Von 11. bis 13. September 2026 trafen sich Phytotherapie-interessierte Pharmazeut:innen und Ärzt:innen im Schloss an der Eisenstrasse in Waidhofen an der Ybbs. Zur Eröffnung wurde eigens Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Kubelka, Mitbegründer der Herbstgespräche 1986, live zugeschaltet, um über die Anfänge der namhaften Veranstaltung zu berichten. Die damaligen Ideen: „Es müsste die Möglichkeit zum Gespräch geben, eine Exkursion sollte dabei sein“ – an diesem erfolgreichen Grundkonzept habe sich bis heute nichts geändert. Die Präsidentschaft des Vereins „Herbstgespräche Phytotherapie“ liegt bei Mag. pharm. Dr. Gerhard Kobinger, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer. Die wissenschaftliche Leitung übernahm ao. Univ.-Prof. Dr. Sabine Glasl-Tazreiter (Abteilung für Pharmakognosie, Universität Wien), die ärztliche Leitung Univ.-Doz. DDr. Ulrike Kastner (FÄ für Kinder- und Jugendheilkunde, Maria Enzersdorf und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie).
Wie stets machten auch heuer die praxisnahen Programmpunkte den besonderen Reiz der Herbstgespräche aus: die pharmakobotanische Exkursion, der Workshop zu magistralen Rezepturen und die Möglichkeit, mit Vortragenden und Expert:innen ins Gespräch zu kommen. Zum Jubiläum gab es nach dem feierlichen Empfang durch Vizebürgermeister Armin Bahr zudem eine Nachtwächterführung durch die Altstadt von Waidhofen.
Husten, Schnupfen, Heiserkeit
Den fachlichen Auftakt bildete PD Dr. med. Petra Zieglmayer (Fachärztin für HNO und Allergologie, Karl Landsteiner Privatuniversität, Krems). Sie widmete sich den phytotherapeutischen Möglichkeiten bei Erkrankungen der Atemwege, mit Fokus auf das Kindesalter: Kleine Kinder haben im Schnitt zehn Infekte pro Jahr, über 90 Prozent davon viral – dennoch werden sie oft unnötig antibiotisch behandelt: „Wir entwickeln im Laufe eines Lebens eine Entzündungslast – nicht nur durch die Infektion selbst, sondern auch durch chemische Interventionen wie Antibiotika, und diese lassen uns altern.“ Laut der KiGGS-Studie greifen Eltern meist aus Eigeninitiative zu Phytotherapeutika, während ärztlich eher die Schulmedizin verordnet wird – die Apotheke ist damit oft die erste und wichtigste Anlaufstelle für die Beratung.
Bei den verwendeten Arzneipflanzen selbst führen laut Studienlage klar Efeublätter (Hedera helix) und Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides). Eine Beobachtungsstudie bei Schulkindern attestierte Efeu eine schleimlösende Wirkung auf Augenhöhe mit N-Acetylcystein, während für Pelargonium mittlerweile eine breite Datenlage zu akuter Bronchitis und Sinusitis vorliegt. Bei Efeu spielt dabei die Darreichungsform kaum eine Rolle – Saft, Brausetablette oder Trockenextrakt wirken vergleichbar gut, sodass sich die Wahl an der Präferenz der Patient:innen orientieren kann. Auch sekundäre bakterielle Superinfektionen ließen sich durch frühen Phytoeinsatz deutlich reduzieren. Die phytotherapeutischen Optionen bei Erkrankungen der Atemwege sind vielfältig – das Alter der Patient:innen bestimmt jedoch, welche infrage kommen. Auch die kontroverse Rolle von Carragenan aus Rotalgen sprach sie an: In niedriger Konzentration wirkt es als physikalische Barriere und deckt laut Studien zu RS-, Rhino- und Influenzaviren rund 90 Prozent der Viruspartikel an der Schleimhautoberfläche ab, bei zu hoher Konzentration kann die Reaktion jedoch ins Gegenteil kippen und die Epithelbarriere selbst schädigen.
