Die App als Therapeut:in

Digitale Therapeutika bei psychischen Erkrankungen

Mag. pharm. Katrin Schober

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Digitale Therapeutika (DTx) sind patientenorientierte, evidenzgestützte Softwareanwendungen, die der Prävention, der Diagnose, der Behandlung oder dem Management diverser Erkrankungen dienen können. Deutschland wurde 2019 mit dem Inkrafttreten des Digitale-Versorgungs-Gesetzes internationaler Vorreiter in puncto „App auf Rezept“. Kosten für Anwendungen, die als Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gelistet sind, können von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden. Anders als bei Wellness- oder Lifestyle-Apps sind DiGA CE-gekennzeichnete Medizinprodukte, die zusätzliche regulatorische Anforderungen erfüllen müssen. Geprüft werden unter anderem der positive Versorgungseffekt, die Qualität medizinischer Inhalte und die Patientensicherheit.1–3

Psychische Erkrankungen, darunter meist leichte bis mittelschwere Depressionen und Angst- und Panikstörungen, sind aktuell die am häufigsten gelisteten Anwendungsgebiete im DiGA-Verzeichnis. Meist basieren die Programme auf Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) und verbinden diese mit Psychoedukation. Die Übungen können selbstständig oder auch begleitet absolviert werden, beispielsweise durch Erinnerungen, Rückmeldungen zu einzelnen Aufgaben oder persönliche Unterstützung bei therapeutischen Inhalten. Ob eine Person für eine Anwendung infrage kommt, ist abhängig vom jeweiligen Programm. Kontraindikationen können unter anderem suizidales Risiko oder andere psychische Erkrankungen sein, für die das Produkt nicht vorgesehen ist.3

Evidenz 

Zahlreiche Studien sowie systematische Reviews und Metaanalysen belegen positive Effekte von internet- oder mobilbasierten Interventionen bei diversen psychischen Erkrankungen. Meist wurde eine Verbesserung der Symptome in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe festgestellt. Abhängig von der Studie sind Kontrollgruppen oft Personen, die eine herkömmliche Therapie erhalten oder auf der Warteliste für eine solche stehen.4–7

Eine individuelle Patientendaten-Metaanalyse untersuchte die Effekte der internetbasierten kognitiven Verhaltenstherapie (iKVT). Es konnte gezeigt werden, dass sowohl die begleitete als auch die unbegleitete iKVT Verbesserungen gegenüber üblicher Versorgung erzielten. Am Ende der Behandlung war die begleitete Variante etwas wirksamer. Dieser Unterschied konnte allerdings nach sechs und zwölf Monaten nach Randomisierung nicht mehr eindeutig festgestellt werden. Zudem zeigte sich der verstärkte Nutzen der begleiteten iKVT vorwiegend bei Patient:innen mit mittelgradigen bis schweren Depressionen, während er bei leichten und unterschwelligen Symptomen kaum oder nicht vorhanden war. Die Autor:innen postulieren, dass Personen mit leichten Depressionen gleichermaßen von begleiteter und unbegleiteter iKVT profitieren könnten, weshalb letztere eine ressourcenschonende Option für eine große Anzahl an Menschen darstellen könnte. Gleichzeitig wird aber betont, dass die Konfidenzintervalle relativ breit waren, weshalb die Auswahl der Therapie dennoch personalisiert erfolgen soll, da es keine Einheitslösung gibt.6

Ein kürzlich publiziertes systematisches Review mit Metaanalyse untersuchte den Effekt erstattungsfähiger DiGA in Deutschland bei Depressionen und generalisierter Angststörung. Bei Depressionen wurde eine Symptomverbesserung im Vergleich zu Kontrollgruppen ermittelt. Für die generalisierte Angststörung ließ die geringe Zahl verfügbarer Daten keine eindeutige Schlussfolgerung zu. Die Effektstärke von DiGA bei Depressionen war vergleichbar mit jener einer herkömmlichen Psychotherapie. Daraus kann jedoch nicht auf eine Gleichwertigkeit geschlossen werden, da für diese Fragestellung keine direkten Vergleichsstudien vorhanden sind.4

Die Aussagekraft der aktuellen Evidenz ist aufgrund verschiedener methodischer Schwächen begrenzt. Die publizierte Literatur weist meist ein hohes Bias-Risiko auf. Die fehlende Verblindung der Teilnehmenden, hohe Abbruchraten und vorwiegend selbstberichtete Behandlungsergebnisse können vermehrt zu Verzerrungen führen. Weitere Einschränkungen sind kurze Follow-Up-Zeiträume, teils unzureichend beschriebene und heterogene Bedingungen in der Kontrollgruppe sowie die Unterrepräsentation bestimmter Personengruppen wie älterer Menschen. Ein beträchtlicher Anteil der Studienteilnehmer:innen wird zeitgleich mit Standardverfahren wie Psychotherapie und/oder Psychopharmaka behandelt, was die Untersuchung des eigenständigen Effekts der DTx erschwert. Auch prognostisch relevante Faktoren wie die Dauer der Erkrankung, die Zahl früherer depressiver Episoden oder bestehende Begleiterkrankungen werden nicht immer ausreichend erhoben, können aber Auswirkungen auf die Ergebnisse haben. Auch die häufige Herstellerbeteiligung bei Studien stellt einen Risikofaktor für Verzerrungen dar.4–6,8,9

Die Studienergebnisse einer bestimmten Anwendung lassen sich nicht direkt auf eine andere übertragen, auch wenn sie für dieselbe Indikation vorgesehen ist und auf einem ähnlichen Therapieprinzip, etwa der iKVT, beruht. Die Programme unterscheiden sich dennoch inhaltlich und in Bezug auf Aufbau, Ausführung, Benutzerfreundlichkeit, Intensität der Begleitung und viele weitere Faktoren. 

