Phytotherapie bei Angststörungen 

Gegen alles ist ein Kraut gewachsen

Mag. Pharm

Doris

Auinger

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Charakteristisch sind physische und psychische Anpassungsmechanismen wie Herz­klopfen, beschleunigter Puls, Schweißausbruch, sorgenvolle Gedanken bzw. Gefühle. Neben bewährten Arzneimitteln und Therapien verfügen auch Heilpflanzen wie Lavendel, Passionsblume oder Safran über anxiolytische Wirkungen. 

Eine Empfindung, die als Warn- und Schutzfunktion dienlich und evolutionsgeschichtlich betrachtet zum Überleben notwendig war, kann als übermächtig sowie unkontrollierbar erlebt werden. So zählen Angststörungen zu den häufigsten psychischen Störungen und betreffen Schätzungen zufolge in Österreich etwa 16 % der Bevölkerung. 


Generalisierte Angststörung und Subsyndromale Angsterkrankung 

Die generalisierte Angststörung ist durch anhaltend erhöhtes Angstniveau meist ohne beherrschende Paniksymptome sowie ohne klare phobische Ausrichtung der Angst charakterisiert. Es dominieren übertriebene Katastrophenerwartungen und unrealistische Besorgnisse, welche länger als sechs Monate andauern sowie von weiteren Symptomen wie muskulären Verspannungen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, leichter Ermüdbarkeit und Schreckhaftigkeit begleitet sein können. Das Alltagsleben der Betroffenen ist erheblich beeinträchtigt und oftmals mit Komorbiditäten wie Depressionen und/oder Suchterkrankungen (z. B. Alkoholabhängigkeit) einhergehend.  

Subsyndromale Angsterkrankungen gelten als Angstzustände, die nicht allen Kriterien einer klassischen Angststörung entsprechen, aber dennoch klinisch relevant sind. Typische Symptome ähneln zwar dem Krankheitsbild, die Beeinträchtigungen liegen jedoch Intensität oder Dauer betreffend unterhalb der „Schwelle“, um als solche klassifiziert werden zu können. 


Phytotherapie als hilfreiche Alternative


Laut der S3-Leitlinie umfasst die Therapie von Angststörungen neben der Pharmakotherapie (z. B. SSRI, SNRI) kognitive, verhaltensändernde, emotionsfördernde sowie konfrontative Elemente.1 
Eine Behandlung mit Phyto-Psychopharmaka stellt eine effiziente und gut verträgliche Option in der Therapie ängstlicher Symptome dar und kann in Erwägung gezogen werden, wenn Patient:innen Unverträglichkeitsreaktionen bei Behandlungen mit bereits versuchten Medikamenten zeigen, einer pflanzlichen Therapie positiv gegenüberstehen oder ein hoher Leidensdruck besteht, jedoch eine diagnostische Einordnung aufgrund einer milden Symptomatik nicht möglich ist. 


Lavendel

Der zur Familie der Lamiaceae gehörende Echte Lavendel (Lavandula angustifolia) trägt zwischen Juni und August blau-violette, quirlständig angeordnete Blüten, aus welchen mittels Wasserdampfdestillation das ätherische Öl gewonnen wird. Dieses besteht aus etwa 180 unterschiedlichen Komponenten, wobei als Leitsubstanzen bis zu 50 % Monoterpenester – insbesondere Linalylacetat – und bis zu 40 % Monoterpen-Alkohole wie Linalool charakteristisch sind.  