Real-World-Daten als Evidenzquelle
Wie eng das Thema Daten mit der Apothekenpraxis verknüpft ist, zeigte sich gleich im Anschluss: Univ.-Prof. Dr. DDr. h.c. Rudolf Bauer (Universität Graz) widmete sich der Frage, welchen Beitrag Real-World-Data (RWD) zur Evidenz von Phytopharmaka leisten können. Sie stammen etwa aus elektronischen Patientenakten, Krankenkassendaten, Patientenregistern oder direkten Patientenbefragungen und können so auch Wirksamkeits- und Sicherheitssignale liefern, die klassische Studien wegen zu kleiner oder zu selektiver Kollektive nicht abbilden. Als Beispiel für die Kluft zwischen Monographie und Praxis nannte Bauer Himbeerblätter (Rubus idaeus), laut Monographie erst ab 18 Jahren empfohlen, obwohl sie längst auch Kindern verabreicht werden: „Das ist eigentlich nicht das, was man in der Apotheke tatsächlich erlebt.“
Eine Befragung von 100 Kinderärzt:innen und Allgemeinmediziner:innen ergab, dass 38 Prozent bereits bei 2- bis 5-Jährigen pflanzliche Arzneimittel empfehlen – deutlich mehr, als es die engen Monographie-Altersgrenzen vermuten lassen. Ein konkretes Beispiel dafür, wie RWD systematisch genutzt werden können, ist das EMA-Projekt DARWIN (Data Analysis and Real World Interrogation Network), das seit 2022 europaweit Real-World-Daten sammelt – mittlerweile rund 250 Millionen Patient:innen und über 110 Studien, darunter eine Auswertung zu Pelargonium sidoides, die zeigte, dass darin auch Kleinkinder von 0 bis 2 Jahren erfasst waren – Altersgruppen, die in klassischen Studien meist ausgeschlossen bleiben. Die Probleme verschwieg Bauer jedoch nicht: RWD können klinische Studien ergänzen, aber nie ersetzen. Damit sie auswertbar sind, muss exakt dokumentiert sein, welches Präparat, welche Dosierung und Darreichungsform verwendet wurde. Die Apotheke wäre dafür eine naheliegende Datenquelle, weil hier ohnehin viel Erfahrung mit den Patient:innen zusammenläuft – die Frage, wer diesen zusätzlichen Dokumentationsaufwand am Ende bezahlt, bleibt. Zudem sei fraglich, ob Patient:innen in Befragungen kritisch genug sind, um zwischen einem (pflanzlichen) Arzneimittel und einem qualitativ ungeprüften Nahrungsergänzungsmittel überhaupt zu unterscheiden.
Am Freitagnachmittag folgte die traditionelle pharmakobotanische Exkursion mit Mag. Arnold Achmüller, Univ.-Doz. Dr. Reinhard Länger, Mag. Cäcilia Lechner-Pagitz und David Prehsler BSc.
Phytotherapie in der Onkologie
„22 Prozent der Krebspatient:innen wenden Herbal Medicine an“ – mit dieser Zahl eröffnete Univ.-Prof. Dr. med. Matthias Rostock (Universitäres Cancer Center Hamburg) den Samstagvormittag. Wichtig war ihm dabei die Klarstellung, dass es nicht um Alternativen zur endokrinen Therapie gehe, sondern um ergänzende Maßnahmen – bessere Verträglichkeit, bessere Adhärenz und damit indirekt auch der Therapieerfolg selbst könnten davon profitieren. Kritisch setzte er sich mit einer aufsehenerregenden Studie zur Komplementärmedizin bei Brustkrebs auseinander, die eine massiv erhöhte Sterblichkeit unterstellt hatte: Betroffen war bei genauerem Hinsehen nur eine winzige, unrepräsentative Gruppe rein alternativ Behandelter – die Kombination aus Schulmedizin und Komplementärmedizin schnitt nicht schlechter ab als konventionelle Therapie allein. Bei Phytoöstrogenen verwies er darauf, dass Frauen in Asien bei traditionell höherem Sojakonsum seltener an Brustkrebs erkranken. Von isolierten Isoflavon-Präparaten als Nahrungsergänzungsmittel rät die Leitlinie wegen uneinheitlicher Datenlage eher ab, von Soja in normaler Ernährungsmenge hingegen nicht: Präparat und Lebensmittel seien nicht gleichzusetzen.
Bei Fatigue, von der bis zu 50 Prozent der Krebspatient:innen betroffen sind, mahnte er zu sorgfältiger Differenzialdiagnose gegenüber einer Depression. Konkret zur Anwendung: Ginsengwurzel (Panax quinquefolius) sollte ausreichend hoch dosiert und mindestens acht Wochen eingenommen werden, Rosenwurz (Rhodiola rosea) wirke vor allem bei depressiver Verstimmung. Baldrian (Valeriana officinalis) wurde bereits früher gegen Unruhe eingesetzt, heute sieht er ihn auch bei tumorbedingter Fatigue im Einsatz. Bei oraler Mukositis unter Radio- oder Chemotherapie verwies er auf gut belegte Teedrogen: Kamille (Matricaria recutita), Salbei (Salvia officinalis), Thymian (Thymus vulgaris) und Calendula (Calendula officinalis). Wichtig sei die einzelne statt kombinierte Verordnung, da Mischtees bei geschädigter Mundschleimhaut oft schlecht schmecken. Beim Interaktionsrisiko half er einzuordnen, was davon in der Praxis wirklich relevant ist: Eine Studie hat mögliche CYP-Wechselwirkungen zwischen Phytotherapeutika und Arzneimitteln kategorisiert – von rein theoretischen, nur im Labor nachweisbaren Interaktionen bis zu klinisch tatsächlich relevanten. Viele Substanzen, die im Labor auffällig sind, werden im Körper so schlecht resorbiert, dass sie die dafür nötigen Blutspiegel gar nicht erreichen – echte Ausnahmen sind vor allem Grapefruit und hochdosierter Johanniskrautextrakt (Hypericum perforatum) mit hohem Hyperforingehalt, die tatsächlich mit anderen Medikamenten interagieren können.
