im Alter häufig auftretende Krankheiten wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Schlaganfall, Depressionen, Alzheimer, Osteoporose und Frakturen werden mit Vitamin-B12-Mangel assoziiert.8 Eine aktuelle Studie aus Deutschland mit gesunden, zuhause lebenden Senior:innen (≥ 70 Jahre) fand eine Vitamin-B12-Mangel-Prävalenz von 12 %.9 Einige Studien zeigen zudem, dass an Alzheimer erkrankte Patient:innen eine geringere Vitamin-B12-Konzentration im Plasma aufweisen als ihre gesunden Kontrollgruppen.10 Diese Befunde führen zu der Vermutung, dass ein Mangel an Vitamin B12 mit einem erhöhten Risiko für Alzheimer verbunden ist. Empfohlen wird ein B-Komplex mit einem Vitamin-B12-Gehalt von 10–50 µg/Tag und einem Folsäure-Gehalt von 300–600 µg/Tag.
Folsäure spielt eine wichtige Rolle bei der DNA-Synthese, -Reparatur und -Stabilität und somit bei der Produktion von Erythrozyten. Ein Defizit des Vitamins im Alter kommt bei ca. 10 % der Älteren vor9 und führt zu Müdigkeit, Schlaflosigkeit und megaloblastischer Anämie sowie Depressionen und kognitiven Beeinträchtigungen.
Beta-Carotin: Die Versorgung mit Vitamin A kann laut österr. Ernährungsbericht durchaus als zufriedenstellend beurteilt werden. Anders hingegen sieht die Lage bei Beta-Carotin aus. Rund 60 % der untersuchten Senior:innen zeigen deutlich erniedrigte Plasmakonzentrationen und weitere 30 % haben leicht erniedrigte Konzentrationen. Somit haben nur rund 10 % einen zufriedenstellenden Beta-Carotin-Status. Eine zentrale Funktion von ß-Carotin ist die bedarfsorientierte Umwandlung in Retinol. Da der Retinolstatus zufriedenstellend ist, kommt Beta-Carotin eine Rolle als antioxidative Substanz zu. Daher wird der tägliche Konsum von gelbem und orangem Obst und Gemüse empfohlen, um den Beta-Carotin-Status zu verbessern. Ergänzungen sollten bei Bedarf (z. B. altersbedingte Makuladegeneration) in moderaten Dosierungen von 6–15 mg/Tag empfohlen werden.
Magnesium: Aufgrund physiologischer Veränderungen im Alter kommt es häufig zu einer unzureichenden Magnesiumabsorption oder erhöhter Magnesiumausscheidung über den Urin. Weiters können Medikamente oder altersassoziierte Krankheiten und Komorbiditäten ein Magnesiumdefizit begünstigen.11 Ein Magnesiummangel wirkt sich auf das neuromuskuläre und zentrale Nervensystem aus und kann zu Muskelkrämpfen, Zittern, Schwindel, Krämpfen und Depressionen führen. Weiterhin kann ein Magnesiummangel Krankheiten, die mit zunehmendem Alter auftreten, wie Osteoporose, atherosklerotische Gefäßerkrankungen, Herzinfarkt und Bluthochdruck, begünstigen. Die empfohlene Dosierung liegt bei 300–400 mg/Tag in einer gut verträglichen Form wie Magnesiumcitrat oder Magnesiumglycinat.
Zink und Selen: Die Zink- und Selenzufuhr ist gerade bei älteren Menschen häufig vermindert. Zink ist wichtig für die Wundheilung, für die Gesunderhaltung der Schleimhäute und verbessert die Immunabwehr. Selenmangel bewirkt eine verminderte Funktion selenabhängiger Enzyme, die in nahezu allen Organen vorkommen. Selenabhängig sind zum Beispiel die Enzyme aus der Gruppe der Glutathionperoxidasen, die eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von oxidativem Stress ausüben. Epidemiologische Untersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen den Serumspiegeln von Zink sowie Selen und der Gehirnleistung im Alter. Senior:innen mit optimalen Blutwerten schnitten in kognitiven Tests nachweislich besser ab.12 Empfohlene Dosierungen liegen bei 15–30 mg Zink/Tag sowie 50–100 µg Selen/Tag.
Eisen führt zu Beeinträchtigungen der körperlichen und kognitiven Funktionen. Klinische Daten weisen darauf hin, dass ein unbehandelter Eisenmangel bei älteren Menschen zu einem signifikant höheren Risiko für kognitive Defizite und Antriebslosigkeit führt. Studien belegen zusätzlich ein erhöhtes Risiko für Stürze und Knochenbrüche im Alter, da ein Mangel mit muskulären Defiziten und Erschöpfung einhergeht.13 Empfohlen werden 15–20 mg/Tag in einer gut verwertbaren Form wie z. B. als pflanzliches Eisen.
Quellen
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- Mareschal J, et al.: Nutritional intervention to prevent the functional decline in community-dwelling older adults: a systematic review. Nutrients 2020; 12(9): 2820
- Black M, et al.: Nutrition and Healthy Aging. Clin Geriatr Med 2020; 36(4): 655–669
- McQuilten ZK, et al.: Effect of low-dose aspirin versus placebo on incidence of anemia in the elderly: a secondary analysis of the aspirin in reducing events in the elderly trial. Ann Intern Med 2023; 176(7): 913–921
- Falk S, et al.: Is There a Need for Vitamin D Supplements During Summer Time in Northern Germany? A Study of Hospitalised Fracture Patients. Nutrients 2024; 16(23): 4174
- Kochlik B, et al.: Associations of fat-soluble micronutrients and redox biomarkers with frailty status in the FRAILOMIC initiative. J Cachexia Sarcopenia Muscle 2019; 10(6): 1339–1346
- Soenen S, et al.: The ageing gastrointestinal tract. Curr Opin Clin Nutr Metab Care 2016; 19(1): 12–18
- Shipton MJ, et al.: Vitamin B12 deficiency—A 21st century perspective. Clin Med 2015; 15(2): 145–150
- Kerlikowsky F, et al.: Folate, vitamin B12 and vitamin D status in healthy and active home-dwelling people over 70 years. BMC Geriatr 2023; 23(1): 673
- Lauer AA, et al.: Mechanistic Link between Vitamin B12 and Alzheimer’s Disease. Biomolecules 2022; 12(1): 129
- Barbagallo M, et al.: Magnesium in Aging, Health and Diseases. Nutrients 2021; 13(2): 463
- Charernwat P, et al.: Associations Between Serum Selenium, Zinc, and Copper Levels and Cognitive Function in the Elderly. Nutrients 2025; 17(24): 3872
- Zeidan RS, et al.: Iron homeostasis in older adults: balancing nutritional requirements and health risks. J Nutr Health Aging 2024; 28(5): 100212
- Elmadfa I, et al.: Österreichischer Ernährungsbericht 2012. 1. Auflage. Wien, 2012
- Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK): Gesundheit älterer Menschen in Österreich 2025, Wien