Ein direkter Vergleich mit pharmakotherapeutischer Behandlung lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt auf Basis vorhandener Daten nicht ziehen. 

Digitale Interventionen in Behandlungsleitlinien 

Internet- oder mobilbasierte Interventionen werden mittlerweile in mehreren deutschsprachigen wie auch internationalen Leitlinien genannt. Dazu zählen zum Beispiel die S3-Leitlinien unipolare Depression, Insomnie und Zwangsstörungen oder die NICE-Leitlinien und WHO-Empfehlungen.10–14

Häufig wird in der Literatur auf den Nutzen digitaler Programme bei Versorgungsengpässen oder zur Überbrückung von Wartezeiten hingewiesen. Die Leitlinienkommission der S3-Leitlinie unipolare Depression warnt aber zugleich vor möglichen Risiken durch mangelnde Diagnostik, fehlende Begleitung und unzureichendes Monitoring. Das Schadenspotenzial umfasst Falschbehandlung, Verzögerung oder Ausbleiben geeigneter Therapien, nicht erfolgreiche Behandlung oder Verschlimmerung der Symptome.12,14

Vor der Anwendung von internet- und mobilbasierten Interventionen sollen deshalb eine adäquate Diagnostik und Aufklärung sowie eine mit Fachpersonal gemeinsame Entscheidung über die geeignete Behandlung erfolgen. Bei der Auswahl ist außerdem die Evidenz für das entsprechende Produkt kritisch zu prüfen. Die Anwendung sollte dann therapeutisch begleitet und hinsichtlich Adhärenz und Wirksamkeit regelmäßig überwacht werden.14

Fazit

Digitale Therapeutika erweitern das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten bei psychischen Erkrankungen. Sie bieten ein hohes Maß an Flexibilität und erleichtern den Zugang zu therapeutischen Maßnahmen.  

Für einige Indikationen gibt es Wirksamkeitsbelege, weshalb sie auch in den Empfehlungen 
vieler Fachgesellschaften erwähnt werden. 

Ob ein digitales Programm schlussendlich zum Einsatz kommt, muss in Abhängigkeit von der Patientengeschichte sowie den Bedürfnissen und Ressourcen individuell entschieden werden. Richtig eingesetzt stellen digitale Anwendungen eine sinnvolle ergänzende Therapieoption dar. 

situation in 
österreich im
Überblick

Anders als in Deutschland gibt es in Österreich bislang kein DiGA-Verzeichnis und keine allgemeine Kassenerstattung für digitale Gesundheitsanwendungen. 

Im Zielsteuerungsvertrag 2024 bis 2028 ist jedoch die Entwicklung und Regulierung digitaler Gesundheitsanwendungen sowie deren Verankerung in der Regelversorgung vorgesehen. Digitale psychische Interventionen werden in Österreich häufig als „Digital Mental Health Interventions“ (DHIs) bezeichnet.

Quellen
Zielsteuerungsvertrag 2024–2028; Richtlinie zu Digital Mental Health Interventions
(DHIs), 2026.

Quellen

  1. BfArM - Startseite - DiGA-Leitfaden (Stand: 10.12.2025, Version 3.6).
  2. Digitale Gesundheitsanwendungen. Parlament Österreich
  3. DiGA-Verzeichnis.
  4. Schmitz A, et al.: Efficacy of prescription-eligible digital health applications for depression and generalized anxiety disorder in Germany: a systematic review and meta-analysis. Sci Rep 16, 28490 (2026)
  5. Linardon J, et al: Current evidence on the efficacy of mental health smartphone apps for symptoms of depression and anxiety. A meta-analysis of 176 randomized controlled trials. World Psychiatry 23, 139–149 (2024)
  6. Karyotaki E, et al.: Internet-Based Cognitive Behavioral Therapy for Depression: A Systematic Review and Individual Patient Data Network Meta-analysis. JAMA Psychiatry 78, 361–371 (2021).
  7. Haaf R, et al.: Wirksamkeit in Deutschland verfügbarer internetbasierter Interventionen für Depressionen – ein systematisches Review mit Metaanalyse. Nervenarzt 95, 206–215 (2024)
  8. Schreiter S, et al.: Digital Health Applications in the Area of Mental Health. Dtsch Arztebl Int 120, 797–803 (2023)
  9. Kulke JK et al.: Efficacy of standalone smartphone apps for mental health: an updated systematic review and meta-analysis. The Lancet Digital Health 7, (2025)
  10. World Health Organization. Mental Health Gap Action Programme (mhGAP) Guideline for Mental, Neurological and Substance Use Disorders. (World Health Organization, Geneva, 2023).
  11. Depression in adults: treatment and management, NICE guideline (2022). 
  12. S3-Leitlinie: Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen, Version 3.0 (2025), AWMF Reg. Nr. 038-020
  13. S3-Leitlinie: Zwangsstörungen (2022), AWMF Reg.Nr. 038/017
  14. S3-Leitlinie: Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression, Version 3.2 (2022), AWMF Reg.Nr. nvl-005 
  15. Zielsteuerungsvertrag 2024 bis 2028 
  16. Richtlinie zu Digital Mental Health Interventions (DHIs), 2026 

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