Komplementäre Pflege
Wie Phytotherapie ganz praktisch in den Pflegealltag einfließen kann, zeigte Sandra Liebscher-Koch BSc. (UniversitätsKrebszentrum Göttingen) in ihrem sehr praxisnahen Vortrag. Ziel der komplementären Pflege sei es, Symptome zu lindern und Patient:innen ein Stück Selbstwirksamkeit im Klinikalltag zurückzugeben – begleitend zur onkologischen Therapie, nicht als Ersatz. Aus einer 2007 begonnenen Initiative hat sie ein Team aufgebaut, das komplementäre Pflegemethoden klinikübergreifend schult.
Konkret arbeitet sie beispielsweise mit Lavendel (Lavandula angustifolia) auf Riechsticks gegen Schulangst in der Kinderpsychiatrie, mit Pfefferminz (Mentha piperita) und Zitrone (Citrus limon) bei Übelkeit sowie mit wärmendem Ingwertee (Zingiber officinale) nach Narkosen. Beim heißen Leberwickel mit Schafgarbe ist sie überzeugt: „Wenn wir alle Patient:innen kontinuierlich damit während der Chemotherapie unterstützen würden, hätten wir viel weniger Übelkeit“ – vorausgesetzt, der Wickel wird richtig heiß angewendet. Ein Großteil der Krebspatient:innen nutzt komplementäre Verfahren – doch: „Ganz viele Patient:innen erzählen ihren Ärzt:innen gar nicht, dass sie komplementäre Methoden nutzen.“ Genau hier sah sie die Apotheke als wichtige Ansprechstelle.
Integrative Medizin bei Darmerkrankungen
Nicht zu fragen, was krank macht, sondern was Gesundheit erhält: Dieses Konzept der Salutogenese beschrieb Univ.-Prof. Dr. med. Jost Langhorst (Klinik für Integrative Medizin, Sozialstiftung Bamberg) als Grundlage integrativer Medizin – und bezieht Ernährung, Bewegung, Entspannung und Phytotherapie gleichermaßen mit ein. Sieben von zehn seiner Patient:innen berichten, dass psychosozialer Stress bei ihrer Erkrankung eine Rolle spielt, 85 Prozent glauben, eine bessere Stresstoleranz würde den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen – und tatsächlich verbessern achtsamkeitsbasierte Verfahren bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen nachweislich nicht nur das subjektive Befinden, sondern auch die Krankheitsaktivität selbst.
Zur Ernährung: „Es gibt nichts, was so einen großen molekularbiologischen Eintrag in den Körper macht wie die Ernährung – 50 Tonnen, wenn man ein normal langes Leben führt.“ Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen führt Flohsamen (Plantago ovata) als zugelassenes Arzneimittel laut Leitlinie die Liste der Phytotherapeutika an; ein Kombinationspräparat aus Myrrhe (Commiphora myrrha), Kamillenblütenextrakt (Matricaria recutita) und Kaffeekohle zeigte über fünf Jahre eine vergleichbare Remissionserhaltung wie Mesalazin. Beim Reizdarmsyndrom nannte er neben Pfefferminzöl (Mentha piperita) in magensaftresistenter Form vor allem die von ihm selbst publizierten äußerlichen Kümmelauflagen (Carum carvi), die inzwischen Eingang in die Leitlinie fanden.
Praxisnaher Workshop
Nachmittags widmete sich der Workshop „Magistrale Rezepturen“ unter Priv.-Doz. Dr. Victoria Klang (Universität Wien) und Mag. Florian Moritsch (Landschafts-Apotheke, Klagenfurt) aktuellen Möglichkeiten und Problemen bei Phyto-Rezepturfragen.
