Die therapeutisch relevanten Inhaltsstoffe – zusammengefasst als Silymarin – bestehen aus einem komplexen Gemisch verschiedener Flavanonol‑Lignane. Trotz jahrzehntelanger klinischer Nutzung war jedoch unklar, welcher molekulare Mechanismus die beobachteten hepatoprotektiven und anti‑steatotischen Effekte vermittelt. Bisherige Erklärungsansätze reichten von antioxidativen über antifibrotische bis hin zu immunmodulatorischen Wirkungen, ohne dass ein zentrales Target identifiziert werden konnte.
Neuer Blick auf ein bekanntes Phytotherapeutikum
Aktuelle Daten zeigen nun, dass Silymarin selektiv antagonistisch an den Leber‑X‑Rezeptoren (LXRα/β) wirkt. Diese nukleären Rezeptoren steuern zentrale Prozesse des Lipidstoffwechsels: Sie fördern die hepatische Triglyceridsynthese und regulieren den reversen Cholesterintransport. Eine Überaktivierung der LXR‑Signalwege trägt wesentlich zur Entstehung von Steatose und MASLD/MASH bei. Die in Mariendistel‑Extrakten enthaltenen Flavanonol‑Lignane – darunter Silydianin, Silychristin, Silybin A/B und besonders Isosilybin B – blockieren diese Rezeptoren wirksam. Während Taxifolin keine Aktivität zeigte, hemmten alle anderen Lignane die LXR‑abhängige Genaktivierung.
Funktionell führte dies in HepG2‑Zellen zu einer deutlichen Reduktion der Lipidakkumulation um 35 bis 76 %, abhängig vom jeweiligen Lignan. Isosilybin B zeigte dabei die stärkste anti‑steatotische Wirkung. Diese Ergebnisse liefern erstmals einen konsistenten, molekular klar definierten Mechanismus, der die bekannten hepatoprotektiven und anti‑steatotischen Effekte von Mariendistel‑Extrakten plausibel erklärt. Sie eröffnen zugleich neue Perspektiven für die pharmakologische Bewertung pflanzlicher LXR‑Antagonisten im Kontext metabolischer Lebererkrankungen.
Quelle
Bandomir NC, et al. Silymarin and its isolated flavanonol lignans are liver X receptor antagonists. Arch Pharm (Weinheim) 2026 Jun. DOI: 10.1002/ardp.70267