Eine spezielle Präparation von Lavendelöl bewirkt eine starke Hemmung der präsynaptischen spannungsabhängigen Calciumkanäle in den Synaptosomen und primären Hippocampus-Neuronen. Dadurch wird folglich die Ausschüttung erregender Botenstoffe wie z. B. Noradrenalin und Glutamat reguliert und der inhibitorische Serotonin-1A-Rezeptor beeinflusst. In einer klinischen Studie wurde bei Patient:innen mit generalisierter Angststörung dieser Lavendelölextrakt mit dem Benzodiazepin Lorazepam verglichen. Sowohl unter Verum (80 mg/Tag: 40 Patient:innen) als auch unter Lorazepam (0,5 mg/Tag; 37 Patient:innen) konnte über einen Beobachtungszeitraum von sechs Wochen eine vergleichende kontinuierliche Verbesserung erreicht werden. (HAMA-Gesamtscore {Hamilton-Angst-Skala, ein Fremdbeurteilungsverfahren zur Bewertung von Angstzuständen}: minus 45 % vs. 46 %). Laut Clinical Global Impressions of Severity of Disorder (kurz CGI, ein Fremdbeurteilungsverfahren zur Bewertung von Schweregrad der Krankheit und Therapieansprechen) fühlten sich 70 % der Patient:innen unter Verum gegenüber 51 % unter Lorazepam viel besser oder sehr viel besser.²

Darüber hinaus hatte der Lavendelölextrakt positive Auswirkungen auf typische Begleitsymptome von Angst wie Schlafstörungen, somatische Beschwerden, komorbide Depressionen oder verminderte Lebensqualität. Mit Ausnahme von leichten gastrointestinalen Symptomen induzierte der Extrakt in täglichen Dosen von 80 oder 160 mg keine Nebenwirkungen, Arzneimittelinteraktionen, Sedierungs- oder Entzugserscheinungen und kann als sichere und wirksame Behandlung bei Angststörungen eingesetzt werden.


Passionsblume

Von der über 500 bekannte Arten umfassenden Gattung Passiflora kommt pharmazeutisch nur Passiflora incarnata L. zur Anwendung. Das arzneilich verwendete Kraut ist in der HMPC-Monografie als traditionelles pflanzliches Arzneimittel gelistet, kommt in geschnittener sowie pulverisierter Form, als Flüssigextrakte (DEV 1:8, 1:3,6, 1:1 mit 25-96  % Ethanol) sowie Trockenextrakte zum Einsatz. 

In klinischen Studien zeigen vor allem die Flavonoide Apigenin und Chrysin der Passionsblume eine hohe Affinität zur α₂/₃-Untereinheit bei GABAA-Rezeptoren in den limbischen Strukturen Amygdala und Hippocampus. Die genannten Regionen sind bekanntlich für die emotionale Verarbeitung und Entstehung von Angstreaktionen verantwortlich. Durch diese Bindung im Angstzentrum vermögen Flavonoide gezielt die neuronale Erregbarkeit zu dämpfen, ohne wie Benzodiazepine gleichzeitig eine sedierende oder muskelrelaxierende Wirkung auszulösen. Vertreter dieser Substanzklasse binden an andere Untereinheiten der GABAA-Rezeptoren in nahezu allen Gehirnregionen wie Großhirnrinde, Kleinhirn, Thalamus bzw. Hirnstamm und verursachen dadurch neben der gewünschten Anxiolyse Nebenwirkungen wie Sedierung, Muskelentspannung und Amnesie.

In einer doppelblinden Studie bei generalisierter Angststörung wurde ein Passionsblumen-Extrakt mit dem Benzodiazepin Oxazepam verglichen. 36 ambulante Patient:innen erhielten während eines Zeitraums von vier Wochen entweder Oxazepam (30 mg/Tag) oder einen standardisierten Passionsblumen-Extrakt. Eine deutliche Reduktion der Angst-Symptomatik ohne signifikante Unterschiede in der Wirksamkeit konnte in beiden Gruppen beobachtet werden. Erwartungsgemäß verfügt Oxazepam über eine raschere Anflutung und somit Wirkungseintritt, allerdings mit vermehrten Beeinträchtigungen wie Schläfrigkeit, verminderter Leistungsfähigkeit sowie Konzentrationsschwierigkeiten.³

Monopräparate aus der Passionsblume gelten als sehr gut verträglich. In der HMPC-Monografie werden bei sachgemäßer Anwendung keine schwerwiegenden unerwünschten Nebenwirkungen beschrieben. Gelegentliches Auftreten von leichten gastrointestinalen Beschwerden oder Kopfschmerzen ist möglich. 