Kategorisierung und Abgrenzung
Wie streng die Qualitätsanforderungen an pflanzliche Arzneimittel tatsächlich sind, zeigte am Sonntagmorgen die online zugeschaltete Dr. Barbara Steinhoff (Gesellschaft für Phytotherapie e. V., Bonn). Von der Identitäts- und Reinheitsprüfung nach Europäischem Arzneibuch bis zur verpflichtenden Gehaltsbestimmung wirksamkeitsrelevanter Inhaltsstoffe reichte ihr Überblick. Das Fazit: „Pflanzliche Arzneimittel brauchen den Nachweis von Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit.“ Scharf grenzte sie davon Nahrungsergänzungsmittel (NEM) ab: Sie dürfen keine krankheitsbezogenen Indikationen tragen, für ihre pflanzlichen Inhaltsstoffe existiert EU-weit keine einheitliche Regelung, und anders als bei Arzneimitteln ist keine Qualitätsprüfung vorgeschrieben – mit entsprechenden Folgeproblemen bei Reinheit und Gehalt. Weil Hersteller dennoch gesundheitsbezogene Aussagen treffen wollen, warten rund 1.500 Health Claims zu pflanzlichen Stoffen seit Jahren auf eine EFSA-Bewertung. Ihr Rat: „Skepsis bei Wundermitteln und bei unbekannten Inhaltsstoffen – man sollte bei seriösen Anbietern kaufen.“
Qualität pflanzlicher Präparate
Wie sehr sich diese regulatorische Schieflage in der Praxis niederschlägt, zeigte im Anschluss Prof. Dr. Andreas Hensel (Universität Münster): „Unsere Patient:innen brauchen qualitativ hochwertiges Material.“ Er benannte die strukturellen Probleme, mit denen Phytopharmaka zu kämpfen haben: Kaum ein Produktbereich sei so streng reguliert wie Arzneimittel – vergleichbar vielleicht noch am ehesten mit der Flugzeugtechnologie –, während belastbare klinische Studien knapp sind und der finanzielle Aufwand gerade mittelständische Hersteller überfordert, sodass kaum neue Phytopharmaka auf den Markt kommen. Nahrungsergänzungsmittel dagegen kommen, weil rechtlich dem Lebensmittelrecht zugeordnet, ohne Wirksamkeitsnachweis aus: „Es kann nicht sein, dass wir bei Arzneimitteln irrsinnige Anstrengungen machen müssen, während im Nahrungsergänzungsmittelsektor praktisch fast alles möglich ist.“
Als Orientierungshilfe für die Praxis empfahl er die EFSA-Datenbank zu Health Claims, die er selbst häufig nutzt: „Wenn Sie irgendwelche komischen Anfragen in der Apotheke haben, einen Stoff, von dem Sie vielleicht noch nie gehört haben – einfach in die Datenbank schauen.“ Eigene Laboranalysen zeigten, wie groß die Lücke zwischen Deklaration und Realität sein kann: Sein Institut analysiert regelmäßig frei erhältliche NEM-Präparate vom Markt – die Ergebnisse reichen von tadelloser Qualität bis zu Produkten, die den deklarierten Wirkstoffgehalt gar nicht enthalten oder sogar mit falschen Pflanzen verunreinigt sind. Diese Analysen veröffentlicht sein Institut inzwischen bewusst nicht nur in Fachzeitschriften, sondern frei zugänglich über ein Open-Science-Projekt der Universität Münster. Seine Zusammenfassung: Eine Änderung dieser regulatorischen Schieflage sei eine Frage des Verbraucherschutzes und der Gerechtigkeit.
Phyto-Hypes in den sozialen Medien
Den Abschluss bildete Prof. Dr. Matthias F. Melzig (Freie Universität Berlin) mit „Phyto-Hypes: Hohe Erwartungen – Nutzen oder Risiko?“. „Neun von zehn Menschen in Deutschland haben bereits gezielt nach gesundheitlichen Informationen im Netz gesucht.“ Anhand mehrerer Beispiele – vom asiatischen Wassernabel (Centella asiatica) über Rosenwurz (Rhodiola rosea) bis zum viral gehenden Ashwagandha (Withania somnifera) – zeigte er, wie Tradition, Evidenz und Vermarktung auseinanderklaffen. Besonders eindringlich war die Parallele zu Kava-Kava (Piper methysticum), das nach Berichten über Lebertoxizität vom Markt verschwand, wodurch eine ganze phytotherapeutische Option verloren ging. Ähnliches sieht er bei Ashwagandha aufziehen, in Dänemark wegen Leberbedenken bereits verboten: „Was einmal weg ist, kommt nicht wieder.“ Sein Appell: Gerade gegen unzuverlässige KI-generierte Gesundheitsinformationen brauche es die fachliche Kompetenz von Apotheker:innen als Gegenpol.
Vierzig Jahre nach der ersten Ausgabe zeigte der Jubiläumskongress damit vor allem eines: Das Grundkonzept von damals – Wissenschaft, Praxis und Austausch auf Augenhöhe – trägt bis heute.