Safran

Die bis zu 30 cm hoch werdende Knollenpflanze Crocus sativus L. gehört zur Familie der Schwertliliengewächse und ist in Südeuropa sowie Südwestasien beheimatet. Das teure Gewürz „Safran“ bezeichnet die getrockneten Blütenfäden der Pflanze, welche mittels aufwändiger Handarbeit geerntet werden. Die Wirkungen von Safran sind auf die synergistischen Effekte der Inhaltsstoffe Crocin, Picrocrocin, Safranal und weiterer Bestandteile (z. B. Flavonoide) zurückzuführen. 

Für die angstlösende Wirkung von Safran werden die antioxidativen, entzündungshemmenden sowie neuroprotektiven Eigenschaften der Crocine bzw. von Crocetin verantwortlich gemacht. Crocine erhöhen im Tiermodell den brain-derived neurotrophic factor (BDNF)-Spiegel und reduzieren die neuronale Erregbarkeit über Modulation der Aktivität von Serotonin und GABA. Dies wirkt sich positiv auf das Wachstum und Überleben von Neuronen aus. Weiters senken Crocine die Freisetzung von entzündlichen Zytokinen und modulieren für Entzündungsprozesse wichtige Signalwege. 

14 randomisierte kontrollierte Studien zum Thema Safran und Angstsymptome wurden in einem Review analysiert, von denen 10 Studien mit insgesamt 606 Teilnehmer:innen ein Placebo als Kontrollgruppe, 2 Studien mit jeweils 50 bzw. 60 Patient:innen konventionelle Antidepressiva und 2 weitere Studien mit jeweils 40 Patient:innen ein Placebo in Kombination mit konventionellen Therapeutika verwendeten. Die Wirkung von Safran auf Angstsymptome wurde vor allem mit dem Beck-Angst-Inventar und der Hamilton-Angst-Skala erfasst. Es zeigte sich, dass Safran im Vergleich zu placebokontrollierten Studien bei der Reduktion von Angstsymptomen wirksamer war als Placebo. 
Allerdings erreichten nicht alle Studien statistische Signifikanz, und der Grad der Heterogenität war signifikant hoch. Eine Untergruppenanalyse zeigte, dass die Safransupplementierung in einer mittleren Altersgruppe (≥ 40 Jahre) und einer Interventionsdauer von mehr als 8 Wochen zu einer signifikant größeren Verringerung der Angstsymptome führte. Beim Vergleich mit konventionellen medikamentenkontrollierten Studien (Fluoxetin, Citalopram) oder mit Placebo in Kombination mit konventionellen medikamentenkontrollierten Studien gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen Safran- und Kontrollgruppe. ⁴

Dosierungen von Safranextrakten für Erwachsene konnten im Bereich von 20 mg/Tag bis 100 mg/Tag ermittelt werden. Grundsätzlich gilt die orale Einnahme von bis zu 1,5 g Safran pro Tag als unbedenklich, darüber hinaus können toxische Wirkungen auftreten. Eine Anwendung in der Schwangerschaft sollte zumindest im ersten Trimenon nicht erfolgen, evidenzbasierte Daten fehlen jedoch. 

Quellen
1   S3-Leitlinie: Behandlung von Angststörungen (2021), AWMF Reg. Nr. 051-028
2   Woelk H, et al.: A multi-center, double-blind, randomised study of the Lavender oil preparation Silexan in comparison 
to Lorazepam for generalized anxiety disorder. Phytomedicine 2010; 17(2): 94-99 
3   Akhondzadeh S, et al.: Passionflower in the treatment of generalized anxiety: a pilot double-blind randomized controlled trial 
with oxazepam. J Clin Pharm Ther 2001; 26(5): 363-367
4   Han S, et al.: New horizons for the study of saffron (Crocus sativus L.) and its active ingredients in the management of neurological 
and psychiatric disorders: A systematic review of clinical evidence and mechanisms. Phytother Res 2024; 38(5), 2276–2302
5   Müller WE, et al.: Pharmakologische Grundlagen der Therapeutischen Anwendung von Silexan (Lasea), 
Psychopharmakotherapie 2015; 22: 3-13

Weitere Literatur auf Anfrage

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